[Rezension] „Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank“ von Waldtraut Lewin

Klappentext:

Längst ist das lebenslustige jüdische Mädchen, das sich zwei Jahre lang in der Prinsengracht zu Amsterdam vor den Nazis verstecken konnte und dort Tagebuch führte, zu einer Ikone erstarrt und geistert als Lernstoff durch die Klassenzimmer Deutschlands. Waldtraut Lewin wagt es, das Denkmal von seinem Sockel und Anne in unsere Welt zu holen, um sie besser kennenzulernen. Bei ihrer fiktiven Begegnung lässt sie Anne staunen über das, was sich in den siebzig Jahren seit ihrem Tod verändert hat. Und erzählt ihr vom Staat Israel oder vom neuen Deutschland, in dem Juden leben dürfen und Menschen gegen Rechtsradikalismus auf die Straße gehen. Zusammen wagen sie den Blick von heute auf das Gestern und das Morgen. (Quelle)

Meine Meinung:

Wie wäre es eigentlich, wenn Anne Frank jetzt bei uns wäre? Was würde sie denken, was müsste man ihr erklären? Es sind spannende Fragen, denen Waldtraut Lewin in ihrem Buch nachgeht.

„Keinen Stern! Ich muss keinen Stern mehr tragen! Ich bin ein Mensch unter Menschen!“ (S. 21)

In ihrem Gedankenexperiment lässt sie Anne Frank wieder aufleben, die sehr begierig darauf ist, unsere heutige Welt kennenzulernen, nachdem sie viele Jahrzehnte nur in ihrem Tagebuch gelebt hat. Schritt für Schritt lernt Anne das Hier und Jetzt kennen – mit all den schönen und unschönen Seiten.

Aber nicht nur technische Dinge wie Handys oder Computer faszinieren Anne, sie will auch alles über den Staat Israel wissen und wie es sein kann, dass es immer noch Menschen gibt, die gegen die Juden sind.

Anne wiegt sich hin und her. „Siebzig Jahre sind vergangen, sagt sie leise, klagend. „Siebzig Jahre, seitdem die Völker diesen Hitler besiegt haben. Und nach siebzig Jahren gibt es wieder Leute, die nicht begreifen, dass es Unrecht war damals? […]“ (S. 119)

Die heutige Welt durch Annes Augen zu sehen, hat mir wirklich gut gefallen. Ihre teilweise noch kindliche Freude über manche Dinge, aber auch ihre Wut und Fassungslosigkeit waren sehr gut greifbar und übertragen sich schnell auf den Leser. Außerdem ist Anne Frank durch ihr quirliges, offenes und neugieriges Wesen eine sehr sympathische Hauptfigur. Ich habe ihr Tagebuch bisher noch nicht gelesen, freue mich jetzt aber schon auf die Lektüre.

Trotzdem gibt es für mich zwei Kritikpunkte: Zum einen hatte ich erwartet, dass es noch mehr eine inhaltliche Geschichte gibt, die im Vordergrund steht. Vielleicht war diese Erwartung auch unangemessen, trotzdem hat mir aber eine eigentliche Story etwas gefehlt. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass dieses Buch ein Jugendbuch ist und möglichst viele Leser begeistern sollte.
Zum anderen war mir die Sichtweise auf manche Dinge etwas zu einseitig. Anne Frank und die (auch jüdische) Ich-Erzählerin sprechen viel über Israel und den Konflikt dort zwischen den Israelis und Palästinensern. Wie kompliziert dieser Konflikt ist, dass es nicht den einen „Schuldigen“ gibt und beide Seiten Opfer sind, wird mir nicht deutlich genug. An einigen wenigen Stellen kommt davon ein bisschen was durch, aber ich hätte mir mehr gewünscht.

„Wenn du jetzt bei mir wärst“ ist ein spannendes Gedankenexperiment und bringt einem Anne Frank tatsächlich etwas näher Außerdem ist es unheimlich aufschlussreich, die heutige Welt durch ihre Augen zu sehen. Stellenweise war mir das Buch in seinem Denken aber etwas zu schwarz-weiß und die vordergründige Story hätte für meinen Geschmack auch ausgeprägter sein können. Insgesamt vergeb ich 6 von 10 Sternen.

stern 6

 Wenn du jetzt bei mir wärst – Eine Annäherung an Anne Frank – Waldtraut Lewin – Hardcover mit SU – 224 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-570-17108-0 – erschienen: Februar 2014 (cbj) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

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[Rezension] „Glaskinder“ von Kristina Ohlsson

Klappentext:

Billie will nicht umziehen, und doch kauft ihre Mutter ein Haus auf dem schwedischen Land, das Billie so gar nicht geheuer ist. Bald schon passieren merkwürdige Dinge und Billie erfährt, dass es in dem Haus immer wieder zu schrecklichen Unglücksfällen gekommen  ist. Gemeinsam mit Aladdin, dem Nachbarsjungen, und ihrer besten Freundin Simona macht sich Billie auf, das Rätsel zu lösen. Und als iher Mutter etwas zustößt, müssen die Freunde sich beeilen, denn es heißt, die Glaskinder gehen in dem Haus um und dulden keine neuen Bewohner…

Meine Meinung:

Kristina Ohlsson ist den meisten Lesern sicherlich vor allem durch ihre Thrillerreihe um die Ermittler Alex Recht und Fredrika Bergmann bekannt. Ich habe bisher die ersten drei Bände („Aschenputtel“, „Tausendschön“, „Sterntaler“) gelesen und sehr gemocht. Nun ist im Oktober 2014 mit „Glaskinder“ das erste Kinder-/Jugendbuch der Autorin erschienen und ich war ganz gespannt, wie es mir gefallen würde.

Die Geschichte beginnt damit, dass Billie und ihre Mutter ein Haus auf dem Land besichtigen, in das sie vier Wochen später einziehen werden. Für Billies Mutter ist es ein Schritt zurück ins Leben, denn das alte Haus birgt zu viele Erinnerungen an ihren verstorbenen Mann. Billie selbst fühlt sich von Beginn an unwohl in dem neuen Haus. Der Vermieter ist irgendwie komisch, verstrickt sich in Widersprüche und was Billie besonders merkwürdig findet: Warum hat die Familie, die vorher in dem Haus gewohnt hat, alle Möbel zurückgelassen?

„Auf dem Schreibtisch lag ein Malblock und Malkreiden und direkt daneben ein Stapel Zeichnungen. Es sah aus, als ob hier eben noch jemand gesessen und gemalt hätte, um dann einfach aufzustehen und zu gehen. Und nie wieder zurückzukommen.“ (S. 11)

Die Merkwürdigkeiten häufen sich: Mal bewegt sich eine Lampe scheinbar ganz von alleine, dann stehen plötzlich Billies Bücher im Regal in einer ganz anderen Reihenfolge. Billies Mutter will von dem Unsinn nichts wissen, doch die Reaktionen einiger anderer Bewohner der schwedischen Kleinstadt zeigen dem Mädchen deutlich, dass sich Geheimnisse um das Haus ranken. Gemeinsam mit Aladdin, dem Nachbarsjungen, und ihrer besten Freundin aus der Stadt versucht Billie genau dieses Geheimnis zu lüften.

Ich weiß nicht genau, wie Kinder und Jugendliche diese Geschichte und das Geheimnis wahrnehmen. Gruseln sie sich sehr? Sind sie neugierig, welche Erklärung die Autorin ihnen bietet? Und sind sie mit der Auflösung zufrieden? Ich kann diese Fragen für mich nur mit einem klaren Jein beantworten.

Mir hat die Geschichte an sich gut gefallen und vor allem mochte ich die Atmosphäre, die die Autorin aufbaut. Ich konnte mir gut vorstellen, in einem heißen schwedischen Sommer in dem blauen Haus zu sein und plötzlich zu sehen, wie sich eine Deckenlampe von Geisterhand bewegt. Trotzdem fehlte mir irgendetwas beim Lesen. So richtig interessiert hat mich die Geschichte nicht. Die Auflösung ist zwar schlüssig und passt, aber sie hat mich auch nicht vom Hocker gehauen.

„Glaskinder“, das erste Jugendbuch von Kristina Ohlsson, konnte mich nicht ganz so überzeugen wie ihre Erwachsenenthriller. Zwar zeigt sie auch hier, dass sie toll und sehr bildhaft schreiben kann, und Billie ist eine sympathische Hauptfigur, aber mich interessierte das Geheimnis und seine Auflösung nicht genug. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass Buch insbesondere für jüngere Leser noch sehr viel Spannung bietet. Ich vergebe 6 von 10 Sternen.

stern 6

Glaskinder – Kristina Ohlsson – Hardcover – 224 Seiten – 12,99 € – ISBN: 978-3-570-16280-4 – erschienen: Oktober 2014 (cbt) – Altersempfehlung: ab 11 Jahren

[Rezension] „Tigermilch“ von Stefanie de Valesco

TigermilchKlappentext:

Nini und Jameelah leben in derselben Siedlung, sie sind unzertrennlich und mit ihren vierzehn Jahren eigentlich erwachsen, finden sie. Deswegen kaufen sie sich Ringelstrümpfe, die sie bis zu den Oberschenkeln hochziehen, wenn sie ganz cool und pomade auf die Kurfürsten gehen, um für das Projekt Entjungferung zu üben.
Sie mischen Milch, Mariacron und Maracujasaft auf der Schultoilette. Sie nennen das Tigermilch und streifen durch den Sommer, der ihr letzter gemeinsamer sein könnte […] (Quelle)

Meine Meinung:

„Manchmal weint Mama,wenn ich ihr die Haare kämme, aber ich tue so, als ob ich das nicht merke, ich glaube, das ist besser so. Jameelahs Mutter sagt, einen Schlafenden kann man aufwecken, aber jemanden, der nur so tut, als ob er schläft, den kriegt man niemals wach.“ (S. 37)

„Tigermilch“ ist kein leichtes Buch: sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Schon auf den ersten Seiten erfährt man, dass Nini und Jameelah mit ihren vierzehn Jahren einiges tun, was nicht gut für sie ist: Sie trinken regelmäßig ihre Tigermilch, rauchen und  lassen sich von fremden Männern mit aufs Hotelzimmer nehmen. Auch der weitere Verlauf des Buches erzählt keine schöne Geschichte: Nini hat keine sorgende und liebevolle Familie hinter sich, stattdessen eine Mutter, die den ganzen Tag auf dem Sofa liegt und vor sich hinvegetiert. Jameelah und ihrer Mutter droht die Abschiebung: ein Problem, das Nini gar nicht so ganz greifen kann. Und dann passiert etwas Schreckliches in der Siedlung…

Ich finde den Roman insofern sprachlich schwierig, als dass die wörtliche Rede gar nicht gekennzeichnet ist. Es gibt keine Anführungszeichen oder ähnliches, die gesprochenen Sätze gehen direkt in die Ich-Erzählung von Nini über. Man gewöhnt sich zwar mit der Zeit daran, trotzdem frage ich mich aber, warum Stefanie de Valesco das so gemacht hat. Meine einzige Erklärung bisher: Das Lesen soll für mich nicht leicht sein, denn das Leben ist es für Nini und Jameelah ja auch nicht.

„Tigermilch“ zu lesen, war für mich nicht leicht. Das Thema ist nicht einfach, lässt einen auch nach dem Lesen nicht so leicht los und schockiert. Den Schreibstil fand ich anfangs sehr anstrengend, zum Ende hin hatte ich mich daran gewöhnt. Die besprochenen Themen sind sicherlich wichtig und realitätsnah, in ihrer Anhäufung erschienen sie mir aber etwas übertrieben. Insgesamt vergebe ich deswegen gute 6 von 10 Sternen!

stern 6

„Tigermilch“ war 2014 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Tigermilch – Stefanie de Valesco – Hardcover mit SU – 288 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-462-04573-4 – erschienen: August 2013 (KiWi)

[Rezension] „Der Wald der träumenden Geschichten“ von Malcom McNeill

Der Wald der träumenden GeschichtenKlappentext:

Wo Max herkommt und wer er ist, können ihm nicht einmal seine Adoptiveltern sagen. Doch das ist nicht das einzige Rätsel im Leben des kleinen Waisenjungen: Er besitze die Gabe, Menschen verschwinden zu lassen, erfährt er von zwei unheimlichen Fremden, dem eigenbrötlerischen Wissenschaftler Boris und der phantastischen Mrs Jeffers. Ob das Verschwinden seiner Eltern mit seinem Fluch zu tun hat?
Die Lösung beider Rätsel liegt tief verborgen im »Wald des Anfangs«, dem Ursprung aller Geschichten bevölkert mit phantastischen und magischen Wesen, die Max bei seiner Suche helfen und ihn begleiten. (Quelle)

Meine Meinung:

Uff, diese Rezension fällt mir richtig schwer. Normalerweise weiß ich, bevor ich eine Rezension beginne, ob mir das Buch gefallen hat oder nicht. Im besten Falle habe ich schon eine Bewertung im Kopf und weiß auch, woran ich diese festmache. Nicht so bei diesem Buch…

Um es kurz und knapp zu sagen: Ich bin mir mit mir selbst nicht einig, wie ich „Der Wald der träumenden Geschichten“ finde. Es gab Stellen, die ich langweilig fand, und welche, die spannend waren. Manchmal habe ich die Fantasie des Autors bewundert und mich an seinen Kreationen erfreut, andere Male waren mir kleine Teilgeschichten zu abgehoben und komisch.

Einerseits finde ich, dass das Buch stellenweise, vor allem sprachlich, nicht für Kinder geeignet ist, andererseits ist die Geschichte eindeutig für ältere Kinder geschrieben und spricht sie sicherlich auch an.

Auf der Verlagsseite wird der philosophische Tiefgang des Buches hervorgehoben und auch hier ist meine Meinung zwiespältig: Manchmal war es mir zu philosophisch, dann wieder zu wenig. Es gab aber auch Stellen, die in dieser Hinsicht wirklich perfekt waren und zum Nachdenken angeregt haben.

„Tausende von Jahren haben die Menschen gelebt, ohne sich zu fragen, wie sie leben sollten. Ich denke, sie wussten es intuitiv. Man brauchte keine besonderen Antworten, weil es keine besonderen Fragen gab. Die Menschen lebten so wie die Bäume – sie schlugen Wurzeln, trieben Äste und wuchsen.“ (S. 331)

Eine Sache war aber uneingeschränkt schön und zwar die Sprache, insbesondere die Beschreibung der Bücher und Geschichten dort.

„Das Buch hatte Max als Erstes gesehen. Es lag im Sessel, als habe es auf ihn gewartet, und zog ihn sofort in Bann – nicht nur durch seine Größe und Schönheit, sondern auch durch ein seltsames Gefühl von Vertrautheit. Es kam ihm vor, als kennten sie beide sich schon seit langer Zeit und kämen nun endlich wieder zusammen.“ (S. 88)

Also: Es gab vieles, was ich an diesem Buch mochte, so beispielsweise die Sprache, meist die Fantasie des Autors und die Charaktere. Andere Dinge haben mir nicht so gut gefallen: So hatte die Geschichte manchmal gewisse Längen und ich habe den roten Faden nicht immer ganz gesehen. Insgesamt vergebe ich noch 6 von 10 Sternen.

stern 6

Der Wald der träumenden Geschichten – Malcom McNeill – Hardcover – 544 Seiten – 16,99 € – ISBN 978-3-596-85670-1 – erschienen: August 2014 (Fischer)

[Reihenrezension] „Du kannst keinem trauen“ & „Ihr seid nicht allein“ von Robison Wells

Du kannst keinem trauenReiheninfo:

  1. „Du kannst keinem trauen“
  2. „Ihr seid nicht allein“

Diese Reihenrezension ist spoilerfrei!

Inhalt:

Als Benson an das Elite-Internat der Maxfield Academy kommt, hat er die Hoffnung, dass sich endlich etwas in seinem Leben zum Positiven verändert. Bisher war er in zig verschiedenen Pfegefamilien und doch nirgendwo zuhause.
Das Internatsleben stellt sich aber als ganz anders heraus als erwartet: Es gibt klare Regeln und harte Strafen, die von anderen Schülern ausgeführt werden. Die Schule ist umgeben von Stacheldraht und hohen Mauern. Lehrer gibt es keine. Benson und seine Mitschüler sind Gefangene. Wer zu fliehen versucht, wird geschnappt und erhält als Strafe Arrest. Und aus dem Arrest ist bisher noch nie jemand zurückgekehrt. Was geht an der Maxfield Academy vor und findet Benson doch eine Möglichkeit zur Flucht?

Meine Meinung:

Hohe Mauern und Stacheldraht, keine Erwachsene, Schüler, die versuchen, die Macht an sich zu reißen und die große Frage nach dem Warum: ein seh viel genialeres Setting kann es wohl nicht geben. Klar, es ist auch kein innovatives Setting, doch das, was Robison Wells – übrigens der Bruder von Dan Wells – daraus macht, hat mich überrascht und begeistert. Geht es zunächst für Benson darum, sich einer der drei Gruppen in dem Internat anzuschließen und sich zu behaupten, wird schnell klar, dass mehr hinter dem Internat stecken muss. Warum gibt es hier nur Schüler, die keine richtige Familie haben. Sollen sie zu Elitekämpfern ausgebildet werden? Aber warum erhalten sie dann keinen richtigen Unterricht? Kein strategisches Fachwissen?

„‚Was, wenn wir alle versuchen würden, abzuhauen – alle vierundsiebzig? Wir bauen einfach ein paar Leitern und hauen ab. Keiner außer uns selbst hält uns hier fest.'“ (S. 177)

Die Auflösung, die sich langsam im letzten Drittel des ersten Bandes offenbart, ist wirklich interessant, obwohl ich schon etwas in diese Richtung geahnt habe. Das Ende ist dann dramatisch und packend wie ein Actionthriller, so dass ich direkt den zweiten Band zur Hand nehmen musste.

Für „Du kannst keinem trauen“ gibt es also eine ganz klare Leseempfehlung: spannend geschrieben, tolle Ideen, gut ausgearbeiteter Plot.

Ihr seid nicht alleinDer zweite Band beginnt dann eigentlich schon fast mit einem Highlight. Benson macht eine Entdeckung, die alles, was man als Leser bisher erfahren und vermutet hat, nochmal in den Grundangeln erschüttert. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Benson gerät von einer Gefangenschaft in die nächste.

Leider war dies auch schon der Höhepunkt für mich. Die weitere Handlung läuft dann so vor sich hin. Es kommt zwar noch zu einigen, teilweise sogar recht dramatischen Zwischenfällen, aber irgendwie konnten die mich nicht so richtig mitreißen. Natürlich habe ich das Buch trotzdem zuende gelesen, es ist schließlich nicht schlecht, aber die Spannung und vor allem die Faszination der zwischenmenschlichen Beziehungen aus dem ersten Band habe ich vermisst. Gerade in Bezug darauf habe ich einige Entscheidungen von Benson auch nicht mehr nachvollziehen können. Die Auflösung, die der Autor dem Leser am Ende präsentiert, konnte meine Meinung dann auch nicht mehr großartig ändern.

„Ihr seid nicht allein“ bietet in meinen Augen nicht mehr ausreichend Potenzial für ein eigenständiges Buch. Robison Wells hätte lieber den ersten Band noch etwas ausweiten und als Einzelband konzipieren sollen.

Abschließendes Fazit:

Robison Wells hat eine faszinierende Idee zu Papier gebracht. Im ersten Band kann er durch ein spannendes Setting, tolle Charaktere und einer wirklich guten Grundidee überzeugen. Leider flacht die Spannung im zweiten Band ziemlich ab. Der Höhepunkt ist meiner Meinung nach viel zu früh gesetzt, insgesamt passiert zu wenig Neues und Unerwartetes. „Du kannst keinem trauen“ und „Ihr seid nicht allein“ sind auf jeden Fall interessante Bücher für jugendliche Leser (und endlich auch mal wieder etwas für Jungen). Den ersten Band würde ich uneingeschränkt weiterempfehlen. Bei dem zweiten Teil muss man mit einer kleinen Enttäuschung rechnen. Insgesamt vergebe ich für diese Reihe 6 von 10 Sternen.

stern 6

Du kannst keinem trauen – Robison Wells – Klappbroschur – 480 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-8414-2140-1 – erschienen: Mai 2014 (Fischer)

Ihr seid nicht allein – Robison Wells – Klappbroschur – 400 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-8414-2141-8 – erschienen: August 2014 (Fischer)

[Rezension] „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer

Die WunderübungInhalt:

Joana und ihr Mann Valentin streiten nur noch. Von der einstigen Liebe ist kaum noch etwas zu spüren. Und so lernen wir die beiden bei einem Paartherapeuten kennen, der anfangs mit einer Engelsgeduld versucht, auf die beiden einzugehen. Doch Joanas bissige und Valentins unbeteiligte Art machen es auch dem Therapeuten nicht leicht…

Meine Meinung:

Die wunderbare und so treffsichere Erzählweise von Daniel Glattauer habe ich durch „Gut gegen Nordwind“ kennen und lieben gelernt. Auch in „Die Wunderübung“ geht es um einen Mann und eine Frau, aber im Gegensatz zu Emmi und Leo befinden sie sich nicht am Anfang ihrer Liebe, sondern eher am Ende.

Valentin und Joana sind wunderbar dargestellt und auch der Paartherapeut – von Valentin anfangs ehrfürchtig „Herr Magister“ genannt – sorgte dafür, dass ich die meiste Zeit mit einem Schmunzeln auf dem Lippen las. „Die Wunderübung“ ist ein sehr kurzes, schmales Büchlein und umfasst nur einen Handlungszeitraum von etwas mehr als einer Stunde. Bis auf einige wenige Kurzinformationen enthält es nur Dialoge, also genauso wie eine Komödie – so auch der Untertitel dieses Buches.

Ich weiß gar nicht genau, ob ich von diesem Buch nun begeistert bin oder nicht: Auf der einen Seite beschreibt Glattauer das Ehepaar auf eine unheimlich treffsichere und bildliche Art, die gleichzeitig lustig und traurig ist, aber immer gut unterhält. Auf der anderen Seite ist mir die Geschichte einfach zu kurz, ähnelt mehr schon einer Anekdote und war für mich an einigen wichtigen Stellen sehr vorhersehbar. Ich hatte beim Lesen Freude, werde aber wohl kaum einen weiteren Gedanken an das Gelesene verschwenden. Für Nebenher mehr als in Ordnung, aber keine tiefer gehende Begeisterung: gute sechs Sterne!

stern 6

Die Wunderübung – Daniel Glattauer – Hardcover mit SU – 112 Seiten – 12,90 € – ISBN 978-3-552-06239-9 – erschienen: Februar 2014 (Hanser)

[Rezension] „Das Licht hinter den Wolken“ von Oliver Plaschka

Das Licht hinter den WolkenInhalt:

April hat es in ihrer Kindheit nicht einfach: Ihr Vater ist nach dem Tod ihrer Mutter nur schwer zu ertragen und brutal, sie hat kaum einen richtigen Freund und fühlt außerdem ständig eine Leere in sich und das Streben nach einem Licht, das nur sie sehen kann. Als sie es endlich schafft, sich von ihrem Vater und dem einsamen Leben im Dorf loszusagen, trifft sie zunächst auf Janner, einem Fealv, und später dann auf Sarik, einem Zauberer.

Was sie nicht ahnen kann: Das Schicksal hat ihr eine ganz besondere Rolle im Kampf zwischen Mächten zugeteilt, von denen April vermutlich noch nicht mal geahnt hat, dass sie existieren.

Meine Meinung:

Schon lange bevor „Das Licht hinter den Wolken“ auf der Longlist des SERAPH landete, wurde ich durch eine sehr begeisterte Rezi auf dieses Buch aufmerksam. Und so war ich mehr als gespannt, auf die Geschichte, die sich zwischen den Buchdeckeln verbirgt.

Mein erster Eindruck war allerdings nicht so positiv wie erwartet: Ich habe mich lange Zeit mit dem Schreibstil von Plaschka sehr schwer getan. Das lag vor allem daran, dass er die Vorgeschichte von April im Präsens erzählt: sehr ungewohnt und für mich auch nicht passend. Das änderte sich dann zum Glück relativ schnell, aber trotzdem konnte ich mich mit der Erzählweise des Buches nicht wirklich anfreunden. Manche Geschichten, Hintergründe und Nebenerzählungen werden extrem detailliert erzählt. Das erinnert mich ein wenig an „Herr der Ringe“, ein Buch, das mir auch zu viele Hintergrundinformationen bereit hielt. An anderer Stelle waren mir manche Beschreibungen wiederum etwas zu wenig. Ich weiß zum Beispiel immer noch nicht genau, wie ein Fealv aussieht und was genau er ist.

Die Geschichte, die Plaschka erzählt, ist durchdacht und nicht uninteressant. Allerdings ist auch sie mir wieder komplex. Außerdem hat es wirklich lange gedauert, bis ich als Leser wusste, worauf die Handlung insgesamt hinauslaufen würde. Ich habe beim Lesen gerne ein gewisses Ziel vor Augen.

Und obwohl dies jetzt vor allem Kritikpunkte sind, habe ich „Das Licht hinter den Wolken“ nicht total ungern gelesen. Plaschka hat vor allem eines geschafft: Er hat viele neuartige (oder zumindest mir noch nicht bekannte) fantastische Wesen und eine ganz neue Welt erschaffen. Er kann definitiv mit Worten umgehen, auch wenn die Art und Weise eben nicht immer meinen Geschmack getroffen hat. Ich kann mir aber vorstellen, dass es vielen ganz anders geht. (Mit meiner Meinung zu „Herr der Ringe“ stehe ich ja auch relativ allein da.)

„Das Licht hinter den Wolken“ ist ein sehr komplexer, durchdachter Fantasyroman der anderen Art: voller unbekannter Wesen, noch nicht tausendmal gelesener Handlungselemente und sympathischen Charakteren. Trotzdem konnte mich das Buch aus den oben genannten Gründen nicht durchweg überzeugen, ich hätte mehr erwartet. Ich vergebe 6 von 10 Sternen.

stern 6

Das Licht hinter den Wolken – Oliver Plaschka – Hardcover mit SU – 686 Seiten – 24,95 € – ISBN: 978-3-608-93916-3 – erschienen: März 2013 (Klett-Cotta)

[Rezension] „Allein unter Schildkröten“ von Marit Kaldhol

allein unter SchildkrötenKlappentext:

6. Mai, 03:10 Uhr

Unmöglich, einzuschlafen, unmöglich, wach zu bleiben. Die Zeit in meinem Körper und die äußere Zeit stimmen nicht mehr überein. Bin heute schon wieder nicht zur Schule gegangen. Keiner ruft an, keiner merkt, dass ich nicht da bin. (Quelle)

Meine Meinung:

Dieses Buch hat mich verwirrt. Und zwar so sehr, dass ich schon vor dem Schreiben der Rezi die Rezension von DieJai gelesen habe, was ich normalerweise nicht mache. Sie schreibt etwas, was ich auf jeden Fall unterstütze: Möchtet ihr dieses Buch lesen, informiert euch so wenig wir möglich über den Inhalt. Damit würdet ihr euch sonst einiges kaputt machen.

Es ist sehr schwer, etwas zu dem Buch zu sagen, ohne zu viel vorweg zu nehmen, deswegen kommt hier auch nur ein kleiner Eindruck:

Das Buch besteht aus kurzen Tagebucheinträgen und Erinnerungen, manchmal nicht mehr als ein bis zwei Sätze lang. Diese Tagebucheinträge stehen sehr isoliert für sich und bekommen auch im Laufe des Buches kaum einen größeren Gesamtzusammenhang.

Das Buch ist nicht schlecht, es ist sogar auf seine Weise wirklich brillant. Nur unterhält es nicht, soll es vermutlich auch gar nicht.

Wer also wie ich gestern auf der Suche nach einem unterhaltsamen Jugendbuch ist, sollte nicht zu „Allein unter Schildkröten“ greifen. Wer sich aber auf ein sehr spezielles, literarisches Buch einlassen kann und bereit für die bewegende Geschichte von Mikke ist, für den könnte dieses Buch doch etwas sein. Ich finde es sehr schwer, hier eine Bewertung zu vergeben, gebe aber dennoch 6 von 10 Sternen.

stern 6

Dieses Buch war 2013 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Allein unter Schildkröten – Marit Kaldhol – Klappbroschur – 136 Seiten – 12,99 € – ISBN-13: 978-3939435471 – erschienen: Februar 2012 (mixtvision)
Altersempfehlung: ab 14 Jahren

„Göttlich verliebt“ von Josephine Angelini

Göttlich verliebtReiheninfo:

  1. “Göttlich verdammt”
  2. “Göttlich verloren”
  3. “Göttlich verliebt”

Die Renzension könnte kleine Spoiler zu den vorherigen Bänden enthalten.

Klappentext:

Ein zweiter Trojanischer Krieg steht unmittelbar bevor. Weil die Scions sich gegenseitig bekämpfen, liegt es allein an Helen, Lucas und Orion, neue Verbündete für ihr bislang größtes Gefecht zu finden. Zugleich wächst Helens Macht und mit ihr das Misstrauen ihrer Freunde. Doch Helen kann deren Vertrauen zurückgewinnen und den unsterblichen Zeus in letzter Minute bezwingen. Aber was wird aus Helens ganz persönlichem Kampf um ihre Liebe zu Lucas?

Um zu verhindern, dass die sterbliche Welt in die Hände der 12 unsterblichen Götter fällt, brauchen Helen, Lucas und Orion neue Verbündete. Zugleich wächst Helens Macht und mit ihr das Misstrauen ihrer Freunde. Wie kann Helen deren Vertrauen zurückgewinnen? Womit lassen sich die Götter besiegen? Und was wird aus ihrem Kampf um die Liebe zu Lucas? (Quelle)

Meine Meinung:

Die „Göttlich“-Trilogie ist schon immer eine Reihe gewesen, die ich ganz gerne gelesen habe, die in mir aber keine wahren Begeisterungsstürme hervorgerufen hat. Und so kam es auch, dass der finale Band „Göttlich verliebt“ relativ lange ungelesen in meinem Regal stehen konnte, ohne mich nervös zu machen. Doch nachdem ich auf der wundervollen Lesung mit der noch wundervolleren Josephine Angelini war, griff ich dann doch zum Buch.

In meinen Augen lässt sich das Buch ganz klar in zwei Hälften teilen: Der erste Teil gefiel mir nicht so gut, die Handlung zog sich, es wurden mir zu viele Geschichten auf Nebenschauplätzen erzählt, bei der ist immer wieder um die Verkörperung der Helena von Troja ging. Zum anderen hat mich das ewige Auf und Ab der Gefühle total genervt. Ich persönlich konnte Orion so gar nichts abgewinnen und so Helen streckenweise auch nicht verstehen. Sowieso nerven mich diese Dreiecksliebesgeschichten.

Doch das letzte Drittel etwa wurde dann noch ein Mal richtig spannend. Es kommt zu einem wahren Showdown: einer großen Schlacht! Und die gefiel mir so gut, dass er zumindest ansatzweise die vorherigen Längen wieder gut machen konnte. Es werden viele lose Fäden verknüpft und als Leser hat man das ein oder andere Aha-Erlebnis.

Der letzte Band hat meine Meinung zur Gesamtreihe gefestigt: Nette Romantasy mit innovativen Elementen aus der griechischen Mythologie; schön zu lesen, aber in meinen Augen kein Must-Read. 6 von 10 Sternen!

stern 6

Göttlich verliebt – Josephine Angelini – Hardcover mit SU – 464 Seiten – 19,95 € – ISBN-13: 978-3-7915-2627-0 – erschienen: März 2013 (Dressler)

„Stuart Horten – Acht Münzen und eine magische Werkstatt“ von Lissa Evans

Stuart Horton 1Reiheninfo:

  1. „Acht Münzen und eine magische Werkstatt“
  2. „Sieben Rätsel und ein magischer Stern“

Inhalt:

Der zehnjährige Stuart ist nicht nur viel zu klein für sein Alter, sondern muss auch noch zu Beginn der Sommerferien umziehen. Und außer den neugierigen und aufdringlichen Drillingen aus dem Nachbarhaus kennt er niemanden. So ist es sehr passend, dass er in einer alten Schachtel, die früher seinem Großonkel gehört hat, ein Rätsel und acht veraltete Münzen findet. Sein Großonkel Kenny Horten war ein berüchtigter Zauberer, bis er von ein auf den anderen Tag plötzlich verschwand.

Und so macht sich Stuart auf den Weg, die magische Werkstatt zu finden, und gerät in ungeahnte Gefahren.

Meine Meinung:

Der erste Teil um Stuart Horten ist ein nettes kleines Kinderbuch, das mich gut unterhalten hat. Die Geschichte wird ab 10 Jahren empfohlen, was auch etwa meiner Einschätzung entspricht. Die Geschichte ist eine gelungene Mischung aus einem modernen Märchen, bzw. einem Kinderfantasybuch, und einem Abenteuer-Detektivroman für die jüngsten Leser. Sollte mir irgendwann der zweite Teil über den Weg laufen (den ersten habe ich gewonnen) werde ich ihn sicherlich lesen. Ob ich mir das Buch kaufen würde, weiß ich nicht genau.

Ich vergebe 6 von 10 Sternen!

stern 6Stuart Horten – Acht Münzen und eine magische Werkstatt – Lissa Evans – Hardcover – 352 Seiten – 13,90 € – ISBN-13: 978-3939435532 – erschienen: September 2012 (mixtvision) – Altersempfehlung: ab 10 Jahren