[Kurzer Leseeindruck] „Chicken Dance“ von Jacques Couvillon

Chicken DanceKlappentext:

Don Schmied wächst in den 1970er Jahren auf einer Hühnerfarm in Horse Island, Lousina auf. Beliebt ist er nicht gerade, weder zu Hause noch in der Schule. In Ermangelung von Alternativen freundet sich Don mit den Hühnern an, und so kommt es, dass er eines Tages beim Hühner-Wissens-Wettbewerb den ersten Preis gewinnt und als jüngster Gewinner aller Zeiten in die Geschichte des Festivals eingeht.

Plötzlich ist Don der berühmteste und beliebteste Junge im Ort. Und er stößt auf ein Familiengeheimnis …

Mein Eindruck:

„Die Hühner sprachen natürlich nicht wirklich mit mir. Ich stellte mir bloß vor, dass sie genau das sagten. Es machte sowieso viel mehr Spaß, mir bloß auszudenken, was sie sagten, denn so sagten sie nie etwas, was mir nicht gefiel, und wurden meine besten Freunde.“ (S. 11)

„Chicken Dance“ ist ein ruhiges, humorvolles und gleichzeitig trauriges Buch. Diese Mischung gelingt dem Autor deshalb so gut, weil er seine Hauptperson, den 10-jährigen Don selber erzählen lässt. Er ist zwar sehr klug, gut in der Schule und weiß alles über Hühner, aber in allen alltäglichen Dingen ist er erschreckend naiv, was bei mir eben manchmal zu einem Schmunzeln, manchmal zu viel Mitleid mit dem kleinen Jungen geführt hat.

Der Buchmarkt hat die tolle Alliteration „Warmherzig, wundersam und wunderbar!“ zur Beschreibung dieses Buches gefunden, der ich mich nur anschließen kann. Ich vergebe gute 7 von 10 Sternen!

imageDas Buch wird als Jugendbuch geführt, ich wüsste aber nicht, warum es nicht auch ein Roman sein sollte.

Chicken Dance – Jacques Couvillon – Taschenbuch – 334 Seiten – 8,95 € – ISBN: 978-3-8333-5092-4 – erschienen: 2011 (bloomsbury) – Altersempfehlung: 14-16 Jahre

[Rezension] „Drei Songs später“ von Lola Renn

Drei Songs späterKlappentext:

Die 15-jährige Zeta fühlt sich in der Schule fehl am Platz, denn trotz Nachhilfe kommt sie einfach nicht mit und ihre Versetzung ist gefährdet. Sie möchte wechseln: auf ein Tanzgymnasium, um ihren großen Traum vom Tanzen zu verwirklichen. Doch wie soll sie das ihrem Vater erklären? Ihm, der ständig betrunken ist, ihr Angst macht und für den das Abitur der einzige Weg ist? Oder ihrer Mutter, die gegen den cholerischen Vater selbst nicht ankommt und sich fügsam im Alkohol versteckt? Als die Situation zu eskalieren droht, muss Zeta ihren eigenen Weg finden. (Quelle)

Meine Meinung:

„Beim Abendessen ist miese Stimmung. Mein Vater quetscht mich über die Mathearbeit aus, und ich erzähle, was alles schiefgelaufen ist. Er ist ziemlich sauer. Als er aufsteht, um den Korkenzieher für die erste Flasche Wein zu holen, rempelt er mit Wucht gegen meinen Stuhl.
‚Kannst du nicht Platz machen?‘, fährt er mich an.
Ma duckt sich und rührt im Honigglas, als hätte sie was ganz Interessantes darin entdeckt.“ (S. 10)

Als ich gesehen habe, worum es in diesem Buch geht, war mir klar, dass ich es lesen muss. Viele Bücher behandeln das Thema häusliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch, aber bisher habe ich noch kein Buch entdeckt, in dem es um psychischen Missbrauch geht.

Oberflächlich gesehen geht es Zeta gut: Ihre Eltern sind wohlhabend, sorgen sich um ihre schulischen Leistungen, organisieren ihr sogar Nachhilfe. Zeta wird nicht geschlagen und auch sonst nicht von ihren Eltern unangemessen angefasst.
Und doch herrscht zuhause eine Stimmung, die selbst für mich als Leserin mehr als unangenehm war: Zetas Vater, der regelmäßig zu viel trinkt, cholerisch ist und kein Verständnis für seine Tochter aufbringt, ist genauso überzeugend dargestellt wie ihre Mutter, die immer nur wegsieht und Zeta niemals unterstützt aus lauter Angst vor der Konfrontation mit ihrem Mann.

„Er räumt die Schublade aus, wirft die Korken und Gummibänder auf den Boden. Ma huscht in der Küche herum und sammelt sie wieder ein. Ich dreh mich weg. Ich kann es nicht ausstehen, wenn sie so untertänig ist.“ (S. 10)

Doch Zeta scheint nicht in diese Familie zu passen, sie hat ihren eigenen Kopf und auch wenn sie unter ihrem Vater leidet, versucht sich doch immer wieder, sich ihm nicht unterzuordnen – bis es zum ganz großen Krach kommt…

„Drei Songs später“ ist ein wichtiges Buch, denn es zeigt auf, dass Gewalt und Unterdrückung nicht immer körperlich sein muss. Besonders gelungen finde ich es, dass die Situation nicht übertrieben dargestellt wird. So können sich hoffentlich einige Jugendliche mit Zeta identifizieren und erkennen, dass das, was sie zuhause durchmachen, keineswegs normal ist, und dass es sich lohnt, sich Hilfe von außen zu holen; sei es von Freunden, Bekannten oder Lehrern.

stern 9

Drei Songs später – Lola Renn – Hardcover – 160 Seiten – 12,99 € – ISBN: 978-3-7607-9913-1 – erschienen: Februar 2013 (Bloomoon) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Unland“ von Antje Wagner

UnlandKlappentext:

Die vierzehnjährige Franka ist der »Neuzugang« im Haus Eulenruh, einem Wohnprojekt für sieben Kinder und Jugendliche. Doch irgendetwas stimmt nicht in dem kleinen Elbdorf. Wieso schweigen die Erwachsenen so beharrlich, wenn man sie auf Unland, diese düstere Ruinenlandschaft am Waldrand, anspricht?

Meine Meinung:

Bei einer Podiumsdiskussion beim Fest des Lesens erzählte die Autorin, dass sie die meiste Zeit während des Schreibens auf die Entwicklung ihrer Charaktere verwendet. Und ich muss sagen: Das merkt man auch. Die einzelnen Personen dieser Geschichte sind ausgereift, haben alle Profil und tragen dazu bei, die Basis der Handlung absolut lesenswert zu machen.

Denn anfangs schafft Antje Wagner eine fast heimelige, schöne Atmosphäre. Auch wenn das Leben von Franka in ihrem neuen Heim nicht ganz einfach ist, so merkt man doch, dass die Bewohner von Eulenruh – so verschieden sie auch sein mögen – eine Familie sind. Ich habe gerade diesen Teil der Geschichte unheimlich gerne gelesen, denn es fasziniert mich immer wieder, mitzuerleben, wie verschiedene Charaktere aufeinander treffen. Ich mag es, langsam gemeinsam mit der Hauptfigur zu erfahren, was hinter den Fassaden und ersten Eindrücken steckt.

Doch dann ändert sich die Handlung plötzlich: sie wird düsterer, dunkler und gefährlicher. Als Leser weiß man plötzlich die einzelnen Charaktere nicht mehr klar einzuordnen. Man beginnt zu zweifeln, die Zweifel wieder über den Haufen zu werfen, um dann erneut zu zweifeln. Man möchte genauso wie Franka wissen, was es denn nun mit Unland auf sich hat. Deswegen kann man leider gar nicht anders, als dieses Buch innerhalb weniger Tage zu verschlingen.

Als ich die letzte Seite der Geschichte gelesen hatte, wurde ich von Antje Wagner traurig, fassungslos und nachdenklich zurückgelassen: traurig, weil ich nicht wollte, dass das Buch schon zuende ist; fassungslos, weil ich nicht erwartet hätte, dass die Geschichte um Franka und die anderen Eulenruh-Bewohner so endet; nachdenklich, weil ich aber durch eben dieses Ende gezwungen werde, den ganzen Rest der Geschichte neu zu überdenken. Alles in allem also ein sehr gelungenes Ende.

Neben der wirklich spannenden und zum Nachdenken anregenden Handlung lebt das Buch durch noch viel mehr: Antje Wagner verfügt über einen sehr bildlichen, an manchen Stellen fast schon poetischen Schreibstil. Außerdem gab es mehrere umwerfende Zitate, die zeigen, dass „Unland“ ein wirklich intelligentes Buch ist.

„Es gibt Mädchen, die sind nicht schön, sondern sehen nur so aus.“ (S. 62)

Alles in allem bin ich sehr froh, Antje Wagner und ihr Buch „Unland“ beim Fest des Lesens für mich entdeckt zu haben. „Unland“ weiß gleichzeitig zu fesseln und den Leser gedanklich in Richtungen zu lenken, mit denen man nicht gerechnet hätte. Ich vergebe 9 von 10 Sternen.

stern 9

Unland – Antje Wagner – Taschenbuch – 382 Seiten – 9,95 € – ISBN-13: 978-3833350528 – September 2010 (Bloomsbury) – Altersempfehlung: 12-15 Jahre