[Rezension] „Schweigen ist Goldfisch“ von Annabel Pitcher

Klappentext:

Tess hatte nie das Gefühl, wirklich dazuzugehören. Als sie eines Nachts am Computer ihres Vaters die Wahrheit über ihre Herkunft erfährt – nämlich dass er eben nicht ihr Vater ist – weiß sie auch, warum das so ist. Sie ist Pluto, aber ihre Eltern wollten einen Mars. Oder wenigstens eine Venus.
Was soll Tess dazu noch sagen? Ihr fehlen die Worte. Und so schweigt sie. Schweigend sucht sie ihren richtigen Vater. Schweigend unterhält sie sich mit ihrem Plastikgoldfisch, Mister Goldfisch. Schweigend verliert sie ihre beste Freundin und findet einen neuen Seelenverwandten. Und sie gewinnt die allerwichtigste Erkenntnis überhaupt: nämlich, dass Schweigen Macht verleiht – aber Reden noch viel mehr. (Quelle)

Meine Meinung:

„Meine Schwester lebt unter dem Kaminsims“ von Annabel Pitcher ist eines dieser ganz besonderen Bücher. Ein echter Schatz! Jetzt gibt es nach „Ketchuprote Wolken“ ein weiteres neues Buch der Autorin, das natürlich ganz weit oben auf meiner Must-Read-Liste stand. Zu Recht?

Tess ist zwar absolut nicht das beliebteste Mädchen der Schule, doch sie hat eine beste Freundin und liebende Eltern. Aber als sie eines Tages herausfindet, dass ihr Vater gar nicht ihr richtiger Vater ist, bricht ihre Welt zusammen. Sie hat einfach keine Worte mehr für all das, was in ihrem Kopf vorgeht. Und so beginnt sie zu schweigen. Ihr einziger Gesprächspartner bleibt eine Taschenlampe in Goldfischform.

„Vielleicht muss man die Wahrheit lauter herausschreien, um all die Lügen zu übertönen? Oder man klinkt sich ganz aus, so wie Tess. Vielleicht ist Schweigen die beste Form des Protests.“ (S. 391)

Ich glaube, die wenigsten von uns können sich vorstellen, wie es ist, zu erfahren, dass der Mann, den man immer für seinen Vater gehalten hat, gar nicht der eigene Vater ist. Tess‘ Situation ist sogar noch etwas schwieriger, denn sie findet auf dem Laptop ihres Vaters einen Beitrag, den er für die Website einer Samenbank geschrieben hat. Dort beschreibt er, dass er Tess‘ nicht lieben konnte und sich sogar von ihr abgestoßen fühlte. Das zu lesen, bringt Tess komplett durcheinander. Verständlicherweise.

Ich mag das Thema, das Annabel Pitcher mit dieser Geschichte aufgreift. Es geht um den Identitätsverlust und die verzweifelte Suche nach einem neuen Vater. Doch geht Tess dabei für meinen Geschmack etwas zu verzweifelt und irrational vor: Der nächstbeste Mann, der ihr halbwegs ähnlich sieht, wird als neuer Vater auserkoren. Die Nebengeschichte, die sich um diesen Mann entwickelt, hat mich ehrlich gesagt nicht wirklich interessiert.

Auch Tess‘ innere Dialoge mit Mister Goldfisch fand ich gewöhnungsbedürftig. Es ist natürlich äußerst praktisch, dass wir so an ihren Gedanken teilhaben können und auch mitbekommen, wie sehr sie innerlich eigentlich zerrissen ist, aber trotzdem fand ich die Vorstellung, dass sich eine Fünfzehnjährige mit einer Taschenlampe in Goldfischform unterhält etwas skurril. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich andere Leser nicht daran stören, aber wer mich kennt, weiß, dass solche Skurrilitäten immer nichts für mich sind.

Insgesamt bin ich ein klein wenig enttäuscht von dem neuen Buch von Annabel Pitcher. Obwohl ich das Thema und die erzählte Geschichte grundsätzlich mochte, konnte mich die Handlung nicht mitreißen. Das kann natürlich auch daran liegen, dass ich allgemein gerade nicht sehr leselustig bin. „Schweigen ist Goldfisch“ ist trotzdem ein gutes Buch, das steht außer Frage, aber es kann in meinen Augen nicht mit ihrem Debüt mithalten. Gute 6 von 10 Sternen!

stern 6

Schweigen ist Goldfisch – Annabel Pitcher – Hardcover mit SU – 464 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-7373-5375-5 – erschienen: Mai 2016 (Fischer) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren – Übersetzung: Susanne Hornfeck

[Rezension] „Feuerstimmen“ von Christoph Hardebusch

Klappentext:

Seit einer Ewigkeit lag der Schrecken in den Tiefen der Meere verborgen und war von den Menschen fast vergessen. Doch nun ist der fünfte Drache, ein allmächtiges Geschöpf der Finsternis, erwacht. Und er will etwas zu Ende bringen, das ihm vor Jahrhunderten nicht gelungen war: die Welt zu unterjochen. Im Verborgenen wächst die Macht des Drachen, und die Menschen erkennen erst spät, dass sie mehr und mehr zum Spielball der Dunkelheit werden. Während die junge Königin Elena alles versucht, um ihr Volk zu schützen, erfährt der Barde Aidan, dass er eine ganz besondere Gabe besitzt, die im Kampf gegen den Drachen die entscheidende Rolle spielen könnte – den Gesang der Magie … (Quelle)

Meine Meinung:

Christoph Hardebusch durfte ich durch sein grandioses „Smart Magic“ kennenlernen. Dieser Jugendfantasyroman konnte mich damals durch seine Andersartigkeit und den packenden Plot total überzeugen. Ein paar Abzüge gab es nur, weil das Buch unerwarteterweise ein Einzelband blieb. Nun gibt es endlich neuen Lesestoff aus der Feder von Hardebusch: „Feuerstimmen“.

Gleich im ersten Kapitel lernen wir zwei der drei wichtigsten Hauptpersonen kennen: Aidan und seinen treuen Freund und Begleiter Revus. Die beiden treffen während einer ihrer Streifzüge durch das Land auf Wegelagerer, die sie überfallen wollen. Die Räuber haben aber scheinbar nicht mit dem Geschick, dem Witz und den Kampfkünsten der beiden gerechnet, so dass Aidan und Revus sie schnell überwältigen können. In einem nahe gelegenen Dorf werden die beiden dann aber Zeugen eines brutalen Angriffs: Aus dem Meer steigen merkwürdige Kreaturen, die nach dem Blut der Dorfbewohner dürsten.

Zur gleichen Zeit muss die junge Königin Elena mit ansehen, wie ihr Reich vom Chaos überrollt wird: Loyale und tapfere Krieger wenden sich plötzlich gegen ihre Vorgesetzten, Eheleute kämpfen gegeneinander, Familienmitglieder bringen sich gegenseitig um. Hilfe soll Elena scheinbar nur bei einem mysteriösen Orakel außerhalb ihres Reiches finden. Und so macht sie sich gemeinsam mit ihrer Leibwächterin auf den Weg …

Das Setting und die Charaktere in „Feuerstimmen“ haben mir außerordentlich gut gefallen, auch wenn sie recht typisch gezeichnet sind. Der Klappentext nimmt es schon vorweg und als Leser ahnt man es auch relativ zügig: Revus und vor allem Aidan haben eine besondere Fähigkeit: Beide sind sie Barden und können mit ihrem Gesang Magie wirken. Diesen Aspekt der Geschichte fand ich spannend und neuartig. Die Umsetzung hätte meiner Meinung nach aber noch etwas umfangreicher und intensiver sein können.

Insgesamt ist „Umsetzung“ leider mein Stichwort. In meinen Augen hätte die wirklich reizvolle Ausgangsidee noch besser umgesetzt werden können. Zum einen gab es meiner Meinung nach mindestens einen gravierenden Plotfehler, zum anderen hätte sich der Autor für meinen Geschmack lieber noch mehr auf das Kämpfen und die Magie des Gesanges konzentrieren sollen, als noch eine Liebesgeschichte einzubauen. Aber das ist, wie gesagt, Geschmackssache.

„Feuerstimmen“ von Christoph Hardebusch glänzt durch ein interessantes Setting, liebenswerte Figuren und einen netten Humor. Es liest sich kurzweilig und unterhaltsam. Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass der Fokus mehr auf dem Kampf gegen das Böse und weniger auf der sehr vorhersehbaren Liebesgeschichte gelegen hätte. Ich vergebe insgesamt 6 von 10 Sternen und bin sehr auf andere Meinungen zu dem Buch gespannt.

stern 6

Feuerstimmen – Christoph Hardebusch – Klappbroschur – 496 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-492-70373-4 – erschienen: März 2016 (Piper)

[Rezension] „Sturmbogen: Greatcoats 3“ von Sebastien de Castell

Reiheninfo:

  1. „Blutrecht: Greatcotas 1“
  2. „Hochverrat: Greatcoats 2“
  3. „Sturmbogen: Greatcoats 3“
  4. engl: „Saints Blood“ (April 2016)

Diese Rezension enthält Spoiler zu den vorangegangenen Bänden!

Klappentext:

Gefährliche Zeiten stehen den Greatcoats Falcio, Kest und Brasti bevor. Mächtige Kräfte zerstören das Reich Tristia von innen, und das Trio muss ihnen Einhalt gebieten, bevor es zu spät ist. Doch die Freundschaft, die die drei all die Jahre am Leben gehalten hat, wird wie nie zuvor auf die Probe gestellt. Kest wird erfahren, was es heißt, wenn man sich mit den Heiligen anlegt. Brasti muss seine Loyalität gegenüber den Greatcoats infrage stellen. Und Falcio wird – in einem verzweifelten Rennen gegen das Gift, das durch seine Adern fließt – seinen schlimmsten Ängsten gegenübertreten müssen. Werden sie einen Bürgerkrieg dennoch verhindern können? (Quelle)

Meine Meinung:

Die Bücher von Sebastien de Castell waren für mich in 2014 echte Lesehighlights und eine tolle Entdeckung im Bereich der Fantasy. Ich mochte die Mantel-und-Degen-Geschichten, die Kämpfe, den rauen Humor und vor allem die Interaktion von Falcio, Kest und Brasti.

Nachdem die drei im ersten Band das junge Mädchen Aline, die unehliche Tochter des verstorbenen Königs, retten konnten, kämpften sie im zweiten Band vor allem gegen den allgemeinen Aufruhr im Lande und versuchten herauszufinden, wer hinter den Angriffen auf die Herzogfamilien steckte.  Genau an dieser Stelle geht es in „Sturmbogen“ weiter: Falcio, durch das Gift in seinem Körper immer mehr geschwächt, hat immer noch das Hauptziel, den Frieden in Tristia wiederherzustellen. Doch wer steckt hinter den Anschlägen? Und wie vertrauenswürdig ist Dariana?

Too much! Der dritte Band der Greatcoats-Reihe enthält für mein Dafürhalten einfach zu viele Hindernisse, zu viele Wendungen und Zufälle. Ich weiß nicht, warum der Autor meint, diese einbauen zu müssen. Sein Schreibstil und die Charaktere würden mir persönlich absolut ausreichen. So kämpfen die Greatcoats, allen voran natürlich Falcio, auf gefühlt jeder zehnten Seite um ihr Leben – und immer wieder gibt es natürlich eine überraschende Wendung, die zur Rettung der Situation führt.

Außerdem fand ich es schade, dass sich die drei Greatcoats schon recht früh innerhalb der Geschichte getrennt haben. Ich kann zwar nachvollziehen, warum es für die Handlung notwendig war, dass die drei Freunde teilweise getrennte Wegen, aber so fiel einiges an dem herrlichen Wortgeplänkel weg, das ich in den ersten beiden Bänden so mochte.

Bisher klingt meine Rezension sehr negativ und ich kann und will auch nicht verstecken, dass ich etwas enttäuscht bin. Trotzdem ist auch der dritte Band dieser Reihe absolut nicht schlecht und immer noch lesenswert. Ich habe gerne neue Abenteuer mit Falcio und Co erlebt und bin sehr gespannt darauf, wie der finale Band enden und ob es Sebastien de Castell gelingen wird, alle Fäden erfolgreich zusammenzuführen.

„Sturmbogen: Greatcoats 3“ lässt mich mit etwas gemischten Gefühlen zurück. Zwar war es schön, wieder nach Tristia zurückzukehren und gemeinsam mit Falcio, Brasti und Kest für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen, aber manchmal bin ich der vielen Kämpfe, Intrigen und Wendungen innerhalb der Handlung auch etwas müde geworden. In meinen Augen wäre hier weniger mehr gewesen. Insgesamt vergebe ich 6 von 10 Sternen!

stern 6

Sturmbogen: Greatcoats 3 – Sebastien de Castell – Klappbroschur – 368 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-492-70323-9 – erschienen: Oktober 2015 (Piper) – Übersetzung: Andreas Decker

[Rezension] „Layers“ von Ursula Poznanski

Klappentext:

Seit Dorian von zu Hause abgehauen ist, schlägt er sich auf der Straße durch – und das eigentlich recht gut. Als er jedoch eines Morgens neben einem toten Obdachlosen aufwacht, der offensichtlich ermordet wurde, gerät Dorian in Panik, weil er sich an nichts erinnert: Hat er selbst etwas mit der Tat zu tun?
In dieser Situation bietet ihm ein Fremder unverhofft Hilfe an und Dorian ergreift die Gelegenheit beim Schopf – denn das ist seine Chance, sich vor der Polizei zu verstecken. Der Unbekannte engagiert sich für Jugendliche in Not und bringt Dorian in eine Villa, wo er neue Kleidung, Essen und sogar Schulunterricht erhält.
Doch umsonst ist nichts im Leben, das erfährt Dorian recht schnell. Die Gegenleistung, die von ihm erwartet wird, besteht im Verteilen geheimnisvoller Werbegeschenke – sehr aufwendig versiegelt. Und als Dorian ein solches Geschenk nach einem unerwarteten Zwischenfall behält, wird er von diesem Zeitpunkt an gnadenlos gejagt. (Quelle)

Meine Meinung:

Ich bin ein großer Fan von Ursula Poznanski. Ja, sogar ein Fan der ersten Stunde, würde ich sagen. Bisher gab es kein Buch, das ich nicht gerne gelesen hätte. Und so habe ich mich natürlich total darüber gefreut, dass es mit „Layers“ neuen Lesestoff für mich geben sollte. Die teilweise nicht ganz so begeisterten Stimmen zu dem Buch habe ich ignoriert und mich wie ein Schneekönig gefreut, dass Buch auch endlich in den Händen zu halten.

Die Story an sich klingt nicht uninteressant: Dorian verbringt sein Leben auf der Straße, nachdem er vor seinem gewalttätigen Vater geflohen ist. Er hat jedoch einige Prinzipien: er klaut nicht und scheut die Gewalt. Umso geschockter ist er, als er eines Nachts aufwacht, sein blutiges Messer in der Hand, neben ihm Emil, ein anderer Obdachloser, mit dem er schon des Öfteren Streit hatte. Tot.

An dieser Stelle kommt Nico ins Spiel: Er ist Dorian komplett fremd und doch bietet er ihm Hilfe an, nimmt ihn mit in eine große Villa, in der ein Mann namens Bornheim obdachlose Jugendliche aufnimmt und versorgt. Dorian nimmt die Hilfe dankbar an, denn er hat keine andere Wahl.

Dies ist für mich der erste große Kritkpunkt: Ich finde Dorian an dieser Stelle viel zu blauäugig und leichtgläubig. Ja, er befindet sich im Schock, und ja, er hinterfragt die Organisation auch zunächst. Aber dennoch zweifelt er in meinen Augen viel zu wenig. Leider wird dadurch die komplette restliche Geschichte unglaubwürdig. Auch sonst konnte mich die Handlung nicht wirklich packen. Sie ist an vielen Stellen unrund und kleine Plottwists erschienen mir viel zu gewollt und konstruiert.

„Layers“ ist mit Abstand das schwächste Buch von Ursula Poznanksi. Die Handlung konnte mich nicht mitreißen, war stellenweise unglaubwürdig und wirkte zu konstruiert. Leider bin ich nicht wie gewohnt über die Seiten geflogen und habe Kapitel für Kapitel genossen. Dass ich dem Buch dennoch 6 von 10 Sternen gebe, liegt vor allem daran, dass Ursula Poznanksi bei mir einen großen Bonus gebunkert hat und ich es einfach nicht über’s Herz bringe, in der Wertung noch weiter runter zu gehen.

stern 6

Layers – Ursula Poznanski – Klappbroschur – 448 Seiten – 14,95 € – ISBN 978-3-7855-8230-5 – erschienen: August 2015 (Loewe) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Nathan und seine Kinder“ von Mirjam Pressler

Klappentext:

Jerusalem, zur Zeit der Kreuzzüge um 1192: Ein junger Tempelritter rettet Recha, die Tochter des jüdischen Kaufmanns Nathan, aus dem Feuer. Daraufhin richtet Sultan Saladin die schwierigste aller Fragen an Nathan: Welche Religion ist die einzig wahre? Nathan antwortet mit dem berühmten Gleichnis von den drei Ringen – doch wird das den Sultan zufriedenstellen? Außerdem ahnt Nathan nicht, dass ihm inzwischen der christliche Patriarch von Jerusalem und ein moslemischer Hauptmann nach dem Leben trachten … (Quelle)

Meine Meinung:

„Nathan der Weise“ von Lessing und seine Ringparabel – gehört hatte ich auf jeden Fall schon von diesem Drama, es aber selbst noch nicht gelesen. Nun bot sich mir mit „Nathan und seine Kinder“ die Möglichkeit, eine etwas zeitgemäßere Version der Geschichte zu lesen.

„Es gibt in jedem Volk gute und ehrliche Menschen, egal zu welchem Gott sie beten, so wie es überall auch böse und grausame Menschen gibt.“ (S. 105)

Die Koexistenz der Religionen, das Miteinander und Füreinander: All das sind hochaktuelle Themen. Wundervoll, dass sich Mirjam Pressler ihnen noch ein Mal gewidmet und versucht hat, sie moderner und durch die Form des Romans leichtlesiger zu verfassen. Leider muss ich sagen, dass mir persönlich der Zugang zur Geschichte sehr schwer fiel. Ich habe mehrere Wochen an dem Buch gelesen, es immer wieder beiseite gelegt und bin anfangs kaum über die ersten Seiten hinaus gekommen.

„Ich habe einen Traum, dass eines Tages die Söhne von Juden, Muslimen und Christen miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.“ (S. 166)

Das änderte sich aber irgendwann, als ich ein Gespür für die verschiedenen Figuren, den Handlungsstrang und das Ziel der Geschichte bekommen hatte. Es ist Mirjam Pressler gut gelungen, einzelnen Figuren – allen voran Nathan und dem Waisenjungen Geschem – ein Profil zu geben. Schnell konnte ich mit den Figuren fühlen, ihre Gedanken und Weisheit annehmen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das Buch auch als Schullektüre eignet, würde allerdings empfehlen, den Einstieg durch unterstützende Materialien, Zusammenfassungen oder ähnliches zu erleichtern. Dann jedoch bietet das Buch eine hoffnungsvolle Weltansicht, viel Diskussionspotenzial, Worte und Einstellungen, die – wären sie verbreiteter – die Welt zu einem friedlicheren Ort machen würden:

„‚Gott oder Allah sind nur verschieden Namen für den einen, der Himmel und Erde gemacht hat‘, sagte ich. ‚Mein Vater sagt, es sind nur die Wege, ihm zu dienen, welche die Religionen unterscheiden, der Kern ist gleich: die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen. Und die Dankbarkeit für das Leben.'“ (S. 215/216)

„Nathan und seine Kinder“ soll die zeitgenössischere und leichtlesigere Version von „Nathan der Weise“ sein. Ohne das Originalwerk zu kennen, kann ich nur sagen, dass mir die Umsetzung der Grundidee, die Kernaussage der Geschichte und die Aktualität des Themas sehr gut gefallen haben. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass die Geschichte, insbesondere am Anfang, vielen Jugendlichen schwer zugänglich sein wird. Ich vergebe insgesamt sehr gute 6 von 10 Sternen.

stern 6

„Nathan und seine Kinder“ war 2010 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Nathan und seine Kinder – Mirjam Pressler – Taschenbuch – 264 Seiten – 8,95 € – ISBN: 978-3-407-74233-9 – erschienen: Januar 2015 (Beltz) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Eve sieht es anders“ von J. J. Johnson

Klappentext:

Eve ist klug, unabhängig und selbstsicher und um ihr großes Ziel zu erreichen, die Zulassung zum College, auch bereit, eine große Herausforderung anzunehmen: Die Institution Schule. Denn bisher wurde Eve zu Hause unterrichtet. Sie kommt in eine für sie komplett neue Welt mit Regeln, die sie nur schwer nachvollziehen kann – und ändern möchte. Doch ihre Initiative gerät außer Kontrolle und sie ist gezwungen, sich mit der Welt zu arrangieren, die sie gerade erst anfängt zu verstehen. Und dann ist da auch noch Rajas, der es offenbar wirklich ernst mit ihr meint … (Quelle)

Meine Meinung:

Dass sie anders ist als andere Mädchen in ihrem Alter, ist Eve sehr bewusst. Sie wurde bisher zu Hause beschult, lebt in einem nachhaltig gebauten Haus aus Naturmaterialien und wurde von ihrer Mutter dazu erzogen, offen ihre Meinung zu sagen und alles zu hinterfragen, was ihr im Alltag begegnet.
Nun möchte sie aber die Abschlussklasse an einer Highschool absolvieren. Zum Glück lernt sie Jacinda und Raja schon vorher kennen, so dass ihr der Start an der Highschool nicht ganz so schwer fällt. Und trotzdem: Eve sieht vieles anders, eckt einige Male mit ihrer Art an und gefährdet dadurch sogar neue Freundschaften …

Als Leser lernt man Eve in einer ungewöhnlichen Situation kennen: Sie ist gerade im Wald unterwegs, um Schlangen zu fangen, die sie zeichnet und dann wieder frei lässt – ein großes Hobby von ihr. Eve, ihre Art zu denken und ihr Leben in dem selbstgebauten Haus haben mich sehr schnell fasziniert. Ich als Lehrerin fand es sehr spannend die Highschool mit ihren Augen zu sehen und zu hinterfragen: An welchen Stellen haben Schüler tatsächlich Mitspracherecht? Und erziehen wir die Kinder tatsächlich zum eigenenständigen Denken oder vielmehr zu trägen und gehorsamen Schäfchen, die blind einem vorgegeben Pfad folgen?

Eve ist in ihrem Denken sehr extrem: Sie hat eine genaue Vorstellung davon, was richtig und falsch ist, was sie von ihren Mitmenschen erwartet und was sie selbst zu geben bereit ist. Ist so eine klare Einstellung und Haltung gut oder schlecht? Lohnt es sich für die eigenen Überzeugungen Freundschaften und Beziehungen aufs Spiel zu setzen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich „Eve sieht es anders“ und gibt zum Glück auch keine eindeutigen Antworten, so dass der Leser selbst denken und entscheiden muss.

All dies hat mir wirklich gut gefallen. Ich mag Bücher, die zum Nachdenken und Hinterfragen anregen. Und trotzdem gibt es einen Aspekt, der mich gestört hat und durch den ich das ganze Buch nicht mehr nur total positiv bewerten kann: Die Ereignisse innerhalb der Geschichte sind sehr extrem: Während in der Mitte des Buches sehr viele negative Dinge passieren, endet die Handlung dann total positiv und rosarot. Beides war mir zu unglaubwürdig. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Autorin versucht, den Leser durch solche Extreme wachzurütteln, aber für mich blieb dadurch ein wenig die Authentizität auf der Strecke.

In „Eve sieht es anders“ lernt man die Welt und vor allem die Highschool durch andere Augen zu sehen. Man muss sich Grundsatzfragen wie „Welche Rechte haben Schüler?“ oder „In wie weit verändere ich mich für andere Menschen?“ stellen und bekommt die Antwort nicht auf dem Silbertablett serviert. All dies hat mich begeistert und eignet sich meiner Meinung nach sehr gut als Schullektüre. Die verschiedenen Entwicklungen innerhalb der Geschichte werden aber in meinen Augen sehr überspitzt dargestellt, so dass die Handlung für mich an Glaubwürdigkeit verloren hat. Schade! So sind es „nur“ knappe 6 von 10 Sternen!

stern 6

Eve sieht es anders – J. J. Johnson – Hardcover mit SU – 316 Seiten – 16,95 € – ISBN 978-3868738193 – erschienen: August 2015 (Knesebeck) – Übersetzung: Maren Illinger – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Schattendieb: Novellen aus Siala und anderen Welten“ von Alexey Pehov

Klappentext:

Alle »Siala«- und »Hara«-Fans aufgepasst: Mit dieser Erzählungssammlung kehrt der Autor zu seinen beliebtesten Serien zurück und bietet exklusive Einblicke in neue Welten, die er erschaffen hat: Ob ein Wiedersehen mit Garrett, dem Schattenwanderer, oder Ness im Krieg gegen die Elfen, ob eine exklusive Story zum Roman »Dunkeljäger« oder bislang unbekannte Reiche, die von dämonischen Mächten, Blutsaugern und Teufeln bevölkert werden – »Schattendieb« ist unverzichtbare Lektüre für alle Pehov-Fans und zugleich der perfekte Einstieg in den vielschichtigen Kosmos des russischen Fantasy-Stars. (Quelle)

Meine Meinung:

Bücher aus der Feder von Alexey Pehov muss ich einfach lesen. Die Chroniken von Siala fand ich gut, die Chroniken von Hara habe ich verschlungen und den Einzelband „Dunkeljäger“ habe ich geliebt. Nun gibt es neuen Lesestoff für Fans des russischen Fantasyautors. Allerdings hat er dieses Mal einen Sammelband mit recht unterschiedlich langen Novellen herausgebracht.

„Schattendieb“ enthält insgesamt acht Novellen, von denen vier in schon bekannten Welten spielen, allerdings begegnet man nur in drei von ihnen auch bekannten Figuren wie Ness, Garrett und Lass. Insbesondere das Wiedersehen mit dem Elfen und seinem Freund Ogg hat mir gut gefallen.

Grundsätzlich ist es schwer, eine Sammlung an Geschichten zu bewerten, müsste man doch eigentlich jede Geschichte einzeln beurteilen. Zu Beginn war ich eher enttäuscht: Die erste Novelle endet genau an dem Punkt, an dem es für mich spannend wurde. Die nächsten beiden interessierten mich inhaltlich gar nicht und konnten mich kaum fesseln. Zum Glück ging es dann aufwärts: Die Geschichten wurden runder, hatten ein erkennbares Ende und auch das Wiedersehen mit bekannten Figuren hat mich doch noch dazu gebracht, das Buch kaum aus den Händen legen zu können.

Insgesamt ist „Schattendieb“ für Fans von Pehov und seinen Fantasyromanen eine nette Zugabe, aber in meinen Augen kein „Muss“. In jeder Geschichte zeigt Pehov, dass er ein meisterlicher Schriftsteller ist, aber eben auch, dass ihm lange Geschichten mehr liegen. Die enthaltenen Novellen sind sehr abwechslungsreich und unterschiedlich: So habe ich manche total gerne gelesen, andere nach der Hälfte abgebrochen. Ich schwanke zwischen 5 und 6 Sternen. Da mir die letzten Geschichten allerdings ganz gut gefallen habe, entscheide ich mich für sehr knappe 6 von 10 Sternen.

stern 6

Schattendieb: Novellen aus Siala und anderen Welten – Alexey Pehov – Klappbroschur – 464 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-492-70327-7 – erschienen: Mai 2015 (Piper)

[Rezension] „Hellwach“ von Hilary T. Smith

Klappentext:

Das Leben meiner Eltern ist so strahlend, als wäre es gar nicht echt. Es hat eine klinisch saubere Frische wie Schnittblumen, eingeschweißt in Zellophan. Mir wird schwindelig davon. Seit dem Tod meiner Schwester weiß ich, Leben ist Chaos. Es fühlt sich an, als würde mein Leben gerade in mehrere völlig verschiedene Realitäten aufsplittern, die eigentlich gar nicht nebeneinander bestehen können. Es gibt die eine Version, wo der Klavierwettbewerb das Wichtigste auf der ganzen Welt ist und ich ehrlich und gehorsam bin. Und dann gibt’s die Version, in der die Erwartungen meiner Familie irgendwie völlig bizarr und unwichtig sind. Ich schlinge die Arme um die Knie, weine und lache und suche nach meinem iPod, damit ich die passende Musik dabeihabe. Ich bin hellwach, von innen beleuchtet, und begreife, dass das Universum mir heute Nacht einen Einblick schenken will – einen Einblick in etwas Großes. Und ich habe Angst, dass sich diese Tür zu etwas Wunderschönem vielleicht schließt und nie wieder öffnet, wenn ich die Chance jetzt nicht nutze. (Quelle)

Meine Meinung:

Ich habe dieses Buch schon vor Wochen, nein sogar schon vor Monaten gelesen und doch noch nicht rezensiert, denn mir fällt es sehr schwer, meine Meinung und meine Eindrücke in Worte zu fassen. Das liegt daran, dass mich das Buch inhaltlich eher enttäuscht vom Schreibstil her aber absolut begeistert hat.

Die Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist Kiri. Ihre Eltern sind gerade im Urlaub und haben Kiri allein gelassen. Ihr Plan für die elternfreie Zeit: ganz viel Zeit mit Lukas, ihrem Bandkollegen, verbringen, den Bandwettbewerb gewinnen und endlich mit Lukas zusammenkommen. Doch es kommt alles anders, als erwartet: Eines Abends bekommt Kiri einen Anruf von einem fremden Mann, der behauptet, Sachen ihrer Schwester zu besitzen, die seit einigen Jahren tot ist. Kiri macht sich auf die Suche nach dem Mann und nach Antworten auf die Frage, was mit ihrer Schwester damals eigentlich tatsächlich passiert ist.

Leider verschiebt sich der Fokus der Geschichte in meinen Augen relativ schnell: Es geht gar nicht mehr so sehr um das Geheimnis um ihre Schwester, sondern viel mehr um die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Kiri und einem jungen Mann, dem sie nachts auf der Straße begegnet. Hier gab es für mein Dafürhalten zu viele Zufälle. Zum Ende hin wird die Geschichte ziemlich abgedreht, was mir gar nicht mehr gefallen hat.

Im Zuge von Kiris Suche nach Antworten und ihren aufkommenden Gefühlen schläft sie kaum noch. Sie ist wie in einem Rausch, meint unbedingt nachts ganz viel Klavier üben zu müssen, ist sehr ruh- und rastlos. Dieser Teil ist der Autorin extrem gut gelungen. Ich habe mich beim Lesen selbst ganz zittrig gefühlt, war innerlich unruhig und stand extrem unter Spannung. Faszinierend, wie es Hilary T. Smith gelingt, die Stimmung ihrer Hauptfigur auf die Leser der Geschichte zu übertragen.

„Hellwach“ konnte mich inhaltlich nicht überzeugen: Ich hatte mir einen anderen Fokus für die Geschichte erhofft und fand manche Dinge zu zufällig . Insbesondere zum Ende hin schwächelte die Story meiner Meinung nach. Im Gegensatz dazu fand ich die Schreibweise der Autorin vollkommen genial: Ich selbst war hellwach und wie elektrisiert. Wie bewertet man nun so ein Buch? Ich vergebe ganz knapp noch 6 Sterne!

stern 6

Hellwach – Hilary T. Smith – Klappbroschur – 368 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-8414-2157-9 – erschienen: April 2015 (Fischer) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Ruinen: Partials 3“ von Dan Wells

Reiheninfo:

  1. „Aufbruch“
  2. „Fragmente“
  3. „Ruinen“

Klappentext:

Die Zeit läuft ab und die Welt steht am Rand des letzten Krieges. Er wird das Schicksal beider Gattungen, der Menschen und der Partials, besiegeln. Während beide Seiten aufrüsten, um den vernichtenden Schlag zu führen, hat Kira Walker endlich ein Heilmittel für die Partials gefunden. In ihrem verzweifelten Bemühen, den Untergang zu verhindern, muss Kira bereit sein, alles zu opfern – selbst wenn es ihr eigenes Leben ist … (Quelle)

Meine Meinung:

Die ersten beiden Bände dieser Dystopie-Trilogie habe ich gern gelesen, auch wenn die Zusammenhänge immer ziemlich komplex sind. Die beschriebenen Vorgänge sind oft recht medizinisch und die Erforschung teilweise etwas langwierig. Trotzdem habe ich mich meist wie in einem Actionfilm gefühlt, konnte mir die beschriebenen Szenen wunderbar vorstellen.

„Du bist Kira Walker, und du wirst die Welt nicht retten, weil du die Auserwählte bist, sondern weil du es tun willst. Niemand auf der Welt setzt sich mehr für seine Ziele ein als du.“ (S. 393/394)

Mit „Ruinen“ findet die Reihe nun ihren Abschluss. Ich habe auch dieses Buch gerne gelesen, allerdings hat es auch deutliche Schwächen. Zum einen gibt es in meinen Augen kaum neue Handlung. Es passieren zwar wieder viele Dinge, die Kira davon abhalten, die Welt zu retten, aber das kennt man eben schon. Und auch die wenigen Neuheiten lesen sich sehr gewollt und fügen sich für meinen Geschmack nicht gut genug in die Haupthandlung ein.

Zum anderen gefällt mir der Schluss nicht wirklich. Er wirkt ziemlich überhastet. Da braucht Kira nun drei Bände, um die Welt zu retten und dann ist quasi sofort Schluss. Schade eigentlich, denn ich hätte gerne noch ein oder zwei kleine Szenen gelesen.

Ansonsten unterhält der Abschluss trotzdem durch die gewohnten Vorzüge der Reihe: Interessante Charaktere, mitreißende Beschreibungen und eben die Partials-Thematik.

Obwohl ich mich beim Lesen des dritten Bandes der Partials-Trilogie nicht gelangweilt habe, bleibt irgendwie ein bitterer Nachgeschmack. Mir scheint es so, als wäre dem Autor beim Schreiben dieses Buches ein wenig die Luft ausgegangen. Mir passiert zu wenig wirklich Neues und die Gestaltung des Endes hat mir auch nicht gefallen. Ich vergebe knappe 6 von 10 Sternen!

stern 6

Ruinen: Partials 3 – Dan Wells – Hardcover mit SU – 480 Seiten – 19,99 € – ISBN: 978-3-492-70284-3 – erschienen: April 2015 (ivi)

[Rezension] „Der Rabe ist Acht“ von Corinna Antelmann

Klappentext:

Ich ziehe mich in den Heizungskeller zurück, um Milchflaschen gegen die Wand zu deppern. Und mit jeder zerstörten Flasche, aus der die Flüssigkeit in die Freiheit entlassen wird, wird auch meine Wut in die Freiheit entlassen und darf sich ergießen über diese verkackte Welt.
Ich heiße Maja und ich hasse Bienen.

Ich knote eine Art Tragetuch um mich und den Raben. Mit dem schlaffen Körper vor der Brust fahre ich weiter. Wenn die Ampel jetzt auf Grün springt, dann heißt das: Alles wird gut, der Rabe überlebt. Und tatsächlich verpieselt sich das rote Licht in dem Augenblick, als ich die Kreuzung überqueren muss. Ich wusste es!
Ich heiße Klebe und ich liebe Raben. (Quelle)

Meine Meinung:

Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Buch zum einen durch den ungewöhnlichen Titel, der definitiv neugierig macht, und durch das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium, das die Autorin für dieses Buch erhalten hat.

Der Titel ist eigentlich ziemlich schnell erklärt, wenn man sich ein bisschen mit den beiden Hauptfiguren beschäftigt:
Maja ist die perfekte Schülerin und Tochter, immer leise, immer brav und fleißig. Allerdings würde sie gerne mal ausbrechen, mal anders sein, um herauszufinden, wer sie eigentlich wirklich ist.

„Maja, das kluge Tierchen, das sich gern häuten würde. Oder mausern. Die Haare aus- und das Gesicht herunterreißen und zeigen, was für eine Fratze dahinter zu sehen ist. Das Problem ist nur: Ich habe keine Ahnung, wie die Fratze aussieht. Ich kenne mich nicht.“ (S. 6)

Und dann ist da noch Klebe, der unheimlich intelligent ist, seinen Lehrern aber mit abstrusen Fragen auf den Geist geht und eigentlich nichts von Maja, der Streberin, hält. Sein Ziel ist es, eine Formel zu finden, die einen durch das Leben lotsen kann. Er beschäftigt sich viel mit Zahlen und Buchstaben. Nach seiner Theorie steht der Rabe ebenso wie er selbst für die Acht.

Nachdem Klebe Maja an einem Nachmittag im Schulkeller dabei erwischt hat, wie sie volle Milchflaschen an die Wand wirft, kommen die beiden sich näher. Mit Klebe hat Maja das Gefühl, ein Stückchen mehr ausbrechen zu können, nicht immer nur lieb und angepasst zu sein. Die beiden verbringen viel Zeit zusammen und schmieden ein Plan – einen gefährlichen Plan…

Was mich an diesem Buch wirklich überzeugt hat, sind die Charaktere. Ich finde sie ziemlich authentisch und trotz der Extreme irgendwie glaubhaft. Auch ihr Zusammenspiel und die Entwicklung, die die beiden nehmen, während sie Zeit miteinander verbringen, fand ich absolut logisch.

Die Handlung an sich hat mich irgendwann allerdings etwas gestört. Ich fand sie zu übertrieben und nicht mehr nachvollziehbar. Insbesondere der Schluss war mir zu abgehoben. Schade, denn das hat meinen Gesamteindruck doch etwas getrübt.

Ich kann durchaus nachvollziehen, warum Frau Antelmann für „Der Rabe ist Acht“ das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium erhalten hat. Die grundsätzliche Idee und die Charaktere sind absolut gelungen. Das Buch ist sprachlich interessant und stellenweise recht literarisch. Mir persönlich hat leider die Entwicklung der Handlung nicht gefallen, weil ich sie nicht mehr nachvollziehen konnte. Das Ende der Geschichte gefiel mir gar nicht, weswegen es von mir insgesamt nur 6 von 10 Sternen gibt.

stern 6

Der Rabe ist Acht – Corinna Antelmann – Klappbroschur – 200 Seiten – 12,90 € – ISBN-13: 978-3944572055 – erschienen: März 2014 (mixtvision) – Altersempfehlung: 14-17 Jahre