[Buchgeflüster hoch zwei] Trends im Herbstprogramm der Verlage

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Die Herbstprogramme der Verlage sind voll mit tollen Büchern und spannenden Neuerscheinungen. Nanni und ich haben uns intensiv mit den einzelnen Programmen beschäftigt und versucht herauszufinden, ob sich einzelne Trends abzeichnen. Gibt es verschiedene Themen, die von vielen Verlagen aufgegriffen werden? Das Ergebnis unserer Recherche (natürlich schon durch unsere Interessen und die etwas gesteuerte Wahrnehmung geprägt) findet ihr in diesem Buchgeflüster.

Jugendliteratur

Im Bereich der Jugendbücher lassen sich einige Trends und Überschneidungen festmachen, die sich teilweise schon in den letzten Monaten leicht angedeutet haben.

Zum einen wird in vielen Büchern aus den Herbstprogrammen das Thema Homosexualität aufgegriffen, so zum Beispiel in „Two Boys Kissing“ von David Levithan (Sept. / KJB), in dem es darum geht, dass zwei Jungen versuchen, den Weltrekord im Küssen aufzustellen. In „Wir sind unsichtbar“ von Maike Stein (Nov. / dtv) geht es um die Liebe zwischen zwei Mädchen und darum, ob man zu dieser Liebe stehen kann und möchte. „Wenn der Mond am Himmel steht, denke ich an dich“ von Deborah Ellis (Okt. / cbj) handelt von Homosexualität im Iran – sicherlich ein besonders sensibles Thema. Diesen Trend finde ich gut und wichtig. Es braucht mehr homosexuelle Charaktere in Büchern; vor allem aber auch homosexuelle Protagonisten in Geschichten, in denen die sexuelle Orientierung keine Rolle spielt.

Homosexualität

Homosexualität in der Jugendliteratur

Auch in „(W)ehrlos. Irgendwann finden sie dich“ von Susanne Clay (Aug. / Arena) geht es um eine verbotene (aber heterosexuelle) Liebe und dazu noch um die Familienehre.

Zum anderen sind psychische Erkrankungen gerade in vielen Jugendbüchern Thema. Mir scheint es, als würden diese besonders häufig mit einer Liebesgeschichte gepaart werden. In „Schau mir in die Augen, Audrey“ von Sophie Kinsella (Juli / cbj) hat die Protagonistin eine Angststörung, Die Hauptperson in „Die Welt ist kein Ozean“ von Alexa Henning Lange (Juli / cbt) macht ein Praktikum in einer Psychiatrie und ist sehr schnell fasziniert von einem der Patienten dort, der seit einem traumatischen Erlebnis nicht mehr spricht. Und in „Rot wie das Vergessen“ von Sasha Dawn (Aug. / dtv) geht es darum, dass ein junges Mädchen vermeintlich ihren Vater umgebracht hat. Doch sie kann sich an nichts mehr erinnern und leidet seitdem an einem Schreibzwang, denn sie hofft, dass durch das Schreiben ihre Erinnerungen wiederkommen.

Psychische Erkrankungen

Psychische Erkrankungen in der Jugendliteratur

Des Weiteren gibt es immer noch viele Dystopien (z.B. „Das Juwel. Die Gabe“ von Amy Ewing (Aug. / FJB) oder „Young World. Die Clans von New York“ von Chris Weitz (Sept. / dtv)) und Bücher, in denen es um das Erwachsenwerden und die eigene Identität geht (beispielsweise in „Ich habe mich nie so leicht gefühlt“ von Linda Mullaly Hunt (Sept. / cbt) oder „Rabensommer“ von Elisabeth Steinkellner(Aug. / Beltz)). Das sind grundsätzlich aber ja altbekannte Trends oder immer währende Themen in der Jugendliteratur.

Dystopien Identität

Dystopien // Erwachsenwerden und Identität

Fantasy

Ähnliche Trends im Bereich der Fantasy herauszufinden, war nahezu unmöglich: Zwei Dinge, die uns beim Durchblättern der Vorschauen besonders aufgefallen sind, sind die Folgenden: Fantasy ist – neben den Krimis und Thrillern – vermutlich das Genre der Reihen: Selten gibt es mal einen Einzelband. Viele der Neuerscheinungen bilden den Auftakt zu einer neuen Reihe oder stellen einen Fortsetzungsband da. Außerdem laufen noch immer viele Bücher von der Plot-Struktur her gleich ab: Eine kleine Truppe von ganz unterschiedlichen Charakteren kämpft gegen das scheinbar übermächtige Böse; so zum Beispiel in Sieben Heere“ von Tobias O. Meißner (Nov. / Piper) oder in „Age of Iron: Der Krieger“ von Angus Watson (Dez. / Piper). Beide sind übrigens scheinbar Auftaktbände zu neuen Reihen.

Fantasy

Kämpfen gegen das übermächtige Böse // Fantasy-Heldinnen

Der einzige Trend, der sich ganz vorsichtig andeutet, ist der, dass es mehr und mehr weibliche Heldinnen gibt. Die gab es natürlich schon immer, aber gerade im Bereich der High-Fantasy waren die Hauptfiguren oft männlich: In „Blut aus Silber“ von Alex Marshall (Okt. / Piper) ist dies ganz anders, ebenso zum Beispiel in „Black Blade: Das eisige Feuer der Magie“ von Jennifer Estep (Okt. / Piper).

Belletristik

In der Belletristik dreht sich viel um Familie, den eigenen Lebensweg und die Bahnen, die dorthin geführt haben. Man interessiert sich für Ahnen und Vergangenes, weiß man doch, dass sie ebenso einen Anteil an der Ausbildung des eigenen Charakters, der eigenen Lebensführung haben, wie selbsterwählte Handlungen. Leser und Literatur werden offener. Verschließen nicht mehr die Augen vor dunklen Kapiteln, sondern blicken ihnen tolerant und interessiert entgegen.

Wenn wir bspw. historische Romane betrachten, fällt uns auf, dass wir vor einigen Jahren fast nur Bücher gelesen habe, die im Mittelalter spielen. Wir glauben, dass sie einen großen Anteil an historischen Texten ausgemacht haben. Im Herbst- wie aber auch schon im Frühjahrsprogramm, schaut man nicht mehr so weit in der Geschichte zurück. Nimmt sich nun auch dem Bereich der deutschen Historie an, in dem es einige düstere Abschnitte zu verzeichnen gibt. Es wird nichts beschönigt und doch wird nicht – wie noch vor ein paar Jahren – immer nur darauf herumgeritten, was in dieser Zeit Schreckliches passiert ist, sondern anschaulich dargelegt, dass es auch Menschen gab, die neben all der Grausamkeiten versucht haben ein „normales“ Leben zu führen, die sich verliebt haben, Kinder bekommen haben und sich ihrer Familie, ihrer Arbeit, ihrem Überleben gewidmet haben, so gut es eben ging. Im Herbstprogramm finden sich dazu einige sehr interessant klingende Neuerscheinungen, allen voran Fieber am Morgen“ von P. Gardós, ein Roman, der im Oktober im Verlag Hoffmann und Campe erscheint und eine wahre Geschichte erzählt, oder Die Liebenden von G. Henschel (Okt. / Atlantik), dessen Liebesgeschichte nicht nur vom Zweiten Weltkrieg erzählt, sondern auch die Zeit danach, die Zeit des Aufbaus und Wiederbeginns mit einbezieht. Ein Krieg, der sich in unvorstellbaren Maßen durch viele Länder gezogen hat, wie Richard Flannagan in seinem als „schmerzvoll poetischen“ deklarierten Werk Der schmale Pfad durchs Hinterland (Sept. / Piper) erzählt.

Nahe Vergangenheit

Historische Romane, die sich mit der nahen deutschen Vergangenheit beschäftigen

Nicht nur die Identität des eigenen Landes, des eigenen Volkes interessiert und hilft bei Aufklärung, Verständnis und Information, sondern natürlich auch die Geschichte der eigenen Familie. Suche nach Identität ist schon seit langem ein Thema und tritt auch im Herbstprogramm wieder auf. In unterschiedlichen Formen dargestellt findet dieses Thema Unterkunft in den Romanen Morgenland / S. Abarbanell (Sept. / Blessing), Junge Hunde / C. Travnicek (Okt. / DVA) und Ein Sturm wehte vom Paradiese her / J. Anyuru (Sept. / Luchterhand).

Suche nach Identität

Suche nach Identität

Es ist spannend zu sehen, welche Eigenschaften sich durch Generationen hindurch ziehen, welche Familienmitglieder ihr Rollenbild beibehalten, wer es schafft aus dem Gefüge auszubrechen. Vielleicht steckt ein bisschen Voyeurismus dahinter, vielleicht einfach das Interesse am Menschen. Was auch immer es ist: Der Generationenroman bleibt im Trend. Ganze fünf Generationen vereint M. Bittl in ihrem Roman Das Fossil (Okt. / Droemer). K. Atkinson, Meisterin der Beobachtung und geschätzt im aufmerksam machen auf Verstecktes, betrachtet drei Generationen in ihrem neusten Werk Glorreiche Zeiten (Nov. / Droemer). Aber auch der Blick auf nur eine Generation, die intensive Betrachtung und das Herausarbeiten generationenspezifischer Eigenschaften verliert nach wie vor nicht die Aufmerksamkeit, wie z.B. K. Kaufmanns Roman Superposition (Aug. / Hoffmann und Campe) zeigt.

Generationenromane

Generationenromane

Eine – wie wir finden – positive Entwicklung ist im Bereich der Liebesromane erkennbar: weniger Kitsch, mehr Aufmerksamkeit für einzelne Charaktere, mehr Toleranz für die jeweilige Person. Wir treffen nicht mehr nur einsame verlassene, pummelige junge Frauen und extrem gutaussehende superheldenhafte Männer, sondern legen das Augenmerk darauf, was die Liebe wirklich ausmacht: Glücksgefühle, Geborgenheit, sich selbst finden, Tiefgründigkeit. Dabei ist es völlig gleich, ob die Protagonisten 83 Jahre alt sind, so wie in Etta und Otto und Russell und James / E. Hooper (Sept. / Droemer), oder Urlaubsvertretung in einem anderen Leben machen müssen, um ihr eigenes Glück zu finden, so wie Dorle in Die erstaunliche Wirkung von Glück / S. Rehlein (Okt. / DuMont). Manchmal muss man zuerst dafür sorgen, dass viele andere glücklich sind, bevor man um die eigene Liebe kämpft so wie Stella in Zwanzig Zeilen Liebe/ R. Coleman (Aug. / Piper).

Neuer Liebesroman

Die neuen Liebesromane

Der Herbst verspricht spannend zu werden. Gefühlt werden die Bedürfnisse der Leser, die sich schon im Frühjahrsprogramm abzeichneten, ernst genommen und bereits vorhandene Trends weiter verfolgt. Zugleich scheinen die Verlage ebenso offen für Neues, wie ihre literarischen Schützlinge. Sie zeigen sich mutig neue Wege zu beschreiten und bescheren uns damit ein Herbstprogramm das keinerlei (Lese-) Langeweile aufkommen lässt.

Welchem Trend des Herbstprogramms werdet ihr folgen?
Wie findet ihr es, dass es auch in der Buchbranche Trends gibt? 

[Buchgeflüster hoch zwei] Unsere Halbjahres-Top 5

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Dieses Mal haben Nanni und ich unsere jeweiligen Top 5 aus den ersten sechs Monaten dieses Jahres gekürt und sprechen miteinander über die ausgewählten Bücher. Wir würden uns auch über eure Meinungen, Fragen und Anmerkungen freuen.

Meine Top 5

In der ersten Hälfte dieses Jahres habe ich 48 Bücher gelesen. Da ist es gar nicht so einfach, seine Top 5 zu küren. Ich bin meine Leseliste durchgegangen und habe erstmal alle Bücher aufgeschrieben, die mir besonders positiv in Erinnerung geblieben sind: Heraus kam eine Auflistung von acht Titeln – gar nicht mal so schlecht. Danach habe ich die umkreist, die auf jeden Fall in die Top 5 sollten: das waren zunächst nur zwei Bücher – und dann plötzlich sechs. Mist! Einen Titel musste ich ja auf jeden Fall noch streichen. Das war gar nicht mal so leicht. Aber hier ist sie nun: meine Halbjahres-Top 5 in alphabetischer Reihenfolge:

Halbjahres Top 5

„Ein Lied für Jemmie“ von Adrian Fogelin ist ein sehr beeindruckendes Jugendbuch, das mich vor allem thematisch voll und ganz eingenommen hat. Die Autorin beschreibt die Situation von Justin, seine Gefühle für Jemmie und die Sorge um seine Mutter absolut authentisch. Ich bin immer noch der Meinung, dass dieses Buch viel mehr Leser verdient.

„Himmelschlüssel“ von Kristina Ohlsson ist der vierte Band der Fredrika-Bergmann-Reihe. Ich habe mich letztendlich dazu entschieden, dass dieses Buch stellvertretend für all die Bücher mit in die Top 5 muss, die mich einfach dazu bringen, bis spät in die Nacht und gegen die Müdigkeit an zu lesen. Ich erinnere mich noch genau, dass ich erst gegen 2 Uhr, als die letzte Seite gelesen war, das Licht aus gemacht habe – und das, wo meine normale Schlafenszeit etwa vier Stunden früher beginnt. Auch thematisch ist die Geschichte absolut fesselnd und vor allem politisch sehr brisant.

„Der große Trip. Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst“ von Cheryl Strayed hat mich einfach beeindruckt: die Geschichte der Autorin, ihre Leistung und der Pacific Crest Trail. Ich vermute, dass mir das Buch ganz besonders gut gefallen hat, weil ich selbst wandere. Aber insgesamt habe ich bisher nur positive und eben beeindruckende Leserstimmen dazu gehört. „Der große Trip“ gehört deswegen eindeutig in die Top 5, weil er in mir etwas ausgelöst hat und zwar nicht nur den Wunsch, selbst mal eine etwas längere Wanderung zu unternehmen.

„Funklerwald“ von Stefanie Taschinski und Verena Körting ist eines der schönsten Kinderbücher, das ich kenne. Die Geschichte und die Idee sind einfach zauberhaft. Noch zauberhafter sind allerdings die Illustrationen in diesem Buch. Mir fehlen an dieser Stelle wirklich die Adjektive. Geschichte und Bilder zusammen ergänzen sich perfekt und machen „Funklerwald“ zu einem Buch, das definitiv für immer in meinem Regal stehen wird.

„Mein Herz und andere schwarze Löcher“ von Jasmine Warga ist aus ähnlichen Gründen auf dieser Liste gelandet wie „Ein Lied für Jemmie“. Auch hier finde ich die Themen Depression und Suizid absolut spannend und sehr authentisch umgesetzt. Auch die Kombination mit der ersten großen Liebe wirkt beim Lesen nicht aufgesetzt, sondern wirklich sehr stimmig. Dieses Buch verdient es allein durch den Vergleich von der Depression mit einer schwarzen Qualle, die alle positiven Gefühle aufsaugt, auf die Top 5.

Nannis Fragen an mich

1. Gibt es in deiner Leseliste ein Genre, das zwischen den anderen dominiert? Fühlst du dich damit wohl oder würdest du im nächsten Halbjahr gerne eine anderen Weg einschlagen?

Tine: Ich habe dieses Mal relativ viele verschiedene Genres dabei: zwei Jugendbücher, ein Kinderbuch, einen Thriller und einen autobiografischen Roman. Obwohl ich auch viel Fantasy gelesen habe, taucht dieses Genre hier nicht auf – was mir bei der Entscheidung auch wirklich schwer gefallen ist. Grundsätzlich fühle ich mich mit meiner Mischung recht wohl: Jugendbücher überwiegen, aber ich bin eben auch immer offen für Bücher aus anderen Sparten.

2. Du wanderst ja selbst gern und berichtest in deiner kleinen Zusammenfassung, dass dies ein Grund ist, warum du so einen guten Zugang zum Buch hattest. Welcher Moment auf Cheryl Strayeds Reise war für dich absolut nachvollziehbar bzw. nahezu identisch mit dem was wandern für dich ausmacht?

Tine: Das ist eine spannende Frage. 🙂 Die Autorin verarbeitet mit ihrem Trip die eigene Vergangenheit, denkt über vieles nach und findet dabei zu sich. Im kleinen Rahmen geht es mir auf meinen Wanderungen genauso: Man geht Schritt für Schritt und ist dabei mit sich, seinen Gedanken und Gefühlen allein. Und mit jedem Schritt geht es auch innerlich ein Stückchen weiter.

3. „Funklerwald“ ist ja ein Kinderbuch, d.h. du gehörst eigentlich nicht mehr zur Zielgruppe. Was macht es auch für Erwachsene so lesenswert?

Tine: Das Buch hat bei mir ein absolutes Wohlfühl-Gefühl hinterlassen: Vielleicht versetzt es den Leser zurück in die Kindheit? Ich weiß es nicht, aber ich habe mich beim Lesen einfach geborgen und wohlig gefühlt. Und die Illustrationen haben eben auch mich als Erwachsene total angesprochen.

4. Hast du das Gefühl im ersten Halbjahr viele Bücher gelesen zu haben, die sehr populär sind (durch Werbung, Blogs, Rezis etc.) oder hast du dich eher abseits der breiten Masse orientiert?

Tine: Im Großen und Ganzen habe ich schon viele recht populäre Neuerscheinungen gelesen, aber eben auch ein paar Schätze wie zum Beispiel „Ein Lied für Jemmie“ entdeckt, die eher unbekannt sind. Außerdem habe ich in diesem Halbjahr insgesamt sechs Re-Reads gehabt, was für mich absolut ungewöhnlich ist.


Nannis Top 5

Im ersten Halbjahr des Jahres 2015 habe ich 70 Bücher gelesen. Im Schnitt sehr viel mehr Romane, die mir gut gefallen haben, als welche, die mich so gar nicht begeistern konnten. Ein paar wenige mochte ich so gern, dass sie einen besonderen Platz einnehmen werden bzw. schon häufig von mir weiter empfohlen wurden. Am meisten freue ich mich darüber, dass ich wieder mehr Bücher aus dem Genre Fantasy gelesen habe. Dieses Genre habe ich im letzten Jahr leider sehr vernachlässigt, obwohl es schon lange eins meiner liebsten ist.

Von all den Büchern, die ich von Januar bis Juni gelesen habe, sind mir sieben mehr in Erinnerung geblieben als andere. Für euch habe ich daraus meine „Top Five“ ausgewählt.

Top 5 Nanni

„Jäger“ / James Salter

Der Tipp einer Bekannten hat sich als echte Herzensangelegenheit entpuppt. Salters Roman, der schon ein wenig autobiografisch von seiner Zeit als Soldat erzählt, konnte mich mit unglaublicher Atmosphäre und sprachlichem Geschick des Autors so sehr begeistern, dass direkt weitere Bücher des leider vor kurzem verstorbenen Amerikaners bei mir eingezogen sind.

„Die Erfindung der Flügel“ / Sue Monk Kidd

Ein sehr bewegender Roman über die Sklaverei in Amerika, der mit den Charakteren Sarah und Angelika Grimké über zwei historisch belegte Figuren verfügt, die als Revolutionärinnen gegen die Sklaverei agierten. Durch die wechselnde Erzählperspektive zwischen Sklavin und deren „Besitzerin“ wirkt die Geschichte noch eindringlicher auf den Leser, als sie aufgrund ihres Themas sowieso schon ist.

Die „Riyria“-Reihe / Michael James Sullivan

Es hat mich wieder gepackt, das Fantasy Fieber. Mitschuldig sind zwei Protagonisten, die mir sofort ans Herz gewachsen sind: Hadrian und Royce, zwei ehemalige Diebe mit viel Herz, Charme und Charakter. Ihren Abenteuern zu folgen ist für mich jedes Mal ein Vergnügen.

„Der Tiger in meinem Herzen“ / Patricia McCormick

Wer weiß, was „die roten Khmer“ sind? Und noch viel wichtiger: was sie ihren Mitmenschen schlimmes, menschenunwürdiges und verachtendes angetan haben? Ich wusste es nicht, aber ich weiß, dass Patricia McCormick sich mit Themen auseinander setzt, die von anderen gemieden werden. Die bedrückend und so berührend sind, dass sie sich im Kopf festsetzen. So auch in „Der Tiger in meinem Herzen“, das die Geschichte von Arn Chorn-Pond erzählt, der mitten unter seinen kambodschanischen Mitmenschen war, als dort 1975 der Völkermord, die Revolution der roten Khmer begann.

„Königsschwur“ / Joe Abercrombie

In „Königsschwur“ bin ich zu einem extrem spannenden Abenteuer voller überraschender Wendungen aufgebrochen. An meiner Seite ein junger Prinz, den man um seinen Thron betrogen hat und der mit all seinen Charakterschwächen nach Rache sinnt, und eine kleine Armada an ehemaligen Sklaven zweifelhafter Herkunft.

Meine Fragen an Nanni

1. Mir fällt auf, dass es in drei deiner Top 5-Bücher jeweils auch um sehr bewegende Themen wie Völkermord, Sklaverei und das Soldatendasein geht. Suchst du dir bewusst solche Bücher aus oder finden die Geschichten dich?

Nanni: Teils, teils. Auch wenn mich solche Themen sehr bedrücken und manchmal auch verängstigen, finde ich es wichtig sich nicht davor zu verschließen. Themen wie diese sollten populär gemacht werden, denn es geschieht viel zu viel Leid, das einfach so untergeht. Aufklärung finde ich wichtig.
„Der Tiger in meinem Herzen“ ist auf meiner Leseliste gelandet, da ich schon andere Romane der Autorin gelesen habe, die mich ebenfalls sehr bewegt haben.

2. Wenn du DAS Buch des Halbjahres küren müsstest, welches wäre es?

Nanni: Oh nein, ich kann mich doch immer so schlecht entscheiden! Ich glaube, ich würde „Jäger“ benennen, da ich es als sehr intensiv empfunden habe und es nach wie vor gerne mal liebevoll in die Hände nehme 😀 Zudem hat es in mir den Wunsch geweckt auch alle anderen Bücher von Salter zu lesen.

3. Stell dir vor, du dürftest eines dieser Bücher verschenken, kennst aber den Geschmack des Beschenkten nicht. Welchen der Titel würdest du auswählen?

Nanni: „Die Erfindung der Flügel“. Es behandelt nicht nur ein Thema, von dem jeder zumindest schon mal gehört hat, sondern ist auch eine wirklich spannende Geschichte über Zwischenmenschlichkeit, Neid und der falschen Handhabe von Macht.

4. Mit den Riyria-Bänden und dem Buch von Abercrombie haben es zwei Fantasy-Bücher in die Top 5 geschafft. Was sind die Gemeinsamkeiten?

Nanni: Beide Bücher haben sicher gemeinsam, dass ihre Protagonisten sehr eigene Charaktere sind. Prinz Yarvi aus „Königsschwur“ ist eigentlich der Held der Geschichte, aber teilweise sehr un-heldenhaft. Hadrian und Royce haben ihren sehr persönlichen Charme, sind eigentlich Bösewichte, haben dafür aber eigentlich viel zu viel Herz. Solche Charaktere, die sich nicht in die für sie vorgesehene Schublade pressen lassen, mag ich einfach besonders gern.

[Buchgeflüster hoch zwei] Rund um das Thema Rezensionen

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Dieses Mal haben Nanni und ich uns ein bisschen mit dem Thema Rezensionen befasst: Was ist uns wichtig? Was sind absolute No Go’s? Wie haben sich unsere Rezensionen verändert? Und auf welchem Blog lesen wir besonders gerne?

Tine: Wir beide haben unsere Blogs jetzt schon seit etwa 5 Jahren und haben in dieser Zeit einige hunderte Rezensionen geschrieben. Wie haben sich deine Rezensionen innerhalb dieser Jahre verändert?

Nanni: Meine Rezensionen haben sich sowohl optisch als auch inhaltlich verändert. Am Anfang habe ich z.B. den Klappentext von der Verlagsseite wegkopiert, weil es mir oft auch total schwer fiel den Inhalt zusammen zu fassen. Heute beschreibe ich selbst, was im Buch vorkommt, kann so auch die Elemente nennen, die ich wichtig finde, oder diejenigen, die man – meiner Meinung nach – getrost weglassen kann. Früher waren meine Rezis eher kurz, heute muss ich mich manchmal selbst zügeln, um nicht zu ausufernd über ein Buch zu schreiben.
Eigentlich habe ich erst seit dem letzten Jahr das Gefühl meine Art der Rezension „gefunden“ zu haben. Darin verwende ich gern Zitate, weil der Leser so einen guten Einblick in die Schreibe des Autors / der Autorin bekommt. Außerdem sind meine Rezensionen nicht mehr so oberflächlich wie früher. Ich lasse meinen Gefühlen freien Lauf, auch wenn ich dann manchmal zugeben muss, ganz viel geheult zu haben.

Nanni: Was ist für dich ein „No Go“ in Rezensionen?

Tine: Das erste, was mir in den Sinn gekommen ist, sind Spoiler! Ich bin da sehr empfindlich, das weiß ich auch selbst. Aber ich möchte in einer Rezension so wenig wie möglich über den Inhalt erfahren und mir alles selbst erlesen. Wenn dann aber noch wirklich prägnante Dinge verraten werden wie beispielsweise das Ende des Buches oder die Tatsache, dass jemand stirbt (oder vielleicht sogar wer), dann würde ich den entsprechenden Blog vermutlich nicht mehr besuchen. Ich persönlich achte in meinen Rezensionen auch sehr genau darauf – glaube ich zumindest.
Ein zweites „No Go“ sind für mich eklatante Rechteschreibfehler. Wir alle vertippen uns mal, bei jedem fehlt mal hier und da ein Komma. Wenn sich das aber häuft, habe ich keine Lust mehr weiterzulesen… oder ich bräuchte einen Rotstift (die Lehrerin lässt grüßen)
😉

Tine: Ich finde „No Go’s“ sind ziemlich einfach zu benennen. Schwieriger wird es dann, zu beschreiben, was eine Rezension unbedingt enthalten sollte. Wie sieht es da bei dir aus: Was erwartest du von einer Rezension und welche Bestandteile braucht sie deiner Meinung nach unbedingt?

Nanni: Mir ist es wichtig, dass der Leser einen Einblick in den Inhalt des Buches bekommt, denn was dem einen gefällt, muss der andere noch lange nicht mögen. Dieser muss ja nicht lang sein, aber es gibt nichts enttäuschenderes, als sich auf ein Buch zu freuen und dann etwas ganz anderes zu bekommen als erwartet. Dazu möchte ich gern wissen, ob ich mich eher auf was Tiefgründiges einlasse oder ob mich ein Buch locker unterhält. Infos zu Verlag, Kosten etc. gehören auch dazu. Ebenso, ob es sich um einen Einzelband handelt oder eine Reihe.
Am allerwichtigsten ist, dass die Rezi ganz ehrlich geschrieben ist. Kein Geschleime und kein Beschönigen. Wenn mir ein Buch nicht gefallen hat, dann kann ich das auch ruhig sagen. Aber dabei bitte nicht unverschämt werden. Lesen ist ja schließlich auch Geschmackssache.

Nanni: Wenn wir schon beim Thema „gut“ und „schlecht“ sind, was fällt dir leichter? Eine Rezension zu einem Buch zu schreiben, das dir sehr gut gefällt, oder eine zu einem Buch, das für dich eher unter durchschnittliches Lesevergnügen fällt?

Tine: Das kann ich gar nicht so genau sagen. Bei den richtig guten Büchern gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ich beende das Buch und mir kribbeln schon die Finger. Dann setze ich mich direkt an den Laptop und tippe meine Rezension, die dann meist eher kurz ist, aber eben voller übersprudelnder Begeisterung. Ich hoffe, dass man das auch liest. Oder aber ich mochte ein Buch total gerne, kann aber den Finger gar nicht darauf legen, warum das so war. Das tut mir dann immer sehr leid, denn dann habe ich das Gefühl, dem Buch gar nicht so richtig gerecht zu werden.
Schwer fallen mir Rezensionen auch dann, wenn ich das Buch aufgrund des Themas so toll fand, das sich aber erst im Laufe der Geschichte so richtig herauskristallisiert. Wie beschreibe ich da meine Begeisterung, ohne zu spoilern?
Bei durchschnittlichen Büchern geht es mir meist so, dass mir die Rezensionen dazu auch durchschnittlich leicht oder schwer fallen. Man hat ja einfach einige positive und einige negative Aspekte, die man ansprechen kann.
Wirklich schwer fallen mir negative Rezensionen, wenn ich Kontakt zu den Autoren hatte. Ich möchte gerne deutlich meine Meinung sagen und, wie du ja schon geschrieben hast, nichts beschönigen. Aber ich habe eben auch Respekt vor dem geschaffenen Werk und möchte möglichst sachlich bleiben. Diese Gratwanderung ist nicht immer leicht.

Tine: Gibt es einen Blog, auf dem du die Rezensionen grundsätzlich gerne liest, weil sie so ziemlich all deine Erwartungen an eine gute Buchbesprechung erfüllen?

Nanni: Da ich verschiedene Genres lese, sind es auch verschiedene Blogs, deren Rezis mich sehr ansprechen. Im Jugendbereich ist es Damaris liest, deren Rezensionen mir immer wieder Lust auf neue Romane machen, um Wunschlistenfutter aus der Belletristik zu bekommen, schaue ich sehr gerne bei Buzzaldrins Bücher vorbei. Beide schreiben recht lange Rezensionen, haben aber eine sehr gute Struktur, so dass die Rezis übersichtlich sind, und sind sprachlich sehr schön.
Außerdem hat die Zeit gezeigt, dass ich mich auf ihre Empfehlungen verlassen kann. Unsere Geschmäcker stimmen recht überein.

Nanni: Du liest ja viel High Fantasy. Auf welche spoilerfreien Rezensionen greifst du gerne zurück, wenn du dir ein neues Buch aus diesem Genre kaufen möchtest?

Tine: Puh, es gibt ja leider nicht so viele Blogs, auf denen High-Fantasy vorgestellt werden. Ich habe für mich auch noch nicht DEN Blog gefunden. Ich lese aber gerne die Meinungen auf Armarium nostrum, reading tidbits und Darkstars Fantasy News.

Wie sieht es bei euch aus? Stimmt ihr uns zu oder gibt es Punkte, zu denen ihr eine ganz andere Meinung habt? Was sind eure „No Go’s“ und was ist euch bei einer Rezension besonders wichtig?

[Buchgeflüster hoch zwei] Ein Protagonist für jede Lebenslage

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In jedem Buchgeflüster widmen Nanni und ich uns einem Thema aus der Buchwelt. Beim letzten Mal haben wir uns ausgiebig mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis beschäftigt, dieses Mal geht es um männliche Protagonisten, die unser Herz höher schlagen lassen! ❤

Croy

Wenn wir ein Fantasy-Wesen wären:

Croy ist den Lesern von „Splitterwelten“ von Michael Peinkofer mit Sicherheit ein Begriff. In dieser Welt gibt es nicht nur Menschen, sondern auch Animalen wie Croy. Er ist ein Pantheride, trägt immer zwei gekreuzte Dolche vor der Brust, ist eben einfach tierisch stark und trägt das Herz am rechten Fleck.

Die geniale Künstlerin Iris Compiet hat ihn für das Buch gezeichnet und wunderbar getroffen.

Wenn wir ein Burgfräulein wären:

Wenn man in Wikipedia das Wort „ritterlich“ nachschlägt, dann müsste man dort als Erklärung eigentlich „Robin of Waringham“ finden. Der Held aus „Das Lächeln der Fortuna“, einem Historienepos aus der Feder von Rebecca Gablé, hat all das, was ein heldenhafter Mann haben muss: er ist hilfsbereit, mutig, stark, treu, steht für seine Freunde ein und hat ein Händchen für Pferde.

Wenn wir ziemlich böse wären:

Das Gegenstück dazu könnte Jorg, „Der Prinz der Dunkelheit“ sein. Bei unserem Kennenlernen war er gerade einmal 15 Jahre alt und wirkte wie mindestens 30. Er ist brutal, selbstgefällig, arrogant und egoistisch. Seine Klappe größer als sein Pferd und seine Zunge schärfer als sein Dolch. Er will nicht gemocht werden. Und trotzdem gibt es da einen hellen Schein der durchschimmert und die Anziehungskraft enorm groß werden lässt.

Wenn wir heiratsbereit wären:

Dürften wir uns einen Mann zum Heiraten aussuchen, so wäre es Leo Leike aus „Gut gegen Nordwind“. Leo ist belesen, charmant, humorvoll und einfach durch und durch liebenswert – insbesondere immer dann, wenn er wieder eine Flasche Wein zu viel getrunken hat und endlich mal etwas mehr von seinen Gefühlen preisgibt. Seine beste Eigenschaft: Er kann mich Worten umgehen! Und „Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf.“ (S. 88)

Wenn wir ein Good-Girl wären:

Alex Fuentes, der Mann, der viele Frauenherzen höher schlagen lässt. Sein Bad Boy Image und sein durchtrainierter Körper lassen den Latino, der so sehr für seine Familie einsteht, unwiderstehlich wirken.

Wenn wir 16 wären:

Jace aus „City of Bones“, der Protagonist, den man einfach lieben muss. Seine vorwitzige Art, sein frecher Charme und das Wissen, wie er mit Mädels umgehen muss um sie zu erobern, machen ihn zum Teenieschwarm schlechthin. Zudem ist er noch mutig und für die Menschen, die ihm am Herzen liegen, ist er bereit so manches Risiko einzugehen.

Wenn wir 60 wären:

In Mr. Spiro haben wir uns erst vor kurzem verliebt und zwar in dem wundervollen „Wörter auf Papier“. Mr. Spiros Haus ist von oben bis unten vollgestopft mit Büchern, die er aus aller Welt mitgebracht hat. Doch das ist noch nicht einmal seine beste Eigenschaft, denn vor allem schätzen wir ihn dafür, dass er so eloquent, weise und einfach liebenswert, dazu voller Interesse am Leben und anderen Menschen. Wenn wir einmal 60 wären, würden wir uns einen Mann wie ihn an unserer Seite wünschen.

http://adamreese2006.deviantart.com/

Arlen Strohballen aus der Feder von DeviantArt-Künstler Adam Cresswell

Wenn wir einen Wunsch frei hätten:

Arlen Strohballen oder auch der Tätowierte Mann sollte mittlerweile allen Lesern von Nannis und meinem Blog bekannt sein. Er ist der Held aus der Dämonen-Reihe von Peter V. Brett und Mittelpunkt vieler Gespräche zwischen Nanni und mir. Wenn wir nicht gerade damit beschäftigt sind, uns darüber zu streiten, wie genau Arlen Strohballen nun aussieht oder wer von uns ihn eigentlich am meisten verdient (Ich natürlich!), schwärmen wir ausgiebig von ihm, seinen Tätowierungen, seinem Pferd, seinem Körper… 😉

Welcher Protagonist lässt eure Herzen höher schlagen? Welche Auswahlkriterien sind für euch wichtig? Ist es eher der Held oder könnt ihr euch auch für Anti-Helden begeistern?

[Buchgeflüster hoch zwei] Deutscher Jugendliteraturpreis 2014

Buchgeflüster hoch zwei Banner EndversionZum ersten Mal findet heute das Buchgeflüster2 statt, das von mir und Nanni gemeinsam ins Leben gerufen wurde. Die Buchmesse steht kurz vor der Tür, am Freitag wird dort der Deutsche Jugendliteraturpreis vergeben, mit dem wir uns in diesem Buchgeflüster näher beschäftigen wollen. Der Deutsche Jugendliteraturpreis wird insgesamt in fünf Sparten vergeben, dazu gibt es noch einen Sonderpreis. Wir haben uns in diesem Jahr mit den Büchern auseinander gesetzt, die in der Sparte „Jugendbuch“ und „Jugendjury“ im nominiert wurden. Der Preis der letzteren Sparte wird im Unterschied zu den anderen Sparten nicht von Erwachsenen, sondern von jugendlichen Lesern vergeben. Ausführliche Infos zum Preis und zur Jury findet man auf der Seite des DJLP.

Tine: Ich würde sagen, wir beginnen mal mit den nominierten Büchern aus der Sparte „Jugendbuch“. Welche davon hast du denn gelesen und wie war dein Eindruck dazu?

Nominierungen in der Sparte "Jugendbuch"

Nominierungen in der Sparte „Jugendbuch“

Nanni: Ich habe „Die Sprache des Wassers“, „12 Things To Do Before You Crash and Burn“ und „Wie ein unsichtbares Band“ gelesen.
Ich finde, dass alle drei Bücher zu Recht auf der Liste stehen. Inhaltlich wie sprachlich unterschieden sie sich sehr stark voneinander. Eine Gemeinsamkeit aller drei Bücher ist die erste Liebe. Herc, der Held aus „12 Things To Do Before You Crash and Burn“, verliebt sich – wie es für ihn typisch ist – relativ kurz entschlossen und plötzlich. Marito und Alma, die Protagonisten aus „Wie ein unsichtbares Band“ kennen sich schon von Kind an. Ihre Liebe ist ein Entwicklungsprozess, der jedoch von Eifersucht belastet ist, denn eigentlich waren sie als Kinder immer zu dritt. Kasienka aus „Die Sprache des Wassers“ ist ein sympathisches junges Mädchen, das in der Schule zum ersten Mal einen Jungen toll findet. Sicher eine Liebe, mit der sich viele Gleichaltrige identifizieren können.

Nanni: Welche hast du gelesen und wie haben sie dir gefallen?

Tine: In der Kategorie habe ich nur zwei Bücher gelesen: „Über ein Mädchen“ von Joanne Horniman und „Tigermilch“ von Stefanie de Valesco. Sprachlich gesehen sind beide sehr einnehmend, aber auch grundverschieden. „Tigermilch“ ist sehr viel anspruchsvoller und meiner Meinung nach nicht nur aus diesem Grund eher für ältere Jugendliche gedacht. Es ist ein hartes, schonungsloses Buch, das mir zwar auch gut gefallen hat, stellenweise aber zu extrem war. Die Probleme der beiden Freundinnen Nini und Jameelah häufen sich für mein Dafürhalten etwas zu sehr, so dass die Handlung an ihrer Glaubwürdigkeit verliert.
Über ein Mädchen“ hat mich sehr berührt, denn es beschreibt unheimlich direkt und ehrlich die Liebe von Anna zu ihrer Freundin Flynn mit all ihren Facetten: vom ersten Kennenlernen über das erste richtige Date bis hin zum Liebeskummer.

Tine: Kannst du beschreiben, was für dich jeweils das Besondere an den drei Büchern war? Wenn eines der drei den Preis gewinnen würde, was wäre dann deine Begründung?

Nanni: Das „Besondere“, das „gewisse Etwas“ ist bei jedem Buch unterschiedlich. „12 Things To Do Before You Crash and Burn“ hat mich total gut unterhalten. Es ist ziemlich dünn und ich habe es in einem Rutsch durchgelesen. Immer wieder hat mich Herc zum Schmunzeln gebracht mit seinen – teils verrückten – Ideen, seine Ferienaufgaben abzuarbeiten. Er erlebt den Sommer seines Lebens, macht einen großen Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden, was der Autor in kurzen Kapiteln knackig auf den Punkt bringt. Herc ist das, was den Roman ausmacht.
„Wie ein unsichtbares Band“ ist ein sehr bewegendes Buch. Es spielt während des Militärputsches in Argentinien und hat daher einen politischen Hintergrund. Bei diesem Buch habe ich am Ende echt geweint, weil es mich so berührt hat, wofür nicht nur die Geschichte, sondern auch die wundervolle Schreibe der Autorin verantwortlich ist. „Poetisch und kraftvoll“, so beschreibe ich es in meiner Rezi, erzählt sie von Jugendlichen, die der Willkür der Diktatur ausgesetzt sind, die keine festgelegten Rechte haben, die sie schützen. Trotzdem bieten ihnen ihre Familien die Möglichkeit eine tolle Kindheit zu erleben. Dieser Roman ist wirklich beeindruckend und mein persönlicher Favorit.
Allerdings spricht er – ganz realistisch gesehen – sicher weniger Leser an als „Die Sprache des Wassers“. Ebenfalls ein sehr rührender Roman, der ans Herz geht, traurig, aber auch glücklich macht. Protagonistin Kasienka zieht mit ihrer Mutter von Polen nach England, weil der Vater die Familie verlassen hat und dorthin abgehauen ist. Nun hat Kasienka zuhause eine traurige Mama und in der Schule ist sie eine Außenseiterin. Thema Trennung, Migration und Mobbing werden hier hervorragend verflochten. Autorin Sarah Crossan benutzt dazu eine wunderschöne Sprache, die der Verlag ganz toll in Form gebracht hat. Ich habe mir dort etliche Zitate markiert, die ich mir unbedingt aufbewahren möchte. Ihr würde ich den Sieg auch sehr gönnen, denn es ist ein Roman, der sich mit alltäglichen Problemen beschäftigt und vielleicht sogar einige Mädchen ermutigen kann.

Nanni: Was sollte ein Buch, das auf der Liste des DJLP landet unbedingt ausmachen? Was wäre für dich ein Kritikpunkt ein Buch zu nominieren?

Tine: Meiner Meinung nach sollte ein Buch, das auf dieser Liste landet vor allem eines: Spaß am Lesen erwecken. Wir Erwachsenen neigen oft dazu, Jugendbücher gut zu finden, die eine besondere Lehre aufweisen, auch wenn sie vielleicht nicht explizit so genannt wird. Viel wichtiger ist es doch eigentlich, dass Jugendliche durch Bücher erfahren, wie schön es ist, in fremde Welten abzutauchen, mit geliebten Protagonisten mitzuleiden und am Ende erleichtert aufzuatmen. Ich glaube, dass dann die Idee, sich auch literarisch mit schwierigen Themen, wie sie beispielsweise in „Tigermilch“ behandelt werden, auseinander zu setzen, ganz von alleine kommt. Ein gelungenes Beispiel für so ein Buch ist meiner Meinung nach „Erebos“, das 2011 den DJLP in der Sparte „Jugendjury“ gewonnen hat.
Grundsätzlich kann man sich ja über Geschmack streiten, so dass ich wenig Einschränkungen machen möchte, welche Bücher es verdienen auf die Liste zu kommen und welche nicht. Es gibt sicherlich viele ganz unterschiedliche Gründe, die für das eine oder das andere Buch sprechen. Ich persönlich würde aber sehr aufmerksam und vorsichtig sein, wenn es um gewaltverherrlichende oder diskriminierende Bücher geht. Selbstverständlich kann man als aufmerksamer Leser, der Dinge und Situationen hinterfragt, auch aus solcher Literatur etwas mitnehmen, aber nicht jeder jugendliche Leser ist emotional schon soweit und nicht jeder junge Leser hat zuhause jemanden, mit dem er über gelesene Themen sprechen und sie dadurch verarbeiten kann.

Tine: Bei welchem der von dir gelesenen Bücher hattest du den größten Redebedarf?

Nanni: Den hatte ich bei „Wie ein unsichtbares Band“. Ich habe mich sowohl mit der Pressemitarbeiterin, als auch mit der Bloggerin Damaris von Damaris liest ausgiebig darüber ausgetauscht. Ich denke der Roman soll zum Reden anregen. Tot geschwiegen wird zu diesem Thema schon genug.

Nanni: Kommen wir zu den Nominierungen der Jugendjury. Du hast dich mit all den nominierten Büchern auseinandergesetzt. Kannst du uns einen kurzen Einblick verschaffen?

Nominierungen in der Sparte "Jugendjury"

Nominierungen in der Sparte „Jugendjury“

Von den nominierten Büchern habe ich fünf ganz gelesen. Bei „Alles – Was zählt“ von Janne Teller habe ich nur in die Leseprobe rein geblättert, da mir „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ von ihr damals nicht so gut gefiel.
Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“ ist ein unterhaltsames Buch über das Anderssein. Mir hat hier die Art und Weise, wie das thematisiert wurde, besonders gut gefallen: Barnaby hat nämlich nicht eine andere Hautfarbe, Religion oder sexuelle Gesinnung, sondern unterscheidet sich von anderen dadurch, dass er dauerhaft schwebt. Allerdings würde ich das Buch eher als Kinder- und nicht als Jugendbuch sehen.
Wunder“ habe ich schon im letzten Jahr gelesen und als Herzensbuch von mir bereits einmal verschenkt. Auch hier geht es um das Thema anders sein, allerdings hat es mich sehr viel mehr berührt. Wie gesagt: ein Herzensbuch von mir.
2084 – Noras Welt“ hat mich enttäuscht. Es hat zwar eine wichtige inhaltliche Grundaussage, aber mehr auch nicht. Nur mit der – definitiv wichtigen – Warnung, dass man Verantwortung für unseren Planeten trägt, kann man eben kein Buch füllen.
„Die Nacht gehört dem Drachen“ hat mich etwas zwiespältig zurückgelassen. Mir hat richtig gut gefallen, wie sensibel hier mit dem Thema Missbrauch umgegangen wurde. Andere Szenen konnten mich dann aber gar nicht berühren, so dass ich dazu geneigt war, sie zu überblättern.
Den Abschluss der Nominiertenliste bildet die erste Graphic Novel, die ich jemals gelesen habe: „Wie ein leeres Blatt“. Die Geschichte zu lesen und von den Zeichnungen noch ein Mal ganz andere Eindrücke zu bekommen, war ein besonderes Erlebnis, ich weiß aber nicht, ob ich dafür nicht eher einen separaten Preis verleihen würde.

Tine: Wenn du meine Eindrücke jetzt liest: Welches der Bücher könnte ein Favorit der Jugendjury sein und warum?

Nanni: Mmmh, schwer zu sagen. Ich bin ja ein großer Fan von John Boyne, habe das Buch ebenfalls (bisher noch ungelesen) im Regal und weiß, dass er tolle, berührende Geschichten schreiben kann. „Wunder“ hast du mir auch schon so oft empfohlen, dass ich es in meinem Kopf bereits als tolles Buch gespeichert. Aber auch der Inhalt klingt sehr ansprechend. Dass ein Buch zum Thema Missbrauch nominiert ist, finde ich auch sehr spannend. An meiner Arbeit habe ich leider vermehrt mit dem Thema zu tun und finde es wichtig, dass Kinder und Jugendliche aufgeklärt werden, wissen, dass sie keine Schuld tragen und damit nicht allein sind. Für mich ist aber nicht nur das Thema des Buches, das den Preis bekommen sollte, wichtig, sondern auch die Sprache, die Art des Autors zu schreiben. Dafür müsste ich dann wohl doch selbst rein lesen.

Nanni: Wenn du die Bücher nun so betrachtest und dich ein bisschen zurückerinnerst, hättest du als Jugendliche eine ähnliche Meinung?

Tine: Puh, das kann ich ganz schwer sagen. Ich habe als Kind eigentlich gar keine typischen Jugendbücher gelesen. Anfangs viele Kinderbücher oder eben Bücher für sehr junge Jugendliche (vieles von Enid Blyton, „Die drei ???“ usw. – das typische eben) und dann ging es fast nahtlos über zu Erwachsenenbüchern. Gab es zu unserer Zeit überhaupt schon so explizit die Sparte des Jugendbuches? Ich vermute, ich hätte damals „12 Things To Do Before You Crash and Burn“ am besten gefunden, eben weil es so unterhaltsam und witzig ist, und, wenn ich es richtig verstanden habe, kaum schwierige Themen behandelt.