[Rezension] „Firefight“ von Brandon Sanderson

Reiheninfo:

  1. „Steelheart“
  2. „Firefight“
  3. „Calamity“ (noch nicht erschienen)

Achtung: Die Rezension enthält Spoiler zum ersten Band!

Klappentext:

Steelheart, der scheinbar unbesiegbare Tyrann des ehemaligen Chicago, ist tot – besiegt von David und den Rächern. Nun klafft dort, wo in David jahrelang der Wunsch nach Rache gebrannt hat, ein Loch, und er braucht endlich Antworten auf seine Fragen: Wo kommen diese sogenannten Epics her, Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten? Was macht sie so grausam? Und gibt es eine Zukunft für Davids Liebe zu einer von ihnen – zu Firefight? Eine abenteuerliche Reise quer durch Amerika beginnt … (Quelle)

Meine Meinung:

„Steelheart“ war im letzten Jahr eines meiner absoluten Lesehighlights. Ich hab dem Erscheinen des zweiten Bandes sehr entgegen gefiebert. Kurz vor dem Lesen hatte ich allerdings ein bisschen Angst: Was ist, wenn mich „Firefight“ nicht so begeistern kann wie sein Vorgänger?

„Wer war ich, wenn ich nicht mehr in Newcago war? Eine ähnliche Leere empfand ich in manchen Nächten, wenn ich mich fragte, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, nachdem er fort war. Ich hatte gesiegt, und mein Vater war gerächt.“ (S. 56)

Er, Steelheart, ist also tot. Damit hat David sein Ziel erreicht – oder nicht? Doch Steelheart ist bis weitem nicht der einzige grausame Epic, der Menschen tyrannisiert und droht, ganze Städte zu vernichten. Gemeinsam mit dem Prof und Tia macht sich David auf den Weg nach Babilar, wo die herrschende Epic Regalia immer mehr von ihresgleichen um sich scharrt. Sie scheint einen Plan zu haben, nur welchen?

Schon nach wenigen Seiten war klar, ich brauchte keine Angst vor zu hohen Erwartungen haben. „Firefight“ liest sich genauso spannend und mitreißend wie „Steelheart“ und kann meine Erwartungen mit Leichtigkeit erfüllen. Ich bin immer noch von Sandersons Idee der Epics mit ihren Superkräften und geheimen Schwächen total begeistert. Ich habe etwas Derartiges in der Fantasy noch nie gelesen. Sanderson kann sich hier also vollkommen austoben und ist nicht an schon bestehende Regeln des Genres gebunden.

Ich bin von den Epics genauso fasziniert wie David, der sie immer noch studiert und versucht, mehr über die Zusammenhänge herauszufinden: Gibt es einen besonderen Grund für die Schwächen der Epics? Und warum gelingt es manchen wenigen von ihnen, sich von ihren Kräften nicht verderben zu lassen, während die meisten zu wahren Monstern mutieren? Und vor allem: Wie geht es Megan aka Firefight?

Meine Sorge, ob „Firefight“ mit dem grandiosen Auftaktband „Steelheart“ mithalten kann, war vollkommen unbegründet. Auch der zweite Teil dieser tollen Trilogie ist absolut spannend und voller Action. Gemeinsam mit David, der vor allem durch sein Faible für schlechte Metaphern so sympathisch wird, erhalten wir neue Einblicke in die faszinierende Welt der Epics. Und dann – wow – der Höhepunkt der Geschichte: Hier ändert sich nochmal alles. Ich freue mich sehr (sehr, sehr) auf den letzten Band. 10 von 10 Sternen!

stern 10

Firefight – Brandon Sanderson – Hardcover mit SU – 464 Seiten – 17,99 € – ISBN: 978-3-453-26900-2 – erschienen: Oktober 2015 (Heyne fliegt) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren – Übersetzung: Jürgen Langowski

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[Rezension] „Glück ist eine Gleichung mit 7“ von Holly Goldberg Sloan

Klappentext:

Willow ist ein Energiebündel, denkt immer positiv und interessiert sich für alles: Sie studiert das Verhalten von Fledermäusen, züchtet Zitrusfrüchte im Garten und begeistert sich für die Schönheit der Zahl 7. Ihr größter Wunsch ist es, gleichaltrige Freunde zu finden. Dafür lernt sie sogar Vietnamesisch. Doch dann verunglücken ihre Adoptiveltern bei einem Autounfall. Es ist wie ein Wunder, wie Willow mit ihrer Art zu denken – ihrer Hochbegabung – und ihrem ungebrochenen Charme ihre Welt zusammenhält. Dabei verändert sie das Leben aller, die sie trifft, und jeder Einzelne entdeckt, welche Kräfte in ihm stecken. (Quelle)

Meine Meinung:

Hach! Wenn jemand auf der Suche nach einem absoluten Wohlfühlbuch ist, muss er jetzt nicht weiter suchen. Mit „Glück ist eine Gleichung mit 7“ hat man es gefunden!

Willow ist wirklich eine besondere Protagonistin und das liegt nicht nur an ihrer Hochbegabung, die sie teilweise etwas schräg wirken lässt, sondern vor allem an ihrer absolut liebenswerten Art. Willow weiß, dass sie hochbegabt ist. Sie weiß auch, wie sie auf gleichaltrige Mitschüler wirkt. Etwas verschroben und sonderbar – niemand, mit dem man sich gerne anfreunden möchte, obwohl Willow immer freundlich und offen auf ihre Mitmenschen zu geht. Und doch ist sie nicht bereit, sich für andere zu verstellen. Ein bewundernswerter Charakterzug.

Obwohl Willow noch keine gleichaltrigen Freunde hat (an der Freundschaft mit Mai arbeitet sie gerade), ist Willow glücklich, denn sie hat ja ihren Garten und ihre Adoptiveltern, die sie bedingungslos lieben. Doch dann: Ein Autounfall, bei dem ihre Eltern beide ums Leben kommen. Willow hat niemanden mehr. Steht ganz alleine da. Ihre Welt bricht zusammen. Nun muss sich zeigen, was ihre Freundschaft mit Mai wirklich wert ist und wie stark Willow tatsächlich ist.

Als Leser erfährt man ziemlich früh zu Beginn des Buches, dass Willows Eltern bei einem Autounfall sterben. Und obwohl ich noch gar nicht so viel Zeit hatte, das junge Mädchen kennenzulernen, hat mich dieser Unfall, Willows Verlust und ihre Trauer total umgehauen. Ich war mit ihr paralysiert, wollte sie trösten und sie in den Arm nehmen. Denn Willow ist eine der tollsten Charaktere, die ich seit langem kennenlernen durfte.

Willows Welt muss sich aber auch nach dem Tod ihrer Eltern weiter drehen, obwohl dies zunächst undenkbar erscheint. Und im Laufe der Geschichte bekommt man mit, wie die 12jährige das Leben ihrer Mitmenschen auf den Kopf stellt, ohne dass das überhaupt ihre Absicht ist.

Ja, kritische Stimmen könnten sagen, dass die Geschichte ein wenig kitschig ist und dass sich am Ende alles ein kleines bisschen zu perfekt fügt. Aber ich finde, die Welt ist oftmals traurig und hart genug. Warum gönnen wir uns nicht ein wenig Glück und wohlige Wärme beim Lesen?

„Glück ist eine Gleichung mit 7“ ist eines jener besonderen Bücher, das seine Leser packt und sie nicht mehr loslässt, bis sie am Ende glücklich das Buch zuklappen und sich die letzten Tränen aus den Augen wischen. 10 Sterne!

stern 10

Glück ist eine Gleichung mit 7 – Holly Goldberg Sloan – Hardcover mit SU – 304 Seiten – 16,90 € – ISBN 978-3-446-24553-2 – erschienen: Juli 2015 (Hanser) – Übersetzung: Wieland Freund – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Rezension] „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ von Benjamin Alire Sáenz

Klappentext:

Dante kann schwimmen. Ari nicht. Dante kann sich ausdrücken und ist selbstsicher. Ari fallen Worte schwer und er leidet an Selbstzweifeln. Dante geht auf in Poesie und Kunst. Ari verliert sich in Gedanken über seinen älteren Bruder, der im Gefängnis sitzt. Mit seiner offenen und einzigartigen Lebensansicht schafft es Dante, die Mauern einzureißen, die Ari um sich herum gebaut hat. Ari und Dante werden Freunde. Sie teilen Bücher, Gedanken, Träume und lachen gemeinsam. Sie beginnen die Welt des jeweils anderen neu zu definieren. Und entdecken, dass das Universum ein großer und komplizierter Ort ist, an dem manchmal auch erhebliche Hindernisse überwunden werden müssen, um glücklich zu werden!(Quelle)

Meine Meinung:

Schon nach wenigen gelesenen Seiten hatte ich das Gefühl, dass „Aristoteles und Dante“ ein ganz besonderes Buch ist. Nicht nur, weil ich bis dahin schon unzählige schöne Zitate gefunden hatte, sondern weil die Stimmung und die Figuren im Buch so greifbar waren. Ich spürte zum Beispiel ganz eindeutig die Liebe zwischen Ari und seiner Mutter, die Freundschaft zwischen den beiden Jungen war so offensichtlich, die tiefe Traurigkeit von Ari teilweise förmlich mit den Händen zu greifen.

„Klar, ich hatte alle möglichen Gründe für mein Selbstmitleid. Dass ich fünfzehn war, half auch nicht gerade. Fünfzehn zu sein, dachte ich manchmal, war die schlimmste Tragödie von  allen.“ (S. 18)

Ari hat keine Freunde – nicht einen einzigen. Und obwohl er weiß, dass seine Eltern ihn lieben, ist auch zu Hause nicht alles in Ordnung: Über seinen Bruder, der im Gefängnis sitzt, wird nicht gesprochen, und sein Vater hat ein Stück von sich selbst im Vietnamkrieg verloren. Doch dann lernt er Dante kennen, der all das zu sein scheint, was Ari nicht ist:

„Er war lustig konzentriert und leidenschaftlich. Er konnte wirklich leidenschaftlich sein. Und er hatte nichts Gemeines an sich. Mir war nicht klar, wie man in einer gemeinen Welt leben kann, ohne dass ein bisschen dieser Gemeinheit auf einen abfärbt. Wie konnte jemand ohne einen Hauch von Gemeinheit leben?“ (S. 23/24)

Für kurze Zeit färbt Dantes Sicht auf die Welt, seine offene und fröhliche Art auf Ari ab und er erlebt einige unbeschwerte Wochen. Doch als Leser ahnt man schon, dass die Geschichte nicht unendlich so weiter gehen kann: Ari und Dante haben in ihrer Freundschaft einige Klippen zu umschiffen. Sie müssen lernen, erwachsen zu werden und sich mit sich und den Geheimnissen des Universums auseinander zu setzen. Vor allem müssen sie erkennen, dass die größten Geheimnisse in den Menschen selbst zu finden sind.

Ich weiß nicht, ob ich schon jemals so ein schönes Buch gelesen habe. Wirklich! Die Sprache, die Personen und die Entwicklung, die sie durchmachen… Es geht mir an dieser Stelle wie Ari manchmal: Mir fehlen die Worte!

„Aristoteles und Dante“ ist ein unbeschreiblich tolles Buch und ich bin sehr froh, es entdeckt zu haben. Ich merke, dass meine Worte nicht ausreichen, um dieses Buch zu beschreiben. Ich weiß nur, dass es eines der besten ist, das ich je gelesen habe. Könnte ich mehr als 10 Sterne vergeben, würde ich es tun!

stern 10

„Aristoteles und Dante“ war 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums – Benjamin Alire Sáenz – Hardcover – 384 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-522-20192-6 – erschienen: Juli 2014 (Thienemann) – Übersetzung: Brigitte Jakobeit – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Kurzer Leseeindruck] „Mockingbird“ // „Schwarzweiß hat viele Farben“ von Kathryn Erskine

Klappentext:

Die zehnjährige Caitlin erlebt die Welt in einfachen Gegensätzen wie Schwarz und Weiß. Gefühle zu zeigen und Gesichtsausdrücke zu deuten, fällt ihr schwer, da sie an einer Krankheit, dem Asperger-Syndrom, leidet. Ihr Bruder Devon, der ihr geholfen hat, sich zurechtzufinden, ist bei einem Anschlag ums Leben gekommen. Caitlin beschließt, eine Lösung für ihre Trauer zu finden und das Geschehene zu verarbeiten. Das gelingt ihr besser als allen anderen Angehörigen,und sie lernt, wozu sie trotz ihres Andersseins fähig ist. Sie erlebt Mitgefühl und begreift, dass die Welt für uns alle die herrlichsten Farben bereithält. (Quelle)

Meine Meinung:

Kathryn Erskine hat in diesem Buch sehr gekonnt zwei recht spezielle Themen miteinander verwoben: das besondere Leben und Empfinden eines Mädchens mit dem Asperger-Syndrom (einer Art Autismus) und die Trauer nicht nur der Angehörigen, sondern einer ganzen Gemeinde nach einem Amoklauf an einer Schule. Sie selbst schreibt im Nachwort, dass es ihr wichtig war zu vermitteln, dass sich jeder bemühen sollte, sich mehr in andere Personen hineinzuversetzen – etwas, was Menschen mit dem Aspergersyndrom oft schwerfällt. Nur so könnten viele Ängste, Konflikte und Missverständnisse umgangen werden.

Ich habe die Hauptperson Caitlin mit jeder Seite mehr ins Herz geschlossen. Sie gibt wirklich alles dafür, für sich, aber vor allem für ihren Vater, einen Weg zu finden, mit dem Tod von Devon abzuschließen und wieder Frieden zu finden.

I am trying hard, Dad says.
I know. You get a sticker.
Thank you.
Okay. You get another sticker for being polite.
Thanks. His lips press together and it almost looks like a smile. I forgot that Dad used to smile. I wonder if Closure will make him smile.

„Schwarzweiß hat viele Farben“ ist ein Buch, das meiner Wahrnehmung nach bisher recht wenig Beachtung erhalten hat: absolut ungerechtfertig! Es ist großartig geschrieben und entführt den Leser in die ganz eigene Welt von Caitlin, die sich – so stellt sich am Ende heraus – manchmal gar nicht so sehr von der restlichen Welt unterscheidet. 10 von 10 Sternen!

stern 10

Ich habe dieses Buch übrigens unter dem englischen Titel „Mockingbird“ gelesen, deswegen ist das Zitat auf englisch und man findet in der Überschrift sowohl diesen als auch den deutschen Titel.

Schwarzweiß hat viele Farben – Kathryn Erskine – Hardcover – 224 Seiten – 14,95 € – ISBN 978-3-86873-665-6 – erschienen: Februar 2014 (Knesebeck Verlag) – Altersempfehlung: ab 10 Jahren

[Rezension] „Der große Trip: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst“ von Cheryl Strayed

Klappentext:

„Die Frau mit dem Loch im Herzen, das war ich.“ Gerade 26 geworden, hat Cheryl Strayed das Gefühl, alles verloren zu haben. Und so trifft sie die folgenreichste Entscheidung ihres Lebens: die mehr als tausend Meilen des Pacific Crest Trail zu wandern, durch die Wüsten Kaliforniens, über die eisigen Höhen der Sierra Nevada, durch die Wälder Oregons bis zur „Brücke der Götter“ im Bundesstaat Washington – allein, ohne Erfahrungen und mit einem Rucksack auf dem Rücken, den sie „Monster“ nennt. Diese Reise führt Cheryl Strayed bis an ihre Grenzen und darüber hinaus … (Quelle)

Meine Meinung:

Nach dem frühen Tod ihrer Mutter läuft in Cheryls Leben eigentlich alles schief, was schieflaufen kann: Sie betrügt ihren Mann, den sie eigentlich sehr liebt. Sie beginnt, Drogen zu nehmen. Und die Familie (ihre Geschwister und ihren Stiefvater) kann sie auch nicht zusammenhalten.

Vier Jahre nach dem Tod ihrer Mutter trifft Cheryl eine Entscheidung, die ihr Leben verändern soll: Sie macht sich auf den Weg, um große Teile des Pacific Crest Trail (PCT) zu wandern. Wie hart und schwer diese Wanderung sein wird, war ihr voher nicht klar. Was vermutlich gut ist, denn ob sie diese Wanderung dann trotzdem gemacht hätte, ist unklar.

„Ich blickte nach Süden, wo ich herkam, in das wilde Land, das mich vieles gelehrt und mich demütig gemacht hatte, und erwog meine Möglichkeiten. Mir war klar, dass es nur eine gab. Es gab immer nur eine.
Weitergehen.“ (S. 15)

Ich habe selbst vor einigen Jahrten das Wandern für mich entdeckt und festgestellt, wie sehr man dabei zu sich selbst findet, Dinge verarbeiten und Stress abbauen kann. Umso spannender liest sich das Buch für mich, weil ich die Erfahrungen, die Cheryl Strayed gemacht hat, im Kleinen (meine bisher längste Wanderung war 19 Kilometer lang) nachvollziehen kann.

Cheryl erzählt ihre Geschichte abwechselnd: Mal gibt es Rückblenden in ihre Vergangenheit (die Kindheit, so wie die Zeit nach dem Tod ihrer Mutter), dann wieder berichtet sie von ihrer Wanderung auf dem PCT, von den vielen Hürden, den schönen und bewegenden Momenten und vor allem von den Begegnungen mit anderen Wanderern. Ich habe gebannt jedes Wort aufgesogen, mitgefiebert, mitgelitten und habe jetzt ein kleines bisschen Sehnsucht, nach einer längeren Wanderung – nur ganz so anspruchsvoll muss sie nicht sein.

„Der große Trip: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst“ ist im wahrsten Sinne ein bewegendes Buch: Mit jedem Schritt verarbeitet die Autorin ein Stückchen ihrer Vergangenheit. Und mit jedem Satz taucht der Leser in das Leben von Cheryl Strayed ein, teilt ihre Schmerzen, ihren Galgenhumor und ihre Erfahrungen – und wird dabei innerlich auch ein bisschen bewegt. Volle Punktzahl!

stern 10

Der große Trip: Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst – Cheryl Strayed – Klappbroschur – 448 Seiten – 9,99 € – ISBN: 978-3-442-15812-6 – erschienen: April 2014 (Goldmann)

[Rezension] „Mein Herz und andere schwarze Löcher“ von Jasmine Warga

Klappentext:

Wenn dein Herz sich anfühlt wie ein gähnendes schwarzes Loch, das alles verschlingt, welchen Sinn macht es dann noch, jeden Morgen aufzustehen? Aysel will nicht mehr leben – sie wartet nur noch auf den richtigen Zeitpunkt, sich für immer zu verabschieden. Als sie im Internet Roman kennenlernt, scheint er der perfekte Komplize für ihr Vorhaben zu sein. Und während die beiden ihren gemeinsamen Tod planen, spürt Aysel, wie sehr sich auf die Treffen mit Roman freut, wie hell und leicht ihr Herz sein kann. Und plötzlich ist der Gedanke, das alles könnte ein Ende haben, vollkommen unerträglich … Aysel beginnt zu kämpfen. Um ihr Leben. Um sein Leben. Und um ihre gemeinsame Liebe. (Quelle)

Meine Meinung:

„Mein Herz und andere schwarze Löcher“ wurde mir von einer befreundeten Buchhändlerin nicht nur empfohlen, sondern sogar wärmstens ans Herz gelegt. Danke dafür!

Die Geschichte, die erzählt wird, ist genauso traurig wie schön: Aysel ist erst sechzehn, aber möchte nicht mehr leben. Ihr Vater ist ein verurteilter Mörder, alle sehen sie immer so komisch an und Aysel hat Angst, dass etwas von ihrem Vater auch in ihr steckt. Aus diesem Grund treibt sie sich während der Arbeitszeit oft in Selbstmordforen rum, sucht dort nach einem Selbstmordpartner – und wird fündig: Roman ist siebzehn Jahre alt und hat, wie er findet, auch einen triftigen Grund sich umzubringen.
Die beiden verbringen immer mehr Zeit miteinander und Aysel fängt langsam an, mehr für Roman zu empfinden: Gefühle, die nicht ein Mal die schwarze Qualle in ihrem Bauch (so nennt Aysel die Depression) auffressen kann. Wäre da nur nicht die Forderung von Roman: Aysel soll bei dem gemeinsamen Selbstmord nur nicht kneifen…

Die Geschichte liest sich, so ernst und traurig sie stellenweise auch ist, total leicht und schnell. Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen – und damit meine ich komplett in einem Rutsch!
Meiner Meinung nach trifft die Autorin durch ihren Erzählstil genau auf den Punkt. Ich finde das Bild der schwarzen Qualle, die sofort alle positiven Gefühle aufsaugt und nur ein schwarzes Loch hinterlässt, sehr ausdrucksvoll für die tiefe Traurigkeit, die manche Menschen empfinden. Die Geschichte wird von Aysel selbst erzählt und auch hier hat die Autorin das richtige Mittelmaß gefunden: Weder ist der Erzählstil unglaubwürdig erwachsen noch ist er aufgesetzt jugendlich. Ich habe Aysel durchgehend abgenommen, was sie mir erzählt hat.

Besonders lesenswert ist auch das einfühlsame und bewegende Nachwort der Autorin.

„Mein Herz und andere schwarze Löcher“ ist eines dieser Bücher, die etwas wirklich besonderes sind. Es greift die Themen „Depression“ und „Selbstmordgedanken“ sensibel auf und setzt sie gekonnt um. Auch die Kombination mit der sich langsam entwickelnden Liebesgeschichte wirkt absolut überzeugend. Ich würde mich sehr freuen, das Buch im nächsten Jahr auf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis wiederzufinden. 10 von 10 Sternen!

stern 10

Mein Herz und andere schwarze Löcher – Jasmine Warga – Hardcover mit SU – 384 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-7373-5141-6 – erschienen: April 2015 (Sauerländer) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Ein Lied für Jemmie“ von Adrian Fogelin

Klappentext:

Justin geht immer dann in „das große Nichts“ über, einen Zustand, in dem er völlig in sich selbst verschwindet, wenn er lieber nicht da wäre, wo er gerade ist.
Wenn er verdrängen will, dass sein Vater die Familie verlassen hat, sein Bruder jetzt bei der Armee ist und sein bester Freund nur noch Zeit für seine neue Freundin hat. Doch die Leere füllt sich, als er seine Mitschülerin Jemmie besser kennenlernt und Mithilfe ihrer lebensklugen Großmutter in seinem inneren Chaos schließlich ein großes Talent für Musik entdeckt. (Quelle)

Meine Meinung:

Justin hat es gerade wirklich nicht leicht: Sein Vater verschwindet auf eine seiner „Geschäftsreisen“. Seine Mutter vermutet, dass ihr Mann ihr mal wieder untreu ist, und schafft es kaum, aufzustehen und zur Arbeit zu gehen – geschweige denn sich um ihren Sohn zu kümmern. Normalerweise hat Justin in solchen Situationen immer zwei Stützen: seinen großen Bruder Duane und seinen besten Freund Ben. Doch der eine befindet sich in einem militärischen Ausbildungslager und steht kurz davor in den Krieg geschickt zu werden, der andere hat gerade seine erste feste Freundin und eigentlich keine Zeit mehr für Justin.

Ich lecke rasch über meine Oberlippe und tauche das Gesicht in die Schüssel. Ich tauche mit einem Schnurrbart aus Weizenflocken an meiner Oberlippe auf, wie ein Schnurrbart aus Bienen, und schaffe es endlich, dass sie lacht.
Mein Grinsen wird breiter und einzelne Körner fallen wieder ab. Mom lacht noch lauter. Sie streckt die Hand aus und drückt meinen Oberschenkel. „Du bist mein Sonnenschein“, singt sie, „mein ganzer Sonnenschein…“
„Danke für die musikalische Zugabe“, sage ich. Aber irgendwie fühle ich mich müde. Es kostet Kraft, der Sonnenschein für jemanden zu sein. (S. 68)

Und so versucht Justin ganz alleine, ausstehende Rechnungen zu bezahlen, zu kochen und seine Mutter zumindest für einen kleinen Moment aufzuheitern. Zum Glück gibt es Jemmie, die immer nett zu Justin ist – trotz seines Übergewichts und der pickeligen Haut! Und dann gibt es da noch etwas anderes: die Musik!

Ich rutsche in die Mitte des Klavierstuhls. Alles für mich! Nur für mich! (S. 61)

Kann man sich in ein Buch verlieben? Wenn ja, dann bin ich wirklich ganz verliebt in „Ein Lied für Jemmie“. Es ist einfach zauberhaft! Die Autorin beschreibt das Leben und die Gefühle von Justin unheimlich einnehmend und realistisch ohne unnötig auf die Tränendrüse zu drücken. Justin ist ein toller Protagonist und ich habe das komplette Buch über mit ihm gemeinsam gehofft, dass sich Jemmie auf DIE EINE Weise für ihn interessiert. Ich habe mit ihm mitgelitten, wenn Justin mal wieder sein eigenes Leben hintenan stellt, nur um seine Mutter zu unterhalten und aufzumuntern.

„Ein Lied für Jemmie“ ist ein ganz besonderes Buch, das viele Leser verdient. Es erzählt eine berührende Geschichte, die aber durch den Galgenhumor des Ich-Erzählers niemals kitschig wird. Es ist ein Buch, das man gelesen haben sollte. 10 von 10 Sternen!

stern 10

Ein Lied für Jemmie – Adrian Fogelin – Hardcover mit SU – 240 Seiten – 16,95 € – ISBN 978-3-86873-800-1 – erschienen: Feburar 2015 (Knesebeck Verlag)

[Kurzer Leseeindruck] „Das Blubbern von Glück“ von Barry Jonsberg

Klappentext:

Hier kommt Candice Phee! 12 Jahre alt, wunderbar ehrlich und ein bisschen … anders. Und auch wenn viele sie nicht auf Anhieb verstehen – Candice hat ein riesiges Herz. Sie ist entschlossen, die Welt glücklich zu machen. Nur leider ist das gar nicht so einfach …

Denn wohin Candice auch sieht – an jeder Ecke lauert das Unglück. In ihrer Familie, die früher vor Glück geblubbert hat, spinnt sich neuerdings jeder in seinem eigenen Leid ein. Ihr superkluger Freund Douglas Benson versucht seit Langem vergeblich, in eine andere Dimension zu reisen. Und ihr Haustier, Erdferkel Fisch, hat womöglich eine ernsthafte Identitätskrise. Candice macht sich ans Wunderwerk, um jedem Einzelnen von ihnen zu helfen. Und wie sie das schafft und zum Schluss wirklich jeder um sie herum ein dickes Stück glücklicher ist, das ist das Allerwunderbarste an ihrer Geschichte. (Quelle)

Mein Eindruck:

Candice ist anders. In der Schule wird sie nur Ile genannt, was für I.LE. und das wiederum für Individuelle Lernförderung steht. Allerdings ist Candice ziemlich klug, sie braucht nur lange, um mit fremden Menschen sprechen zu können, und die Stifte in ihrem Federmäppchen müssen immer geordnet sein. Manche sagen, sie habe Autismus, das glaubt sie selbst allerdings nicht. Am schönsten drückt ihr reicher Onkel Brian ihre Andersartigkeit aus:

„Du singst dein eigenes Lied, Pumpkin, und du tanzt nach deiner eigenen Melodie. Du siehst die Welt mit anderen Augen als wir. Und weißt du, was? Manchmal wünschte ich, jeder sähe sie mit deinen Augen. Ich weiß, dass die Welt dann ein besserer Ort wäre.“ (S. 39)

Das große Ziel von Candice ist es, ihre Familie wieder glücklich zu machen, denn die ist ziemlich zerrüttet, Liebe ist kaum mehr spürbar. Und so schmiedet sie Pläne, wie sie das Glück zurück in ihre Familie holen kann (und ihren Fisch davon überzeugen kann, Atheist zu werden, aber das ist eine andere Geschichte).

„Das Blubbern von Glück“ ist perfekt. Warmherzig und klug, voller liebenswerter, aber auch skuriller Figuren. Das Lesen der Geschichte macht tatsächlich glücklich! Für mich ein absolutes Lesehighlight: 10 Sterne!

stern 10

Das Blubbern von Glück – Barry Jonsberg – Hardcover mit SU – 256 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-570-16286-6 – erschienen: September 2014 (cbt) – Altersempfehlung: ab 10 Jahren

[Rezension] „Himmelschlüssel“ von Kristina Ohlsson

Reiheninfo:

  1. „Aschenputtel“
  2. „Tausendschön“
  3. „Sterntaler“
  4. „Himmelschlüssel“
  5. schwed. Titel: „Davidsstjärnor“

Klappentext:

Eine vollbesetzte Boeing 747 hebt in Stockholm ab und fliegt in Richtung New York. Kurz nach dem Start wird ein Drohbrief an Bord gefunden, laut dem das Leben von über 400 Passagieren in Gefahr ist. Kriminalkommissar Alex Recht muss das Flugzeug vor der Explosion bewahren, doch dazu benötigt er die Hilfe und den Scharfsinn von Fredrika Bergman. Und allzu bald wird den beiden klar, dass die Flugzeugentführung einen teuflischeren Grund hat, als sich die Ermittler vorzustellen vermögen. Denn der Kopilot des Flugzeugs ist niemand anderes als Alex‘ Sohn Erik … (Quelle)

Meine Meinung:

Schön, wenn man das vierte Buch einer Reihe liest, auf altbekannte Figuren und Freunde trifft und trotzdem das Gefühl hat, etwas Neues zu erleben. Genauso ging es mir mit diesem Buch. Zuerst war ich sehr skeptisch, denn die Geschichte, die hier erzählt wird, ist absolut politisch, was mir eigentlich nicht so liegt:

Fredrika arbeitet  nach dem letzten Fall im Justizministerium. Gerade soll sie entscheiden, ob der Terrorverdächtige Zakaria Khelifi abegschoben werden soll, als die Meldung reinkommt, dass in einem vollbesetzten Flugzeug eine Bombendrohung gefunden wurde: Neben einer weiteren Forderung verlangen die unbekannten Entführer, dass Khelifi freigelassen wird. Sollte die Maschine landen, wird sie laut Erpresserbrief in die Luft gesprengt. Und so haben Alex Recht, der zu diesem Fall hinzugezogen wird, Fredrika und die Terrorismusexpertin Eden Lundell nur 24 Stunden Zeit, um sich eine Lösung einfallen zu lassen. Die Zeit ist knapp – insbesondere als sich herausstellt, dass der Co-Pilot des Flugzeugs der Sohn von Alex ist…

Die Geschichte liest sich unheimlich spannend und beklemmend gleichzeitig, was vermutlich vor allem daran liegt, dass Kristina Ohlsson selbst einige Jahre im Außenministerium und für das OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) gearbeitet hat. Sie weiß also, wovon sie hier erzählt. Umso verstörender ist es, wenn sie davon berichtet, dass die Berater der USA – dies ist das Ziel des Flugzeugs – bewusst wichtige Informationen, die das Leben vieler Menschen retten könnten, zurückhalten, nur weil sie politisch sehr brisant sind.
Trotzdem gelingt es der Autorin die Handlung und die Personen nicht nur in schwarz und weiß zu zeichnen, sondern den Figuren auch noch individuelle und menschliche Züge zu geben.

Wer wie ich zuerst glaubt, einen etwas trockenen Polit-Thriller zu lesen, wird schnell eines besseren belehrt. Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen und das bis spät in die Nacht hinein. Ich konnte einfach nicht aufhören und war wie gefesselt. Genau so muss ein gutes Buch sein!

„Himmelschlüssel“ ist spannend, brisant, authentisch und hochaktuell. Kristina Ohlsson ist mit diesem Buch ein Meisterwerk gelungen. 10 von 10 Sternen!

stern 10

Himmelschlüssel – Kristina Ohlsson – Hardcover mit SU – 480 Seiten – 19,99 € – ISBN: 978-3-8090-2639-6 – erschienen: November 2014 (Limes)

[Rezension] „Geschenkt“ von Daniel Glattauer

GeschenktInhalt:

Gerold Plasseks Leben beginnt sich ab dem Zeitpunkt langsam zu verändern, als er seinen Sohn Manuel kennenlernt. Manuel ist zu dem Zeitpunkt schon 14 Jahre alt und weiß im Gegensatz zu Gerold gar nichts über ihre besondere Verbindung. Für ihn ist Gerold nur ein alter Freund seiner Mutter, der als Jornalist für eine Gratiszeitung arbeitet, zu viel Akohol trinkt, sich schlecht kleidet und bei dem er jeden Nachmittag im Büro sitzen muss, um seine Hausaufgaben zu machen, da seine Mutter für längere Zeit in Afrika lebt und seine Nachmittagsbetreuung nicht geregelt ist.
Gerold schreibt solide, kurze Sozialartikel und doch wird er damit im Laufe der Geschichte richtig berühmt werden. Denn nachdem er einen Artikel über ein Obdachlosenheim, dem die Schließung droht, geschrieben hat, geht dort eine anonyme Spende ein: 10.000 € in einem Briefumschlag – beigelegt ist der von Gerold geschriebene Artikel. Doch das ist erst der Anfang…

Meine Meinung:

Endlich! Endlich hat er es geschafft! Geschafft aus dem Schatten seines erfolgreichen Emailromans „Gut gegen Nordwind“ zu treten und ein neues, eigenständiges und vor allem ganz anderes Buch zu schreiben. Hätte ich den Autor während des Lesens nicht gekannt, hätte ich eher auf Jonathan Tropper, den ich von „Sieben verdammt lange Tage“ kenne, als auf Daniel Glattauer getippt.

Das liegt zum einen an dem herrlichen unperfekten und selbstironischen Ich-Erzähler Gerold, zum anderen an dessen schnodderigen Erzählweise, die mich oft zum Schunzeln und einige Male sogar zum lauten Lachen gebracht hat.

Wie oben schon angedeutet, soll die erste Spende nicht die letzte bleiben, sondern viel mehr den Auftakt zu einer Reihe anonymen Spenden sein. Dieser Teil der Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit (Wie schön, dass es sowas auch im wahren Leben gegeben hat!) und wurde als „Wunder von Braunschweig“ bekannt. Daniel Glattauer erfuhr während einer Lesereise von dieser Spendenserie, unterhielt sich mit mehreren Leuten und fand schließlich, dass dies doch perfekter Stoff für einen Roman sei:

„»Geheimnisse des Bösen« lauern ja quasi an jeder (dunklen) Ecke, das gesamte Genre der Kriminalliteratur lebt davon. Wer aber tut Gutes und hüllt sich darüber in Schweigen? Was gibt es für Gründe, sich hinter seinen Guttaten zu verbergen? Und, eine weitere interessante Frage: Wie geht es wohl jenen Journalisten, die mit ihren Artikeln über sozial Schwache das Herz des Wohltäters erweichen konnten und den Geldsegen regelmäßig auslösten?“ (Daniel Glattauer in einem Brief an seine Leser)

Viel mehr möchte ich zu diesem Roman auch gar nicht sagen, sondern nur jedem nahe legen, ihn selbst zu lesen, denn er ist spannend (Wer ist denn nun der anonyme Spender?), herzerwärmend und lustig zugleich! Eine tolle Mischung, die es selbst in einer sehr stressigen Zeit geschafft hat, mich von der Arbeit abzuhalten und an die Seiten zu fesseln! Chapeau, Herr Glattauer!

stern 10

Geschenkt – Daniel Glattauer – Hardcover – 336 Seiten – 19,90 € – ISBN 978-3-552-06257-3 – erschienen: August 2014 (Deuticke)