[Rezension] „Café Morelli“ von G. R. Gemin

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Vor wenigen Minuten habe ich die letzten Seiten von „Café Morelli“ gelesen – und zwar mit Tränen der Rührung in den Augen. Hinter diesem wunderschönen Cover verbirgt sich ein echtes Herzensbuch.

Das Café Morelli ist schon seit vielen Generationen in Joes Familie. Schon seit sein Urgroßvater vor Jahren aus Italien nach Wales gekommen ist, um dort Arbeit zu finden. Doch mittlerweile läuft das Café nicht mehr richtig. Und so überlegt Joes Mutter, das Café zu verkaufen. Doch Joe liebt das Café und lässt nichts unversucht, um das Erbe seiner Familie zu retten …

Ich kann gar nicht ganz in Worte fassen, was dieses Buch so wundervoll macht. Ich glaube, es ist die Hoffnung, die die Geschichte vermittelt. Du musst nur fest genug an etwas glauben, dann wird es dir auch gelingen. Es ist aber auch das Gefühl von einem schönen Miteinander, davon, dass man sich gegenseitig helfen muss, um wirklich glücklich zu sein. Es ist die Tatsache, dass in diesem Buch, die heutige Geschichte so gekonnt mit der Geschichte von Joes Urgroßvater verknüpft wird, der im zweiten Weltkrieg plötzlich inhaftiert wird, nur weil er Italiener ist. Und nicht zuletzt ist dieses Buch vermutlich so berührend, weil man das Herzblut spürt, das G. R. Gemin in die Geschichte gesteckt hat.

Herzensbücher bekommen selbstverständlich 10 von 10 Sternen!

stern 10

Café Morelli – G. R. Gemin – Hardcover mit SU – 272 Seiten – 17,50 € – ISBN: 978-3-551-56043-8 – erschienen: September 2017 (Königskinder) – Übersetzung: Gabriele Haefs

 

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[Rezension] „Schweigen ist Goldfisch“ von Annabel Pitcher

Klappentext:

Tess hatte nie das Gefühl, wirklich dazuzugehören. Als sie eines Nachts am Computer ihres Vaters die Wahrheit über ihre Herkunft erfährt – nämlich dass er eben nicht ihr Vater ist – weiß sie auch, warum das so ist. Sie ist Pluto, aber ihre Eltern wollten einen Mars. Oder wenigstens eine Venus.
Was soll Tess dazu noch sagen? Ihr fehlen die Worte. Und so schweigt sie. Schweigend sucht sie ihren richtigen Vater. Schweigend unterhält sie sich mit ihrem Plastikgoldfisch, Mister Goldfisch. Schweigend verliert sie ihre beste Freundin und findet einen neuen Seelenverwandten. Und sie gewinnt die allerwichtigste Erkenntnis überhaupt: nämlich, dass Schweigen Macht verleiht – aber Reden noch viel mehr. (Quelle)

Meine Meinung:

„Meine Schwester lebt unter dem Kaminsims“ von Annabel Pitcher ist eines dieser ganz besonderen Bücher. Ein echter Schatz! Jetzt gibt es nach „Ketchuprote Wolken“ ein weiteres neues Buch der Autorin, das natürlich ganz weit oben auf meiner Must-Read-Liste stand. Zu Recht?

Tess ist zwar absolut nicht das beliebteste Mädchen der Schule, doch sie hat eine beste Freundin und liebende Eltern. Aber als sie eines Tages herausfindet, dass ihr Vater gar nicht ihr richtiger Vater ist, bricht ihre Welt zusammen. Sie hat einfach keine Worte mehr für all das, was in ihrem Kopf vorgeht. Und so beginnt sie zu schweigen. Ihr einziger Gesprächspartner bleibt eine Taschenlampe in Goldfischform.

„Vielleicht muss man die Wahrheit lauter herausschreien, um all die Lügen zu übertönen? Oder man klinkt sich ganz aus, so wie Tess. Vielleicht ist Schweigen die beste Form des Protests.“ (S. 391)

Ich glaube, die wenigsten von uns können sich vorstellen, wie es ist, zu erfahren, dass der Mann, den man immer für seinen Vater gehalten hat, gar nicht der eigene Vater ist. Tess‘ Situation ist sogar noch etwas schwieriger, denn sie findet auf dem Laptop ihres Vaters einen Beitrag, den er für die Website einer Samenbank geschrieben hat. Dort beschreibt er, dass er Tess‘ nicht lieben konnte und sich sogar von ihr abgestoßen fühlte. Das zu lesen, bringt Tess komplett durcheinander. Verständlicherweise.

Ich mag das Thema, das Annabel Pitcher mit dieser Geschichte aufgreift. Es geht um den Identitätsverlust und die verzweifelte Suche nach einem neuen Vater. Doch geht Tess dabei für meinen Geschmack etwas zu verzweifelt und irrational vor: Der nächstbeste Mann, der ihr halbwegs ähnlich sieht, wird als neuer Vater auserkoren. Die Nebengeschichte, die sich um diesen Mann entwickelt, hat mich ehrlich gesagt nicht wirklich interessiert.

Auch Tess‘ innere Dialoge mit Mister Goldfisch fand ich gewöhnungsbedürftig. Es ist natürlich äußerst praktisch, dass wir so an ihren Gedanken teilhaben können und auch mitbekommen, wie sehr sie innerlich eigentlich zerrissen ist, aber trotzdem fand ich die Vorstellung, dass sich eine Fünfzehnjährige mit einer Taschenlampe in Goldfischform unterhält etwas skurril. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich andere Leser nicht daran stören, aber wer mich kennt, weiß, dass solche Skurrilitäten immer nichts für mich sind.

Insgesamt bin ich ein klein wenig enttäuscht von dem neuen Buch von Annabel Pitcher. Obwohl ich das Thema und die erzählte Geschichte grundsätzlich mochte, konnte mich die Handlung nicht mitreißen. Das kann natürlich auch daran liegen, dass ich allgemein gerade nicht sehr leselustig bin. „Schweigen ist Goldfisch“ ist trotzdem ein gutes Buch, das steht außer Frage, aber es kann in meinen Augen nicht mit ihrem Debüt mithalten. Gute 6 von 10 Sternen!

stern 6

Schweigen ist Goldfisch – Annabel Pitcher – Hardcover mit SU – 464 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-7373-5375-5 – erschienen: Mai 2016 (Fischer) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren – Übersetzung: Susanne Hornfeck

[Rezension] „Eleanor & Park“ von Rainbow Rowell

Klappentext:

Sie sind beide Außenseiter, aber grundverschieden: Die pummelige Eleanor und der gut aussehende, aber zurückhaltende Park. Als er ihr im Schulbus den Platz neben sich frei macht, halten sie wenig voneinander. Park liest demonstrativ und Eleanor ist froh, ignoriert zu werden. In der Schule ist sie das Opfer übler Mobbing-Attacken und zu Hause hat sie mit vier Geschwistern und einem tyrannischen Stiefvater nur Ärger. Doch als sie beginnt, Parks Comics mitzulesen, entwickelt sich ein Dialog zwischen den beiden. Zögerlich tauschen sie Kassetten, Meinungen und Vorlieben aus. Dass sie sich ineinander verlieben, scheint unmöglich. Doch ihre Annäherung gehört zum Intensivsten, was man über die erste Liebe lesen kann. (Quelle)

Meine Meinung:

„Eleanor & Park“ habe ich schon vor langer Zeit gelesen und es dann in mein „Möchte ich noch rezensieren“-Regal gestellt. Und dort stand das Buch. Und stand. Und stand. Dass es für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, hat dazu geführt, dass ich heute doch versuchen möchte, meinen Eindruck zu schildern. Ich habe nämlich nur so lange gebraucht, eine Rezension zu beginnen, weil ich jetzt schon weiß, dass meine Worte nicht ausreichen und dieser Geschichte nicht gerecht werden.

Eleanor und Park haben es beide zu Hause nicht leicht – und das auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Ich finde es beeindruckend, dass es der Autorin gelingt, jedem der beiden ihr eigenes Schicksal zu lassen, ohne diese gegeneinander aufzuwerten und miteinander zu vergleichen. Ich möchte gar nicht viel näher darauf eingehen, was für Probleme die beiden haben, denn das sollte jeder Leser meiner Meinung nach selbst erfahren.

Als sich die beiden Jugendlichen im Bus begegnen, verbindet sie zunächst nichts. Park macht Eleanor nur neben sich Platz, weil er gut erzogen ist. Und bereut es sofort. Was sollen denn die anderen denken? Ja, auch er ist irgendwie ein Außenseiter, aber Eleanor ist wirklich unbeliebt. Und doch nähern sich die beiden irgendwann an. Und aus dieser Annäherung wird eine der schönsten Liebesgeschichte, die ich je gelesen habe.

Nach dem Lesen habe ich mit Nanni über dieses Buch gesprochen und ihr war es wichtig, zu betonen, dass die Geschichte von Eleanor und Park nicht nur schön, sondern eben auch wirklich traurig ist. Ja, das ist sie. So traurig, dass es beim Lesen weh tut. Aber dennoch überwiegt für mich das Schöne und Hoffnungsvolle.

„Eleanor & Park“ ist einfach ein wahrer Bücherschatz. John Green sagte, dass er in dieses Buch verliebt ist. Und ich bin es auch! 10 von 10 Sternen!

stern 10

Eleanor & Park – Rainbow Rowell – Hardcover – 368 Seiten – 16,90 € – ISBN 978-3-446-24740-6 – erschienen: Februar 2015 (Hanser) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren – Übersetzung: Brigitte Jakobeit

[Kurzer Leseeindruck] „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ von Lilly Lindner

Klappentext:

April ist fort. Seit Wochen kämpft sie in einer Klinik gegen ihre Magersucht an. Und seit Wochen antwortet sie nicht auf die Briefe, die ihre Schwester Phoebe ihr schreibt. Wann wird April endlich wieder nach Hause kommen? Warum antwortet sie ihr nicht? Phoebe hat tausend Fragen. Doch ihre Eltern schweigen hilflos und geben Phoebe keine Möglichkeit, zu begreifen, was ihrer Schwester fehlt. Aber sie versteht, wie unendlich traurig April ist. Und so schreibt sie ihr Briefe. Wort für Wort in die Stille hinein, die April hinterlassen hat. (Quelle)

Mein Eindruck:

Nimmst du mich mit?
Auf deinem Weg.
Es ist mir egal, wohin er führt – Hauptsache, ich kann bei dir sein. Weil wir doch Schwestern sind, und Schwestern sollten zusammenbleiben. Nicht Schritt auf Tritt und auch nicht in jedem Moment im Leben. Aber wenn es drauf ankommt. Und wenn es hügelig wird.
Oder kalt und dunkel. (S. 84, 85)

Schon beim Lesen des Klappentexts und des Zitats bekomme ich wieder eine Gänsehaut.

„Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ ist einfach ein sehr besonderes Buch. Es besteht nur aus Briefen: zunächst Phoebes Briefe an ihre große Schwester April, dann in der zweiten Hälfte Aprils Antworten. Beide Schwestern haben ein enormes Talent mit Worten umzugehen und so ist dieses Buch unglaublich sprachgewaltig! Selten sind mir so viele tolle und bemerkenswerte Sätze aufgefallen, selten habe ich so beeindruckende Zitate entdeckt. Selten musste ich so mit den Tränen kämpfen. 9 von 10 Sternen!

stern 9

Was fehlt, wenn ich verschwunden bin – Lilly Lindner – Klappbroschur – 400 Seiten – 9,99 € – ISBN: 978-3-7335-0093-1 – erschienen: Februar 2015 (Fischer) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Zusammen werden wir leuchten“ von Lisa Williamson

Klappentext:

Es ist Davids vierzehnter Geburtstag und als er die Kerzen ausbläst, ist sein sehnlichster Wunsch … ein Mädchen zu sein. Das seinen Eltern zu beichten, steht auf seiner To-do-Liste für den Sommer – gaaaanz unten.
Bisher wissen nur seine Freunde Essie und Felix Bescheid, die bedingungslos zu ihm halten und mit denen er jede Peinlichkeit weglachen kann. Aber wird David jemals als Mädchen leben können? Und warum fasziniert ihn der geheimnisvolle Neue in der Schule so sehr? (Quelle)

Meine Meinung:

„Als ich acht Jahre alt war, sollten wir in der Schule aufschreiben, was wir einmal werden wollten. […] Zachary Olsen wollte Profi-Fußballer werden und Lexi Taylor Schauspielerin. Harry Beaumont war sich sicher, dass er Premierminister werden würde. […]
Nichts von alledem interessiert mich.
Ich hatte geschrieben:
Ich möchte ein Mädchen sein.“ (S. 7)

Langsam aber sicher werden homosexuelle Charaktere in Büchern immer normaler. Mal sind sie und ihr Outingprozess Kernthema der Geschichte, mal treten sie einfach so als Haupt- oder Nebenfiguren auf. Auf Transgender, Personen also, die mit dem falschen Geschlecht geboren wurden, trifft man noch sehr selten. Das einzige Buch, das ich kenne, das in diese Richtung geht, ist „Finding Alex“ von Kathrin Schrocke.

Ich gebe gerne zu, dass die Vorstellung, jemand wird als Junge geboren, fühlt sich aber ganz eindeutig als Mädchen, für mich noch sehr ungewohnt und fremd ist. Ich bin mit diesem Thema bisher wenig in Berührung gekommen. Umso mehr freut es mich, dass Lisa Williamson das Thema der Transsexualität in „Zusammen werden wir leuchten“ aufgegriffen und mir ein Stückchen näher gebracht hat.

„‚Hey, Freakshow!‘, ruft er.
Ich tue so, als ob ich ihn nicht höre. ‚Freakshow‘ ist schon seit Jahren Harrys Spitzname für mich.“ (S. 34)

David ist in der Schule ein Außenseiter und wird vor allem von Harry, der, als er acht war, noch Premierminister werden wollte, gemobbt. Abgesehen davon hat er ein ganz normales Leben, nette Eltern, zwei beste Freunde und eine nervige kleine Schwester. Wirklich ganz normal: Wäre da nicht sein Wunsch, ein Mädchen zu sein.

Auch Leo hat ein Geheimnis. Die Geschichte in „Zusammen werden wir leuchten“ wird zur Hälfte auch aus seiner Sicht erzählt. Er ist verschlossen und lacht so gut wie nie. Warum ist er tatsächlich von seiner alten Schule geflogen? Hat er wirklich einem Lehrer mit einer Metallsäge den Finger abgesägt?

Ich mag es, wie Lisa Williamson es schafft, die Geschichten der beiden so zu erzählen, dass sie zwar einzeln für sich stehen und doch zu einer gemeinsamen werden. Dabei gelingt es ihr sehr gut, leise Zwischentöne mit einem herrlichen Humor zu kombinieren, so dass ich mehr als einmal mit ein paar Tränchen im Augenwinkel laut losprusten musste. Die Ernsthaftigkeit und Traurigkeit mancher Szenen werden nie zu erdrückend und wechseln sich mit dem Gefühl von Hoffnung und Freundschaft ab. Dies ist auch der Grundtenor der Geschichte, die nicht schwarz-weiß und auch nicht rosarot ist.

Ich bin Lisa Williamson dankbar: Durch sie habe ich einen Einblick in die mögliche Gefühlswelt eines Jungen bekommen, der unbedingt ein Mädchen sein möchte – und es auch ist! David und Leo, aber auch Davids beste Freunde, sind tolle Charaktere, die man einfach ins Herz schließen muss. Die erzählte Geschichte ist gleichzeitig berührend und auf eine passende Weise witzig und humorvoll. Chapeau! 9 von 10 Sterne!

stern 9

Zusammen werden wir leuchten – Lisa Williamson – Klappbroschur – 384 Seiten – 12,99 € – ISBN 978-3-7335-0076-4 – erschienen: Dezember 2015 (Fischer) – Übersetzung: Angelika Eisold Viebig – Altersempfehlung: 14-17 Jahre

[Rezension] „Auf der richtigen Seite“ von William Sutcliffe

Klappentext:

Joshua lebt mit seiner Mutter und seinem Stiefvater in Amarias, einer künstlich errichteten Siedlung, an deren Rand eine schwerbewachte Mauer verläuft. Joshua hat gelernt, dass hinter der Mauer der Feind lebt, der Tag für Tag darauf lauert, die Siedler zu töten. Und dass die Mauer ihn und sein Volk beschützt.
Doch eines Tages findet Joshua einen Tunnel, der unter der Mauer hindurchführt. Er weiß, dass er so schnell keine Gelegenheit mehr bekommen wird, einen Blick auf die andere Seite zu werfen. Die Versuchung ist zu groß. Und von dem Moment an, als Joshua seinen Kopf aus dem Tunnel streckt, ist sein Leben nicht mehr so, wie es vorher war. (Quelle)

Meine Meinung:

Joshua ist schon lange unglücklich in Amarias, der künstlichen Siedlung, in der er seit dem Tod seines Vaters gemeinsam mit seiner Mutter und seinem hasserfüllten Stiefvater leben muss: Mit den Jungen aus seiner Schule kommt er nicht gut zurecht, mit seinem Stiefvater gerät er ständig aneinander und die Stadt an sich wirkt so wenig lebendig. Auf seiner Seite der Mauer patroullieren ständig Soldaten und was auf der anderen Seite ist, weiß er gar nicht so genau.
Als er eines Tages durch Zufall einen Tunnel entdeckt, der unter der Mauer durchführt, zögert Joshua nur kurz – und klettert dann durch den Tunnel. Auf der anderen Seite wirkt alles, obwohl es viele zerstörte und plattgewalzte Gebäude gibt, irgendwie lebendiger. Als er vor einer Jungenbande fliehen muss, erhält Joshua unerwartet Hilfe von einem Mädchen der anderen Seite. Komisch, dabei ist sie doch eigentlich böse und der Feind – oder doch nicht?

„Wann hörst du endlich auf mit diesem Blödsinn? Du weißt ganz genau, wer unsere Leute sind. Du und ich und Menschen wie wir. Unsere Freunde.“
„Aber ich habe Freunde auf der anderen Seite der Mauer. Und es gibt Menschen auf dieser Seite der Mauer, die ich hasse. Es wohnt jemand in diesem Haus, den ich hasse. Also wer sind dann meine Leute? Sag es mir.“
(S. 275)

Amarias ist eine fiktiv, genauso wie die dortige Mauer und doch weist der Autor selbst in einem Nachwort auf den Vergleich mit der Westbank im Westjordanland hin, die die Israelis von den Palästinensern trennt. Die Art und Weise, wie Sutcliffe diese Thematik aufgreift, Joshuas Sicht auf die Welt und die beiden Seiten der Mauer finde ich sehr gelungen. Der erst 13jährige Junge hat einen offenen und unvoreingenommenen Blick auf die Menschen in seinem Umfeld und beurteilt sie nach dem, was sie tun, und nicht danach, auf welcher Seite der Mauer sie leben. Der deutsche Titel für dieses Jugendbuch „Auf der richtigen Seite“ (engl. „The Wall“) finde ich gelungen provozierend. Gibt es eine richtige Seite?

Neben dieser Fragestellung geht es in dem Buch vor allem auch um Joshuas Entwicklung und die Abgrenzung von Liev, seinem Stiefvater. Immer wieder muss Joshua mit seinen Aggressionen und seinem Hass gegenüber allem, was nicht in Lievs Weltbild passt, umgehen und lernt erst langsam, sich gegen den so dominanten Stiefvater durchzusetzen. Auch Joshuas Mutter spielt in all ihrer Passivität eine große Rolle in der Geschichte.

William Sutcliffe behandelt in „Auf der richtigen Seite“ zwei sehr spannende Themen und verknüpft diese gekonnt miteinander. Joshua ist ein toller, vielleicht für sein Alter etwas zu reifer, Ich-Erzähler, der eine unheimlich starke Entwicklung durchmacht und für das einsteht, an das er glaubt. Überzeugend und unaufgeregt beschreibt der Autor das Leben eines Jugendlichen, der nicht gewillt ist, die Welt nur schwarz-weiß wahrzunehmen. 8 von 10 Sternen!

stern 8

„Auf der richtigen Seite“ war 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Hier gibt es Unterrichtsmaterial zu dem Buch.

Auf der richtigen Seiten – William Sutcliffe – Hardcover mit SU – 352 Seiten – 16,99 € – ISBN:  978-3-499-21231-4 – erschienen: September 2014 (Rowohlt) – Übersetzung: Christiane Steen

[Kurzer Leseeindruck] „Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ von Christoph Wortberg

Klappentext:

Lenny hat seinen älteren Bruder Jakob immer bewundert. Den Großen, den Alleskönner. Doch jetzt ist Jakob tot. Lenny beginnt, Fragen zu stellen. Wer war sein Bruder? Wer ist er selbst? Und was, zum Teufel, ist der Sinn des Lebens ohne Jakob? Da trifft Lenny auf Rosa. Sie kannte seinen Bruder. Besser als er ahnt … Und je mehr Lenny über Jakob erfährt, desto näher kommt er sich selbst. (Quelle)

Mein Eindruck:

„Mein Bruder Jakob sagte: Ich bin ich und die anderen sind die anderen. Er sagte: Ich habe nur dieses eine Leben. Dann ging er.
Mein Bruder war ein Held.“ (S. 7)

Was tut  man, wenn der ältere Bruder plötzlich stirbt? Der Bruder, der einen immer beschützt und die Familie zusammengehalten hat? Und was macht man, wenn die Eltern vollkommen vergessen, dass sie noch einen zweiten Sohn haben? Und warum hat Jakob bezüglich des Wanderausflugs, auf dem er gestorben ist, gelogen?

Dieses Buch beschäftigt sich auf leichte und teilweise humorvolle Art und Weise mit diesen Fragen. Man begleitet Lenny dabei, wie er versucht, mehr über seinen Bruder herauszufinden, und endlich aus seinem Schatten heraustritt. Die Kapitel des Buches sind sehr kurz, insgesamt liest sich die Geschichte ziemlich schnell. Meiner Meinung nach ist das ein eindeutiges Plus für ein Jugendbuch. Andererseits ist die Geschichte nicht ganz so gehaltvoll, wie ich sie mir stellenweise gewünscht hätte.

„Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ beschäftigt sich mit der Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen und mit der Frage nach dem Warum. Gleichzeitig geht es aber auch darum, wie man im Schatten eines von allen geliebten und geachteten Bruder zu sich selbst finden kann. Insgesamt ein gutes Jugendbuch, dass auf wenigen Seite interessante Denkanstöße bietet. 7 von 10 Sternen.

stern 7

„Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ war 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß – Christoph Wortmann – Klappbroschur – 191 Seiten – 12,95 € – ISBN: 978-3-407-81158-5 – erschienen: September 2015 (Beltz) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Wenn ihr uns findet“ von Emily Murdoch

Klappentext:

Klamotten, Partys, Jungs und Schule: Diese Welt ist Carey und ihrer kleinen Schwester Jenessa völlig fremd. Die Geräusche des Waldes, das beengte und doch so vertraute Zusammenleben im Wohnwagen und die oft tagelange Abwesenheit ihrer Mom – das ist der Alltag der Mädchen, die in einem Trailer tief versteckt inmitten eines Naturschutzgebietes leben. Als Careys und Jenessas Vater die Mädchen zu sich und seiner neuen Familie holt, finden die Tage im Wald ein jähes Ende. Doch ihr altes Leben lässt sie noch nicht los.

Meine Meinung:

Carey und ihre kleine Schwester Jenessa wachsen im Wald auf. Mitten im Wald. Ihre Mutter ist psychisch krank und drogenabhängig. Immer wieder lässt sie ihre Töchter wochen- und teilweise monatelang alleine; mit nur wenigen Konservendosen als Essensreserve. Und so musste Carey schon früh erwachsen werden, viel zu früh: Sie sorgt für Nessa, bringt ihr Lesen und Schreiben bei, tröstet sie, wenn diese mal wieder nach ihrer Mutter schreit, und jagt Kaninchen und andere Tiere, um zumindest ab und an gehaltvolle Nahrung auf den Tisch zu bekommen.

Eines Tages dann, ihre Mutter ist mittlerweile über drei Monate weg, werden Carey und Nessa dann von einer Jugendamtsmitarbeiterin und ihrem Vater im Wald gefunden. Der Vater nimmt die beiden zu sich, wo sie mit seiner neuen Frau und Stieftochter gemeinsam ein normales Leben führen sollen. Doch das ist gar nicht so leicht, denn insbesondere Carey wird immer wieder von den Erinnerungen an ihr früheres Leben eingeholt.

Die Publishers Weekly hat diesen Jugendroman mit den Worten kommentiert, dass man sich in diese Heldinnen sofort verlieben muss. Und das ist so wahr, dass ich mich der Meinung einfach anschließen muss. Von Carey und Nessa geht ein großer Charme aus. Die beiden, die die meiste Zeit ihres Lebens nur sich selbst hatten. Zu gerne würde man sie als Leser in den Arm nehmen. Ganz kurz nur und behutsam, denn Nähe, Liebe und Vertrauen von Erwachsenen sind sie nicht gewohnt.

Das Schicksal der beiden hat mich so gefesselt, dass ich mit dem Lesen gar nicht mehr aufhören mochte. Ich wollte die beiden unbedingt in Sicherheit wissen. Wollte mich davon überzeugen, dass es ihnen in ihrem neuen Heim gut geht, dass sie klar kommen. Denn da gibt es immer noch Zweifel und ein großes Geheimnis. Was hat damals in der Nacht der weißen Sterne dazu geführt, dass Jenessa ihre Sprache verloren hat?

Lange Zeit hat mich dieses Buch wirklich umgehauen und sprachlos immer weiter lesen lassen. Das Schicksal der Mädchen, aber auch die Hoffnung auf ein Zuhause, auf Liebe und Fürsorge haben mich total ergriffen. Zum Ende hin gehen mir manche Handlungsstränge allerdings etwas zu schnell, manche Zufälle finde ich nicht glaubhaft genug – zu passend. Das ist schade, denn das Buch an sich hätte diesen Teil der Geschichte (Carey lernt in der Schule einen Jungen kennen und fühlt sich schnell zu ihm hingezogen) nicht nötig gehabt. Ob die Entwicklung überhaupt realistisch ist, wage ich auch zu bezweifeln. Trotzdem vergebe ich 8 von 10 Sternen für eine sehr besondere Geschichte.

stern 8

„Wenn ihr uns findet“ wurde 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Wenn ihr uns findet – Emily Murdoch – Hardcover mit SU – 304 Seiten – 15,99 € – ISBN: 978-3-453-53434-6 – erschienen: März 2014 (Heyne fliegt) – Übersetzung: Julia Walther – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ von Benjamin Alire Sáenz

Klappentext:

Dante kann schwimmen. Ari nicht. Dante kann sich ausdrücken und ist selbstsicher. Ari fallen Worte schwer und er leidet an Selbstzweifeln. Dante geht auf in Poesie und Kunst. Ari verliert sich in Gedanken über seinen älteren Bruder, der im Gefängnis sitzt. Mit seiner offenen und einzigartigen Lebensansicht schafft es Dante, die Mauern einzureißen, die Ari um sich herum gebaut hat. Ari und Dante werden Freunde. Sie teilen Bücher, Gedanken, Träume und lachen gemeinsam. Sie beginnen die Welt des jeweils anderen neu zu definieren. Und entdecken, dass das Universum ein großer und komplizierter Ort ist, an dem manchmal auch erhebliche Hindernisse überwunden werden müssen, um glücklich zu werden!(Quelle)

Meine Meinung:

Schon nach wenigen gelesenen Seiten hatte ich das Gefühl, dass „Aristoteles und Dante“ ein ganz besonderes Buch ist. Nicht nur, weil ich bis dahin schon unzählige schöne Zitate gefunden hatte, sondern weil die Stimmung und die Figuren im Buch so greifbar waren. Ich spürte zum Beispiel ganz eindeutig die Liebe zwischen Ari und seiner Mutter, die Freundschaft zwischen den beiden Jungen war so offensichtlich, die tiefe Traurigkeit von Ari teilweise förmlich mit den Händen zu greifen.

„Klar, ich hatte alle möglichen Gründe für mein Selbstmitleid. Dass ich fünfzehn war, half auch nicht gerade. Fünfzehn zu sein, dachte ich manchmal, war die schlimmste Tragödie von  allen.“ (S. 18)

Ari hat keine Freunde – nicht einen einzigen. Und obwohl er weiß, dass seine Eltern ihn lieben, ist auch zu Hause nicht alles in Ordnung: Über seinen Bruder, der im Gefängnis sitzt, wird nicht gesprochen, und sein Vater hat ein Stück von sich selbst im Vietnamkrieg verloren. Doch dann lernt er Dante kennen, der all das zu sein scheint, was Ari nicht ist:

„Er war lustig konzentriert und leidenschaftlich. Er konnte wirklich leidenschaftlich sein. Und er hatte nichts Gemeines an sich. Mir war nicht klar, wie man in einer gemeinen Welt leben kann, ohne dass ein bisschen dieser Gemeinheit auf einen abfärbt. Wie konnte jemand ohne einen Hauch von Gemeinheit leben?“ (S. 23/24)

Für kurze Zeit färbt Dantes Sicht auf die Welt, seine offene und fröhliche Art auf Ari ab und er erlebt einige unbeschwerte Wochen. Doch als Leser ahnt man schon, dass die Geschichte nicht unendlich so weiter gehen kann: Ari und Dante haben in ihrer Freundschaft einige Klippen zu umschiffen. Sie müssen lernen, erwachsen zu werden und sich mit sich und den Geheimnissen des Universums auseinander zu setzen. Vor allem müssen sie erkennen, dass die größten Geheimnisse in den Menschen selbst zu finden sind.

Ich weiß nicht, ob ich schon jemals so ein schönes Buch gelesen habe. Wirklich! Die Sprache, die Personen und die Entwicklung, die sie durchmachen… Es geht mir an dieser Stelle wie Ari manchmal: Mir fehlen die Worte!

„Aristoteles und Dante“ ist ein unbeschreiblich tolles Buch und ich bin sehr froh, es entdeckt zu haben. Ich merke, dass meine Worte nicht ausreichen, um dieses Buch zu beschreiben. Ich weiß nur, dass es eines der besten ist, das ich je gelesen habe. Könnte ich mehr als 10 Sterne vergeben, würde ich es tun!

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„Aristoteles und Dante“ war 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums – Benjamin Alire Sáenz – Hardcover – 384 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-522-20192-6 – erschienen: Juli 2014 (Thienemann) – Übersetzung: Brigitte Jakobeit – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Am Ende des Alphabets“ von Fleur Beale

Klappentext:

Ruby ist die gute Seele der Familie. Sie putzt, kocht und kümmert sich um ihre kleinen Geschwister, während ihr schlauer Bruder Max immer nur dann auftaucht, wenn es Essen gibt, und sonst keinen Finger rührt. „Fußabtreter spielen“ nennt das Rubys beste Freundin. Und sie stellt sie vor ein Ultimatum – entweder Ruby beweist endlich Rückgrat oder die Freundschaft ist vorbei. In Ruby beginnt es zu rumoren. So kann es nicht weitergehen. Als sie auch noch ihr eigenes Zimmer aufgeben soll, ist klar – Ruby streikt!

Meine Meinung:

„Und was, wenn ich … streikte?
Ich schnappte nach Luft. Konnte ich das? Damit würde ich Mum das Leben ganz schön schwer machen. Lange saß ich da und dachte darüber nach.
Dann fuhr ich nach Hause. Ich hatte einen Plan. Hoffentlich hatte ich auch den Mumm – das Rückgrat – ihn in die Tat umzusetzen! Wenn nicht, würde ich mir wohl noch jahrelang das kleine Zimmer mit den Jungs teilen müssen.“ (S. 24)

Dieses Buch hat mir eine Freundin, die Buchhändlerin ist, eindringlich empfohlen. „Das ist ein absolutes Tine-Buch“, meinte sie und hatte damit total recht.

Die Hauptperson Ruby ist ganz nach meinem Geschmack: Mit ihren 14 Jahren muss sie schon ziemlich viel Verantwortung übernehmen, wohingegen ihr fast gleichaltriger Bruder keinen Handschlag im Haushalt hilft. Er ist ja auch schließlich der schlaue Sohn, der bestimmt mal Karriere machen wird. Ruby mit ihrer Lese-Rechtschreibschwäche wird vermutlich Putzfrau werden – so denkt zumindest Rubys Mutter.

Zum Glück hat Ruby ihre beste Freundin Tia, die sie dazu drängt, mehr für sich selbst einzustehen. So dass Ruby nach reiflicher Überlegung anfängt zu streiken und das einzufordern, was ihr zusteht. Diesen Prozess, die Veränderung von Ruby und wie sich die anderen Familienmitglieder gezwungenermaßen an die neue Ruby anpassen müssen, hat die Autorin wunderbar beschrieben. Mir hat besonders gut gefallen, dass Ruby nicht von einem auf den anderen Tag selbstbewusst, erfolgreich und bei allen beliebt ist, sondern immer wieder kleine Kämpfe ausstehen muss: sei es mit ihrem Chef, der ihr im Nebenjob weniger Geld zahlen möchte, nur weil sie nicht lesen kann, oder sei es mit sich selbst und ihrem eigenen Selbstbild.

Im Laufe der Geschichte lernt Ruby Maria kennen, eine junge Mutter, die Ruby vermittelt, dass sie nicht weniger wert oder dümmer als ihre Mitschüler ist, nur weil sie Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat:

„Und jetzt gehst du vor die Tür, kommst wieder rein und sagst: Maria, es gibt da etwas, das Sie wissen sollten. Und dann erzählst du es mir. Ich möchte, dass dir bewusst wird, wie unwichtig das ist. Dass du trotzdem ein kluges, kompetentes Mädchen bist.“ (S. 103)

„Am Ende des Alphabets“ ist ein warmherziges und kluges Buch, dass den Leser auf eine Reise mitnimmt und zwar auf die Reise von Ruby: Wir begleiten sie auf ihrem Weg vom „Fußabtreter“ der Familie hin zu einem selbstbewussten Mädchen. Fleur Beale schreibt dabei sehr einfühlsam und glaubhaft. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Mit einer klitzekleinen Kleinigkeit am Schluss war ich nicht ganz einverstanden, weswegen ich einen Stern abziehe. Grundsätzlich gilt aber: Dieses Buch sollte man gelesen haben. 9 von 10 Sternen!

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Am Ende des Alphabets – Fleur Beale – Hardcover – 208 Seiten – 14,95 € – ISBN 978-3-86873-795-0 – erschienen: Februar 2015 (Knesebeck) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren