[Interview] Antje Wagner

Liebe Antje,
schön, dass du dir Zeit für dieses Interview nimmst. Anlass ist unter anderem die frohe Botschaft, dass dein Buch „Vakuum“ verfilmt wird. Erzähl doch mal bitte, was das für dich bedeutet und wie viel Einfluss du als Autorin auf den Film hast!

VakuumAW: Es bedeutet für mich pure Freude! 😀
Zuerst konnte ich es gar nicht fassen. Mich schrieb der Regisseur Damir Lukacevic an, der begeistert von VAKUUM war und mir sagte, dass er es fürs Kino verfilmen möchte. Ehrlich – ich war baff. Nicht nur, dass sich jemand für das Buch als Filmstoff interessiert – es ist auch noch ein erstklassiger Regisseur mit jeder Menge Auszeichnungen. Seinen letzten Film TRANSFER mochte ich wirklich gern – ein SF-Drama, in dem sich vier Seelen zwei Körper teilen. Ich finde es aufregend, dass jemand mit einer so spannenden und sensiblen Bildsprache sich für mein Buch begeistert. Ich hab natürlich sofort Steven Spielberg abgesagt. *g*
Das Tolle an der ganzen Sache ist, dass ich inhaltlich an der Arbeit beteiligt bin. Vor dem Beginn der Drehbucharbeit habe ich zwei Seiten Fragen beantwortet, weil der Regisseur ganz sicher gehen wollte, dass er das Buch so versteht, wie ich es gern verstanden haben möchte. Wir sind also in Kontakt und er hält Rücksprache. Das finde ich schon toll, weil das offenbar nicht immer so ist.

Du hast eine Leserunde auf Lovelybooks zu „Unland“ (meine Rezi) begleitet (übrigens immer noch mein Lieblingsbuch). Sind solche Leserunden für dich immer nur positiv belegt oder hast du auch ein wenig Angst vor negativer Kritik?

AW: Ich glaube, so richtig kalt lässt Kritik niemanden. Ich glaube, dass an einer bestimmten Kritik, die sich mehrmals wiederholt, etwas dran ist. Wenn ich das literarisch herausfordernd finde, kann es sein, dass ich beim nächsten Buch bewusst darauf achte. 🙂
UnlandDabei versucht man jedoch nicht selten eine Gratwanderung: Autor/innen verfolgen ja mit einer bestimmten Entscheidung im Buch (sei es formal oder inhaltlich) nicht selten auch eine Vision. *Nur* aufs Publikum zu hören, kann also auch Visionen zerstören.
Aber das Publikum während des Schreibens im Kopf zu haben, kann auch helfen. Nur eben muss man ein bissel aufpassen, nicht zum „Dienstleister“ zu werden, indem man sich z.B. total einem Lesergeschmack anpasst. Ein bisschen entgegenkommend zu sein, finde ich nicht falsch – ich möchte meine Leser/innen ja verführen und sie nicht vergraulen. 🙂 Die Beziehung zwischen Autorin und Leserin ist eine Gegenseitigkeitsbeziehung, und ohne Rücksicht auf Verluste wie eine Dampframme voranzuschreiben, bringt in meinen Augen auch nicht so viel.

Welches mein Lieblingsbuch von dir ist, weißt du jetzt. Welches deiner eigenen Bücher magst du am liebsten und warum?

AW: Puh – das ist eine schwierige Frage …
Es ist ja meistens so, dass man als Autorin das jüngste Buch am liebsten mag – eben weil es noch ganz frisch und so verwundbar auf dem Buchmarkt ist. Das jüngste wäre in meinem Fall „Vakuum“. Aber das Buch hat schon seinen Weg gefunden, es wird verfilmt, hat eine Auszeichnung bekommen und steht schon lange nicht mehr so verletzlich da wie ein „Frischgeborenes“. Um „Vakuum“ mache ich mir also keine so großen Sorgen mehr.
SchattengesichtAber es gibt tatsächlich ein Buch, das mir sehr am Herzen liegt: Das ist SCHATTENGESICHT. Es ist ein kleiner, feiner, gemeiner Psychothriller, der ein bisschen verloren zwischen „Unland“ und „Vakuum“ dasteht, denn während diese beiden in einem großen Verlag erschienen sind, habe ich SCHATTENGESICHT für einen ganz kleinen geschrieben. Da gibt es weniger Geld für Werbung etc. – und so hatte das Buch es nicht leicht auf dem Buchmarkt. Es stand zwischen seinen beiden gut beworbenen Geschwistern im Schatten und ist dadurch leider kaum bemerkt worden. Dabei ist es genauso spannend geschrieben wie diese anderen zwei All-Age-Thriller.
Das dramaturgisch Ungewöhnliche an diesem Thriller ist, dass er „rückwärts“ geschrieben ist – es beginnt mit der letzten Szene und endet mit der ersten. Es ist, als würdest du eine Filmrolle falsch herum einlegen und einen Film andersrum schauen. Das war ein ungewöhnliches, aber sehr spannendes Schreiben.
Das Buch endetmit dem einen Satz, der das Geheimnis des Buch offenlegt. (Das sage ich absichtlich, weil ich weiß, dass manche Leserinnen gern den letzten Satz lesen. In diesem Fall wäre das fatal – nicht machen! Ihr bringt euch um eine Überraschung!) „Schattengesicht“ hab ich im Moment am liebsten – nicht nur, weil es von all meinen Büchern am längsten gedauert hat (6 Jahre), sondern weil es relativ unbekannt ist und seine Leser/innen es noch finden müssen.

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Bisher veröffentlichte Bücher von Antje Wagner

Woran arbeitest du im Moment? Wann können wir mit einem neuen Buch von dir rechnen?

AW: Ich bin gerade ein bisschen „fremdgegangen“, denn ich mache momentan zwei Bücher für Erwachsene. Beide sollen unter einem offenen Pseudonym herauskommen.
Das erste habe ich kürzlich beendet – es ist ein Erzählband mit sinnlich-erotischen Erzählungen. Die Geschichten sind episodenartig geschrieben und bilden eine Art geheimnisvoller Kettengeschichte, an dessen Ende sich ein Rätsel auf überraschende Weise löst.
An dem zweiten arbeite ich gerade: einem Mystery-Roman mit erotischen Elementen. Der Roman spielt in einem alten Herrenhaus, in dem es … naaaa? – ja: spukt. 😀 Ich wollte schon immer mal eine Spukhausgeschichte schreiben, und jetzt ist es endlich so weit.
Ich habe auch schon den Stoff für einen neuen (unheimlichen) Jugendroman im Kopf. Der wird auf einer Insel in der Nordsee spielen, in einem besonderen Internat – und ich hab total Lust, damit anzufangen.

In deinen Büchern gibt es oftmals ein eher überraschendes Ende, bzw. eine besondere Wendung. Was machst du, um den Leser einerseits darauf vorzubereiten, so dass er nicht aus allen Wolken fällt, anderseits aber auch nicht zu viel Spannung zu nehmen? Wie gehst du damit um, dass alle Leser verschieden sind?

AW: Man kann leider nie alle Leser/innen erreichen oder gar mitnehmen. Dann müsste man die Originalität immer weiter absenken, bis sie weg ist, und sich beim kleinsten gemeinsamen Nenner treffen, trivial werden. (Trivialliteratur hat ja interessanterweise die größten Auflagen. Sie ist am wenigsten speziell und originell und gewinnt damit ein großes Publikum. Nicht jeder mag originelle Sprache, nicht jeder mag sperrige Figuren oder Konflikte, die anders sind oder verlaufen oder enden als schon oft gelesen und erwartet.) ABER – wenn man trivial wird, verrät man eben meist den eigenen Anspruch an Literatur, die eigene Vision von dem, was Schreiben bewirken kann, und man verliert zudem jene Leser/innen, die es nicht trivial mögen.

Antje Wagner

(c) Hannes Windrath

Ich selbst mag es nicht trivial. Aber ich habe nichts gegen gute Unterhaltung, es muss nicht immer die bierernste sogenannte E-Literatur sein. Unterhaltung kann, wenn sie gut gemacht ist, das Herz und das Hirn der Leserin ebenfalls berühren und manchmal sogar: anregen zum Weiterdenken, Weiterfühlen, Selbermachen.

Zu den Überraschungen in meinen Büchern: Ich hoffe, ich langweile dich jetzt nicht, aber ich kann das ganz schlicht handwerklich erklären. Es ist so, dass ich *scheinbar* in einem bestimmten Genre arbeite: im „Thriller“-Genre. Die Überraschung am Ende entsteht, weil ich die Regeln des Genres in den Wind schieße. 😀

Jedes Genre hat seine Regeln. Das ist auch das Problem, das ich als Autorin darin sehe, wenn man in einem „Genre“ arbeitet. (Genres sind z.B. Thriller, Fantasy, Romantasy, SF, Horror, Western etc.) Alles, was Regeln hat, ist immer auch in einem gewissen Maße vorhersehbar. Zumindest von der Form her. Man weiß als Leserin, wie ein Thriller zu funktionieren hat, welche Elemente ein SF-Roman besitzt oder wie Horrorromane ablaufen. Sobald aber so eine formale Erwartbarkeit da ist, finde ich selbst das schon wieder in gewissem Sinne langweilig – denn egal, wie du diese Form inhaltlich füllst – sie ist als Form selbst trotzdem immer schon vorauszudeuten. Und das heißt: Es gibt im Grunde kaum echte Überraschungsmöglichkeiten.

Ich mag aber Überraschungen. Und in einem Genre funktioniert das eigentlich nur, wenn du die Genregrenzen sprengst. Wenn du also Genre quasi eine Weile bedienst (und die Leser/innen dadurch in die Irre führst) und es dann aus den Angeln hebst.

So was machen sowohl UNLAND als auch VAKUUM und SCHATTENGESICHT. Die zeigen am Ende eine echte Überraschung – und das ist weniger eine „Inhalts“-Überraschung als die Sprengung des Genres.
Wenn das Genre gesprengt wird (die Bücher „kippen“ quasi übergangslos in ein anderes Genre), werden die unbewussten Erwartungen der Leser/innen gesprengt.

Zum Abschluss noch meine zwei Standardfragen: Welche Frage bekommst du in einem Interview viel zu oft gestellt (hoffentlich nicht eine der obigen) und von welcher Frage wünscht du dir seit jeher, dass sie dir endlich mal gestellt wird?

AW: Fragen, die oft kommen (von Kindern und Jugendlichen in einer Lesung), sind: seit wann ich schreibe, wie viel ich verdiene, wie lange es dauert, bis ein Buch fertig geschrieben ist und wer meine literarischen Vorbilder sind. 😀
Ich hab lustigerweise nie darüber nachgedacht, welche Frage ich selbst mir wünsche. Ich fürchte, ich mag Überraschungen viel zu gern, als dass ich jahrelang auf eine bestimmte Frage hoffen würde. *g*

2 Gedanken zu “[Interview] Antje Wagner

  1. Hey,

    ein sehr gelungenes Interview 🙂
    Ich kenne Antje ja nun schon aus zwei Leserunden und bin immer wieder begeistert wie sympathisch sie ist und wie nett und ausführlich alle Fragen beantwortet werden.
    Freue mich schon auf weitere Bücher von ihr und muss ENDLICH; ENDLICH mal „Vakuum“ lesen!!

    Liebe Grüße Nanni

    • Huhu 🙂
      Ja, das musst du unbedingt. Ich bin gespannt, was du dazu sagst.
      Ich finde es auch wirklich toll, wie viel Zeit Antje in so ein Interview zu stecken scheint und nicht nur so 08/15 Antworten runterschreibst. Es bestätigt insgesamt das Bild von ihr 🙂

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