[Kurzer Leseeindruck] „Hollys Weihnachtszauber“ von Trisha Ashley

Klappentext:

Zur Weihnachtszeit zieht sich die junge Witwe Holly Brown am liebsten zurück. So kommt es der begabten Köchin gerade recht, als sie gebeten wird, auf ein Herrenhaus in einem winzigen Dorf in Lancashire aufzupassen. Dort gilt es nicht nur das imposante Anwesen zu hüten, sondern auch noch ein in die Jahre gekommenes Pferd, eine Ziege und einen altersschwachen Hund. Doch dann kehrt der attraktive aber abweisende Hausherr Jude Martland überraschend nach Hause zurück. Als dann auch noch das Dorf durch einen Schneesturm von der Außenwelt abgeschnitten wird, müssen Holly und Jude wohl oder übel Weihnachten miteinander verbringen … (Quelle)

Mein Eindruck:

Wenn ich wollte, könnte ich an diesem Buch ganz viel Kritik üben, könnte mich über die Vorhersehbarkeit und die teilweise sehr gestelzte Sprache der Figuren. Man darf von „Hollys Weihnachtszauber“ keinen hohen literarischen Anspruch und keine komplexe, überraschende Handlung erwarten. Auf keinen Fall! Aber das habe ich auch nicht. Ich wollte von dem Buch unterhalten und in Weihnachtsstimmung versetzt werden. Ich wollte in eine verschneite, kitschige Liebesgeschichte abtauchen und den Duft von frischem Gebäck und Zimt in der Nase haben. Ich wollte gedanklich schon die Weihnachtsdekoration vor mir sehen und das Knistern des Kaminfeuers hören. Und ich habe genau das bekommen, was ich wollte! 7 von 10 Sternen!

stern 7

Hollys Weihnachtszauber – Trisha Ashley – Taschenbuch – 512 Seiten – 8,99 € – ISBN: 978-3-442-48021-0 – erschienen: November 2013 (Goldmann) – Übersetzung: Elisabeth Spang

[Rezension] „Das Jahr, in dem ich dich traf“ von Cecelia Ahern

Klappentext:

Jasmine liebt ihre Schwester und ihre Arbeit. Als sie für ein ganzes Jahr freigestellt wird, weiß sie überhaupt nicht mehr, was sie tun soll – und wer sie eigentlich ist.
Matt braucht seine Familie und den Alkohol. Ohne sie steht er vor dem Abgrund.
Jasmine und Matt sind Nachbarn, doch sie haben noch nie miteinander gesprochen. Da Jasmine so viel freie Zeit zu Hause hat, beginnt sie, Matt zu beobachten. Sie macht sich ihre Gedanken über ihn und fängt in ihrem Kopf Gespräche mit ihm an. Nur in echt will sie mit diesem Kerl nichts zu tun haben – dafür hat sie ihre eigenen, guten Gründe.
Doch dann beginnt ein Jahr voll heller Mondnächte, langer Gartentage und berührender Überraschungen – ein Jahr, das alles verändert. (Quelle)

Meine Meinung:

„So gewöhnte ich mir an, immer in Bewegung zu bleiben, Dinge ins Rollen zu bringen. Ich arbeitete in einem Rhythmus, der mich selbst oft so atemlos machte, dass ich kaum einen Augenblick fand, mich zu besinnen, zu mir zurückzufinden.“ (S. 16)

Seit Jasmine mit fünf Jahren erfahren hat, dass auch sie irgendwann sterben wird, will sie jede Minute ihres Lebens unbedingt richtig ausnutzen. Das klingt grundsätzlich erstmal gut, bdeutet für Jasmine aber, dass sie unglaublich viel arbeitet, kaum Zeit für sich hat und eigentlich nie zum Stillstand kommt.

Als sie von ihrem Geschäftspartner auf ein Mal für ein Jahr freigestellt wird, hat sie plötzlich sehr viel Zeit; Zeit, mit der sie gar nichts anzufangen weiß. Und so beginnt sie nicht nur ihren bis dahin zugepflasterten Garten umzugestalten, sondern auch ihren Nachbarn Matt zu beobachten, der oft abends volltrunken nach Hause kommt, um dann dort laut an der Tür Einlass zu fordern. Eher unfreiwillig kommen die beiden sich näher.
In dem Jahr der Freistellung muss Jasmine unheimlich viel lernen: über ihr Verhältnis zu ihrer großen Schwester, die Down-Syndrom hat, über ihre Nachbarn und nicht zuletzt über sich selbst…

Dieses Buch lag einige Monate ungelesen bei mir zu Hause. Irgendwie gab es immer Bücher, die verlockender waren. Dann unterhielt ich mich mit einer Freundin über Cecelina Ahern und wir erinnerten uns an das, was ich auch kurz nach dem Beginn von „Das Jahr, in dem ich dich traf“ feststellen würde: Cecelia Ahern schreibt einfach wundervolle Geschichten, die den Leser komplett einnehmen und mitreißen. Bewundernswert finde ich, dass sie genau die richtige Mischung zwischen Ernsthaftigkeit, Humor, Romantik und Weisheit findet, ohne dabei schnulzig oder kitschig zu schreiben.

An diesem Buch haben mich vor allem die Charaktere fasziniert: Matt ist eigentlich ein Anti-Held und in vielen Situationen wirkt er eher unsympathisch. Und trotzdem hat man ihn irgendwann gerne und kann sich gar nicht erklären, woran das eigentlich liegt. So geht es Jasmine übrigens auch. Die zweite Person, die mich unheimlich beeindruckt hat, ist dennoch nicht Jasmine, sondern ihre große Schwester Heather, eine junge Frau mit Down-Sydrom. Heather ist ein wundervoller, starker und kluger Charakter, der mich ein Mal sogar zum Weinen gebracht hat.

„Das Jahr, in dem ich dich traf“ ist ein wundervolles Buch, klug und wichtig. Es macht dem Leser bewusst, wie wichtig es gerade in der heutigen Gesellschaft ist, zu entschleunigen und durchzuatmen, bewusst auf seine Mitmenschen und vor allem auf sich selbst zu achten. Die Geschichte überzeugt durch einen für Ahern typischen grandiosen Schreibstil und durch tolle Charaktere. 8 von 10 Sternen.

stern 8

Das Jahr, in dem ich dich traf – Cecelia Ahern – Klappbroschur – 384 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-8105-0153-0 – erschienen: Februar 2015 (Krüger Verlag)

[Rezension] „Der große Trip: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst“ von Cheryl Strayed

Klappentext:

„Die Frau mit dem Loch im Herzen, das war ich.“ Gerade 26 geworden, hat Cheryl Strayed das Gefühl, alles verloren zu haben. Und so trifft sie die folgenreichste Entscheidung ihres Lebens: die mehr als tausend Meilen des Pacific Crest Trail zu wandern, durch die Wüsten Kaliforniens, über die eisigen Höhen der Sierra Nevada, durch die Wälder Oregons bis zur „Brücke der Götter“ im Bundesstaat Washington – allein, ohne Erfahrungen und mit einem Rucksack auf dem Rücken, den sie „Monster“ nennt. Diese Reise führt Cheryl Strayed bis an ihre Grenzen und darüber hinaus … (Quelle)

Meine Meinung:

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter läuft in Cheryls Leben eigentlich alles schief, was schieflaufen kann: Sie betrügt ihren Mann, den sie eigentlich sehr liebt. Sie beginnt, Drogen zu nehmen. Und die Familie (ihre Geschwister und ihren Stiefvater) kann sie auch nicht zusammenhalten.

Vier Jahre nach dem Tod ihrer Mutter trifft Cheryl eine Entscheidung, die ihr Leben verändern soll: Sie macht sich auf den Weg, um große Teile des Pacific Crest Trail (PCT) zu wandern. Wie hart und schwer diese Wanderung sein wird, war ihr voher nicht klar. Was vermutlich gut ist, denn ob sie diese Wanderung dann trotzdem gemacht hätte, ist unklar.

„Ich blickte nach Süden, wo ich herkam, in das wilde Land, das mich vieles gelehrt und mich demütig gemacht hatte, und erwog meine Möglichkeiten. Mir war klar, dass es nur eine gab. Es gab immer nur eine.
Weitergehen.“ (S. 15)

Ich habe selbst vor einigen Jahrten das Wandern für mich entdeckt und festgestellt, wie sehr man dabei zu sich selbst findet, Dinge verarbeiten und Stress abbauen kann. Umso spannender liest sich das Buch für mich, weil ich die Erfahrungen, die Cheryl Strayed gemacht hat, im Kleinen (meine bisher längste Wanderung war 19 Kilometer lang) nachvollziehen kann.

Cheryl erzählt ihre Geschichte abwechselnd: Mal gibt es Rückblenden in ihre Vergangenheit (die Kindheit, so wie die Zeit nach dem Tod ihrer Mutter), dann wieder berichtet sie von ihrer Wanderung auf dem PCT, von den vielen Hürden, den schönen und bewegenden Momenten und vor allem von den Begegnungen mit anderen Wanderern. Ich habe gebannt jedes Wort aufgesogen, mitgefiebert, mitgelitten und habe jetzt ein kleines bisschen Sehnsucht, nach einer längeren Wanderung – nur ganz so anspruchsvoll muss sie nicht sein.

„Der große Trip: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst“ ist im wahrsten Sinne ein bewegendes Buch: Mit jedem Schritt verarbeitet die Autorin ein Stückchen ihrer Vergangenheit. Und mit jedem Satz taucht der Leser in das Leben von Cheryl Strayed ein, teilt ihre Schmerzen, ihren Galgenhumor und ihre Erfahrungen – und wird dabei innerlich auch ein bisschen bewegt. Volle Punktzahl!

stern 10

Der große Trip: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst – Cheryl Strayed – Klappbroschur – 448 Seiten – 9,99 € – ISBN: 978-3-442-15812-6 – erschienen: April 2014 (Goldmann)

[Rezension] „Lieber jetzt als irgendwann“ von Lauren Graham

Klappentext:

Franny Banks ist zwar ein bisschen chaotisch, aber vor allem witzig, charmant und klug – eigentlich müsste sie alle ihre Ziele erreichen können:

– Schauspielerin werden
– den Durchbruch schaffen
– Mann fürs Leben finden

Für den Notfall hat sie trotzdem einen Plan B:

– langjährigen Freund Clark heiraten
– Englisch-Lehrerin werden
– in einen Vorort ziehen

Doch ihr „Ultimatum zur Traumverwirklichung“ von drei Jahren läuft bald ab. Als sich herausstellt, dass sogar Plan B geplatzt ist, lautet Frannys Motto deshalb: Lieber jetzt als irgendwann. (Quelle)

Meine Meinung:

Lauren Graham dürfte den meisten von uns vor allem durch die Serie „Gilmore Girls“ bekannt sein, in der sie die ewig quasselnde, kaffeesüchtige und liebenswerte Lorelai spielt. Nun hat Lauren Graham also ein Buch geschrieben und wäre es mir nicht vom Verlag aus ans Herz gelegt worden, hätte ich es sicherlich nicht gelesen, denn ich bin immer etwas skeptisch, wenn sich Schauspieler plötzlich auch als Autoren verdingen. Ich kann schon mal vorweg nehmen, dass ich froh bin, dieses Buch doch gelesen zu haben.

Auf der Rückseite des Buches kann man folgendes Zitat lesen: „Lauren Graham, bekannt aus „Gilmore Girls“ erzählt eine Geschichte, die ihre eigene sein könnte.“ Ich weiß nicht viel über den Menschen Lauren Graham, aber ich hatte ein wenig Angst, dass das Buch quasi ein Abklatsch ihrer Lorelai-Rolle werden würde. Dem ist zum Glück nicht so.

Die Hauptperson Franny Banks ist eher etwas schüchtern, ist weit von der Hosengröße 27, die ihr im Laufe der Geschichte ans Herz gelegt wird, entfernt und hat einen Plan: Sie hat sich ein Ultimatum von drei Jahren gesetzt, um ihren Traum, Schauspielerin zu werden, den Durchbruch zu schaffen und den Mann fürs Leben zu finden, umzusetzen. Wir steigen in Frannys Geschichte ein, als ihr Ultimatum ihr nur noch ein halbes Jahr lang andauert.

„Mein Herz macht einen Sprung, als ich meinen Namen bei „Besetzung“ an erster Stelle sehe. Unter „Figur“ steht „Ehefrau“. Bei dem anderen Werbespot war ich nur „Pullovermädchen Nr. 3″. Ich träume schon von dem Tag, an dem ich jemanden mit einem richtigen Namen spiele.“ (S. 111)

Die Story, die erzählt wird, ist absolut nicht neu. Ich glaube, beinahe jedes Detail kennt man schon aus einem anderen Buch oder Film. Und trotzdem war es schön, die Geschichte zu lesen, denn Franny ist einfach sehr sympathisch, obwohl man sie als Leser das ein oder andere Mal schütteln und wach rütteln möchte. Lauren Graham schreibt wirklich unterhaltsam und erinnert dabei ansatzweise (nur ansatzweise) an Marian Keyes.

Besonders gefallen hat mir, dass die Geschichte teilweise auch in Form von Filofax-Kalenderseiten erzählt wird. Vor jedem Kapitel gibt es eine Wochenübersicht aus Frannys Kalender, auf der sie notiert hat, welche Termine sie hat, wie viele Kilometer sie gelaufen ist, was sie anhatte usw. Wochen, in denen nichts Besonderes passiert, bekommen dann nur so eine Filofax-Doppelseiten und werden in der Geschichte nicht mehr groß erwähnt. Eine wirklich nette Idee.

„Lieber jetzt als irgendwann“ erzählt eine Geschichte, die man definitiv schon kennt: Junges Mädchen möchte in der Großstadt den Durchbruch als Schauspielerin schaffen und sucht nebenbei nach der großen Liebe! Und trotzdem ist dieses Buch lesenswert, denn Franny Banks ist eine sehr sympathische Hauptperson, die Idee mit den Filofax-Kalenderseiten hat mich begeistert: Und seien wir mal ehrlich: Ab und an tauchen wir doch alle gerne mal in so einen typischen Frauenroman ab! 7 von 10 Sternen!

stern 7

Lieber jetzt als irgendwann – Lauren Graham – Taschenbuch – 432 Seiten – 9,99 € – ISBN 978-3-596-19844-3 – erschienen: Januar 2015 (Fischer)

[Rezension] „Tigermilch“ von Stefanie de Valesco

TigermilchKlappentext:

Nini und Jameelah leben in derselben Siedlung, sie sind unzertrennlich und mit ihren vierzehn Jahren eigentlich erwachsen, finden sie. Deswegen kaufen sie sich Ringelstrümpfe, die sie bis zu den Oberschenkeln hochziehen, wenn sie ganz cool und pomade auf die Kurfürsten gehen, um für das Projekt Entjungferung zu üben.
Sie mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft auf der Schultoilette. Sie nennen das Tigermilch und streifen durch den Sommer, der ihr letzter gemeinsamer sein könnte […] (Quelle)

Meine Meinung:

„Manchmal weint Mama,wenn ich ihr die Haare kämme, aber ich tue so, als ob ich das nicht merke, ich glaube, das ist besser so. Jameelahs Mutter sagt, einen Schlafenden kann man aufwecken, aber jemanden, der nur so tut, als ob er schläft, den kriegt man niemals wach.“ (S. 37)

„Tigermilch“ ist kein leichtes Buch: sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Schon auf den ersten Seiten erfährt man, dass Nini und Jameelah mit ihren vierzehn Jahren einiges tun, was nicht gut für sie ist: Sie trinken regelmäßig ihre Tigermilch, rauchen und  lassen sich von fremden Männern mit aufs Hotelzimmer nehmen. Auch der weitere Verlauf des Buches erzählt keine schöne Geschichte: Nini hat keine sorgende und liebevolle Familie hinter sich, stattdessen eine Mutter, die den ganzen Tag auf dem Sofa liegt und vor sich hinvegetiert. Jameelah und ihrer Mutter droht die Abschiebung: ein Problem, das Nini gar nicht so ganz greifen kann. Und dann passiert etwas Schreckliches in der Siedlung…

Ich finde den Roman insofern sprachlich schwierig, als dass die wörtliche Rede gar nicht gekennzeichnet ist. Es gibt keine Anführungszeichen oder ähnliches, die gesprochenen Sätze gehen direkt in die Ich-Erzählung von Nini über. Man gewöhnt sich zwar mit der Zeit daran, trotzdem frage ich mich aber, warum Stefanie de Valesco das so gemacht hat. Meine einzige Erklärung bisher: Das Lesen soll für mich nicht leicht sein, denn das Leben ist es für Nini und Jameelah ja auch nicht.

„Tigermilch“ zu lesen, war für mich nicht leicht. Das Thema ist nicht einfach, lässt einen auch nach dem Lesen nicht so leicht los und schockiert. Den Schreibstil fand ich anfangs sehr anstrengend, zum Ende hin hatte ich mich daran gewöhnt. Die besprochenen Themen sind sicherlich wichtig und realitätsnah, in ihrer Anhäufung erschienen sie mir aber etwas übertrieben. Insgesamt vergebe ich deswegen gute 6 von 10 Sternen!

stern 6

„Tigermilch“ war 2014 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Tigermilch – Stefanie de Valesco – Hardcover mit SU – 288 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-462-04573-4 – erschienen: August 2013 (KiWi)

[Rezension] „Geschenkt“ von Daniel Glattauer

GeschenktInhalt:

Gerold Plasseks Leben beginnt sich ab dem Zeitpunkt langsam zu verändern, als er seinen Sohn Manuel kennenlernt. Manuel ist zu dem Zeitpunkt schon 14 Jahre alt und weiß im Gegensatz zu Gerold gar nichts über ihre besondere Verbindung. Für ihn ist Gerold nur ein alter Freund seiner Mutter, der als Jornalist für eine Gratiszeitung arbeitet, zu viel Akohol trinkt, sich schlecht kleidet und bei dem er jeden Nachmittag im Büro sitzen muss, um seine Hausaufgaben zu machen, da seine Mutter für längere Zeit in Afrika lebt und seine Nachmittagsbetreuung nicht geregelt ist.
Gerold schreibt solide, kurze Sozialartikel und doch wird er damit im Laufe der Geschichte richtig berühmt werden. Denn nachdem er einen Artikel über ein Obdachlosenheim, dem die Schließung droht, geschrieben hat, geht dort eine anonyme Spende ein: 10.000 € in einem Briefumschlag – beigelegt ist der von Gerold geschriebene Artikel. Doch das ist erst der Anfang…

Meine Meinung:

Endlich! Endlich hat er es geschafft! Geschafft aus dem Schatten seines erfolgreichen Emailromans „Gut gegen Nordwind“ zu treten und ein neues, eigenständiges und vor allem ganz anderes Buch zu schreiben. Hätte ich den Autor während des Lesens nicht gekannt, hätte ich eher auf Jonathan Tropper, den ich von „Sieben verdammt lange Tage“ kenne, als auf Daniel Glattauer getippt.

Das liegt zum einen an dem herrlichen unperfekten und selbstironischen Ich-Erzähler Gerold, zum anderen an dessen schnodderigen Erzählweise, die mich oft zum Schunzeln und einige Male sogar zum lauten Lachen gebracht hat.

Wie oben schon angedeutet, soll die erste Spende nicht die letzte bleiben, sondern viel mehr den Auftakt zu einer Reihe anonymen Spenden sein. Dieser Teil der Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit (Wie schön, dass es sowas auch im wahren Leben gegeben hat!) und wurde als „Wunder von Braunschweig“ bekannt. Daniel Glattauer erfuhr während einer Lesereise von dieser Spendenserie, unterhielt sich mit mehreren Leuten und fand schließlich, dass dies doch perfekter Stoff für einen Roman sei:

„»Geheimnisse des Bösen« lauern ja quasi an jeder (dunklen) Ecke, das gesamte Genre der Kriminalliteratur lebt davon. Wer aber tut Gutes und hüllt sich darüber in Schweigen? Was gibt es für Gründe, sich hinter seinen Guttaten zu verbergen? Und, eine weitere interessante Frage: Wie geht es wohl jenen Journalisten, die mit ihren Artikeln über sozial Schwache das Herz des Wohltäters erweichen konnten und den Geldsegen regelmäßig auslösten?“ (Daniel Glattauer in einem Brief an seine Leser)

Viel mehr möchte ich zu diesem Roman auch gar nicht sagen, sondern nur jedem nahe legen, ihn selbst zu lesen, denn er ist spannend (Wer ist denn nun der anonyme Spender?), herzerwärmend und lustig zugleich! Eine tolle Mischung, die es selbst in einer sehr stressigen Zeit geschafft hat, mich von der Arbeit abzuhalten und an die Seiten zu fesseln! Chapeau, Herr Glattauer!

stern 10

Geschenkt – Daniel Glattauer – Hardcover – 336 Seiten – 19,90 € – ISBN 978-3-552-06257-3 – erschienen: August 2014 (Deuticke)

[Rezension] „Als gestern noch morgen war“ von Claire Dyer

Als gestern noch morgen warKlappentext:

Paddington Station, 9:00 Uhr morgens. Im Gedränge der Reisenden steht die Zeit für zwei Menschen plötzlich still: Fern und Elliott, einst Liebende, doch seit fünfundzwanzig Jahren getrennt. Nie hätten sie erwartet, sich wiederzusehen, nie hätten sie erwartet, dass es sie so berühren würde. Obwohl ihr Leben weiterging, sie heirateten und Kinder bekamen, hörte keiner der beiden auf, den Tag zu bereuen, der sie auseinanderbrachte. Sie verabreden sich für den Abend, wenn der Rückweg sie wieder zum Bahnhof führt. Es wird der Moment sein, in dem sie ihr Morgen wieder in der Hand haben. (Quelle)

Meine Meinung:

„Manchmal wird mir bewusst, was für ein schmaler Grat zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, verläuft, wie viele Möglichkeiten von uns es hätte geben können, dass alles von einem einzigen Moment abhängt.“ (S. 327)

Was wäre, wenn…? Diese Frage stellt man sich nicht nur als Leser während der Lektüre ein ums andere Mal. Auch Elliott und Fern kommen nicht umhin, sich diese Frage zu stellen. Was wäre, wenn dieser schicksalshafte Tag damals vor fünfundzwanzig Jahren anders geendet hätte? Was wäre, wenn Elliott damals die richtigen Worte gefunden hätte? Was wäre, wenn sich der Töpferkurs, zu dem Fern jetzt in der Gegenwart auf dem Weg ist, nicht um eine Woche verschoben htte? Was wäre, wenn sich Fern und Elliott dadurch gar nicht erst auf dem Bahnhof wieder getroffen hätten?

„An der Stelle, wo er sie geküsst hat, singt ihr Gesicht leise.“ (S. 29)

Nachdem sich Fern und Elliott in Paddington treffen, sich kurz unterhalten und vereinbaren sich vielleicht abends auf dem Rückweg noch ein Mal in Ruhe zu sprechen und nachdem Elliott Fern mit einem Kuss auf die Wange verabschiedet hat, gehen beide erstmal ihres Weges, mit den Gedanken jedoch stets beim anderen, bei ihrem jetztigen Leben, ihrer gemeinsamen Zeit damals, ihrer Liebe, der Wut und Ratlosigkeit.

Ich mochte es sehr, wie sich die Geschichte der beiden nach und nach vor mir aufgerollt hat. Wie immer wieder auch die Gegenwart präsent ist, in der zumindest Fern mit einem Mann verheiratet ist, den sie wirklich liebt. Das ist eigentlich das Spannendste an der Geschichte: Fern ist – im Gegensatz zu Elliott – in ihrem Leben nicht wirklich unglücklich. Sie hat einen liebevollen Ehemann, zwei erwachsene Söhne und eine Katze. Doch mit Elliott im Hinterkopf beginnt sie, ihr Leben zu hinterfragen.

„Schon komisch, denkt Fern, während sie auf Elliott wartet, dass sie hier ist, jetzt, so. Als sie morgens aufstand, den Kater fütterte, ein bisschen Wäsche wegräumte, hatte sie keine Ahnung, dass sie nur Stunden später hier sein, ihr Leben zurückgespult haben und darauf warten würde, dem Mann ins Gesicht zu schauen, der ihr, falls das nicht zu kitschig klingt, das junge, empfindsame Herz brach.“ (S. 295)

„Als gestern noch morgen war“ hat mich beim Lesen gleichzeitig nachdenklich gestimmt und gut unterhalten. Claire Dyer gelingt es, die Stimmungen, Gefühle und Hoffnungen von Elliott und Fern wunderbar einzufangen und auf Papier zu bringen. Und auch als Leser kommt man in eine besondere Stimmung: Was wäre, wenn…?

Mir hat „Als gestern noch morgen war“ schöne Lesestunden bereitet. Ich fand es unheimlich faszinierend, mitzuerleben, wie eine einzige Begegnung, ein einziger Moment die beiden Hauptcharaktere dazu bringt, ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihre Zukunft mit ganz anderen Augen zu betrachten. Das Buch ist voller eindrücklicher Zitate und überzeugt durch einen sehr einnehmenden, wenn auch nicht immer leicht zu lesenden Schreibstil, der gut dazu passt, dass die Autorin preisgekrönte Lyrikerin ist. 7 von 10 Sternen!

stern 7

Als gestern noch morgen war – Claire Dyer – Hardcover mit SU – 336 Seiten – 19,99 € – ISBN: 978-3-426-19983-1 – erschienen: August 2014 (Droemer)

 

[Rezension] „Bonjour Veronique oder ein Dorf hält zusammen“ von Julia Stagg

Bonjour VeroniqueReiheninfo:

  1. „Monsieur Papon oder ein Dorf steht Kopf“
  2. „Madame Josette oder ein Dorf trumpft auf“
  3. „Bonjour Veronique oder ein Dorf hält zusammen“

Klappentext:

Ein verträumtes Dorf, malerisch gelegen inmitten der französischen Pyrenäen: In La Rivière kennt jeder jeden. Hier leitet Véronique Estaque das kleine Postamt, bis es an einem Silvesterabend ausbrennt. Seither wartet die Spezialistin für Klatsch und Tratsch darauf, dass man ihr neue Räume zur Verfügung stellt. Aber immer wieder drängen sich vermeintlich wichtigere Dorfangelegenheiten in den Vordergrund.
Und als mit Arnaud Petit schließlich ein umwerfend gut aussehender Wildhüter in der Bergregion aufschlägt, gerät Véronique auch noch in emotionale Turbulenzen. (Quelle)

Meine Meinung:

Die Reise nach Fogas bedeutet für mich mittlerweile eine Art nach Hause kommen. Jahr für Jahr warte ich gespannt auf den neuen Band von Julia Stagg und freue mich auf ein Wiedersehen mit all den geliebten Dorfbewohnern. Im Laufe des Jahres und auch in der Zeit, die ich mit ihnen verbringe, machen einige von ihnen spannende Entwicklungen durch. So kann ich dieses Mal voller Stolz erkennen, dass Madame Josette immer selbstbewusster wird, die verschrobene Annie etwas von ihrer Verschrobenheit abgelegt hat und offener auf andere zugeht und sich Stephanie sowie Fabian immer mehr in Fogas heimisch fühlen.

Doch auch in diesem Band gibt es eine neue Figur, die so einiges durcheinander bringt: Arnaud, der charismatische Fährtenleser, der von der Regierung geschickt wurde, um die Wiedereingliederung der Bären zu überwachen. Seine Anwesenheit bringt nicht nur die Anti-Bären-Fraktion dazu, zu Hochtouren aufzulaufen, sondern auch Christian zu einer auch für ihn selbst unbegreiflichen Antipathie gegenüber dem ihm eigentlich so sympathischen Arnaud. Kann das etwas damit zu tun haben, dass er Veronique erstaunlich nahe kommt? Apropos Veronique: Wenn es ihr nicht bald gelingt, das Postamt neu zu eröffnen, dann wird Forgas mehr und mehr verfallen. Aber der amtierende Bürgermeister Serge scheint nach dem Tod seiner Frau nicht in der Verfassung zu sein, etwas dagegen zu unternehmen, und der erste Bürgermeistervertreter Pascal hat wie immer nichts Gutes im Sinn.

Ihr seht: Auch in diesem Band geht es hoch her. Trotzdem verliert Julia Stagg bei all der Handlung, die teilweise auch recht dramatisch ist, nicht den liebevollen Blick für das Zwischenmenschliche. Gekonnt beschreibt sie die Beziehungen der einzelnen Figuren untereinander und lässt sie dem Leser sehr facettenreich erscheinen. Das trägt umso mehr zu dem Gefühl beim Lesen bei, endlich wieder Urlaub bei alten Bekannten zu machen.

Faszinierend fand ich, dass ich beim Lesen mancher Passagen und Intrigen ganz hibbelig wurde, obwohl ich doch genau wusste, dass die Bewohner von Fogas bisher noch jedes Problem auch ohne meine Hilfe lösen konnten.

„Bonjour Veronique“ hat mich genauso gut wie seine Vorgänger unterhalten. Ich mag einfach das Gefühl, für einige Stunden in das Leben des Dorfes Fogas einzutauchen, das Treiben dort zu beobachten und Zeit mit den liebevoll gestalteten Figuren zu verbringen, um dann glücklich und zufrieden wieder aufzutauchen. Zufrieden ist mein Stichwort: Ich vergebe zufriedene 8 von 10 Sternen.

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Bonjour Veronique oder ein Dorf hält zusammen – Julia Stagg – Hardcover mit SU – 464 Seiten – 20,00 € – ISBN: 978-3-455-60008-7 – erschienen: Juli 2014 (Atlantik)

[Rezension] „Manneskraft per Postversand“ von Karin B. Holmqvist

Manneskraft per PostversandKlappentext:

Die liebenswerten Schwestern Tilda und Elida Svensson führen seit Jahren ein ruhiges Leben im Haus ihrer verstorbenen Eltern. Doch dann zieht der attraktive Alvar ins Nachbarhaus, und das Leben der beiden Damen ändert sich über Nacht. Sie leisten sich den Luxus neuer Sommerkleider und lernen bei Alvar den Komfort eines Badezimmers kennen. Für die Modernisierung des eigenen Hauses fehlt leider das Geld. Als Tilda und Elida eines Tages beobachten, wie der Nachbarkater nach dem Genuss von Blumenerde aus Alvars Petunientopf ungeahnte Potenz entwickelt, kommt ihnen eine glänzende, wenn auch gewagte Geschäftsidee … (Quelle)

Meine Meinung:

„Manneskraft per Postversand“ habe ich durch Birthe kennengelernt, die das Buch ganz begeistert auf ihrem Blog vorgestellt hat. Den Titel fand ich mehr als doof, aber Birthe konnte mich überzeugen, dass es sich trotzdem lohnt, das Buch zu lesen. Und sie hatte Recht.

Karin B. Holmqvist hat ein ruhiges und warmherziges Buch über die beiden Svensson-Schwestern geschrieben, die mit ihren zweiundsiebzig und neunundsiebzig Jahren ziemlich in ihrem Alltagstrott gefangen sind. Das ändert sich aber schnell, als im Nachbarhaus der etwa sechzigjährige Alvar einzieht.

„Genau genommen benahmen sich die beiden wie verrückte Hühner, seit Alvar eingezogen war. Plötzlich legten sie Wert auf ihr Aussehen beziehungsweise auf das wenige, was davon übrig war.“ (S. 44)

Und als sie dann noch erkennen, dass der Blumendünger von Alvar eine potenzsteigernde Wirkung auf alle Tiere hat, die davon fressen, haben sie eine ganz besondere Geschäftsidee…

„Manneskraft per Postversand“ überzeugt den Leser nicht unbedingt durch spannende Handlung oder eine ganz neuartige Geschichte. Aber es ist einfach sehr schön und rührend geschrieben und die beiden Schwestern sind mir sehr schnell ans Herz gewachsen. Ein reizendes, kleines Büchlein: 8 von 10 Sternen.

stern 8

Manneskraft per Postversand – Karin B. Holmqvist – Taschenbuch – 224 Seiten – 8,99 € – ISBN: 978-3-492-24358-2 – erschienen: Juli 2005 (Piper)

[Rezension] „Ich und die Menschen“ von Matt Haig

Ich und die MenschenKlappentext:

In einer regnerischen Freitagnacht wird Andrew Martin, Professor für Mathematik in Cambridge, aufgegriffen, als er nackt eine Autobahn entlangwandert. Professor Martin ist nicht mehr er selbst. Ein Wesen mit überlegener Intelligenz und von einem weit entfernten Stern hat von ihm Besitz ergriffen. Dieser neue Andrew ist nicht begeistert von seiner neuen Existenz. Er hat eine denkbar negative Meinung von den Menschen. Jeder weiß schließlich, dass sie zu Egoismus, übermäßigem Ehrgeiz und Gewalttätigkeit neigen. Doch andererseits: Kann eine Lebensform, die Dinge wie Weißwein und Erdnussbutter erfunden hat, wirklich grundschlecht und böse sein? Und was sind das für seltsame Gefühle, die ihn überkommen, wenn er Debussy hört oder Isobel, der Frau des Professors, in die Augen blickt? (Quelle)

Meine Meinung:

Das Cover zu diesem Buch hatte ich schon vor einiger Zeit entdeckt, aber aus irgendeinem Grund hätte ich nicht gedacht, dass es ein Buch für mich ist. Dann las ich eine Rezension, die dieses Buch als humorvoll und witzig beschrieb, und was soll ich sagen: Kurze Zeit später stand ich an der Kasse der Buchhandlung mit diesem Buch in der Hand.

Die Idee, die Menschheit an sich und die großen und kleinen Gefühle und Gedanken eines Jeden durch die Augen eines Außerirdischen zu sehen, ist grandios und in diesem Buch wirklich gut umgesetzt. Durch den außerirdischen Ich-Erzähler hat der Autor die Möglichkeit, auf Dinge hinzuweisen, die einem als Menschen einfach nicht bewusst sind und die beim Lesen umso merkwürdiger wirken.

„Zeitschriften sind sehr beliebt, obwohl sich kein Mensch nach dem Lesen besser fühlt. Im Gegenteil, ihr Hauptzweck ist, den Lesern Gefühle von Minderwertigkeit einzuflößen, die sie dazu bewegen, etwas zu kaufen. Haben sie das getan, fühlen sie sich trotzdem nicht weniger minderwertig und kaufen sich noch eine Zeitschrift, um zu erfahren, was sie als nächstes kaufen sollen.“ (S. 28)

Doch ist die Geschichte natürlich nicht nur lustig, sondern stellenweise auch schön, fast sogar tiefsinnig. Besonders interessant wird die Geschichte, als klar wird, dass der Außerirdische (namenslos übrigens, da das Individuum zu unwichtig ist) den Auftrag hat „seine“ Frau Isobel sowie „seinen“ Sohn umzubringen. Was tut man, wenn man aber nach und nach merkwürdige Empfindungen an sich entdeckt? Etwas, das die Menschen „Gefühle“ nennen?

„Ich und die Menschen“ ist eine nette, kurzweilige und vor allem amüsante Lektüre für zwischendurch, die uns Menschen einen Blick auf uns selbst ermöglicht, den wir so vermutlich noch nicht hatten. Unterhaltsame 8 von 10 Sternen.

stern 8

Ich und die Menschen – Matt Haig – Klappbroschur – 352 Seiten – 14,90 € – ISBN 978-3-423-26014-5 – erschienen: April 2014 (dtv)