[Rezension] „Suche mich nicht“ von Harlan Coben

Suche mich nicht

Da ich ja erst seit kurzem wieder Thriller lese, war mir bisher noch kein Buch von Harlan Coben über den Weg gelaufen – weder hatte ich etwas von ihm gelesen noch jemals von ihm gehört. Doch neulich in der Buchhandlung sah ich dann „Suche mich nicht“ von dem Autor. Cover und Klappentext konnten mich direkt überzeugen und das Buch kam mit mir nach Hause.

Darum geht es: In der Familie von Simon und seiner Frau Ingrid ist nichts mehr so, wie es wahr. Es ist noch gar nicht so lange her, da waren sie noch eine glückliche Familie: Vater, Mutter und drei tolle Kinder. Doch ihre älteste Tochter Paige hat sich von ihnen ab- und den Drogen zugewandt. Was haben sie nicht schon alles versucht, um sie zu retten. Doch nun wird Paige vermisst – und will scheinbar von niemandem gefunden werden. Aber Simon gibt nicht auf, er dringt immer tiefer in ihre Welt ein, um seine Tochter zu retten. Ist das überhaupt noch möglich?

„Sie drehte sich immer noch nicht zu ihm um.
Dann rannte sie los.“ (S. 22)

Wie oben schon gesagt, war mir Harlan Coben bis vor kurzem noch kein Begriff – dabei scheint er in der amerikanischen Krimiszene zu den ganz Großen zu gehören und hat dort die drei wichtigsten Krimipreise erhalten. Obwohl ich bisher nur dieses eine Buch von ihm gelesen habe, kann ich das absolut nachvollziehen. Coben schreibt sehr einnehmend und verknüpft dabei auf eine fesselnde Art die persönliche Geschichte von Simon und seiner Familie mit einer Reihe von Mordfällen. Geschickt wechselt er zwischen den einzelnen Erzählperspektiven, so dass sich Seite für Seite mehr von dem Gesamtbild zeigt.

Für mich ist das Ende eines Thrillers immer das Wichtigste: Schafft es der Autor mich hiermit zu überzeugen? Werden am Ende alle losen Fäden sinnvoll verknüpft und ist die Auflösung auch nicht an den Haaren herbeigezogen? Kurz und knapp: Ja! Das Ende hat es in sich. Und wenn man denkt, man wäre nun schon am Ende angekommen, überrumpelt Coben den Leser ein weiteres Mal. Sehr gelungen!

Mir hat „Suche mich nicht“ richtig gut gefallen. Harlan Coben konnte mich mit seiner tollen Schreib- und gekonnten Erzählweise so an das Buch fesseln, dass ich förmlich an den Seiten geklebt habe. Dies wird mit Sicherheit nicht das letzte Buch des US-amerikanischen Autors sein, dass ich verschlingen werde. Volle Punktzahl und damit 10 von 10 Sternen!

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Suche mich nicht – Harlan Coben – Klappbroschur – 480 Seiten – 15,00 € – ISBN: 978-3-442-20545-5 – erschienen: Juni 2019 (Goldmann) – Übersetzung: Gunnar Kwisinski

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[Rezension] „Mein Sommer mit Mucks“ von Stefanie Höfler

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Nach „Tanz der Tiefseequalle“ und „Der große schwarze Vogel“ ist „Mein Sommer mit Mucks“ nun mein drittes Buch von Stefanie Höfler. Wie auch schon bei den letzten beiden Büchern konnte mich die Autorin auch hier wieder direkt packen. Schon nach wenigen Seiten, wenigen Sätzen war ich mittendrin. Ich mag es einfach wie Frau Höfler schreibt. Ihr gelingt es unheimlich gut, interessante Charaktere zu schaffen und diese dem Leser sehr schnell näher zu bringen – so auch Zonja.

Zonja mit Z, die nicht genau weiß, warum ihre Eltern sie mit einem solchen Namen gestraft haben, verbringt ihre Zeit gerne im Schwimmbad um Leute zu beobachten. Sie ist nämlich unfassbar neugierig.

„Ich aber, ich interessiere mich für absolut alles. Ich liebe Statistiken und schwierige Wörter. Und ich sammle Fragen, auf die ich Antworten finden will. Jeden Tag. In meiner Hosentasche habe ich eigentlich immer einen kleinen Zettel mit meiner persönlichen Frageliste bei mir.“ (S. 9)

Ganz am Anfang der Sommerferien muss Zonja dann aber ihren bequemen Beobachterposten unter dem Baum im Freibad aufgeben, um einen großen, schlacksigen Jungen mit Segelohren aus dem Wasser zu retten. Und sofort wird Zonja neugierig: Heißt der Junge wirklich Mucks? Warum kann er in seinem Alter nicht schwimmen? Und warum wirkt Mucks oft so unfassbar traurig?

„‚Wie sind deine Eltern eigentlich so?‘, frage ich jetzt.
Mucks zuckt nur mit den Schultern. Er guckt dabei komisch leer an mir vorbei. Ins Irgendwo.“ (S. 25)

Als erwachsener Leser ahnt man schnell, warum Mucks oft so traurig ist. Warum er in dem einen Moment noch so herzhaft lacht, dass man einfach mitlachen muss, um im nächsten Moment wütend davonzustürmen. Auch Zonja macht sich ihre Gedanken, doch das erste Mal ist sie sich nicht sicher, ob es wirklich klug ist, all ihre Fragen sofort zu stellen.

„Mein Sommer mit Mucks“ ist ein Buch, das traurig macht und bewegt. Das Hoffnung gibt und ein warmes Gefühl vermittelt. Das mich mit seinem Ende überrascht hat. Es ist mal wieder ein Buch, das mir wirklich gut gefallen hat und das ich mir auch als Schullektüre vorstellen kann. 8 von 10 Sternen!

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„Mein Sommer mit Mucks“ war 2016 für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie „Kinderbuch“ nominiert.

Mein Sommer mit Mucks – Stefanie Höfler – Taschenbuch – 140 Seiten – 5,95 € – ISBN: 978-3-407-74725-9 – erschienen: Juni 2019 (Gulliver) – Altersempfehlung: ab 11 Jahren

[Rezension] „Ein Sommer in Sommerby“ von Kirsten Boie

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Das Buch „Ein Sommer in Sommerby“ war mir schon durch sein süßes, fröhliches Cover aufgefallen – so hatte sich das Buch schon auf meine innere Wunschliste geschlichen. Als dann noch meine liebe Freundin Nanni das Buch so begeistert rezensiert und mir dann noch geschrieben hat, dass es auf jeden Fall ein totales Tine-Sommerbuch sei, musste ich es mir einfach für die Ferien kaufen. Zum Glück!

„Und das hier, in diesem Moment, ist Sommerglück.“ (S. 51)

Hauptperson des Buches ist die zwölfjährige Martha, die mit ihren beiden jüngeren Brüdern und ihren Eltern in Hamburg wohnt. Mitten in den Sommerferien muss ihr Vater überstürzt in die die USA reisen, wo Marthas Mutter einen Unfall hatte. Keiner ist da, um auf die Kinder aufzupassen und so müssen Martha und ihre Geschwister zu ihrer Oma, zu der eigentlich kein Kontakt besteht. Marthas Oma ist schrullig. Sie lebt ganz alleine in ihrem kleinen Haus im Sommerby. Fremde vertreibt sie mit ihrem Luftgewehr und Fernsehen und Internet hat sie auch nicht. So hat sich Martha ihre Ferien nicht vorgestellt. Doch gerade als Martha begonnen hat, sich ein bisschen wohlzufühlen, droht dem Paradies eine Gefahr …

„Dann gehen sie zum ersten mal durch die niedrige Tür ins Haus am schönsten Ort der Welt: Und so beginnt der wunderbarste Sommer. Nur dass die Kinder davon natürlich noch nichts wissen. Nicht, dass dies der schönste Ort der Welt ist, und erst recht nicht, dass der Sommer wunderbar werden wird.“ (S. 26-27)

Hinten auf dem Buch steht: „Kirsten Boie erzählt mit großer Nähe und Wärme von den wirklich wichtigen Dingen, die uns alle berühren.“ Dem Satz kann ich nur zustimmen und ich muss ihn einfach zitieren, denn besser kann ich es nicht ausdrücken. Die Geschichte hat bei mir beim Lesen durchgängig ein warmes Gefühl verursacht. Ganz oft habe ich meinem Herzensmann zwischendurch von den einzelnen kleinen Situationen erzählt – ganz so als würde ich Martha, ihre Geschwister und ihre Oma wirklich kennen.

Kirsten Boie gelingt es, dem Leser die Figuren, aber auch den fiktiven Ort Sommerby an der Schlei durch ihre bildhafte Schreibe so nahe zu bringen, dass man nicht anders kann, als sich dort hinzuwünschen, mit den Charakteren mitzufühlen und sie gern zu haben: Ich mochte besonders die schrullige Großmutter, der es schwer fällt ihre Gefühle zu zeigen, und Marthas jüngeren Bruder Mikkel, der so begeistert im Haushalt hilft und so stolz darauf ist, wichtige Aufgaben zu erledigen. Aber auch die Nebenfiguren sind liebevoll gezeichnet. Die schönen Illustrationen am Anfang eines jedes Kapitels stammen übrigens von Verena Körting, die ich schon durch „Funklerwald“ kenne und sehr mag.

„Ein Sommer in Sommerby“ ist tatsächlich ein wundervolles Sommerbuch, das nicht nur Lust auf einen Urlaub an der Schlei, sondern auch auf die anderen Bücher von Kirsten Boie machen. Ich vergebe sehr gerne herzerwärmte 10 von 10 Sterne.

stern 10

Kirsten Boie erhielt 2007 den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr Lebenswerk.

Ein Sommer in Sommerby – Kirsten Boie – Hardcover – 320 Seiten – 14,00 € – ISBN: 978-3-7891-0883-9 – erschienen: Februar 2018 (Oetinger) – Altersempfehlung: ab 10 Jahren – Illustrationen: Verena Körting

 

[Rezension] „Der Hummelreiter Friedrich Löwenmaul“ von Verena Reinhardt

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Kann aus einer gemeinen und hinterlistigen Entführung eine wundervolle Freundschaft entstehen?

Im Falle des ungleichen Paares von Friedrich Löwenmaul und Hieronymus Brumsel ist dies tatsächlich so. Friedrich Löwenmaul stammt aus einer Familie berühmter Hummelreiter. Leider hat er selbst so gar kein Talent. Er ist mehr damit beschäftigt, die Pokale seiner Verwandten abzustauben und leckeres Essen zu kochen. Doch dann wird er eines Tages entführt – und das von keinem geringeren als von Hieronymus Brumsel, dem berüchtigsten Spion der Königin von Südwärts. Gemeinsam sollen die beiden den Norden des Landes ausspionieren, um dadurch einen Krieg zu verhindern. Doch dann kommt alles ganz anders als erwartet und Friedrich kann zeigen, was wirklich in ihm steckt. Denn das ist viel mehr, als er selbst jemals gedacht hätte …

Die Geschichte „Der Hummelreiter Friedrich Löwenmaul“ hat mich aus meiner Leseflaute geholt. Sie überzeugt vor allem durch ihre andersartigen Charaktere, denn wer hat schon jemals einen heldenhaften Fantasy-Abenteuerroman gelesen, in dem eine Hummel und ein Hummelreiter die Hauptrolle spielen? Die Idee, die hinter der Geschichte steckt, ist wirklich süß und liest sich toll. Auch die Handlung kommt nicht zu kurz: Freundschaft, Heldenmut und Intrigen – all das wird Friedrich erleben. Und plötzlich hat er das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein und gar nicht mehr der langweilige, talentlose Spross einer ansonsten so berühmten Hummelreiterfamilie.

„Friedrich nickte und spürte ein aufgeregtes Flattern in der Magengrube. Zum ersten Mal fühlte er sich zu einer Gefahr hingezogen. Überhaupt kam es ihm so vor, als würde die Haut des alten Friedrich Löwenmaul Stück für Stück von ihm abfallen, als wäre sie überflüssig geworden. Er fühlte sich viel leichter ohne sie.“ (S. 145)

Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, für welche Zielgruppe die Geschichte geschrieben wurde. Der Verlag gibt ein Alter ab 10 Jahren an. Das hätte ich ähnlich eingeschätzt, allerdings finde ich, dass das Buch für so junge Leser mit seinen 519 Seiten vielleicht etwas lang ist.

Mir hat „Der Hummelreiter Friedrich Löwenmaul“ wirklich gut gefallen. Die besonderen Charaktere, die tolle Entwicklung von Friedrich und die schöne Freundschaft zwischen ihm und Brumsel machen die Geschichte zu einem wahren Lesevergnügen. 8 von 10 Sternen!

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2017 wurde das Buch für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie „Neue Talente“ nominiert.

Der Hummelreiter Friedrich Löwenmaul – Verena Reinhardt – Taschenbuch – 521 Seiten – 17,95 € – ISBN: 978-3-407-82097-6 – erschienen: September 2016 (Gulliver) – Altersempfehlung: ab 10 Jahren

[Rezension] „Die Spiegelreisende 1: Die Verlobten des Winters“ von Christelle Dabos

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Vermutlich habt ihr schon von DER neuen Fantasyreihe gehört, die teilweise sogar mit dem Harry Potter – Universum verglichen wird: Die Spiegelreisende!

Die Reihe besteht aus vier Bänden: Der erste Band ist bereits erschienen, die übrigen drei Teile werden alle vermutlich innerhalb eines Jahres erscheinen, was ich sehr angenehm finde. Es gibt ja kaum etwas Schlimmeres, als einen tollen Reihenauftakt zu lesen und dann mehrere Jahre auf die Fortsetzung warten zu müssen.

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Den erste Band, „Die Verlobten des Winters“, habe ich gestern beendet und muss sagen, dass ich die Begeisterung gut nachvollziehen kann. Vom Plot her hat die Geschichte meiner Meinung nach gar nichts mit Harry Potter gemein – das sollte man auf keinen Fall erwarten -, aber sie besticht ebenso durch erfrischend neue Ideen und eine ganz besondere Hauptfigur.

Schon vor Jahren ist die Welt in verschiedene Teile zersplittert,  in sogenannte Archen. Auf einer dieser Archen lebt Ophelia, die es genießt möglichst unscheinbar zu sein. Doch hinter ihrem etwas langweiligen Äußeren und ihrer tollpatschigen und schüchternen Art verstecken sich enorme Fähigkeiten: Ophelia kann nicht nur durch Spiegel reisen, sie ist auch eine hervorragende Leserin: Durch das Berühreren von Gegenständen kann sie ihre Geschichte lesen.

Doch dann muss Ophelia eines Tages ihr geliebtes, ruhiges Zuhause verlassen, um auf die weit entfernte Arche Pol zu ziehen, wo sie an den wortkargen und überall unbeliebten Thorn verheiratet werden soll. Dort ist nichts so, wie es scheint, und überall lauern Intrigen, Illusionen und Gefahr!

Meiner Meinung nach ist dieses Buch ein typischer Reihenauftakt: Es braucht etwas, bis das Setting und Hauptfiguren eingeführt sind. Erst dann nimmt die Handlung langsam Fahrt auf. Und dennoch mochte ich das Buch von Anfang an nur ungern zur Seite legen. Die letzten einhundert Seiten habe ich dann in einem Rutsch gelesen und bin sehr gespannt, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Noch kann ich viele Charaktere nur schwer durchschauen und bin freu mich darauf, welche Überraschungen die kommenden drei Bände noch für mich bereithalten.

Mein Fazit: Die neue Saga um die Spiegelreisende Ophelia ist zu Recht in aller Munde! Die Autorin, Christelle Dabos, hat eine faszinierende fantastische Welt erschaffen, die mich absolut begeistern konnte, vor allem weil ich viele der Ideen aus dem Buch so bisher noch nicht kenne. 8 von 10 Sternen für einen absolut gelungenen Reihenauftakt!

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Auf dieser Seite findet man übrigens in Form von wirklich beeindruckenden Zeichnungen die schönsten Fanbeiträge zur Reihe.

Die Spiegelreisende 1: Die Verlobten des Winters – Christelle Dabos – Hardcover – 535 Seiten – 18,00 € – ISBN: 978-3-458-17792-0  – erschienen: März 2019 (Insel Verlag) – Übersetzung: Amelie Thoma

[Rezension] „Tausend kleine Schritte“ von Toni Jordan

20190416_124352.jpgKlappentext:

Grace Lisa Vandenburg zählt alles, was sie umgibt, jede Kleinigkeit: die Schritte bis zu ihrem Lieblingscafé (920), die Streusel auf ihrem Orangenkuchen (12 – 92) und die Buchstaben ihres Namens (19). Erst Seamus O’Reilly und sein unwiderstehlicher Wunsch, hinter das Geheimnis ihres Lebens zu kommen, lässt sie die Kontrolle verlieren. (Quelle)

Meine Meinung:

Manchmal finden Bücher ja aus einem ganz bestimmten Grund zu einem. Dieses Buch hat mir eine liebe Freundin geliehen, weil es ihr so gut gefallen hat und es so besonders war. Der Klappentext hat mich eigentlich auch sofort angesprochen: Ich mag besondere Figuren mit kleinen Macken. Und ich mag Zahlen – zum Glück aber nicht ganz so sehr wie Grace Lisa Vandenburg 😉 . Dass das Buch dann doch mehr als zwei Jahre ungelesen bei mir lag, liegt vor allem am Cover, das zwar auch irgendwie besonders ist, mich aber nicht total angesprochen hat.

Einmal mit dem Buch angefangen mochte ich aber auch nicht wirklich aufhören. Grace ist einfach eine sehr liebenswerte Hauptfigur. Sie zählt wirklich alles: So muss Grace zum Beispiel erst zählen, wie viele Mohnkörner auf ihrem Orangenkuchen sind, damit sie weiß, mit wie vielen Bissen sie ihn essen muss.

Seamus trifft sie das erste Mal im Supermarkt. Sie steht an der Kasse und kauft unter anderem genau 10 Bananen. Doch als sie diese auf das Kassenband legen möchte, muss sie erschreckt feststellen, dass es doch nur 9 sind. Was soll sie tun? Sie kann nicht nur 9 Bananen kaufen! Kurzerhand klaut sie dem Mann an der Kasse hinter ihr die Banane aus seinem Einkaufskorb. Dieser Mann ist Seamus. Seamus ist toll. Ein Mann zum Verlieben. Groß, stark, liebevoll. Und vor allem verständnisvoll. Langsam beginnt Grace sich zu öffnen …

Natürlich läuft ab da nicht einfach alles rund. Das wäre ja ja zu schön und vielleicht sogar ein bisschen langweilig. Die Geschichte der beiden liest sich sehr unterhaltsam und amüsant, obwohl sie stellenweise wirklich tragisch ist. Das liegt vor allem am Grace und ihrem charmanten Wortwitz. Das Einzige, was mich gestört hat, waren die immer wiederkehrenden langen Ausschweifungen zu Nikolas Tesla, den Grace aufgrund seiner Liebe zu den Zahlen verehrt.

„Tausend kleine Schritte“ ist eine schöne und unterhaltsame Geschichte, die zum einen durch Grace und Seamus, vor allem aber durch Grace‘ lockeren Erzählton zu begeistern weiß. Obwohl viele Situationen einer gewissen Komik nicht entbehren, zieht die Autorin das zwanghafte Zählen von Grace nicht ins Lächerliche. Was am Ende bleibt, ist die Aussage: Jeder ist gut so, wie er ist – trotz oder gerade wegen seiner Eigenheiten.

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Tausend kleine Schritte – Toni Jordan – Taschenbuch – 272 Seiten – 11,00 € – ISBN: 978-3-492-25963-7 – erschienen: Oktober 2010 (Piper) – Übersetzung: Brigitte Jakobeit

[Rezension] „Todesfrist“ von Andreas Gruber

9783442478668Reiheninfo:

  1. „Todesfrist“
  2. „Todesurteil“
  3. „Todesmärchen“
  4. „Todesreigen“
  5. „Todesmal“

Klappentext:

»Wenn Sie innerhalb von 48 Stunden herausfinden, warum ich diese Frau entführt habe, bleibt sie am Leben. Falls nicht – stirbt sie.« Mit dieser Botschaft beginnt das perverse Spiel eines Serienmörders. Er lässt seine Opfer verhungern, ertränkt sie in Tinte oder umhüllt sie bei lebendigem Leib mit Beton. Verzweifelt sucht die Münchner Kommissarin Sabine Nemez nach einer Erklärung, einem Motiv. Erst als sie einen niederländischen Kollegen hinzuzieht, entdecken sie zumindest ein Muster: Ein altes Kinderbuch dient dem Täter als grausame Inspiration – und das birgt noch viele Ideen … (Quelle)

Meine Meinung:

Mein Herzensmann liest eigentlich gar nicht. „Wenn’s hoch kommt – zehn!“, war die Antwort auf die Frage, wie viele Bücher er im Erwachsenenalter gelesen hat. Aber nachdem ich das Thriller-Genre wieder für mich entdeckt habe, konnte er mir endlich auch mal ein Buch empfehlen: „Todesurteil“ – den zweiten Band dieser Reihe. Da ich eine Thrillerreihe nie in der Mitte anfangen würde, war dann schnell der erste Teil bestellt.

Ich muss sagen: Am Anfang war ich kurz davor, das Buch abzubrechen! Über den Thriller „Schlüssel 17“, den ich davor gelesen habe, wurde von Volker Kutscher gesagt: „Marc Raabe gelingt es meisterhaft, immer ganz dicht an seinen Figuren zu bleiben.“ Genau das gelingt Andreas Gruber meiner Meinung nach gar nicht. Zu Beginn des Buches erfährt die Ermittlerin Sabine Nemez, dass ihre Mutter brutal umgebracht wurde. Ein wirklich schreckliches Ereignis. Und trotzdem konnte ich keine Gefühle aus den Seiten herauslesen. Weder Trauer, noch Wut. Weder Abgebrühtheit, noch den unbändigen Willen, den Mörder ihrer Mutter zu finden. Nichts.

Zum Glück habe ich dann trotzdem weitergelesen, denn zum Ende hin konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Geschickt werden verschiedene Perspektiven miteinander verflochten – sogar therapeutische Sitzungen und Analysen werden mit eingebunden. Sowas lese ich immer sehr gerne.

Mit Maarten S. Sneijder hat Andreas Gruber einen spannenden Hauptermittler geschaffen. Er selbst schreibt auf seiner Homepage über den niederländischen Profiler:

Maarten S. Sneijder ist eine ziemlich schräge Figur – mit Absicht. In diesen Charakter habe ich alles gepackt, was mich fasziniert. Sneijder ist ein Kotzbrocken, ein Misanthrop, er hasst Menschen, […]. Aber er ist ein Genie, denn er hat seine eigene Sneijder-Methode entwickelt, um Killer zu fassen … bis zur Selbstaufopferung. (Quelle)

So wenig mich das Buch zu Beginn überzeugt hat, so sehr konnte es dann mit seinem Ende punkten. Für mich liefen alle Fäden sinnvoll zusammen – etwas, das mir insbesondere bei Thrillern sehr wichtig ist. Und so habe ich schon kurz vor Schluss den zweiten Band bestellt und bin gespannt, wie es mit Sabine Nemez und Maarten S. Sneijder so weitergeht.

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Todesfrist – Andreas Gruber – Taschenbuch – 432 Seiten – 9,99 € – ISBN: 978-3-442-47866-8 – erschienen: März 2013 (Goldmann)

[Rezension] „Der große schwarze Vogel“ von Stefanie Höfler

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„Mas dreieckiges Gesicht erscheint zwischen den anderen kleinen Dreiecken aus blauem Himmel inmitten der Äste, ihre langen rostroten Haare mit den etwas helleren trockenen Blättern darin umrahmen ihr breites Lachen mit dem leuchtend rot gemalten Mund. Alles an ihr glitzert vor Freunde.“ (S. 9)

Dies ist die erste Erinnerung, die Ben an seine Mutter hat. Seine Mutter, wie sie mitten in einem Baum steht und die Kastanien pflückt wie Äpfel. Denn die beiden wollen Kastanientiere bauen und nicht bis zum nächsten Tag warten, wenn die Kastanien vielleicht von alleine runterfallen würden. Diese Erinnerung teilt Ben in einer Art Prolog mit uns. „Davor“ nennt er den Prolog.

Nur eine Seite weiter erlebt Ben, wie Sanitäter versuchen, seine Mutter wiederzubeleben. Erfolglos. Mitten aus dem Leben. Ich muss sagen, obwohl ich vorher schon wusste, wovon das Buch handeln würde, war ich genauso schockiert wie Ben selbst. Genauso fassungslos.

„Mas Todestag war ein strahlender Oktobertag.“ (S. 15)

Bens Geschichte – die ersten Tage nach dem Tod seiner Mutter, die einzelnen Rückblicke auf die Zeit davor, aber auch den Blick nach vorn auf Geschichten, die noch passieren werden – hat mich sehr berührt. Der Erzählstil ist leicht und schlicht. Und trotzdem (oder gerade deswegen?) gelingt es der Autorin, den Leser mitzunehmen und ihn mitfühlen zu lassen.

„Ich weiß nicht einmal, ob dies eine Geschichte wird. Aber falls es eine wird, dann soll sie erzählen, wie das ist, wenn jemand plötzlich stirbt. Wie die ersten Tage vergehen, wie man damit klarkommt. Oder wie man eben nicht damit klarkommt. (S. 15)

Ich würde gerne von so vielen liebevollen Details erzählen, von so vielen Lieblingsstellen. Aber gleichzeitig möchte ich auch jedem die Chance geben, die Geschichte selbst zu fühlen und zu erleben. Stefanie Höfler ist es gelungen, ein trauriges Thema greifbar zu machen, ohne es zu schmälern. Trotz all der Traurigkeit ist dieses Buch aber auch fröhlich, positiv und lebensbejahend. Es ist ein Buch, das mich am Ende mit tränennassen Wangen und einem glücklichen Lächeln zurückgelassen hat.

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Dieses Buch ist (meiner Meinung nach absolut zu Recht) für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 nominiert.

Der große schwarze Vogel – Stefanie Höfler – Hardcover – 13,95 € – 182 Seiten – ISBN: 978-3-407-75433-2 – erschienen: Juli 2018 (Beltz & Gelberg)

[Rezension] „Heldenhaft“ von Andreas Thamm

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„Ich erinnere mich nicht wegen des Wetters an diesen Sommer, sondern weil es der Sommer war, in dem alles passierte: Mitch kam zurück und wir wurden kurz ein bisschen kriminell. Lea und ich kamen uns näher, und ich nahm mir vor, sie zu retten.“ (S. 5)

Andi ist 17 in diesem Sommer, in dem alles passierte. Langsam und bedächtig, in kurzen, teilweise etwas abgehackten Sätzen berichtet er davon, wie sein früherer Freund Mitch aus dem Knast wiederkommt, wie er und sein bester Freund Ferdi plötzlich mittendrin in einem Einbruch stecken – natürlich wegen Mitch – und wie er Lea näher kommt. Lea, dem schönsten Mädchen der Welt. Lea, dem Christenmädchen. Lea, dem Mädchen dessen Eltern ihr gar nichts erlauben.

„Ich wusste noch nicht einmal, ob es irgendwie legitim war, bereits das große L-Wort rauszuholen, wenn man das fühlte, was ich fühlte. Weil das ja irgendwie schon der Eiffelturm unter den Wörtern ist.“ (S. 109)

Als ich das Buch gerade eben beendet und in meine Leseliste eingetragen habe, war ich mir sehr unsicher, wie ich es bewerten sollte. 6 Sterne? 7 Sterne? 8 Sterne? Die Geschichte hatte mir an sich gefallen, aber die Sprache fand ich an manchen Stellen doch zu jugendlich. Manchmal war mir das Erzähltempo etwas zu langsam, aber die Moral der Geschichte finde ich toll.

Letztendlich habe ich mich doch für 8 Sterne entschieden, denn die Geschichte ist irgendwie echt. Manchmal gerät man einfach so in ein Schlamassel, ohne es zu wollen. Manchmal dauert es eben, bis man sich traut, das Nachbarsmädchen anzusprechen. Manchmal ist man ein Held, auch wenn man kein großes Wunder vollbringt. Ein Alltagsheld eben. Ein ganz normaler Alltagsheld.

stern 8

Heldenhaft – Andreas Thamm – Hardcover – 256 Seiten – 17,00 € – ISBN 978-3-7348-5035-6  – erschienen: Januar 2019 (Magellan) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Bloß nicht weinen, Akbar!“ von Frauke Kässbohrer

Bloß nicht weinen Akbar

„Und dann war es plötzlich so weit! Letzte Umarmungen, letzte gute Worte – wenig später verschwanden das Haus und die winkenden Gestalten, und ich war mit fünf mir unbekannten Männern im Auto alleine. Ich hatte einen dicken Kloß im Hals und immer wieder ging mir durch den Kopf: „Bloß nicht weinen, bloß nicht weinen, irgendwie wird’s schon werden …“ (S. 33)

Akbar ist sieben Jahre alt, als er seine Eltern und seine Heimat Afghanistan hinter sich lassen muss. Gemeinsam mit der Familie seiner Tante flieht er in den Iran, aber auch dort kann er nicht bleiben. Ohne Pass bleibt ihm – nun mit 16 Jahren – nur eine Möglichkeit: der Weg nach Europa.

Mir ist bewusst, dass viele Flüchtlinge, die nach Europa kommen, einen unglaublich harten Weg hinter sich haben. Nicht zuletzt weil einige meiner Schüler nach Deutschland Geflüchtete sind, habe ich einen ganz guten Eindruck von den Strapazen und Schwierigkeiten, die viele auf sich nehmen müssen, um die Chance auf ein menschenwürdiges Leben zu haben.

„Bloß nicht weinen, Akbar!“ ist die autobiographische Geschichte des jungen Afghanen Akbar Husseini. Nachdem er einige Jahre hier in Deutschland gelebt hatte, fragte er Frauke Kässbohrer, seine Deutschlehrerin, ob sie bereit wäre, seine Geschichte aufzuschreiben. Obwohl man aus den Zeilen deutlich herausliest, dass Frau Kässbohrer keine Erfahrungen im schriftstellerischen Bereich hat, ist Akbars Geschichte natürlich per se bewegend. Es ist kaum zu fassen, welche Schicksalsschläge er schon in so einem jungen Alter verkraften musste. Und es ist bewunderswert, wie gut er diese gemeistert hat.

Ich werde „Bloß nicht weinen, Akbar!“ in den nächsten Wochen mit zwei 7. Klassen als Schullektüre lesen und bin sehr gespannt darauf, wie die Schüler die Geschichte aufnehmen und was das Lesen in ihnen auslöst.

Bloß nicht weinen, Akbar – Frauke Kässbohrer – Taschenbuch – 125 Seiten – 5,95 € – ISBN  978-3-86760-180-1 – erschienen: Januar 2017 (Hase und Igel)