[Rezension] „Ich und die Menschen“ von Matt Haig

Ich und die MenschenKlappentext:

In einer regnerischen Freitagnacht wird Andrew Martin, Professor für Mathematik in Cambridge, aufgegriffen, als er nackt eine Autobahn entlangwandert. Professor Martin ist nicht mehr er selbst. Ein Wesen mit überlegener Intelligenz und von einem weit entfernten Stern hat von ihm Besitz ergriffen. Dieser neue Andrew ist nicht begeistert von seiner neuen Existenz. Er hat eine denkbar negative Meinung von den Menschen. Jeder weiß schließlich, dass sie zu Egoismus, übermäßigem Ehrgeiz und Gewalttätigkeit neigen. Doch andererseits: Kann eine Lebensform, die Dinge wie Weißwein und Erdnussbutter erfunden hat, wirklich grundschlecht und böse sein? Und was sind das für seltsame Gefühle, die ihn überkommen, wenn er Debussy hört oder Isobel, der Frau des Professors, in die Augen blickt? (Quelle)

Meine Meinung:

Das Cover zu diesem Buch hatte ich schon vor einiger Zeit entdeckt, aber aus irgendeinem Grund hätte ich nicht gedacht, dass es ein Buch für mich ist. Dann las ich eine Rezension, die dieses Buch als humorvoll und witzig beschrieb, und was soll ich sagen: Kurze Zeit später stand ich an der Kasse der Buchhandlung mit diesem Buch in der Hand.

Die Idee, die Menschheit an sich und die großen und kleinen Gefühle und Gedanken eines Jeden durch die Augen eines Außerirdischen zu sehen, ist grandios und in diesem Buch wirklich gut umgesetzt. Durch den außerirdischen Ich-Erzähler hat der Autor die Möglichkeit, auf Dinge hinzuweisen, die einem als Menschen einfach nicht bewusst sind und die beim Lesen umso merkwürdiger wirken.

„Zeitschriften sind sehr beliebt, obwohl sich kein Mensch nach dem Lesen besser fühlt. Im Gegenteil, ihr Hauptzweck ist, den Lesern Gefühle von Minderwertigkeit einzuflößen, die sie dazu bewegen, etwas zu kaufen. Haben sie das getan, fühlen sie sich trotzdem nicht weniger minderwertig und kaufen sich noch eine Zeitschrift, um zu erfahren, was sie als nächstes kaufen sollen.“ (S. 28)

Doch ist die Geschichte natürlich nicht nur lustig, sondern stellenweise auch schön, fast sogar tiefsinnig. Besonders interessant wird die Geschichte, als klar wird, dass der Außerirdische (namenslos übrigens, da das Individuum zu unwichtig ist) den Auftrag hat „seine“ Frau Isobel sowie „seinen“ Sohn umzubringen. Was tut man, wenn man aber nach und nach merkwürdige Empfindungen an sich entdeckt? Etwas, das die Menschen „Gefühle“ nennen?

„Ich und die Menschen“ ist eine nette, kurzweilige und vor allem amüsante Lektüre für zwischendurch, die uns Menschen einen Blick auf uns selbst ermöglicht, den wir so vermutlich noch nicht hatten. Unterhaltsame 8 von 10 Sternen.

stern 8

Ich und die Menschen – Matt Haig – Klappbroschur – 352 Seiten – 14,90 € – ISBN 978-3-423-26014-5 – erschienen: April 2014 (dtv)

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[Rezension] „Bäume reisen nachts“ von Aude Le Corff

Bäume reisen nachtsInhalt:

„Manon geht zum Zimmer der Eltern. Sie öffnet die Tür, die über den weißen Teppich schabt, jeden Tag mit der Hoffnung, ihre Mutter zu sehen.“ (S. 8)

Vor einigen Monaten hat Manons Mutter die Familie verlassen. Und nicht nur Manon, sondern auch ihr Vater Pierre leidet unglaublich unter dem Verlust. So sehr, dass er auch keine Kraft mehr hat, sich um seine achtjährige Tochter zu kümmern. Und so sitzt Manon jeden Tag allein unter der Birke im Garten, liest und spricht mit den Ameisen und Katzen.

Dieses Bild rührt den etwas kauzigen, ehemaligen Lehrer Anatole, so dass er sich irgendwann zu ihr setzt und beginnt, ihr aus „Der kleine Prinz“ vorzulesen. Die gemeinsame Lesezeit wird zur Routine und Manon und Anatole zu Freunden.

Und so ist es für Manon selbstverständlich, dass Anatole sie, ihren Vater und ihre Tante schließlich auf der Suche nach ihrer Mutter begleitet…

Meine Meinung:

„Er ist wie aus der Welt gefallen.“ (S. 13)

Ich glaube, was mich an diesem Buch am meisten begeistert hat, ist seine Sprache. Mit wenigen Worten beschreibt die Autorin sehr eindrücklich die Traurigkeit von Pierre und die Einsamkeit und Unsicherheit von Manon.

Es ist rührend mit anzusehen, wie sich zwischen Manon und Anatole erste vorsichtige Bande spannen, denn Anatole ist im Umgang mit anderen Menschen eher unbeholfen, weiß anfangs gar nicht, wie er mit der Nähe und Zuneigung von Manon umgehen soll.

Wie ein roter Faden ziehen sich Vergleiche zu „Der kleine Prinz“ durch das Buch und obwohl ich die Geschichte nicht komplett kenne, hat mich das nie gestört. Ich finde, Aude Le Corff gibt immer genau so viel an Hintergrundinformationen, wie man braucht, um eben auch die kleinen Analogien zu verstehen.

Ein möglicher Kritikpunkt ist sicherlich, dass sich die Autorin im Verlauf der Geschichte nicht nur auf Manon und Anatole oder auf die gemeinsame Suche nach ihrer Mutter konzentriert, sondern auch noch Themen mit einbezieht, die das Buch eigentlich etwas sprengen. Mich hat das vor allem irritiert, aber ich kann gut verstehen, wenn es andere Leser wirklich stört.

Und doch ist es einfach eine sympathische, buntgemischte Truppe, die sich schließlich gemeinsam in ein Auto quetscht und die lange Reise von Frankreich nach Marokko antritt, um Manons Mutter zu finden. Mir hat es unheimlich Spaß gemacht, die vier auf dieser Reise zu begleiten, die für manche gleichzeitig eine Reise ein Stückchen mehr zu sich selbst ist. Einzig und allein der Schluss hat mir nicht wirklich gut gefallen, so dass ich doch nur sehr gute 7 von 10 Sternen vergeben mag.

stern 7

Bäume reisen nachts – Aude Le Corff – Klappbroschur – 201 Seiten – 12,99 € – ISBN: 978-3-458-36019-3 – erschienen: März 2014 (Suhrkamp)

[Rezension] „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer

Die WunderübungInhalt:

Joana und ihr Mann Valentin streiten nur noch. Von der einstigen Liebe ist kaum noch etwas zu spüren. Und so lernen wir die beiden bei einem Paartherapeuten kennen, der anfangs mit einer Engelsgeduld versucht, auf die beiden einzugehen. Doch Joanas bissige und Valentins unbeteiligte Art machen es auch dem Therapeuten nicht leicht…

Meine Meinung:

Die wunderbare und so treffsichere Erzählweise von Daniel Glattauer habe ich durch „Gut gegen Nordwind“ kennen und lieben gelernt. Auch in „Die Wunderübung“ geht es um einen Mann und eine Frau, aber im Gegensatz zu Emmi und Leo befinden sie sich nicht am Anfang ihrer Liebe, sondern eher am Ende.

Valentin und Joana sind wunderbar dargestellt und auch der Paartherapeut – von Valentin anfangs ehrfürchtig „Herr Magister“ genannt – sorgte dafür, dass ich die meiste Zeit mit einem Schmunzeln auf dem Lippen las. „Die Wunderübung“ ist ein sehr kurzes, schmales Büchlein und umfasst nur einen Handlungszeitraum von etwas mehr als einer Stunde. Bis auf einige wenige Kurzinformationen enthält es nur Dialoge, also genauso wie eine Komödie – so auch der Untertitel dieses Buches.

Ich weiß gar nicht genau, ob ich von diesem Buch nun begeistert bin oder nicht: Auf der einen Seite beschreibt Glattauer das Ehepaar auf eine unheimlich treffsichere und bildliche Art, die gleichzeitig lustig und traurig ist, aber immer gut unterhält. Auf der anderen Seite ist mir die Geschichte einfach zu kurz, ähnelt mehr schon einer Anekdote und war für mich an einigen wichtigen Stellen sehr vorhersehbar. Ich hatte beim Lesen Freude, werde aber wohl kaum einen weiteren Gedanken an das Gelesene verschwenden. Für Nebenher mehr als in Ordnung, aber keine tiefer gehende Begeisterung: gute sechs Sterne!

stern 6

Die Wunderübung – Daniel Glattauer – Hardcover mit SU – 112 Seiten – 12,90 € – ISBN 978-3-552-06239-9 – erschienen: Februar 2014 (Hanser)

[Rezension] „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“ von Gavin Extence

Das unerhörte Leben des Alex WoodsInhalt:

Vor mehr als sieben Jahren, als Zehnjähriger, hatte Alex Woods einen schweren Unfall: Er wurde von einem herabstürzenden Meteoriten am Kopf getroffen, lag mehrere Wochen im Koma und behielt anschließend nicht nur eine große Narbe, sondern auch noch epileptische Anfälle zurück. Aber nicht nur deshalb ist Alex anders als die Jungen in seinem Alter: er liest gerne, hat Freude an der Schule, möchte gerne Neurologe oder Astrophysiker werden und pflegt eine ungewöhnliche Freundschaft zu Mr. Peterson. Dies sind alles Eigenschaften, die an seiner Schule als „superschwul“ gelten.

Doch warum er nun nach einer mehrere Länder übergreifenden Fahndung von der Polizei in Dover in Gewahrsam genommen wurde, mit 113 Gramm Marihuana und einer Urne voller Asche auf dem Beifahrersitz, das sollte jeder selber lesen…

Meine Meinung:

Wie soll ich anfangen, ein solch wundervolles Buch zu beschreiben? Soll ich schon von Anfang an erzählen, wie sehr es mich berührt hat, oder hebe ich mir das lieber für den Schluss auf? Eines ist zumindest ganz klar: Der 1982 geborene Autor hat mich seinem Romandebüt einen Volltreffer gelandet!

Mein Herz hatte er sehr schnell erobert, denn Alex Woods Erzählstimme trifft genau meinen Geschmack: eine Mischung aus einem Hauch von Naivität und ganz viel Weisheit, einer großen Menge an Humor und einer Begeisterungsfähigkeit für alles Naturwissenschaftliche.

Durch einen Zufall lernt Alex einige Zeit nach seinem Unfall den zurückgezogen lebenden Mr. Peterson kennen, den alle in der Stadt für verrückt halten. Doch schon bald teilen die beiden nicht nur ihre Leidenschaft für Bücher im Allgemeinen und den Autor Kort Vonnegut im Speziellen, sondern eine intensive Freundschaft.

Was noch keiner ahnen kann: Diese Freundschaft bringt nicht nur Schönes und Leichtes mit sich, sondern stellt Alex auch vor ungewöhnliche Entscheidungen: Entscheidungen, die ich nicht treffen möchte, da sie mir schon beim Lesen, Tränen in die Augen getrieben haben!

„Das unerhörte Leben des Alex Woods“ ist ein warmherziges, humorvolles und vor allem intensives Buch über eine außergewöhnliche Freundschaft, besondere Charaktere und schwierige Entscheidungen. Es hat mich zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken gebracht und gehört in jedes einzelne Bücherregal. Ich vergebe sehr gerne die volle Punktzahl: 10 von 10 Sternen!

stern 10

Hier gelangt man auf die englischsprachige Homepage des Autors, auf der man noch einige Hintergrundinformationen bekommen kann. Und hier kommt man zu einer deutschsprachigen Leseprobe.

Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat – Gavin Extence – Hardcover mit SU – 480 Seiten – 19,99 € – ISBN-13: 978-3809026334 – erschienen: März 2014 (Limes)

[Rezension] „Die Perlmutterfarbe: Ein Kinderroman für fast alle“ von Anna Maria Jokl

Die PerlmutterfarbeKlappentext:

Aus dem Schulranzen von »Maulwurf«, einem der beliebtesten Schüler in der A-Klasse, verschwindet ein Töpfchen mit selbstgemischter Farbe, der Perlmutterfarbe. Die ersten Verdächtigungen werden geäußert, das Mißtrauen gegenüber der B-Klasse wächst, die Jagd nach einem Sündenbock beginnt. (Quelle)

Meine Meinung:

„Ich habe etwas Schreckliches getan. Zuerst war es nicht viel, aber aus einer Lüge sind tausend geworden.“ (S. 270)

Ich kann jetzt schon mal zu Beginn sagen: Jeder sollte dieses wirklich kluge, psychologisch feinsinnige und nebenher auch noch lustige Buch lesen.

Die Geschichte wird zunächst aus der Sicht von Alexander aus der A erzählt. Der nämlich möchte sich gerne vom B-Karli ein Buch leihen. Der B-Karli hat das Buch selber aber noch nicht gelesen und will es Alexander erst ein paar Tage später leihen. Aus einem Impuls heraus nimmt Alexander ihm das Buch weg. Zuhause schämt er sich für sein Verhalten und will das Buch am nächsten Tag zurückgeben. Doch dann passiert ein Missgeschick, das das Unglück erst so richtig ins Rollen bringt: Die Perlmutterfarbe von Maulwurf, die Alexander aus Versehen eingesteckt hat, kippt um und läuft über das Buch vom B-Karli. Alexander weiß nicht mehr, was er tun soll, und traut sich nicht die Wahrheit zu sagen. Und plötzlich steht ausgerechnet der B-Karli unter Verdacht, die Perlmutterfarbe gestohlen zu haben…

„Und jetzt verdächtigst du einfach den B-Karli? Wie soll der das denn gemacht haben? Ich hab ihn noch nie in der A gesehen. Nein, das sagst du nur, weil du dich vor dem langen Gruber groß machen willst, weil der immer von den Bs alles Schlechte sagt. Damit werden wir nicht herauskriegen, wer klaut. Denn jemand, der auf die B hetzt, wird nie die Wahrheit herauskriegen, weil er sie gar nicht wissen will.“ (S. 57)

Nur wenige sehen die Situation so wie Lotte, von der das obige Zitat stammt. Die meisten aus der A möchten gerne die Schüler aus der B als Schuldige sehen. Denn die Bs sind ja grundsätzlich weniger wert. Man merkt schon: Liest man dieses Buch etwas tiefgründiger, findet man viele Parallelen aus der Geschichte und der Gegenwart. Die Autorin beschreibt sehr gekonnt und mit viel Feingefühl die einzelnen Klassenmitglieder aus der A und der B und die Gruppenprozesse, die innerhalb der Klassen und einzelner Kleingrüppchen ablaufen. Als Leser lernt man die einzelnen Jugendlichen sehr schnell kennen und lieben.

„Die Perlmutterfarbe“ fasziniert mich, denn die Geschichte ist klug, witzig, psychologisch sehr überzeugend und voller intelligent gezeichneter Charaktere. Ich bin wirklich froh, dass eine Freundin mir dieses Buch geliehen hat und vergebe die volle Anzahl an Sternen!

stern 10
Die Perlmutterfarbe: Ein Kinderroman für fast alle – Anna Maria Jokl – Taschenbuch – 280 Seiten – 8,99 € – ISBN-13: 978-3518460399 – erschienen: Dezember 2008 (4. Auflage, Suhrkamp)

[Rezension] „Das Orangenmädchen“ von Jostein Gaarder

IDas Orangenmädchennhalt:

„Ich riss den Umschlag auf und zog einen dicken Stapel Blätter heraus. Und fuhr heftig zusammen, denn auf dem obersten Blatt stand:

Sitzt du gut, Georg? Auf jeden Fall musst du fest sitzen, denn ich werde dir eine nervenaufreibende Geschichte erzählen…“ (S. 13)

Georg ist fünfzehn Jahre alt, als er von seinem seit elf Jahren verstorbenen Vater einen Brief bekommt, den dieser für ihn in seiner alten Babykarre versteckt hat. Um den neugierigen Blicken seiner Mutter, seinem Stiefvater und den Großeltern zu entgehen, schließt sich Georg in seinem Zimmer ein und beginnt, zu lesen. In dem Brief möchte sein Vater ihm eine wichtige Frage stellen, zunächst aber erzählt er seinem Sohn die Geschichte des Orangenmädchens…

Meine Meinung:

Während des Lesens von diesem Buch habe ich mir so viele Notizen gemacht, wie schon langte nicht mehr. Ich habe Zitate rausgeschrieben, Eindrücke notiert und Gedanken festgehalten und doch weiß ich jetzt nicht, wie und vor allem wo ich anfangen soll, denn dieses Buch ist einfach unglaublich vielschichtig.

Stellt euch zunächst die Situation von Georgs Vater vor: Er sitzt in noch gar nicht so hohem Alter zuhause vor dem Computer. Er weiß, dass er bald sterben wird und schreibt einen Brief an seinen jugendlichen Sohn, den er niemals kennenlernen wird, während sein Sohn – im tatsächlichen Alter von vier Jahren – neben ihm mit der Eisenbahn spielt.

„Ich kann mich hören, ich plappere hier ungefähr so herum, wie alte Tanten auf kleine Kinder einreden. Und das ist dumm, denn ich suche doch jetzt den großen Georg – den ich niemals gesehen habe, mit dem ich niemals richtig sprechen konnte.“ (S. 20)

Ich würde gerne all meine Gedanken zur Geschichte des Orangenmädchens aufschreiben und euch daran teilhaben lassen, aber dann würde ich euch die Möglichkeit nehmen, diese wundervolle und märchenhafte Geschichte selbst zu entdecken. Eine Geschichte, die so schön und so traurig ist, dass in ihrer ein wahrer Zauber inne wohnt:

„Als sie aufschaute und mir sozusagen zunickte, ohne auch nur die kleinste Kopfbewegung zu machen, lächelte sie frech und verschmitzt, fast als wären wir alte Bekannte oder – das sage ich jetzt ganz offen – als hätten wir vor langer, langer Zeit ein ganzes Leben zusammen gelebt, sie und ich.“ (S. 29)

„Das Orangenmädchen“ ist so vieles: eine Liebesgeschichte, von der man nur träumen kann; ein Buch über den Tod und das Wissen darum, die Liebsten bald verlassen zu müssen; die Geschichte zwischen einem Vater und seinem Sohn; ein philosophisches Buch voller Weisheit. In erster Linie aber ist „Das Orangenmädchen“ eine kleine Welt zwischen zwei Buchdeckeln, die jeder für sich entdecken sollte. Ich vergebe 10 von 10 Sternen.

stern 10

„Das Orangenmädchen“ wurde 2004 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Das Orangenmädchen – Jostein Gaarder – Taschenbuch – 192 Seiten – 8,90 € – ISBN-13: 978-3423133968 – erschienen: Oktober 2005 (dtv)

„Sieben verdammt lange Tage“ von Jonathan Tropper

Sieben verdammt lange TageInhalt:

Familientreffen können anstrengend sein, das weiß jeder. Das ist auch bei Judd und seiner Familie nicht anders – im Gegenteil. Umso entsetzter sind Judd und seine drei Geschwister, als sie von ihrer Mutter den letzten Wunsch ihres Vaters erfahren: Die Familie soll nach seinem Tod für ihn sieben Tage Schiwa sitzen. Und eines ist allen gleich klar: Das werden sieben verdammt lange Tage!

Meine Meinung:

Seit ich von der Idee dieses Buches gehört habe, wollte ich es unbedingt lesen, denn welche Situation bietet mehr Potenzial für grandiose Szenen mitten aus dem Leben als eine eigentlich trauernde Familie, die sieben Tage lang mehr oder weniger rund um die Uhr in einem Raum sitzt und Trauergäste empfangen muss.

Natürlich bringt auch jedes Familienmitglied nicht nur die alten Konflikte von früher, sondern auch jeder sein eigenes, aktuelles Problem mit ins Elternhaus: Judd hat erst vor kurzem seine Ehefrau in flagranti beim Sex mit seinem Chef erwischt, Wendy ist genervt von ihren Kindern und ihrem ewig telefonierenden, ach so wichtigem (Geschäfts-)Mann. Die Frau von Judds Bruder Paul wünscht sich hingegen seit langem Kinder, bisher ohne Erfolg. Und zu guter letzt taucht dann auch noch der jüngste Sprössling der Familie, Phillip, mit seiner neuen, um einiges älteren Freundin und ehemaligen Lebensberaterin auf.

„Wir sitzen nun seit genau einer halben Stunde Schiwa. Zum Glück klingelt es in dem Moment an der Tür, denn wer weiß, in welche Abgründe passiv-aggressiver Attacken wir uns sonst hinabbegäben. Während sich der Raum mit ernst dreinblickenden Nachbarn zu füllen beginnt, die alle gekommen sind, um uns ihr Beileid auszusprechen, wird langsam klar, dass in einem Schiwa-Haus vor allem deswegen so viele Besucher erwünscht sind, damit die Trauernden möglichst wenig Gelegenheit haben, sich gegenseitig in Stücke zu reißen.“ (S. 88)

Herrlich! Dieses Buch ist einfach nur herrlich! Ich habe es in einem kleinen türkischen Restaurant angefangen und könnte es durchaus verstehen, wenn mich die Kellner dort etwas merkwürdig fänden. Schon auf den ersten Seiten musste ich mehr als ein Mal losprusten. Ich liebe die Schreibe von Tropper! „Schnoddrig und unverblümt wie das Leben selbst“ habe ich mir als Stichpunkt notiert und das finde ich immer noch sehr passend. Ob es nun dabei um die detaillierte Beschreibung davon geht, wie Judd seine Frau beim Sex mit seinem Chef erwischt, oder z.B. um die (natürlich vergeblichen) Versuche der sich plötzlich so einigen Geschwister, die Schiwa auf drei Tage runter zu handeln.

„Sieben verdammt lange Tage“ hat mir genau das geboten, was ich erwartet habe: eine hochexplosive Mischung an Emotionen (die ich als unbeteiligte Leserin mit einer gewissen Schadenfreude ganz besonders genießen konnte), eine grandiose Erzählweise und ein extrem trockener Humor. Ich vergebe sehr gerne 9 von 10 Sternen!

stern 9

Sieben verdammt lange Tage – Jonathan Tropper – Taschenbuch – 448 Seiten – 9,99 € – ISBN-13: 978-3426637432 – erschienen: Januar 2012 (Knaur)

„Madame Josette oder ein Dorf trumpft auf“ von Julia Stagg

Madame JosetteReiheninfo:

  1. „Monsieur Papon oder ein Dorf steht kopf“
  2. „Madame Josette oder ein Dorf trumpft auf“

Inhalt:

Seit dem Tod ihres Mannes Jacques führt Josette Epicerie ganz alleine. Doch mit einem Mal steht der Neffe des verstorbenen Gatten vor der Tür und möchte den Lebensmittelladen übernehmen – was ihm nach dem französischen Erbrecht auch zusteht. Sein Erscheinen bringt nicht nur bei Josette, sondern im ganzen Dorf einiges durcheinander; dabei war doch gerade erst wieder Ruhe eingekehrt…

Meine Meinung:

In „Mosieur Papon“ habe ich das kleine französische Bergdorf und seine so unterschiedlichen Bewohner kennen und lieben gelernt. Voller Ungeduld habe ich auf den Folgeband gewartet und kann schon mal vorwegnehmen, dass ich nicht enttäuscht wurde.

Die Geschichte beginnt damit, dass Stephanie, die scheinbar so selbstbewusst und unabhängig ist, mitten in der Nacht einen vermeintlichen Einbrecher in der Epicerie mit einem Baguette niederschlägt – was nicht unbedingt für die Qualität des Baguettes spricht nebenbei bemerkt. Es stellt sich heraus, dass der Einbrecher eigentlich gar keiner ist, sondern nur der Neffe von Jacques: Fabian. Fabian scheint zunächst für alle nur der verwöhnte, reiche Pariser zu sein, der nur an Profit denkt und in der Epicerie alles verändern möchte. Und wer den ersten Band gelesen hat weiß: Veränderungen sind in Fogas so gar nicht erwünscht.

Wer mich und meinen Buchgeschmack kennt, weiß, dass ich vor allem Bücher mag, die durch ihre Charaktere leben. In „Madame Josette“ begegne ich nicht nur den vielen einzelnen Mitgliedern dieser so bunt gemischten Dorfgemeinschaft, sondern habe auch das Gefühl mit in Fogas zu leben und quasi mittendrin zu sein. Schon in meiner Rezension zum ersten Band habe ich geschrieben, dass ich mir beim Lesen so vorkam, als würde ich einen Film sehen. Diese wunderbar bildhafte Schreibe der Autorin hat mich auch wieder an die Seiten gefesselt und der sehr subtile Humor ließ mich ein ums andere Mal schmunzeln.

Und auch wenn die Handlung recht vorhersehbar ist, ein bisschen viel Liebe vorkommt und am Ende alles insgesamt sehr nach „Heile Welt“ aussieht, genieße ich einfach die Zeit, die ich in dem kleinen französischen Dorf verbringen darf, in dem die Zeit einfach etwas langsamer vergeht.

„Madame Josette“ schließt für mich nahtlos an „Monsieur Papon“ an, nicht nur in Bezug auf die Handlung, sondern auch durch die gemütliche Atmosphäre und die leicht schrulligen und verschrobenen Charaktere. Die Wartezeit bis zum Erscheinen des nächsten Bandes vertreibe ich mir damit, mir auszumalen, welche Personen in den nächsten Büchern noch im Fokus stehen könnten… Ich vergebe 9 von 10 Sternen.

stern 9

Madame Josette oder ein Dorf trumpft auf – Julia Stagg – Hardcover mit SU – 384 Seiten – 19,99 € – ISBN: 978-3-455-40431-9 – erschienen: März 2013 (Hoffmann & Campe)

[Hörbuch] „Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“ von Kerstin Gier

Gelesen von Kerstin GierAuf der anderen Seite ist das Gras viel grüner

Inhalt:

Eigentlich ist Kati sehr glücklich mit Felix, aber der Alltag macht eben auch nicht vor der ganz großen Liebe halt. Und als dann der gutaussehende und so aufregende Mathias in ihr Leben kommt, fragt sich Kati, ob sie mit diesem nicht viel glücklicher wäre. Und schwupps: Durch einen Unfall hat Kati die Chance, ihr Leben noch einmal zu leben, sie startet ganz neu, vor fünf Jahren, an dem Tag, an dem sie Felix eigentlich kennengelernt hätte.

Meine Meinung:

Die Geschichten von Kerstin Gier sind einfach immer nett. „Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner“ reiht sich gekonnt in die Müttermafia-Erfolge der Autorin ein. Ich hatte das große Vergnügen, das ungekürzte Hörbuch, gelesen von Kerstin Gier höchstpersönlich, zu hören. Ich glaube, dies war nochmal ein besonderes Schmankerl, denn durch ihr Vorlesetalent, ihre Freude am Stimmenverstellen und ihrer sympathischen Art hat die Autorin die sowieso schon tolle Geschichte noch ein Stückchen lustiger gemacht. Für Fans von Marian Keyes!

Begeisterte 9 von 10 Sterne!

stern 9

Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner – Kerstin Gier – ungekürzte Ausgabe – 7 Stunden 41 Minuten – 23,25 € – erschienen: Dezember 2011 (Audible)

„Der Froschflüsterer“ von Carla Gunn

Der FroschflüstererKlappentext:

Irgendwo in Kanada: Der neunjährige Phin hat es nicht leicht. Die Scheidung seiner Eltern läuft auf Hochtouren, der Vater reist pausenlos durchs ferne Europa, Klassenrowdy Lyle hat ihn schwer auf dem Kieker, und als ob das nicht schon genug wäre, nervt ihn auch noch Psychologe Dr. Barrett, zu dem ihn seine besorgte Mutter geschickt hat, da sie seine größte Leidenschaft, den Schutz von Tier und Natur, für zu extrem hält. Phins Traum ist ein Planet, auf dem Menschen und Tiere friedlich zusammenleben – und dafür tut Phin alles, was in seiner Macht steht, wirklich alles … (Quelle)

Meine Meinung:

Ich bin durch eine Freundin auf dieses Buch aufmerksam geworden. Während sie es gelesen hat, hat sie eine Vielzahl an Zitaten gepostet. Mir war sofort klar, dass ich dieses Buch auch lesen muss.

Die Geschichte wird von Phin selber erzählt und Carla Gunn gelingt es sehr überzeugend, die Erzählung auch wirklich so klingen zu lassen, als käme sie von einem neunjährigen Jungen. Phin ist allerdings auch kein normaler Junge. Er denkt viel über alles Mögliche nach, nimmt nichts als gegeben hin und würde alles dafür tun, die Welt und ihr Bewohner zu retten.

„Meine Mutter sagte, dass Leute eben manchmal Fehler machen, auch Lehrer, und dass es in dem Fall nicht klug sei, sie darauf aufmerksam zu machen. Manchmal sei es besser, einfach still zu sein und sich insgeheim zu denken, dass man recht hat, statt es laut kundzutun. Darüber muss ich noch nachdenken. Wollen es die Leute nicht wissen, wenn sie sich irren?“ (S. 15)

Dabei geht er manchmal in den Augen seiner Mutter etwas zu weit und macht sich so sehr Sorgen um die Natur, dass er nachts nicht einschlafen kann. Seine Mutter greift darauf hin zu drastischen Maßnahmen und schickt ihn letztendlich sogar zum Psychologen. Und so hat Phin nicht nur in der Schule Probleme – zum Glück hat er dort auch einen besten Freund – und vermisst seinen Vater, sondern hat auch noch Streit mit seiner Mutter.

Insgesamt passiert in diesem Buch nicht viel, weswegen es mir auch ziemlich schwer fällt, es anständig zu rezensieren. Denn obwohl ein Buch mit wenig Handlung nicht so verlockend klingt, hat „Der Froschflüsterer“ einfach seinen Charme. Es besticht durch liebenswerte Charaktere, einer tollen Sprache und ganz viel Weisheit! 7 von 10 Sternen.

stern 7

Hier geht es zu einer Leseprobe des Buches. Vielleicht begeistert euch der Schreibstil ja auch sofort.

Der Froschflüsterer – Carla Gunn – Taschenbuch – 288 Seiten – 8,99 € – ISBN: 978-3-442-74115-1 – erschienen: Februar 2012 (btb)