[Rezension] „Wie ein Fisch im Baum“ von Lynda Mullaly Hunt

Wie ein Fisch im Baum von Lynda Mullaly Hunt

„Wörter. Ich entkomme ihnen nie.“ (S. 32)

Ally hasst die Schule. Jeden Tag aufs Neue muss sie dorthin. Jeden Tag aufs Neue gibt sie ihr Bestes. Jeden Tag aufs Neue scheitert sie. Sie kann nicht lesen und schreiben. Die Buchstaben tanzen vor ihren Augen. Sie bekommt sie nicht gegriffen. Doch das ist ein Geheimnis. Niemand darf das erfahren. Und deswegen versucht Ally so gut es geht unsichtbar zu sein. Denn niemand darf mitbekommen, wie dumm sie eigentlich ist.

„Ich werde mich bessern. Ich werde mich noch mehr anstrengen. Das ist alles, was ich tun muss. Ich werde mich diesmal wirklich konzentrieren. Dabei weiß ich, dass ich das schon so oft probiert habe und dass es nicht klappt.“ (S. 46/47)

Allys Geschichte zu lesen, ihren Worten zu lauschen, tut weh. Es zerreißt einem fast das Herz. So ein warmherzigen und vor allem kluges Mädchen, das sich so schrecklich dumm und wertlos fühlt. Ihre Unfähigkeit zu lesen und zu schreiben hat Auswirkungen auf ihr ganzes Leben, auf ihr Selbstbild, auf ihre Identität.

„Ich möchte einfach … ich will nur ein einziges Mal dazupassen. Das wünsche ich mir wirklich. Einfach so zu sein wie alle anderen.“ (S. 159)

Doch Ally hat großes Glück: Sie bekommt einen neuen Lehrer, der sie endlich so sieht, wie sie wirklich ist: Klug und liebenswert – mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Doch kann er es schaffen, dass Ally sich selbst und ihren eigenen Fähigkeiten vertraut? Dass sie erkennt, dass gerade ihre Einzigartigkeit sie so besonders macht?

„Wie ein Fisch im Baum“ – so lautet der Titel, der auf einem kleinen Gleichnis beruht, bei dem mehrere Tiere, unter anderen auch ein Fisch, die Aufgabe bekommen, auf einen Baum zu gelangen. Alle haben die gleiche Aufgabe, also ist es doch fair, oder?

„Jeder ist auf seine Art klug. Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein Leben lang glauben, dass er dumm ist.“ (S. 180)

Ich bin selbst Lehrerin und finde, dass die Autorin Ally und alles, was sie ausmacht (ihre Stärken, Schwächen, Ängste und auch ihre Entwicklung), sehr überzeugend und sensibel dargestellt hat.

Ich liebe diese Geschichte und hoffe, dass sie ganz viele große und kleine Leser findet, die so lernen, einen Blick über den Tellerrand zu wagen und Menschen nicht an dem zu bewerten, was sie als normal ansehen. Denn wenn man von Ally eines lernen kann, ist es das hier: Eine einzige Fähigkeit oder Unfähigkeit, etwas zu tun, sagt nichts über den Rest eines Menschen aus. Nichts darüber, ob er klug oder dumm ist. Nichts darüber, wie sehr er sich bemüht und anstrengt. Und vor allem nichts darüber, ob er ein gutes Herz hat.

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Wie ein Fisch im Baum – Lynda Mullaly Hunt – Hardcover mit SU – 12,99 € – 304 Seiten – ISBN: 978-3-570-16420-4  – erschienen: Oktober 2016 (cbt) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren – Übersetzung: Renate Weitbrecht

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[Rezension] „Faceless“ von Alyssa Sheinmel

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„Zerstört. Was für ein unpassendes Wort. Zerstört sind Dörfer, über die ein Tsunami hereingebrochen ist. Oder Gebäude, die von einer Bombe getroffen wurde. Schiffe, die auf den Meeresgrund sinken. Aber etwas so Kleines, Unbedeutendes wie das Gesicht eines einzelnen Menschen kann doch nicht zerstört werden.“ (S. 28)

Maisie ist sechszehn Jahre alt, als ihr Gesicht durch einen Blitzeinschlag und einen dadurch resultierenden Elektrobrand zerstört wird. Sie hat nicht nur Vebrennungen dritten oder vierten Grades. Nein, die Ärzte mussten komplette Teile ihres Gesichts entfernen.

Maisie ist nun das Mädchen ohne Gesicht: Faceless. Und das ist nicht nur wörtlich, sondern auch im übertragenen Sinne gemeint. Wer ist sie nun noch, nachdem ihr Kinn, Nase und eine Wange fehlen? Maisie hat zwar das Glück (obwohl sie selbst dieses Wort hasst), dass sie eine Gesichtstransplantation bekommt, aber trotzdem: Es ist nicht mehr ihr eigenes Gesicht, das sie mit sich herumtragen muss.

Vor dem Unfall (so nennen ihre Eltern das) war Maisie eine normale, glückliche Sechzehnjährige. Sie hatte einen Freund, der mit ihr zum Abschlussball gehen wollte, und eine beste Freundin. Sie war eine Einserschülerin und eine erfolgreiche Läuferin. Was davon ist jetzt noch geblieben?

Ich bin auf dieses Buch vor allem durch sein Cover aufmerksam geworden. Es ist so simpel und doch bezeichnend. Ein Mädchen ohne Gesicht und gleichzeitig ohne Identität. Was Maisie widerfährt, ist sicherlich für die wenigsten Leser nachvollziehbar. Und dennoch ist es der Autorin ganz ausgezeichnet gelungen, mich auf Maisies Suche nach sich selbst mitzunehmen. Sie schildert sehr glaubwürdig und authentisch Maisies Gefühle und Gedanken. Ja, manchmal verliert sich Maisie etwas zu sehr in ihrem Selbstmitleid. Ja, machmal ist sie unfair zu anderen. Aber wer kann es ihr verübeln?

Was ich an diesem Buch so mag, ist, dass tatsächlich Maisies eigene Geschichte im Vordergrund steht. Es geht zwar auch um ihre Beziehung zu ihrer besten Freundin, zu ihren Eltern und vor allem zu ihrem festen Freund, aber im Mittelpunkt steht doch immer sie selbst. So lesen wir keine rosarote Liebesgeschichte und kein Familiendrama, sondern es geht immer nur um die Frage: Wer ist die Maisie nach dem Unfall? Wer ist Maisie 2.0?

Ich mag Bücher, die beim Lesen etwas in mir bewegen. Die Gedanken in mir anstoßen und mich ein klein wenig verändern. So ein Buch ist „Faceless“ auf jeden Fall gewesen. Dazu noch einfühlsam erzählt und auf seine Art unterhaltsam. Von mir gibt es 9 von 10 Sternen!

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Faceless – Alyssa Sheinmel – Klappbroschur – 352 Seiten – 18,00 € – ISBN 978-3-446-25802-0  – erschienen: September 2017 (Hanser) – Übersetzung: Jessika Komina, Sandra Knuffinke

[Rezension] „Café Morelli“ von G. R. Gemin

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Vor wenigen Minuten habe ich die letzten Seiten von „Café Morelli“ gelesen – und zwar mit Tränen der Rührung in den Augen. Hinter diesem wunderschönen Cover verbirgt sich ein echtes Herzensbuch.

Das Café Morelli ist schon seit vielen Generationen in Joes Familie. Schon seit sein Urgroßvater vor Jahren aus Italien nach Wales gekommen ist, um dort Arbeit zu finden. Doch mittlerweile läuft das Café nicht mehr richtig. Und so überlegt Joes Mutter, das Café zu verkaufen. Doch Joe liebt das Café und lässt nichts unversucht, um das Erbe seiner Familie zu retten …

Ich kann gar nicht ganz in Worte fassen, was dieses Buch so wundervoll macht. Ich glaube, es ist die Hoffnung, die die Geschichte vermittelt. Du musst nur fest genug an etwas glauben, dann wird es dir auch gelingen. Es ist aber auch das Gefühl von einem schönen Miteinander, davon, dass man sich gegenseitig helfen muss, um wirklich glücklich zu sein. Es ist die Tatsache, dass in diesem Buch, die heutige Geschichte so gekonnt mit der Geschichte von Joes Urgroßvater verknüpft wird, der im zweiten Weltkrieg plötzlich inhaftiert wird, nur weil er Italiener ist. Und nicht zuletzt ist dieses Buch vermutlich so berührend, weil man das Herzblut spürt, das G. R. Gemin in die Geschichte gesteckt hat.

Herzensbücher bekommen selbstverständlich 10 von 10 Sternen!

stern 10

Café Morelli – G. R. Gemin – Hardcover mit SU – 272 Seiten – 17,50 € – ISBN: 978-3-551-56043-8 – erschienen: September 2017 (Königskinder) – Übersetzung: Gabriele Haefs

 

[Rezension] „Winger“ von Andrew Smith

9783551560278Ryan Dean West ist klug. So klug, dass er zwei Schuljahre überspringen konnte und nun jünger ist als alle seine Klassenkameraden. Das ist nicht gerade hilfreich, wenn man unsterblich verliebt ist, denn Annie, seine beste Freundin, sieht in Ryan Dean scheinbar nur für einen kleinen, süßen Jungen. Außerdem macht die Tatsache, dass er jünger und kleiner ist als alle aus seinem Jahrgang, es Winger – wie er aufgrund seiner Position im Rugby-Team genannt wird – auch nicht leichter, sich gegen seine Mitschüler durchzusetzen. Und einige von ihnen scheinen es ganz schön auf Winger abzugesehen zu haben.

Freundschaft, Liebe, Sex – Darum dreht es sich nicht nur in Ryan Deans Leben, sondern auch in diesem Buch. Sein Leben ist mal alltäglich, mal spektakulär. Mal läuft alles ganz wunderbar und dann steckt er wieder mittendrin in der Patsche.

Diese Höhen und Tiefen gibt es vermutlich in dem Leben eines jeden Jugendlichen. Man muss lernen, sich zu behaupten. Man verliebt sich und wird enttäuscht. Man muss herausfinden, wer seine wahren Freunde sind.

„Winger“ kommt mitten aus dem Leben. Und genauso ist es geschrieben. Die Sprache ist unmittelbar, eindringlich und manchmal ungewohnt derb. Voller Schimpfwörter, obwohl Ryan Dean im wahren Leben eigentlich nicht flucht. Das tut er nur, wenn er seine Geschichte aufschreibt. Und ich liebe es. 10 von 10 Sternen – mal wieder ein echtes Highlight!

stern 10

Winger – Andrew Smith – Hardcover – 464 Seiten – 19,99 € –  978-3-551-56027-8 – erschienen: September 2016 (Königskinder) – Übersetzung: Hans-Ullrich Möhring

 

[Rezension] „We could be heroes“ von Laura Kuhn

9783551316912Klappentext:

Der Umzug aufs Land kommt für Lou gerade recht. Denn seit sie ihre beste Freundin geküsst hat und von ihr zurückgewiesen wurde, weiß Lou gar nicht mehr, was los ist. Doch dann trifft sie in ihrer neuen Schule die schöne und geheimnisvolle Elia und es ist, als hätte ein Blitz in ihrem Leben eingeschlagen. Lou fällt es nicht leicht, mit ihren Gefühlen umzugehen, doch sie will zu ihnen stehen – egal, was passiert. (Quelle)

Meine Meinung:

Lou ist froh, als sie umziehen muss und einige Kilometer sie von ihrer besten Freundin in der alten Heimat trennen. Denn obwohl sie die furchtbar vermisst, kann sie ihr nur schwer in die Augen sehen. Warum? Lou empfindet mehr für Nathalie als nur Freundschaft. So viel mehr, dass sie sie neulich auf einer Party einfach geküsst hat.

Im neuen Haus auf dem Land meint Lou ihren Gefühlen erstmal aus dem Weg gehen zu können – bis sie plötzlich Elia an ihrer Schule sieht! Elia, die so wunderschön ist und Lou einfach nicht mehr aus dem Kopf geht.

„Was soll ich bloß tun? Seit Tagen und Wochen geht mir diese Frage nicht mehr aus dem Kopf. Es ist erstaunlich, dass sie da überhaupt noch ein bisschen Platz gefunden hat – neben Elias Lächeln, Elias Gesicht, Elias Stimme.“ (S. 121)

Lou muss nun an der neuen Schule nicht nur Freunde finden und herausfinden, ob und wie sie die Freundschaft zu ihrer besten Freundin Nathalie aufrecht erhalten möchte. Nun muss sie auch noch eine Möglichkeit finden, wie sie Elia näher kennenlernen kann. Und sie muss sich mit ihren eigenen Gefühlen auseinander setzen.

An manchen Stellen des Buches könnte man der Autorin sicherlich vorwerfen, dass sie etwas zu kitschig und gefühlsduselig geschrieben hat. Mich hat dies aber gar nicht gestört. Im Gegenteil: Während des Lesens war ich selbst auch sehr fasziniert von Elia – vielleicht sogar ein bisschen verliebt. Und trotzdem ist das Buch, zumindest in meinen Augen, keine klasse Liebesgeschichte, denn viel von der Handlung findet in Lous Innerem statt. Diese Entwicklung zu begleiten, hat mir wirklich viel Freude gemacht.

Die Geschichte, die sich zwischen den Buchdeckeln befindet, ist genauso schön wie das Cover: Man spürt Wärme, Lebensfreude und die Freiheit der Gefühle! 8 von 10 Sternen!

stern 8

We could be heroes – Laura Kuhn – Taschenbuch – 256 Seiten – 7,99 € – ISBN: 978-3-551-31691-2 – erschienen: März 2017 (Carlsen)

 

[Kurzer Leseeindruck] „Isla. Schwanenmädchen“ von Lucy Christopher

Isla SchwanenmädchenKlappentext:

Jedes Jahr warten wir auf sie. Sie kommen, wenn es kalt wird. Papa sagt, sie kündigen Wundervolles an. Wir stehen ganz früh auf und beobachten, wie sie über dem See kreisen, im Wasser landen und dann weiterziehen. Sie sind so schön und stolz – und auch ein bisschen unheimlich. Aber in diesem Jahr ist gar nichts wundervoll. Papa muss ins Krankenhaus, weil er was Schlimmes am Herzen hat. Und ein einzelner Schwan bleibt einfach auf dem See zurück, ganz allein. Irgendwas stimmt nicht mit ihm, so wie bei Papa. Wenn ich es schaffe, dass der Schwan wieder fliegt und seine Familie findet, vielleicht wird Papa dann ja wieder gesund. (Quelle)

Mein Eindruck:

Lucy Christopher konnte mich bisher mit und „Stolen“ und „Kiss me, kill me“ voll und ganz überzeugen. Während sich diese beiden Bücher eher an ältere Jugendliche richten, ist „Isla. Schwanenmädchen“ sicherlich vor allem etwas für Leser im Alter von 11-14 Jahre. Die Geschichte, die Lucy Christopher hier erzählt, ist so vieles: Traurig und mutmachend. Sanft und aufregend. Und vor allem: magisch! Ich mag ihren einnehmenden Schreibstil. Beim Lesen fühle ich mich immer so, als stände ich unmittelbar neben der Hauptperson und würde das selbe fühlen, sehen und riechen wie sie. Von mir eine absolute Leseempfehlung!

stern 9

Das Buch ist aktuell nur gebraucht zu erstehen.

Isla. Schwanenmädchen – Lucy Christopher – Hardcover – 336 Seiten – 12,95 € – ISBN: 9783551520173 – erschienen: August 2011 (Carlsen)

[Rezension] „Daniel is different“ von Wesley King

„Es war an einem Dienstag, als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich verrückt war. Na ja, die Vermutung war mir schon früher gekommen, war ja unvermeidlich, aber ich hatte gehofft, es wäre nur eine Phase, so wie damals mit drei, als ich ein Feuerwehrauto sein wollte.“ (S. 5)

Ja, Daniel ist wirklich anders. Er hasst es, Football zu spielen. Viel lieber sitzt er auf der Reservebank und arrangiert die Getränke für seine Teamkollegen in akkuraten geometrischen Mustern. Daniel hat eigentlich nur einen besten Freund, im Kontakt mit anderen Mitschülern ist er sehr unsicher. Obwohl Daniel hochbegabt ist, ist der Matheunterricht für ihn der pure Stress. Denn die meisten Zahlen sind in seinen Augen schlechte Zahlen. Sie führen dazu, dass er das Gefühl bekommt, sterben zu müssen. Die Neun ist übrigens die schlimmste Zahl.

Schnell wird dem Leser das klar, was Daniel noch nicht weiß: Er leidet an einer Zwangsstörung. Jeden Abend muss Daniel ein gewisses Programm ausführen, bis er einschlafen kann. Dies kann manchmal mehrere Stunden Zeit in Anspruch nehmen und auch dann weint er sich häufig in den Schlaf. Doch mit einem einzigen, unerwarteten „Hallo“ beginnt sich seine Welt zu verändern.

Die Geschichte um Daniel ist unglaublich berührend und schön. Aber auch unglaublich traurig. Denn das Nachwort des Autors macht deutlich: Dies ist nicht einfach nur eine Geschichte. Für viele Menschen ist das, was Daniel Tag für Tag mitmachen muss, Realität:

„Der Daniel dieser Geschichte ist in vieler Hinsicht ein recht exaktes Abbild von mir selbst, als ich in diesem Alter war. Auch ich habe bis zu fünf Stunden jede Nacht gebraucht, um ins Bett zu gehen. […] Mehrmals am Tag hatte ich das Gefühl zu sterben – was, wie ich später erfuhr, durch die Angstzustände und Panikattacken ausgelöst wurde – und ich begann mit ritualisierten Zwangshandlungen, um mit der grauenvollen Angst klarzukommen.“ (S. 301)

Und trotzdem macht dieses Buch Hoffnung. Es sagt: Du bist nicht allein. Ja, du bist anders, aber das bedeutet auch, dass du einzigartig bist. Es erzählt nicht nur die Geschichte einer Freundschaft und einer ersten, zarten Liebe. Es macht auch Mut, zu sich selbst zu stehen. 9 von 10 Sternen!

stern 9

Daniel is different – Wesley King – Hardcover – 304 Seiten – 17,00 € – ISBN 978-3-7348-4710-3 – erschienen: Januar 2017 (Magellan) – Übersetzung: Claudia Max

[Rezension] „Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt“ von Nicola Yoon

Klappentext:

Wenn ihr Leben ein Buch wäre, sagt Madeline, würde sich beim Rückwärtslesen nichts ändern: Heute ist genau wie gestern und morgen wird sein wie heute. Denn Madeline hat einen seltenen Immundefekt und ihr Leben lang nicht das Haus verlassen. Doch dann zieht nebenan der gut aussehende Olly ein – und Madeline weiß, sie will alles, das ganze große, echte, lebendige Leben! Und sie ist bereit, dafür alles zu riskieren. (Quelle)

Meine Meinung:

„Wenn mein Leben ein Buch wäre, würde sich beim Rückwärtslesen nichts ändern. Heute ist genauso wie gestern. Morgen wird genauso sein wie heute. Im Buch von Maddy sind alle Kapitel gleich.“ (S. 178)

Madeline ist krank. Sie leidet an einem Immundefekt und darf deswegen das Haus nicht verlassen. Die meiste Zeit geht es ihr aber gut: Sie liebt ihre Mutter und Carla, ihre Krankenpflegerin. Sie liest unheimlich gerne und arbeitet mit Eifer an ihren Onlinekursen.
Doch dann zieht Olly gegenüber ein. Olly, der einfach so die Wand hochklettert. Olly, der immer schwarz trägt. Olly, der plötzlich vom gegenüberliegenden Zimmer mit ihr zu kommunizieren beginnt. Olly mit den meeresblauen Augen.

„Kribbeln meine Fingerspitzen? Tun sie das sonst auch? Wieso bin ich so atemlos? Wie viele Saltos kann ein Magen machen, bevor er sich hoffnungslos verknotet?“ (S. 93)

Anfangs wehrt sich Madeline noch gegen ihre Gefühle, denn sie hat Angst, sich zu verlieben. Hat Angst, verletzt zu werden. Doch genauso wie der Leser ahnt auch Maddy, dass sie sich nicht lange schützen kann. Denn jeder von uns würde sich in Olly verlieben. Wie sich die Beziehung der beiden entwickelt, hat mir wirklich gut gefallen. Selten habe ich so viele Zitate aus einem Buch geschrieben, wie aus diesem hier. Die Liebe zwischen den beiden hat etwas sehr Anrührendes und Zartes.

„Ich war glücklich, bevor ich ihm begegnet bin. Aber jetzt bin ich lebendig und das ist etwas ganz anderes.“ (S. 199)

Bis kurz vor Schluss war ich also wirklich verliebt. Nicht nur in Olly, sondern in die ganze Geschichte. In das Buch. In die Worte.

Aber – ja, es muss leider ein Aber folgen – der Schluss hat mir das Buch leider ein wenig kaputt gemacht. Die Autorin macht es sich mit dem Ende ziemlich leicht, finde ich. Außerdem gibt es eine interessante Nebenhandlung, die Olly betrifft, doch an dieser Stelle bleibt Nicola Yoon viel zu oberflächlich. Es scheint so, als wollte sie Olly etwas Tiefgang verleihen, indem auch er seine eigene Geschichte bekommt. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass diese dann auch mehr Raum bekommt.

„Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt“ konnte mich in vielen Aspekten überzeugen. Ich mochte Maddy und Olly. Die Liebesgeschichte, die sich langsam und vorsichtig zwischen den beiden entspannt, konnte mich sehr berühren, was vor allem daran lag, dass die Autorin sie wundervoll bildhaft beschrieben hat. Doch das Ende und auch die Geschichte um Olly und seine Familie haben mich nicht wirklich zufriedengestellt. Deswegen vergebe ich trotz großer Begeisterung über weite Teile des Buches hinweg nur 7 von 10 Sternen.

stern 7

„Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt“ war 2016 für den DJLP nominiert.

Du neben mir und zwischen uns die ganze Welt – Nicola Yoon – Hardcover – 336 Seiten – 16,99 € – ISBN-13: 978-3-7915-2540-2 – erschienen: September 2015 (Dressler) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Heute sind wir Freunde“ von Patrycja Spychalski

Klappentext:

Nell, Leo, Chris, Anton und Valeska sind so verschieden wie Tag und Nacht. Da werden sie versehentlich in der Schule eingesperrt. Gar nicht so schlimm denkt sich Nell, ist sie doch schon lange in Leo verknallt. Super, findet Chris, ist er doch schon ewig in Nell verknallt. Kein Bock hier den Aufpasser zu spielen, denkt sich Streber Anton. Die haben doch keine Ahnung, wer ich wirklich bin, denkt sich Schulschönheit Valeska. Und Leo? Der ist einfach zu cool für diese Welt. Oder doch nicht? Am nächsten Morgen ist nicht nur ein Liebespaar aus der Nacht hervorgegangen, sondern auch fünf Freunde, die es gestern noch nicht waren, aber heute sind … und es vielleicht sogar bleiben. (Quelle)

Meine Meinung:

Fünf Jugendliche, die sich alle eigentlich gar nicht wirklich kennen, die alle sehr verschieden sind, müssen aufgrund eines Unwetters zusammen eine Nacht in der Schule verbringen. Das Szenario an sich bietet schon sehr viel Potential für gute Unterhaltung. Die Charakterkonzeption von Patrycja Spychalski tut dann ihr übriges: Nell, Leo, Chris, Anton und Valeska sind alle so liebevoll und feinsinnig gezeichnet, dass man am Ende das Gefühl hat, selbst ein Teil der Gruppe zu sein und fünf neue Freunde gewonnen zu haben.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht der einzelnen Jugendlichen erzählt. Jeder kommt zu Wort. Das sorgt dafür, dass man als Leser nach und nach alle besser kennenlernt, ihre Beweggründe erfährt und auch hinter so manche Fassade gucken kann. Insbesondere Valeska versteckt sich hinter einer Maske. Nach außen hin ist sie die fleißige, brave, aber bei allen beliebte Schülerin, die zu jeder Party eingeladen wird. In ihr drinnen sieht es aber ganz anders aus:

„Stattdessen lächele ich brav, betreibe Konersation, erzähle von meinen tausend Freizeitaktivitäten und fühle mich innerlich leer. Ich gebe niemandem die Schuld daran. Höchstens der Maske, die ich täglich aufsetze, und daran bin ich alleine schuld. Ich weiß trotzdem nicht, was ich anders machen könnte, um die Leute, die mir gegenüberstehen und genauso brav lächeln wie ich, darauf zu bringen, dass es in mir drin ganz anders aussieht.“ (S. 42)

Doch nach und nach lassen die einzelnen Figuren nicht nur dem Leser, sondern auch den anderen Charakteren gegenüber ihre Masken fallen. Sie werden so sehr viel verletzlicher – aber auch liebenswert. Und am Ende lautet das Fazit: Heute sind wir Freunde!

„Heute sind wir Freunde“ ist ein neues Herzensbuch von mir. Die Autorin hat wundervolle Charaktere geschaffen, mit denen man gerne eine Nacht eingeschlossen in einer Schule verbringt. 10 von 10 Sternen!

stern 10

Heute sind wir Freunde – Patrycja Spychalski – Klappbroschur – 320 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-570-16410-5  – erschienen: März 2016 (cbt) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Nur ein Tag“ & „Und ein ganzes Jahr“ von Gayle Forman

Inhalt:

„‚Ja, ich bin hier‘, wiederhole ich. Und das bin ich. Hier. Auf dem Weg nach Paris. Mit ihm.“ (Nur ein Tag, S. 53)

Allyson ist bisher in ihrem Leben immer die Brave gewesen, hat immer das getan, was ihre Eltern für sie geplant haben. Sie geht einen vorgegebenen Weg, wird nach der Europareise mit dem Medizinstudium beginnen. Doch dann begegnet sie in Europa Willem, dem gutaussehenden Schauspieler, der sie für einen Tag mitnimmt nach Paris. Für ihn ist sie Lulu – ein verrücktes Mädchen, das einfach mit einem Fremden in die Stadt der Liebe fährt und dort Dinge tut, die sie vorher nie für möglich gehalten hätte. Ein Tag in Paris. Ein Tag, der das Leben der beiden von Grund auf verändern wird.

Meine Meinung:

Die beiden Bücher zu rezensieren, ist schwer. Und zwar aus dem einzigen Grund, dass ich nichts Inhaltliches verraten möchte. Die Geschichte aus „Nur ein Tag“ gehört mehr Allyson, wohingegen „Und ein ganzes Jahr“ vor allem Willem gehört.

Das macht vielleicht schon deutlich, dass diese Romanzweiteiler zwar durchaus eine Liebesgeschichte ist, sich aber eigentlich hauptsächlich mit der Entwicklung der beiden Hauptfiguren beschäftigt. Sowohl Allyson als auch Willem sind eigentlich mit ihrem Leben nicht wirklich zufrieden. Allyson merkt dies relativ schnell, während Willem für diese Erkenntnis mehr Zeit braucht. Beide suchen sie nach der großen Liebe – aber vor allem nach sich selbst.

Nur einen Tag verbringen Allyson und Willem zusammen in Paris und als Leser wünscht man sich für die beiden, dass dieser Tag nie enden wird. Ich habe so gerne miterlebt, wie Allyson als Lulu plötzlich eine ganz andere wird, fröhlich, mutig und glücklich.

„Wieder lacht Willem, und sein Lachen klingt voll und klar wie eine Glocke und erfüllt mich mit Freude, und es ist, als würde ich zum ersten Mal im Leben erkennen, dass dies der Sinn des Lachens ist. nämlich Freude zu verbreiten.“ (Nur ein Tag, S. 101)

Schon die ersten Duologie („Wenn ich bleibe“ und „Lovesong“) von Gayle Forman war toll und ein besonderer Lesegenuss. Auch hier hat die Autorin den Leser mit auf eine Reise genommen, die er so teilweise nicht erwartet hat. In ihren Büchern ist nicht alles rosarot, man bekommt die große Liebe nicht einfach auf dem Silbertabelett serviert, sondern muss wie ihre Protagonisten darum kämpfen – Seite um Seite auf der Suche nach der eigenen Identität.

„Manchmal lässt das Schicksal, das Leben oder wie immer du es nennen willst, eine Tür einen Spalt offen, und du gehst hindurch. Aber manchmal schließt es die Tür, und du musst den Schlüssel suchen, das Schloss aufbrechen oder das verdammte Ding eintreten. Und manchmal zeigt es dir nicht mal die Tür, und du musst dir selbst eine bauen.“ (Und ein ganzes Jahr, S. 159)

„Nur ein Tag“ und „Und ein ganzes Jahr“ hat mich positiv überrascht. Ich hatte schon hohe Erwartungen an die beiden Bücher und doch wurden diese noch übertroffen. Wer eine reine Liebesgeschichte erwartet, ist vielleicht nach dem Lesen enttäuscht. Ich allerdings hatte das Gefühl, dass ich so viel mehr bekommen habe als das. Ich habe Allyson und Willem bekommen – zusammen und einzeln; in all ihren Facetten. 10 von 10 Sternen!

stern 10

Nur ein Tag – Gayle Forman – Klappbroschur – 432 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-8414-2106-7 – erschienen: März 2016 (Fischer) – Übersetzung: Stefanie Schäfer

Und ein ganzes Jahr – Gayle Forman – Klappbroschur – 368 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-8414-2107-4 – erschienen: März 2016 (Fischer) – Übersetzung: Stefanie Schäfer