„Atme nicht“ von Jennifer R. Hubbard

Atme nichtInhalt:

„Auch über mich gab es Gerüchte, über das, was ich im letzten Jahr getan hatte. In der Schule warfen deshalb alle nur verstohlene Blicke auf mich. Manchmal spielte ich mit dem Gedanken, mit Schaum vorm Mund wilde Selbst-gespräche zu führen, weil es die anderen zu enttäuschen schien, dass ich es nicht machte. Aber ich war mir nicht sicher, ob sie begreifen würden, dass das ein Scherz sein sollte.“ (S. 8)

Vor einem Jahr hat Ryan versucht sich das Leben zu nehmen. So wirklich spricht er mit niemandem darüber. Und Freunde hat er auch keine.

Doch dann tritt Nicky in sein Leben; Nicky, die einfach Fragen stellt und sich mit einem „Nein“ nicht abwimmeln lässt; Nicky, die plötzlich einfach ständig da ist; Nicky, die selber ein Geheimnis hat…

Meine Meinung:

Die Geschichte, die Jennifer R. Hubbard erzählt, ist an sich nicht neu. Aber welche Geschichte ist das auch schon? Es geht um Ryan, der einen Selbstmordversuch hinter sich und schon seit langem das Gefühl hat, anderen Menschen durch eine dicke Glasscheibe zu begegnen.

Nicky versucht auf ihre ganz eigene Art und mit ganz eigenen Beweggründen durch diese Glasscheibe zu Ryan durchzudringen. Und obwohl Ryan sie nicht schroff abweist, ist sein Verhalten ihr gegenüber auch nicht unbedingt einladend. Aber das hindert Nicky nicht daran, weiterhin den Kontakt zu ihm zu suchen, weiterhin Fragen zu stellen und weiterhin einfach da zu sein.

Die Geschichte wird aus Ryans Sicht geschildert, er ist der Ich-Erzähler. Trotzdem ist mir Nicky noch ein bisschen mehr ans Herz gewachsen. Sie ist quirlig, penetrant, neugierig, stur, gleichzeitig sanft… und tief drin ist sie eigentlich vor allem verletzlich. Die Autorin hat mit Nicky eine Protagonistin geschaffen, die ich am liebsten persönlich kennen würde und die vor meinen Augen Seite um Seite lebendig geworden ist.

Schon die Leseprobe, die ich zu diesem Buch gelesen habe, hat mich vom Schreibstil der Autorin überzeugt, ohne dass ich die Besonderheit in Worte fassen kann. Hubbard schreibt zum einen so, dass sich das Buch sehr leicht und angenehm liest. Zum anderen schafft sie es aber eine unheimlich fesselnde und einnehmende Atmosphäre aufzubauen und viele Gedanken und Gefühle zu vermitteln, ohne diese direkt zu benennen.

„Am besten und gleichzeitig am schlimmsten war jener Moment unter dem Wasserfall, wenn ich keine Luft mehr bekam. Das jagte mir Angst ein, war aber irgendwie auch toll. Das eiskalte Wasser, das mir ins Gesicht peitschte, schnürte mir den Atem ab. Wenn ich dann zur Seite trat und nach Luft schnappte, kam mir dieser Atemzug vor wie der erste Bissen, den ein Halbverhungerter herunterschlingt.“ (S. 23)

Nicky möchte die ganze Zeit von Ryan erfahren, warum er versucht hat, sich umzubringen. Und obwohl diese Frage auch ein bisschen den rote Faden dargestellt, ist es nicht so, dass die Geschichte zwingend auf die Antwort zusteuert. Viel mehr geht es um die Gedankenprozesse, die die Protagonisten durchmachen, um die Gefühle zwischen ihnen, zwischen Ryan und seinen Eltern und vor allem auch um Ryans Gefühle sich selbst gegenüber.

Ich kann immer schwer mit Büchern umgehen, die einen einzigen Grund für den Selbstmord(versuch) eines Menschen nennen, denn ich denke, dass immer viele Faktoren – solche, die man benennen kann, und solche, die einfach schwer greifbar sind – zusammenkommen. Und genau diese Klippe umschifft Hubbard meiner Meinung nach sehr gut.

„Atme nicht“ hat mich auf vielerlei Weise berührt: durch seine Charaktere, durch den Schreibstil und durch den bewegenden Inhalt. Ich bin sehr froh, dass eine Bekannte beim Lesen des Buches direkt an mich gedacht hat. Sie hatte vollkommen Recht: „Atme nicht“ ist ein Buch voll und ganz nach meinem Geschmack. 9 von 10 Sternen.

stern 9

Hier könnt ihr durch eine schöne Leseprobe selber einen kleinen Einblick in das Buch bekommen.

Atme nicht – Jennifer R. Hubbard – Klappbroschur – 256 Seiten – 13,95 € – ISBN 978-3-407-81132-5 – erschienen: Januar 2013 (Beltz)

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