[Rezension] „Winger“ von Andrew Smith

9783551560278Ryan Dean West ist klug. So klug, dass er zwei Schuljahre überspringen konnte und nun jünger ist als alle seine Klassenkameraden. Das ist nicht gerade hilfreich, wenn man unsterblich verliebt ist, denn Annie, seine beste Freundin, sieht in Ryan Dean scheinbar nur für einen kleinen, süßen Jungen. Außerdem macht die Tatsache, dass er jünger und kleiner ist als alle aus seinem Jahrgang, es Winger – wie er aufgrund seiner Position im Rugby-Team genannt wird – auch nicht leichter, sich gegen seine Mitschüler durchzusetzen. Und einige von ihnen scheinen es ganz schön auf Winger abzugesehen zu haben.

Freundschaft, Liebe, Sex – Darum dreht es sich nicht nur in Ryan Deans Leben, sondern auch in diesem Buch. Sein Leben ist mal alltäglich, mal spektakulär. Mal läuft alles ganz wunderbar und dann steckt er wieder mittendrin in der Patsche.

Diese Höhen und Tiefen gibt es vermutlich in dem Leben eines jeden Jugendlichen. Man muss lernen, sich zu behaupten. Man verliebt sich und wird enttäuscht. Man muss herausfinden, wer seine wahren Freunde sind.

„Winger“ kommt mitten aus dem Leben. Und genauso ist es geschrieben. Die Sprache ist unmittelbar, eindringlich und manchmal ungewohnt derb. Voller Schimpfwörter, obwohl Ryan Dean im wahren Leben eigentlich nicht flucht. Das tut er nur, wenn er seine Geschichte aufschreibt. Und ich liebe es. 10 von 10 Sternen – mal wieder ein echtes Highlight!

stern 10

Winger – Andrew Smith – Hardcover – 464 Seiten – 19,99 € –  978-3-551-56027-8 – erschienen: September 2016 (Königskinder) – Übersetzung: Hans-Ullrich Möhring

 

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[Rezension] „Daniel is different“ von Wesley King

„Es war an einem Dienstag, als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich verrückt war. Na ja, die Vermutung war mir schon früher gekommen, war ja unvermeidlich, aber ich hatte gehofft, es wäre nur eine Phase, so wie damals mit drei, als ich ein Feuerwehrauto sein wollte.“ (S. 5)

Ja, Daniel ist wirklich anders. Er hasst es, Football zu spielen. Viel lieber sitzt er auf der Reservebank und arrangiert die Getränke für seine Teamkollegen in akkuraten geometrischen Mustern. Daniel hat eigentlich nur einen besten Freund, im Kontakt mit anderen Mitschülern ist er sehr unsicher. Obwohl Daniel hochbegabt ist, ist der Matheunterricht für ihn der pure Stress. Denn die meisten Zahlen sind in seinen Augen schlechte Zahlen. Sie führen dazu, dass er das Gefühl bekommt, sterben zu müssen. Die Neun ist übrigens die schlimmste Zahl.

Schnell wird dem Leser das klar, was Daniel noch nicht weiß: Er leidet an einer Zwangsstörung. Jeden Abend muss Daniel ein gewisses Programm ausführen, bis er einschlafen kann. Dies kann manchmal mehrere Stunden Zeit in Anspruch nehmen und auch dann weint er sich häufig in den Schlaf. Doch mit einem einzigen, unerwarteten „Hallo“ beginnt sich seine Welt zu verändern.

Die Geschichte um Daniel ist unglaublich berührend und schön. Aber auch unglaublich traurig. Denn das Nachwort des Autors macht deutlich: Dies ist nicht einfach nur eine Geschichte. Für viele Menschen ist das, was Daniel Tag für Tag mitmachen muss, Realität:

„Der Daniel dieser Geschichte ist in vieler Hinsicht ein recht exaktes Abbild von mir selbst, als ich in diesem Alter war. Auch ich habe bis zu fünf Stunden jede Nacht gebraucht, um ins Bett zu gehen. […] Mehrmals am Tag hatte ich das Gefühl zu sterben – was, wie ich später erfuhr, durch die Angstzustände und Panikattacken ausgelöst wurde – und ich begann mit ritualisierten Zwangshandlungen, um mit der grauenvollen Angst klarzukommen.“ (S. 301)

Und trotzdem macht dieses Buch Hoffnung. Es sagt: Du bist nicht allein. Ja, du bist anders, aber das bedeutet auch, dass du einzigartig bist. Es erzählt nicht nur die Geschichte einer Freundschaft und einer ersten, zarten Liebe. Es macht auch Mut, zu sich selbst zu stehen. 9 von 10 Sternen!

stern 9

Daniel is different – Wesley King – Hardcover – 304 Seiten – 17,00 € – ISBN 978-3-7348-4710-3 – erschienen: Januar 2017 (Magellan) – Übersetzung: Claudia Max

[Rezension] „Heute sind wir Freunde“ von Patrycja Spychalski

Klappentext:

Nell, Leo, Chris, Anton und Valeska sind so verschieden wie Tag und Nacht. Da werden sie versehentlich in der Schule eingesperrt. Gar nicht so schlimm denkt sich Nell, ist sie doch schon lange in Leo verknallt. Super, findet Chris, ist er doch schon ewig in Nell verknallt. Kein Bock hier den Aufpasser zu spielen, denkt sich Streber Anton. Die haben doch keine Ahnung, wer ich wirklich bin, denkt sich Schulschönheit Valeska. Und Leo? Der ist einfach zu cool für diese Welt. Oder doch nicht? Am nächsten Morgen ist nicht nur ein Liebespaar aus der Nacht hervorgegangen, sondern auch fünf Freunde, die es gestern noch nicht waren, aber heute sind … und es vielleicht sogar bleiben. (Quelle)

Meine Meinung:

Fünf Jugendliche, die sich alle eigentlich gar nicht wirklich kennen, die alle sehr verschieden sind, müssen aufgrund eines Unwetters zusammen eine Nacht in der Schule verbringen. Das Szenario an sich bietet schon sehr viel Potential für gute Unterhaltung. Die Charakterkonzeption von Patrycja Spychalski tut dann ihr übriges: Nell, Leo, Chris, Anton und Valeska sind alle so liebevoll und feinsinnig gezeichnet, dass man am Ende das Gefühl hat, selbst ein Teil der Gruppe zu sein und fünf neue Freunde gewonnen zu haben.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht der einzelnen Jugendlichen erzählt. Jeder kommt zu Wort. Das sorgt dafür, dass man als Leser nach und nach alle besser kennenlernt, ihre Beweggründe erfährt und auch hinter so manche Fassade gucken kann. Insbesondere Valeska versteckt sich hinter einer Maske. Nach außen hin ist sie die fleißige, brave, aber bei allen beliebte Schülerin, die zu jeder Party eingeladen wird. In ihr drinnen sieht es aber ganz anders aus:

„Stattdessen lächele ich brav, betreibe Konersation, erzähle von meinen tausend Freizeitaktivitäten und fühle mich innerlich leer. Ich gebe niemandem die Schuld daran. Höchstens der Maske, die ich täglich aufsetze, und daran bin ich alleine schuld. Ich weiß trotzdem nicht, was ich anders machen könnte, um die Leute, die mir gegenüberstehen und genauso brav lächeln wie ich, darauf zu bringen, dass es in mir drin ganz anders aussieht.“ (S. 42)

Doch nach und nach lassen die einzelnen Figuren nicht nur dem Leser, sondern auch den anderen Charakteren gegenüber ihre Masken fallen. Sie werden so sehr viel verletzlicher – aber auch liebenswert. Und am Ende lautet das Fazit: Heute sind wir Freunde!

„Heute sind wir Freunde“ ist ein neues Herzensbuch von mir. Die Autorin hat wundervolle Charaktere geschaffen, mit denen man gerne eine Nacht eingeschlossen in einer Schule verbringt. 10 von 10 Sternen!

stern 10

Heute sind wir Freunde – Patrycja Spychalski – Klappbroschur – 320 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-570-16410-5  – erschienen: März 2016 (cbt) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance“ von Estelle Laure

Klappentext:

Eigentlich hat Lucille Wichtigeres zu tun, als sich ausgerechnet in den vergebenen Zwillingsbruder ihrer besten Freundin zu verlieben. In ihrer Familie ist sie die Einzige, die die Dinge in die Hand nimmt: Geld verdienen, Rechnungen bezahlen, sich um ihre kleine Schwester kümmern. Da bleibt keine Zeit für große Gefühle. Aber wer kann sich schon wehren, wenn die wahre Liebe vor der Tür steht? Denn gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance. (Quelle)

Meine Meinung:

„Mom sollte gestern wiederkommen. Nach zwei Wochen. Vierzehn Tagen. Sie sagte, sie brauche mal eine Pause von allem (also: von uns) und dass sie vor dem ersten Schultag wieder da sei.“ (S. 7)

Doch Lucielle hat es schon geahnt: Ihre Mutter kommt natürlich nicht pünktlich zum ersten Schultag wieder. Und so muss sie sich um ihre kleine Schwester kümmern. Muss dafür sorgen, dass sie ihre Hausaufgaben macht, genügend zu essen bekommt und passende Kleidung anzieht. Ach und ganz neben muss sie sich auch noch um ihre eigenen Hausaufgaben und Prüfungen kümmern und versuchen, irgendwie an Geld zu kommen, denn auch darum kümmert sich ihre Mutter nur unzureichend. Und als wäre das alles nicht genug, ist Lucille auch noch in den Bruder ihrer besten Freundin verliebt, der selbstverständlich glücklich vergeben ist.

Nein, Lucilles Leben ist wirklich nicht einfach und trotzdem ist „Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance“ ein richtiges Wohlfühlbuch. Passend dazu habe ich es auch in einem Rutsch in der Sauna gelesen, habe mit Lucille gelitten, mich aber auch mit ihr gefreut, wenn die Menschen in ihrem Leben wieder dafür gesorgt haben, dass das Glück eben doch nicht komplett fern bleibt.

„Wenn viele schlimme Dinge passieren, muss vielleicht auch was Gutes passieren.“ (S. 105)

„Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance“ ist ein unterhaltsames und schönes Buch. Ein Buch, das gut tut und die Hoffnung weckt, dass es im Leben immer irgendwie weiter geht, so lange man nur die richtigen Menschen an seiner Seite hat. Ein wertvoller Gedanke, wie ich finde. 9 von 10 Sternen.

stern 9

Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance – Estelle Laure – Hardcover – 256 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-7373-5326-7 – erschienen: März 2016 (Fischer) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren – Übersetzung: Sophie Zeitz

[Rezension] „Eleanor & Park“ von Rainbow Rowell

Klappentext:

Sie sind beide Außenseiter, aber grundverschieden: Die pummelige Eleanor und der gut aussehende, aber zurückhaltende Park. Als er ihr im Schulbus den Platz neben sich frei macht, halten sie wenig voneinander. Park liest demonstrativ und Eleanor ist froh, ignoriert zu werden. In der Schule ist sie das Opfer übler Mobbing-Attacken und zu Hause hat sie mit vier Geschwistern und einem tyrannischen Stiefvater nur Ärger. Doch als sie beginnt, Parks Comics mitzulesen, entwickelt sich ein Dialog zwischen den beiden. Zögerlich tauschen sie Kassetten, Meinungen und Vorlieben aus. Dass sie sich ineinander verlieben, scheint unmöglich. Doch ihre Annäherung gehört zum Intensivsten, was man über die erste Liebe lesen kann. (Quelle)

Meine Meinung:

„Eleanor & Park“ habe ich schon vor langer Zeit gelesen und es dann in mein „Möchte ich noch rezensieren“-Regal gestellt. Und dort stand das Buch. Und stand. Und stand. Dass es für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, hat dazu geführt, dass ich heute doch versuchen möchte, meinen Eindruck zu schildern. Ich habe nämlich nur so lange gebraucht, eine Rezension zu beginnen, weil ich jetzt schon weiß, dass meine Worte nicht ausreichen und dieser Geschichte nicht gerecht werden.

Eleanor und Park haben es beide zu Hause nicht leicht – und das auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Ich finde es beeindruckend, dass es der Autorin gelingt, jedem der beiden ihr eigenes Schicksal zu lassen, ohne diese gegeneinander aufzuwerten und miteinander zu vergleichen. Ich möchte gar nicht viel näher darauf eingehen, was für Probleme die beiden haben, denn das sollte jeder Leser meiner Meinung nach selbst erfahren.

Als sich die beiden Jugendlichen im Bus begegnen, verbindet sie zunächst nichts. Park macht Eleanor nur neben sich Platz, weil er gut erzogen ist. Und bereut es sofort. Was sollen denn die anderen denken? Ja, auch er ist irgendwie ein Außenseiter, aber Eleanor ist wirklich unbeliebt. Und doch nähern sich die beiden irgendwann an. Und aus dieser Annäherung wird eine der schönsten Liebesgeschichte, die ich je gelesen habe.

Nach dem Lesen habe ich mit Nanni über dieses Buch gesprochen und ihr war es wichtig, zu betonen, dass die Geschichte von Eleanor und Park nicht nur schön, sondern eben auch wirklich traurig ist. Ja, das ist sie. So traurig, dass es beim Lesen weh tut. Aber dennoch überwiegt für mich das Schöne und Hoffnungsvolle.

„Eleanor & Park“ ist einfach ein wahrer Bücherschatz. John Green sagte, dass er in dieses Buch verliebt ist. Und ich bin es auch! 10 von 10 Sternen!

stern 10

Eleanor & Park – Rainbow Rowell – Hardcover – 368 Seiten – 16,90 € – ISBN 978-3-446-24740-6 – erschienen: Februar 2015 (Hanser) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren – Übersetzung: Brigitte Jakobeit

[Kurzer Leseeindruck] „Plötzlich It-Girl. Wie ich aus Versehen das coolste Mädchen der Schule wurde“ von Katy Birchall

Reiheninfo:

  1. „Plötzlich It-Girl. Wie ich aus Versehen zum coolsten Mädchen der Schule wurde“
  2. „Plötzlich It-Girl. Wie ich versuchte, die größte Sportskanone der Schule zu werden“

Klappentext:

Meine Lebensziele: 1) Meine zwei allerbesten (und einzigen) Freunde um jeden Preis behalten. (Dann darf ich die beiden aber nicht ständig durch meine peinlichen Aussetzer in Verlegenheit bringen.) 2) Meinem Hund beibringen, mich mit der Pfote abzuklatschen. Das ist das ehrgeizigste Lebensziel auf dieser Liste. 3) Miss Schulprinzessin nicht (noch mal) in Brand stecken. 4) Herausfinden, ob 2) oder 3) peinliche Aussetzer sind. 5) Nach Afrika gehen und Reis an die Armen verteilen. 6) Mich für den REST MEINES LEBENS im Schrank verstecken, weil mein Vater sich mit der berühmtesten Schauspielerin EVER verlobt hat, die Paparazzi mit meinem Gesicht jedes Titelbild des Landes vollkleistern wollen und jeder auf meiner Schule (und der ganzen Welt) erfahren wird, was für ein Loser ich bin. (Quelle)

Mein Eindruck:

Anna ist in der Schule nicht wirklich beliebt. Sie hat nur wenige Freunde und das coolste Mädchen der Schule hasst sich, weil Anna aus Versehen die Haare ihrer besten Freundin in Brand gesteckt hat. Doch als Annas Vater sich mit einer berühmten Schauspielerin verlobt, wird plötzlich alles anders …

„Plötzlich It-Girl“ ist ein locker-flockiges Buch, das eindeutig für Jugendliche geschrieben wurde. Die Handlung ist relativ vorhersehbar, aber unterhaltsam. Themen wie Liebe und Freundschaft, wahre und falsche Freunde, Identität und Selbstbewusstsein stehen ganz unaufdringlich im Vordergrund.

Ich habe das Buch gerne gelesen, obwohl Anna mir an einigen Stellen etwas zu naiv war. Der nette Humor reißt das aber wieder raus und ich vermute, dass die Geschichte vor allem Mädchen im Alter von etwa 12-14 Jahren begeistern kann. 7 von 10 Sternen!

stern 7

Plötzlich It-Girl. Wie ich aus Versehen das coolste Mädchen der Schule wurde – Katy Birchall – Klappbroschur – 320 Seiten – 12,99 € – ISBN: 978-3-505-13701-3 – erschienen: September 2015 (Schneiderbuch) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Rezension] „Zusammen werden wir leuchten“ von Lisa Williamson

Klappentext:

Es ist Davids vierzehnter Geburtstag und als er die Kerzen ausbläst, ist sein sehnlichster Wunsch … ein Mädchen zu sein. Das seinen Eltern zu beichten, steht auf seiner To-do-Liste für den Sommer – gaaaanz unten.
Bisher wissen nur seine Freunde Essie und Felix Bescheid, die bedingungslos zu ihm halten und mit denen er jede Peinlichkeit weglachen kann. Aber wird David jemals als Mädchen leben können? Und warum fasziniert ihn der geheimnisvolle Neue in der Schule so sehr? (Quelle)

Meine Meinung:

„Als ich acht Jahre alt war, sollten wir in der Schule aufschreiben, was wir einmal werden wollten. […] Zachary Olsen wollte Profi-Fußballer werden und Lexi Taylor Schauspielerin. Harry Beaumont war sich sicher, dass er Premierminister werden würde. […]
Nichts von alledem interessiert mich.
Ich hatte geschrieben:
Ich möchte ein Mädchen sein.“ (S. 7)

Langsam aber sicher werden homosexuelle Charaktere in Büchern immer normaler. Mal sind sie und ihr Outingprozess Kernthema der Geschichte, mal treten sie einfach so als Haupt- oder Nebenfiguren auf. Auf Transgender, Personen also, die mit dem falschen Geschlecht geboren wurden, trifft man noch sehr selten. Das einzige Buch, das ich kenne, das in diese Richtung geht, ist „Finding Alex“ von Kathrin Schrocke.

Ich gebe gerne zu, dass die Vorstellung, jemand wird als Junge geboren, fühlt sich aber ganz eindeutig als Mädchen, für mich noch sehr ungewohnt und fremd ist. Ich bin mit diesem Thema bisher wenig in Berührung gekommen. Umso mehr freut es mich, dass Lisa Williamson das Thema der Transsexualität in „Zusammen werden wir leuchten“ aufgegriffen und mir ein Stückchen näher gebracht hat.

„‚Hey, Freakshow!‘, ruft er.
Ich tue so, als ob ich ihn nicht höre. ‚Freakshow‘ ist schon seit Jahren Harrys Spitzname für mich.“ (S. 34)

David ist in der Schule ein Außenseiter und wird vor allem von Harry, der, als er acht war, noch Premierminister werden wollte, gemobbt. Abgesehen davon hat er ein ganz normales Leben, nette Eltern, zwei beste Freunde und eine nervige kleine Schwester. Wirklich ganz normal: Wäre da nicht sein Wunsch, ein Mädchen zu sein.

Auch Leo hat ein Geheimnis. Die Geschichte in „Zusammen werden wir leuchten“ wird zur Hälfte auch aus seiner Sicht erzählt. Er ist verschlossen und lacht so gut wie nie. Warum ist er tatsächlich von seiner alten Schule geflogen? Hat er wirklich einem Lehrer mit einer Metallsäge den Finger abgesägt?

Ich mag es, wie Lisa Williamson es schafft, die Geschichten der beiden so zu erzählen, dass sie zwar einzeln für sich stehen und doch zu einer gemeinsamen werden. Dabei gelingt es ihr sehr gut, leise Zwischentöne mit einem herrlichen Humor zu kombinieren, so dass ich mehr als einmal mit ein paar Tränchen im Augenwinkel laut losprusten musste. Die Ernsthaftigkeit und Traurigkeit mancher Szenen werden nie zu erdrückend und wechseln sich mit dem Gefühl von Hoffnung und Freundschaft ab. Dies ist auch der Grundtenor der Geschichte, die nicht schwarz-weiß und auch nicht rosarot ist.

Ich bin Lisa Williamson dankbar: Durch sie habe ich einen Einblick in die mögliche Gefühlswelt eines Jungen bekommen, der unbedingt ein Mädchen sein möchte – und es auch ist! David und Leo, aber auch Davids beste Freunde, sind tolle Charaktere, die man einfach ins Herz schließen muss. Die erzählte Geschichte ist gleichzeitig berührend und auf eine passende Weise witzig und humorvoll. Chapeau! 9 von 10 Sterne!

stern 9

Zusammen werden wir leuchten – Lisa Williamson – Klappbroschur – 384 Seiten – 12,99 € – ISBN 978-3-7335-0076-4 – erschienen: Dezember 2015 (Fischer) – Übersetzung: Angelika Eisold Viebig – Altersempfehlung: 14-17 Jahre

[Rezension] „Glück ist eine Gleichung mit 7“ von Holly Goldberg Sloan

Klappentext:

Willow ist ein Energiebündel, denkt immer positiv und interessiert sich für alles: Sie studiert das Verhalten von Fledermäusen, züchtet Zitrusfrüchte im Garten und begeistert sich für die Schönheit der Zahl 7. Ihr größter Wunsch ist es, gleichaltrige Freunde zu finden. Dafür lernt sie sogar Vietnamesisch. Doch dann verunglücken ihre Adoptiveltern bei einem Autounfall. Es ist wie ein Wunder, wie Willow mit ihrer Art zu denken – ihrer Hochbegabung – und ihrem ungebrochenen Charme ihre Welt zusammenhält. Dabei verändert sie das Leben aller, die sie trifft, und jeder Einzelne entdeckt, welche Kräfte in ihm stecken. (Quelle)

Meine Meinung:

Hach! Wenn jemand auf der Suche nach einem absoluten Wohlfühlbuch ist, muss er jetzt nicht weiter suchen. Mit „Glück ist eine Gleichung mit 7“ hat man es gefunden!

Willow ist wirklich eine besondere Protagonistin und das liegt nicht nur an ihrer Hochbegabung, die sie teilweise etwas schräg wirken lässt, sondern vor allem an ihrer absolut liebenswerten Art. Willow weiß, dass sie hochbegabt ist. Sie weiß auch, wie sie auf gleichaltrige Mitschüler wirkt. Etwas verschroben und sonderbar – niemand, mit dem man sich gerne anfreunden möchte, obwohl Willow immer freundlich und offen auf ihre Mitmenschen zu geht. Und doch ist sie nicht bereit, sich für andere zu verstellen. Ein bewundernswerter Charakterzug.

Obwohl Willow noch keine gleichaltrigen Freunde hat (an der Freundschaft mit Mai arbeitet sie gerade), ist Willow glücklich, denn sie hat ja ihren Garten und ihre Adoptiveltern, die sie bedingungslos lieben. Doch dann: Ein Autounfall, bei dem ihre Eltern beide ums Leben kommen. Willow hat niemanden mehr. Steht ganz alleine da. Ihre Welt bricht zusammen. Nun muss sich zeigen, was ihre Freundschaft mit Mai wirklich wert ist und wie stark Willow tatsächlich ist.

Als Leser erfährt man ziemlich früh zu Beginn des Buches, dass Willows Eltern bei einem Autounfall sterben. Und obwohl ich noch gar nicht so viel Zeit hatte, das junge Mädchen kennenzulernen, hat mich dieser Unfall, Willows Verlust und ihre Trauer total umgehauen. Ich war mit ihr paralysiert, wollte sie trösten und sie in den Arm nehmen. Denn Willow ist eine der tollsten Charaktere, die ich seit langem kennenlernen durfte.

Willows Welt muss sich aber auch nach dem Tod ihrer Eltern weiter drehen, obwohl dies zunächst undenkbar erscheint. Und im Laufe der Geschichte bekommt man mit, wie die 12jährige das Leben ihrer Mitmenschen auf den Kopf stellt, ohne dass das überhaupt ihre Absicht ist.

Ja, kritische Stimmen könnten sagen, dass die Geschichte ein wenig kitschig ist und dass sich am Ende alles ein kleines bisschen zu perfekt fügt. Aber ich finde, die Welt ist oftmals traurig und hart genug. Warum gönnen wir uns nicht ein wenig Glück und wohlige Wärme beim Lesen?

„Glück ist eine Gleichung mit 7“ ist eines jener besonderen Bücher, das seine Leser packt und sie nicht mehr loslässt, bis sie am Ende glücklich das Buch zuklappen und sich die letzten Tränen aus den Augen wischen. 10 Sterne!

stern 10

Glück ist eine Gleichung mit 7 – Holly Goldberg Sloan – Hardcover mit SU – 304 Seiten – 16,90 € – ISBN 978-3-446-24553-2 – erschienen: Juli 2015 (Hanser) – Übersetzung: Wieland Freund – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Rezension] „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“ von Benjamin Alire Sáenz

Klappentext:

Dante kann schwimmen. Ari nicht. Dante kann sich ausdrücken und ist selbstsicher. Ari fallen Worte schwer und er leidet an Selbstzweifeln. Dante geht auf in Poesie und Kunst. Ari verliert sich in Gedanken über seinen älteren Bruder, der im Gefängnis sitzt. Mit seiner offenen und einzigartigen Lebensansicht schafft es Dante, die Mauern einzureißen, die Ari um sich herum gebaut hat. Ari und Dante werden Freunde. Sie teilen Bücher, Gedanken, Träume und lachen gemeinsam. Sie beginnen die Welt des jeweils anderen neu zu definieren. Und entdecken, dass das Universum ein großer und komplizierter Ort ist, an dem manchmal auch erhebliche Hindernisse überwunden werden müssen, um glücklich zu werden!(Quelle)

Meine Meinung:

Schon nach wenigen gelesenen Seiten hatte ich das Gefühl, dass „Aristoteles und Dante“ ein ganz besonderes Buch ist. Nicht nur, weil ich bis dahin schon unzählige schöne Zitate gefunden hatte, sondern weil die Stimmung und die Figuren im Buch so greifbar waren. Ich spürte zum Beispiel ganz eindeutig die Liebe zwischen Ari und seiner Mutter, die Freundschaft zwischen den beiden Jungen war so offensichtlich, die tiefe Traurigkeit von Ari teilweise förmlich mit den Händen zu greifen.

„Klar, ich hatte alle möglichen Gründe für mein Selbstmitleid. Dass ich fünfzehn war, half auch nicht gerade. Fünfzehn zu sein, dachte ich manchmal, war die schlimmste Tragödie von  allen.“ (S. 18)

Ari hat keine Freunde – nicht einen einzigen. Und obwohl er weiß, dass seine Eltern ihn lieben, ist auch zu Hause nicht alles in Ordnung: Über seinen Bruder, der im Gefängnis sitzt, wird nicht gesprochen, und sein Vater hat ein Stück von sich selbst im Vietnamkrieg verloren. Doch dann lernt er Dante kennen, der all das zu sein scheint, was Ari nicht ist:

„Er war lustig konzentriert und leidenschaftlich. Er konnte wirklich leidenschaftlich sein. Und er hatte nichts Gemeines an sich. Mir war nicht klar, wie man in einer gemeinen Welt leben kann, ohne dass ein bisschen dieser Gemeinheit auf einen abfärbt. Wie konnte jemand ohne einen Hauch von Gemeinheit leben?“ (S. 23/24)

Für kurze Zeit färbt Dantes Sicht auf die Welt, seine offene und fröhliche Art auf Ari ab und er erlebt einige unbeschwerte Wochen. Doch als Leser ahnt man schon, dass die Geschichte nicht unendlich so weiter gehen kann: Ari und Dante haben in ihrer Freundschaft einige Klippen zu umschiffen. Sie müssen lernen, erwachsen zu werden und sich mit sich und den Geheimnissen des Universums auseinander zu setzen. Vor allem müssen sie erkennen, dass die größten Geheimnisse in den Menschen selbst zu finden sind.

Ich weiß nicht, ob ich schon jemals so ein schönes Buch gelesen habe. Wirklich! Die Sprache, die Personen und die Entwicklung, die sie durchmachen… Es geht mir an dieser Stelle wie Ari manchmal: Mir fehlen die Worte!

„Aristoteles und Dante“ ist ein unbeschreiblich tolles Buch und ich bin sehr froh, es entdeckt zu haben. Ich merke, dass meine Worte nicht ausreichen, um dieses Buch zu beschreiben. Ich weiß nur, dass es eines der besten ist, das ich je gelesen habe. Könnte ich mehr als 10 Sterne vergeben, würde ich es tun!

stern 10

„Aristoteles und Dante“ war 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums – Benjamin Alire Sáenz – Hardcover – 384 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-522-20192-6 – erschienen: Juli 2014 (Thienemann) – Übersetzung: Brigitte Jakobeit – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Eine Woche, ein Ende und der Anfang von allem“ von Nina LaCour

Klappentext:

Auf nach Europa! Die Schule ist geschafft, jetzt werden Colby und Bev reisen, ein Jahr lang. Das bedeutet Abenteuer, Freiheit – und vielleicht Liebe? Darauf hofft zumindest Colby, der schon ewig in seine beste Freundin verknallt ist. Doch bevor die zwei losfliegen, geht es noch für eine Woche mit Bevs Girlband auf Tour durch Kalifornien, im alten VW-Bus von Colbys Onkel.
Was als cooler Roadtrip beginnt, wird zum Desaster, als Bev die Bombe platzen lässt: Sie will nicht mit nach Paris, sondern stattdessen studieren. Colby ist fassungslos. Wann hat Bev ihre Pläne geändert? Warum wusste er nichts davon? Und was zum Teufel soll er jetzt bloß anfangen – ohne sie? (Quelle)

Meine Meinung:

Es soll das beste Jahr seines Lebens werden: Die Schule ist vorbei und alle seine Mitschülern gehen direkt aufs College. Das haben Colby und seine beste Freundin Bev aber nicht vor. Schon seit Jahren planen die beiden, gemeinsam durch die Welt zu reisen. Doch bevor es losgeht, steht noch eine einwöchige Tour mit Bevs Freundinnen an, mit denen sie in einer Girlband singt. Doch dann passiert das, was Colby sich nie hat vorstellen können: Bev, für die er mehr als nur Freundschaft empfindet, gesteht ihm, dass sie sich doch heimlich an einem renominierten College beworben und einen Platz bekommen hat. Alle Träume von Colby zerplatzen wie eine Seifenblase. Nun muss er einen Weg finden, mit dieser Situation umzugehen.

„Was ist, wenn unsere Enttäuschungen und Zweifel nicht bedeutungslos oder beliebig sind? Was ist, wenn sich mehr dahinter verbirgt?“ (S. 147)

Von Nina LaCour habe ich vor einigen Jahren „Ich werde immer da sein, wo du auch bist“ gelesen. Das Buch hat mir damals sehr gut gefallen, so dass es außer Frage stand, dass ich auch dieses neue Werk der Autorin lesen würde. In beiden Büchern geht es darum, dass die Hauptperson mit einem Schicksalsschlag umgehen, sich finden und weiter entwickeln muss.

„Es ist hart.“
„Was ist hart“, frage ich.
Bev schüttelt den Kopf, als wäre die Antwort zu gewichtig, um sie in Worte zu fassen.
Schließlich sagt sie: „Erwachsen zu werden.“ (S. 202/203)

Gemeinsam mit der inneren Reise auf dem Weg zu sich selbst und seiner Zukunft begleiten wir Colby auf der richtigen Reise durch Californien – ein Roadtrip also, auf dem die vier die unterschiedlichsten Menschen und Geschichten kennenlernen. Anfangs war mir Bev eher unsympathisch, doch ist das vermutlich von der Autorin auch so gewollt. Im Laufe der Geschichte erfährt man nämlich Stück für Stück mehr über das toughe und scheinbar etwas gefühlskalte Mädchen, das plötzlich verletzlich und unsicher erscheint.

„Eine Woche, ein Ende und der Anfang von allem“ ist ein typischer Coming of Age-Roman. Colby muss erwachsen werden, muss herausfinden, wer er wirklich ist – so ganz ohne Bev. Der Autorin gelingt es sehr gut, das Roadtrip-Gefühl auf den Leser zu übertragen. Besonders gut haben mir die kleinen Weisheiten und klugen Worte gefalle, die es an vielen Stellen zu entdecken gibt. Insgesamt bekommt die Geschichte von mir 8 von 10 Sternen.

stern 8

Eine Woche, ein Ende und der Anfang von allem – Nina LaCour – Hardcover mit SU – 272 Seiten – 16,99 € – ISBN 978-3-551-58334-5 – erschienen: Juli 2015 (Carlsen) – Übersetzung: Brigitte Jakobeit – Altersempfehlung: ab 14 Jahren