[Rezension] „Faceless“ von Alyssa Sheinmel

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„Zerstört. Was für ein unpassendes Wort. Zerstört sind Dörfer, über die ein Tsunami hereingebrochen ist. Oder Gebäude, die von einer Bombe getroffen wurde. Schiffe, die auf den Meeresgrund sinken. Aber etwas so Kleines, Unbedeutendes wie das Gesicht eines einzelnen Menschen kann doch nicht zerstört werden.“ (S. 28)

Maisie ist sechszehn Jahre alt, als ihr Gesicht durch einen Blitzeinschlag und einen dadurch resultierenden Elektrobrand zerstört wird. Sie hat nicht nur Vebrennungen dritten oder vierten Grades. Nein, die Ärzte mussten komplette Teile ihres Gesichts entfernen.

Maisie ist nun das Mädchen ohne Gesicht: Faceless. Und das ist nicht nur wörtlich, sondern auch im übertragenen Sinne gemeint. Wer ist sie nun noch, nachdem ihr Kinn, Nase und eine Wange fehlen? Maisie hat zwar das Glück (obwohl sie selbst dieses Wort hasst), dass sie eine Gesichtstransplantation bekommt, aber trotzdem: Es ist nicht mehr ihr eigenes Gesicht, das sie mit sich herumtragen muss.

Vor dem Unfall (so nennen ihre Eltern das) war Maisie eine normale, glückliche Sechzehnjährige. Sie hatte einen Freund, der mit ihr zum Abschlussball gehen wollte, und eine beste Freundin. Sie war eine Einserschülerin und eine erfolgreiche Läuferin. Was davon ist jetzt noch geblieben?

Ich bin auf dieses Buch vor allem durch sein Cover aufmerksam geworden. Es ist so simpel und doch bezeichnend. Ein Mädchen ohne Gesicht und gleichzeitig ohne Identität. Was Maisie widerfährt, ist sicherlich für die wenigsten Leser nachvollziehbar. Und dennoch ist es der Autorin ganz ausgezeichnet gelungen, mich auf Maisies Suche nach sich selbst mitzunehmen. Sie schildert sehr glaubwürdig und authentisch Maisies Gefühle und Gedanken. Ja, manchmal verliert sich Maisie etwas zu sehr in ihrem Selbstmitleid. Ja, machmal ist sie unfair zu anderen. Aber wer kann es ihr verübeln?

Was ich an diesem Buch so mag, ist, dass tatsächlich Maisies eigene Geschichte im Vordergrund steht. Es geht zwar auch um ihre Beziehung zu ihrer besten Freundin, zu ihren Eltern und vor allem zu ihrem festen Freund, aber im Mittelpunkt steht doch immer sie selbst. So lesen wir keine rosarote Liebesgeschichte und kein Familiendrama, sondern es geht immer nur um die Frage: Wer ist die Maisie nach dem Unfall? Wer ist Maisie 2.0?

Ich mag Bücher, die beim Lesen etwas in mir bewegen. Die Gedanken in mir anstoßen und mich ein klein wenig verändern. So ein Buch ist „Faceless“ auf jeden Fall gewesen. Dazu noch einfühlsam erzählt und auf seine Art unterhaltsam. Von mir gibt es 9 von 10 Sternen!

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Faceless – Alyssa Sheinmel – Klappbroschur – 352 Seiten – 18,00 € – ISBN 978-3-446-25802-0  – erschienen: September 2017 (Hanser) – Übersetzung: Jessika Komina, Sandra Knuffinke

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[Rezension] „Eleanor & Park“ von Rainbow Rowell

Klappentext:

Sie sind beide Außenseiter, aber grundverschieden: Die pummelige Eleanor und der gut aussehende, aber zurückhaltende Park. Als er ihr im Schulbus den Platz neben sich frei macht, halten sie wenig voneinander. Park liest demonstrativ und Eleanor ist froh, ignoriert zu werden. In der Schule ist sie das Opfer übler Mobbing-Attacken und zu Hause hat sie mit vier Geschwistern und einem tyrannischen Stiefvater nur Ärger. Doch als sie beginnt, Parks Comics mitzulesen, entwickelt sich ein Dialog zwischen den beiden. Zögerlich tauschen sie Kassetten, Meinungen und Vorlieben aus. Dass sie sich ineinander verlieben, scheint unmöglich. Doch ihre Annäherung gehört zum Intensivsten, was man über die erste Liebe lesen kann. (Quelle)

Meine Meinung:

„Eleanor & Park“ habe ich schon vor langer Zeit gelesen und es dann in mein „Möchte ich noch rezensieren“-Regal gestellt. Und dort stand das Buch. Und stand. Und stand. Dass es für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, hat dazu geführt, dass ich heute doch versuchen möchte, meinen Eindruck zu schildern. Ich habe nämlich nur so lange gebraucht, eine Rezension zu beginnen, weil ich jetzt schon weiß, dass meine Worte nicht ausreichen und dieser Geschichte nicht gerecht werden.

Eleanor und Park haben es beide zu Hause nicht leicht – und das auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Ich finde es beeindruckend, dass es der Autorin gelingt, jedem der beiden ihr eigenes Schicksal zu lassen, ohne diese gegeneinander aufzuwerten und miteinander zu vergleichen. Ich möchte gar nicht viel näher darauf eingehen, was für Probleme die beiden haben, denn das sollte jeder Leser meiner Meinung nach selbst erfahren.

Als sich die beiden Jugendlichen im Bus begegnen, verbindet sie zunächst nichts. Park macht Eleanor nur neben sich Platz, weil er gut erzogen ist. Und bereut es sofort. Was sollen denn die anderen denken? Ja, auch er ist irgendwie ein Außenseiter, aber Eleanor ist wirklich unbeliebt. Und doch nähern sich die beiden irgendwann an. Und aus dieser Annäherung wird eine der schönsten Liebesgeschichte, die ich je gelesen habe.

Nach dem Lesen habe ich mit Nanni über dieses Buch gesprochen und ihr war es wichtig, zu betonen, dass die Geschichte von Eleanor und Park nicht nur schön, sondern eben auch wirklich traurig ist. Ja, das ist sie. So traurig, dass es beim Lesen weh tut. Aber dennoch überwiegt für mich das Schöne und Hoffnungsvolle.

„Eleanor & Park“ ist einfach ein wahrer Bücherschatz. John Green sagte, dass er in dieses Buch verliebt ist. Und ich bin es auch! 10 von 10 Sternen!

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Eleanor & Park – Rainbow Rowell – Hardcover – 368 Seiten – 16,90 € – ISBN 978-3-446-24740-6 – erschienen: Februar 2015 (Hanser) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren – Übersetzung: Brigitte Jakobeit

[Rezension] „Calpurnias faszinierende Forschungen“ von Jacqueline Kelly

Reiheninfo:

  1. „Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen“
  2. „Calpurnias faszinierende Forschungen“

Klappentext:

Calpurnia liebt die Natur und träumt davon, Forscherin zu werden. Von ihrem Großvater hat sie gelernt, Pflanzen zu bestimmen und wissenschaftliche Instrumente einzusetzen. Gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Travis versorgt sie hilfsbedürftige Tiere. Ein Gürteltier, ein Waschbär und ein Hundewelpe finden bei ihr ein Zuhause auf Zeit. Callie füttert und untersucht die Tiere, liest bei Darwin nach und vertieft ihre naturkundliche Bildung. Als ein Tierarzt in den Ort zieht, wird klar, dass sie genau die richtige Assistentin für ihn ist. Doch Veterinär ist ein Beruf für Jungen und Callie ist das einzige Mädchen in der Familie … (Quelle)

Meine Meinung:

Vor zwei Jahren hatte ich das große Vergnügen Calpurnia Virginia Tate kennenzulernen. Gemeinsam mit ihrem Großvater entdeckte sie in „Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen“ ihre Liebe für die Natur – und setzte sich damit gegen ihre Eltern durch, die es viel lieber sehen würden, wenn Calpurnia nur Klavier spielen und nähen lernen würde. Vor einiger Zeit gab es für mich dann eine freudige Überraschung: Es gibt eine Fortsetzung zu Calpurnias Abenteuern!

„Warum solltest du denn studieren dürfen? Du bist doch bloß ein Mädchen. Du zählst doch fast gar nichts.“ (S. 170)

„Calpurnias fasziniernede Forschungen“ unterscheidet sich insofern von seinem Vorgänger, als dass dieses Jahr vor allem Tiere im Fokus des jungen Mädchens stehen. Außerdem spielt ihr jüngerer Bruder Travis eine größere Rolle. Travis ist herzallerliebst: Er kann nicht an einem hilfebdürftigen, verletzten Tier vorbei gehen, ohne es bei sich auf zu nehmen, zu hegen und pflegen. Und so ist Calpurnia als seine große Schwester immer wieder gezwungen, Tiere zu füttern, die eigentlich in die Wildnis gehören, und ihnen Namen zu geben – was absolut unwissenschaftlich ist, wie Calpurnia eigentlich weiß!

Als dann ein Tierarzt in den Ort zieht, ist Calpurnia von Anfang an fasziniert. Wie ein Schwamm saugt sie alle Informationen auf, die sie bekommen kann, und schon bald zeigt sich, dass sie eine begnadete Assistentin wäre. Da gibt es nurein Problem: Ein Mädchen kann keine Tierärztin werden. Calpurnia muss gegen die festgefahrenen Geschlechterrollen zu Beginn des 20. Jahrhunderts kämpfen – mal wieder …

„Für mich schien alles auf die eine Frage hinauszulaufen, die mir unablässig durch den Kopf ging: Bin ich nicht genauso intelligent wie meine Brüder? Die Antwort lautet: Nein.
Ich war intelligenter.
Und wenn ich meinen Weg durch diese Welt alleine gehen musste, dann war’s eben so. Ich würde ihn schon finden.“ (S. 171)

Wie schon der erste Band lebt auch dieses Buch vor allem durch Calpurnia selbst. Sie ist einfach eine tolle Protagonistin mit ihrem Wissensdurst und ihrer unbändigen Neugier, ihrer Liebe zur Natur und all ihren Lebenwesen. Beim Lesen wurde mir noch ein Mal richtig bewusst, was für ein Privileg es ist, dass ich lernen, studieren und arbeiten darf, was ich möchte, ohne dabei durch mein Geschlecht eingeschränkt zu sein; etwas, das für meine Generation fast schon selbstverständlich ist.

Jacqueline Kelly erzählt die Abenteuer von Calpurnia Virgina Tate in einem sehr ruhigen und entspannten Erzählton. Die einzelnen Kapitel wirken auf mich viel mehr wie kleine, unterhaltsame Anekdoten; die eigentliche Haupthandlung entwickelt sich eher langsam, was ich nur passend und realistisch finde. Doch die unaufgeregte Erzählweise führt nicht dazu, dass die Geschichte langweilig wird, dazu sind die Charaktere zu liebenswert und die einzelnen Entwicklungen dann doch zu interessant.

„Calpurnias faszinierende Forschungen“ gehört zu jenen Büchern, die mich begeistern und total glücklich zurücklassen, ohne dass ich wirklich sagen kann, woran das liegt. Die Autorin hat eine tolle Hauptfigur geschaffen und stellt ihr in diesem Buch mit ihrem jüngeren, tiervernarrten Bruder Travis noch eine reizende Begleitung an die Seite. Ich liebe es, gemeinsam mit Calpurnia Tiere zu retten, Würmer zu sezieren und für das Recht auf Bildung zu kämpfen. Ich kann nur hoffen, dass es noch einen dritten Band geben wird. 8 von 10 Sternen!

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Calpurnias faszinierende Forschungen – Jacqueline Kelly – Hardcover – 320 Seiten – 16,90 € – ISBN 978-3-446-24930-1  – erschienen: Juli 2015 (Hanser) – Übersetzung: Birgitt Kollmann – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Rezension] „Glück ist eine Gleichung mit 7“ von Holly Goldberg Sloan

Klappentext:

Willow ist ein Energiebündel, denkt immer positiv und interessiert sich für alles: Sie studiert das Verhalten von Fledermäusen, züchtet Zitrusfrüchte im Garten und begeistert sich für die Schönheit der Zahl 7. Ihr größter Wunsch ist es, gleichaltrige Freunde zu finden. Dafür lernt sie sogar Vietnamesisch. Doch dann verunglücken ihre Adoptiveltern bei einem Autounfall. Es ist wie ein Wunder, wie Willow mit ihrer Art zu denken – ihrer Hochbegabung – und ihrem ungebrochenen Charme ihre Welt zusammenhält. Dabei verändert sie das Leben aller, die sie trifft, und jeder Einzelne entdeckt, welche Kräfte in ihm stecken. (Quelle)

Meine Meinung:

Hach! Wenn jemand auf der Suche nach einem absoluten Wohlfühlbuch ist, muss er jetzt nicht weiter suchen. Mit „Glück ist eine Gleichung mit 7“ hat man es gefunden!

Willow ist wirklich eine besondere Protagonistin und das liegt nicht nur an ihrer Hochbegabung, die sie teilweise etwas schräg wirken lässt, sondern vor allem an ihrer absolut liebenswerten Art. Willow weiß, dass sie hochbegabt ist. Sie weiß auch, wie sie auf gleichaltrige Mitschüler wirkt. Etwas verschroben und sonderbar – niemand, mit dem man sich gerne anfreunden möchte, obwohl Willow immer freundlich und offen auf ihre Mitmenschen zu geht. Und doch ist sie nicht bereit, sich für andere zu verstellen. Ein bewundernswerter Charakterzug.

Obwohl Willow noch keine gleichaltrigen Freunde hat (an der Freundschaft mit Mai arbeitet sie gerade), ist Willow glücklich, denn sie hat ja ihren Garten und ihre Adoptiveltern, die sie bedingungslos lieben. Doch dann: Ein Autounfall, bei dem ihre Eltern beide ums Leben kommen. Willow hat niemanden mehr. Steht ganz alleine da. Ihre Welt bricht zusammen. Nun muss sich zeigen, was ihre Freundschaft mit Mai wirklich wert ist und wie stark Willow tatsächlich ist.

Als Leser erfährt man ziemlich früh zu Beginn des Buches, dass Willows Eltern bei einem Autounfall sterben. Und obwohl ich noch gar nicht so viel Zeit hatte, das junge Mädchen kennenzulernen, hat mich dieser Unfall, Willows Verlust und ihre Trauer total umgehauen. Ich war mit ihr paralysiert, wollte sie trösten und sie in den Arm nehmen. Denn Willow ist eine der tollsten Charaktere, die ich seit langem kennenlernen durfte.

Willows Welt muss sich aber auch nach dem Tod ihrer Eltern weiter drehen, obwohl dies zunächst undenkbar erscheint. Und im Laufe der Geschichte bekommt man mit, wie die 12jährige das Leben ihrer Mitmenschen auf den Kopf stellt, ohne dass das überhaupt ihre Absicht ist.

Ja, kritische Stimmen könnten sagen, dass die Geschichte ein wenig kitschig ist und dass sich am Ende alles ein kleines bisschen zu perfekt fügt. Aber ich finde, die Welt ist oftmals traurig und hart genug. Warum gönnen wir uns nicht ein wenig Glück und wohlige Wärme beim Lesen?

„Glück ist eine Gleichung mit 7“ ist eines jener besonderen Bücher, das seine Leser packt und sie nicht mehr loslässt, bis sie am Ende glücklich das Buch zuklappen und sich die letzten Tränen aus den Augen wischen. 10 Sterne!

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Glück ist eine Gleichung mit 7 – Holly Goldberg Sloan – Hardcover mit SU – 304 Seiten – 16,90 € – ISBN 978-3-446-24553-2 – erschienen: Juli 2015 (Hanser) – Übersetzung: Wieland Freund – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Kurzer Leseeindruck] „2084: Noras Welt“ von Jostein Gaarder

Gaarder_24319_U1.inddKlappentext:

Wie es im Jahr 2084 auf der Erde aussieht, wenn wir so weitermachen wie bisher – das erlebt die 16-jährige Nora in ihren Träumen. Sie träumt von ihrer Urenkelin Nova, die ihr in einem Brief ihre Welt schildert: Der Meeresspiegel ist gestiegen, Klimaflüchtlinge ziehen umher, im Norden grasen Kamele, zahlreiche Arten sind ausgestorben. Im wirklichen Leben weiß Nora Bescheid über Ökologie, Klimawandel und Artensterben. Gemeinsam mit ihrem Freund gründet sie eine Initiative, um die Erdatmosphäre zu schützen. (Quelle)

Mein Eindruck:

„Eine wichtige Grundlage einer jeglichen Ethik war bislang die goldene Regel oder das Prinzip der Gegenseitigkeit: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. […] Wir begreifen immer mehr, dass das Prinzip auch eine vertikale Dimension besitzt: Verhalte dich gegenüber der nächsten Generation so, wie du wünscht, die Generation vor dir hätte sich dir gegenüber verhalten.“ (S. 49)

Eigentlich mag ich die Erzählweise von Jostein Gaarder und so war ich trotz der Warnung einer lieben Bücherfreundin überzeugt, dass mir auch dieses Buch gefallen, auch wenn ich es vielleicht nicht überragend finden würde. Leider wurde ich enttäuscht. Von der Aussage her ist „2084: Noras Welt“ sicherlich ein kluges und vor allem wichtiges Buch. Die Erzählweise ist allerdings eher langweilig und ermüdend: Ja, ich habe es verstanden: Wir haben die Verantwortung für unsere Erde! Das als alleiniger Inhalt reicht aber nicht aus, um ein Buch sinvoll zu füllen. Und auch die für Gaarder typische Vernetzung verschiedener Zeiten und Erzählweisen – hier die Tatsache, dass Nora von sich als ihrer eigenen Urenkelin träumt – konnte mich nicht überzeugen.

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2084: Noras Welt – Jostein Gaarder – Hardcover – 192 Seiten – 14,90 € – ISBN: 978-3-446-24312-5  – erschienen: August 2013 (Hanser) – Altersempfehlung: 12-15 Jahre

[Rezension] „Geschenkt“ von Daniel Glattauer

GeschenktInhalt:

Gerold Plasseks Leben beginnt sich ab dem Zeitpunkt langsam zu verändern, als er seinen Sohn Manuel kennenlernt. Manuel ist zu dem Zeitpunkt schon 14 Jahre alt und weiß im Gegensatz zu Gerold gar nichts über ihre besondere Verbindung. Für ihn ist Gerold nur ein alter Freund seiner Mutter, der als Jornalist für eine Gratiszeitung arbeitet, zu viel Akohol trinkt, sich schlecht kleidet und bei dem er jeden Nachmittag im Büro sitzen muss, um seine Hausaufgaben zu machen, da seine Mutter für längere Zeit in Afrika lebt und seine Nachmittagsbetreuung nicht geregelt ist.
Gerold schreibt solide, kurze Sozialartikel und doch wird er damit im Laufe der Geschichte richtig berühmt werden. Denn nachdem er einen Artikel über ein Obdachlosenheim, dem die Schließung droht, geschrieben hat, geht dort eine anonyme Spende ein: 10.000 € in einem Briefumschlag – beigelegt ist der von Gerold geschriebene Artikel. Doch das ist erst der Anfang…

Meine Meinung:

Endlich! Endlich hat er es geschafft! Geschafft aus dem Schatten seines erfolgreichen Emailromans „Gut gegen Nordwind“ zu treten und ein neues, eigenständiges und vor allem ganz anderes Buch zu schreiben. Hätte ich den Autor während des Lesens nicht gekannt, hätte ich eher auf Jonathan Tropper, den ich von „Sieben verdammt lange Tage“ kenne, als auf Daniel Glattauer getippt.

Das liegt zum einen an dem herrlichen unperfekten und selbstironischen Ich-Erzähler Gerold, zum anderen an dessen schnodderigen Erzählweise, die mich oft zum Schunzeln und einige Male sogar zum lauten Lachen gebracht hat.

Wie oben schon angedeutet, soll die erste Spende nicht die letzte bleiben, sondern viel mehr den Auftakt zu einer Reihe anonymen Spenden sein. Dieser Teil der Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit (Wie schön, dass es sowas auch im wahren Leben gegeben hat!) und wurde als „Wunder von Braunschweig“ bekannt. Daniel Glattauer erfuhr während einer Lesereise von dieser Spendenserie, unterhielt sich mit mehreren Leuten und fand schließlich, dass dies doch perfekter Stoff für einen Roman sei:

„»Geheimnisse des Bösen« lauern ja quasi an jeder (dunklen) Ecke, das gesamte Genre der Kriminalliteratur lebt davon. Wer aber tut Gutes und hüllt sich darüber in Schweigen? Was gibt es für Gründe, sich hinter seinen Guttaten zu verbergen? Und, eine weitere interessante Frage: Wie geht es wohl jenen Journalisten, die mit ihren Artikeln über sozial Schwache das Herz des Wohltäters erweichen konnten und den Geldsegen regelmäßig auslösten?“ (Daniel Glattauer in einem Brief an seine Leser)

Viel mehr möchte ich zu diesem Roman auch gar nicht sagen, sondern nur jedem nahe legen, ihn selbst zu lesen, denn er ist spannend (Wer ist denn nun der anonyme Spender?), herzerwärmend und lustig zugleich! Eine tolle Mischung, die es selbst in einer sehr stressigen Zeit geschafft hat, mich von der Arbeit abzuhalten und an die Seiten zu fesseln! Chapeau, Herr Glattauer!

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Geschenkt – Daniel Glattauer – Hardcover – 336 Seiten – 19,90 € – ISBN 978-3-552-06257-3 – erschienen: August 2014 (Deuticke)

[Rezension] „Die Wahrheit, wie Delly sie sieht“ von Katherine Hannigan

Die Wahrheit wie Delly sie siehtKlappentext:

Die elfjährige Delly ist anders als andere Mädchen: neugierig, unerschrocken und erfinderisch – und sie liebt Überraschungen. Sie lässt Tiere frei, wenn sie ihr leidtun. Sie beleidigt andere, ohne es zu merken. Sie leiht sich Sachen aus, weil ein Abenteuer lockt. Und sie prügelt sich schon mal, falls ihr jemand widerspricht. Bis Ferris in die Klasse kommt. Ferris ist auch anders: Sie spricht nicht und will nicht berührt werden. Alle respektieren das, nur Delly will wissen, warum. Doch sie muss erst lernen, Ferris’ Schweigen in Vertrauen zu verwandeln, bis diese sich öffnet. Als es geschieht, ist es die größte Überraschung, die Delly je erlebt hat. Und der Beginn einer großen Freundschaft. (Quelle)

Meine Meinung:

Um diese Rezension drücke ich mich schon seit 2,5 Monaten, obwohl ich so gerne von diesem Buch berichten möchte. Warum ich mich drücke? Weil ich mir sicher bin, dass ich nicht die richtigen Worte finden werde, aber es nützt ja nichts: Ich probiere es jetzt trotzdem. 😀

Vorweg vielleicht, damit ihr einordnen könnt, welches Stellenwert dieses Buch für mich hat: Ich werde es in Zukunft in einem Atemzug mit vielen meiner liebsten Jugendbücher nennen wie beispielsweise „Wunder“, „abends um 10“ oder „Meine Schwester lebt auf dem Kaminsims“.

Dieses Buch lebt in erster Linie durch seine Namensgeberin und Hauptfigur Delly. Delly ist wirklich anders, liebenswert, aber manchmal auch so, dass ich sie gerne schütteln würde. Sie möchte eigentlich immer alles richtig machen, verliert dabei aber manchmal den Blick für andere oder eben für gesellschaftliche Konventionen. Diese Art bringt ihr immer wieder viel Ärger ein, so dass ihre Mutter eines Abends wegen Delly anfängt zu weinen. Das macht ihr so sehr zu schaffen, dass sie beschließt, besser so gut wie gar nichts mehr zu machen, bevor sie etwas Falsches macht. Also setzt sie sich in der Schule in den Pausen einfach auf den Schulhof und zählt und zählt und zählt. Und so fällt ihr letztendlich auch Ferris auf, die ein großes Geheimnis zu verbergen scheint.

„‚Ich mache mir Sorgen, weil Ferris immer so allein ist. Ich habe sie gefragt, ob sie mit jemandem befreundet ist, dem sie sich anvertrauen kann. Das hier war ihre Antwort.‘ Ms. McDougal schob einen kleinen Zettel über den Tisch.
Delly nahm ihn. In der Mitte stand ein dickes schwarzes NEIN. Aber es war durchgestrichen. In winzigen Buchstaben stand am unteren Seitenrand Delly.
Plötzlich fühlte Delly einen warmen Fleck in der Mitte ihrer Brust.“ (S. 109)

Die Freundschaft, die sich sehr langsam zwischen den beiden entwickelt und das ADellteuer (Delly ist Meisterin der Wortneuschöpfungen), das die beiden dann gemeinsam erleben, ist fröhlich und schön, aber stellenweise auch traurig und berührend. Und es stellt sich die Frage: Schafft Delly es dieses Mal, das Richtige zu tun?

„‚Ich habe eine Freundin‘, wisperte sie der Welt entgegen, und ihr Mund musste unwillkürlich lächeln.“ (S. 110)

Ich habe das Buch zu allererst von Sarah empfohlen bekommen, die einen sehr eindringlichen Leseeindruck dazu geschrieben hat. Ich kann ihr nur zustimmen: „Die Wahrheit, wie Delly sie sieht“ sollte man unbedingt lesen und sich auf all die Gefühle einlassen, die Katherine Hannigan im Leser hervorruft: von hysterischem Kichern, über tiefe Zuneigung zu Delly bis hin zu dem ein oder anderen Tränchen. Ganz klare Leseempfehlung und damit 10 von 10 Sternen.

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Die Wahrheit, wie Delly sie sieht – Katherine Hannigan – Hardcover – 280 Seiten – 14,90 € – ISBN 978-3-446-24513-6 – erschienen: Februar 2014 (Hanser) – Altersempfehlung: ab 11 Jahren

[Rezension] „Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer

Die WunderübungInhalt:

Joana und ihr Mann Valentin streiten nur noch. Von der einstigen Liebe ist kaum noch etwas zu spüren. Und so lernen wir die beiden bei einem Paartherapeuten kennen, der anfangs mit einer Engelsgeduld versucht, auf die beiden einzugehen. Doch Joanas bissige und Valentins unbeteiligte Art machen es auch dem Therapeuten nicht leicht…

Meine Meinung:

Die wunderbare und so treffsichere Erzählweise von Daniel Glattauer habe ich durch „Gut gegen Nordwind“ kennen und lieben gelernt. Auch in „Die Wunderübung“ geht es um einen Mann und eine Frau, aber im Gegensatz zu Emmi und Leo befinden sie sich nicht am Anfang ihrer Liebe, sondern eher am Ende.

Valentin und Joana sind wunderbar dargestellt und auch der Paartherapeut – von Valentin anfangs ehrfürchtig „Herr Magister“ genannt – sorgte dafür, dass ich die meiste Zeit mit einem Schmunzeln auf dem Lippen las. „Die Wunderübung“ ist ein sehr kurzes, schmales Büchlein und umfasst nur einen Handlungszeitraum von etwas mehr als einer Stunde. Bis auf einige wenige Kurzinformationen enthält es nur Dialoge, also genauso wie eine Komödie – so auch der Untertitel dieses Buches.

Ich weiß gar nicht genau, ob ich von diesem Buch nun begeistert bin oder nicht: Auf der einen Seite beschreibt Glattauer das Ehepaar auf eine unheimlich treffsichere und bildliche Art, die gleichzeitig lustig und traurig ist, aber immer gut unterhält. Auf der anderen Seite ist mir die Geschichte einfach zu kurz, ähnelt mehr schon einer Anekdote und war für mich an einigen wichtigen Stellen sehr vorhersehbar. Ich hatte beim Lesen Freude, werde aber wohl kaum einen weiteren Gedanken an das Gelesene verschwenden. Für Nebenher mehr als in Ordnung, aber keine tiefer gehende Begeisterung: gute sechs Sterne!

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Die Wunderübung – Daniel Glattauer – Hardcover mit SU – 112 Seiten – 12,90 € – ISBN 978-3-552-06239-9 – erschienen: Februar 2014 (Hanser)

[Rezension] „Das Weihnachtsgeheimnis“ von Jostein Gaarder

Das WeihnachtsgeheimnisInhalt:

Es ist Advent in Norwegen und Joachim und seine Eltern entdecken in einem alten Buchladen einen ganz besonderen Adventskalender – wie besonders er ist, soll Joachim aber erst nach und nach herausfinden. Denn hinter jedem Türchen warten nicht nur Bilder auf den Jungen, sondern auch ein kleine handgeschriebene Zettel, auf denen eine unglaubliche Geschichte erzählt wird: die Weihnachtsgeschichte, um es genau zu sagen, aber ganz anders, als Joachim sie bisher kannte.

Meine Meinung:

Jostein Gaarder ist den meisten Menschen vor allem durch „Sofies Welt“ ein Begriff: ein Buch, in dem es um die Geschichte der Philosophie geht. Der gleiche Autor schreibt hier nun ein Adventskalenderbuch (24 Kapitel für die ersten 24 Tage im Advent), in dem es selbstverständlich um Weihnachten geht. Wer hier kurz stockt, dem sei gesagt: Weihnachten, christlicher Glaube und Philosophie zusammen – das geht wunderbar!

„Doch es ist wichtig, sich über das bisschen zu freuen, was man hat. Egal, wie wenig, es ist immer noch unendlich viel mehr als nichts.“ (S. 73)

Die Art und Weise wie Jostein Gaarder hier eine Geschichte innerhalb einer Geschichte erzählt und wie sich die Geschichten immer mehr miteinander vermischen, ist wirklich besonders und hat auf mich eine gewisse Faszination ausgeübt.

Ich selber bin nicht besonders religiös, doch viele Sätze und Gedanken haben mich während des Lesens berührt.

„ […] Einige Priester sind so sehr darauf versessen, herauszufinden, was der einzig wahre Glaube ist, dass sie in der Eile das Allerwichtigste vergessen.“
Jetzt machte Elisabeth große Augen:
„Was ist denn das Allerwichtigste?“
„Dass Jesus auf die Welt gekommen ist, um die Menschen zu lehren, gut zueinander zu sein. Keine andere Lektion fällt den Menschen schwerer, und keine andere ist wichtiger […].“
(S. 189/190)

Und auch wenn ich das Buch nicht immer wie ein Adventskalenderbuch jeden Tag ein Kapitel) gelesen habe, war es mir doch ein schöner Begleiter in der (Vor-)Weihnachtszeit, allerdings hätte ich mir an manchen Stellen gewünscht, etwas schneller in der Geschichte voranschreiten zu können. Insgesamt vergebe ich gute 7 von 10 Sternen und kann „Das Weihnachtsgeheimnis“ als Buch für die Adventszeit nur empfehlen.

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Neue Ausgabe:
Das Weihnachtsgeheimnis – Jostein Gaarder – Hardcover – 288 Seiten – 14,99 € – ISBN-13: 978-3446243194 – erschienen: September 2013 (Hanser) – Altersempfehlung: ab 10 Jahren

[Rezension] „Pampa Blues“ von Rolf Lappert

Pampa BluesInhalt:

Ben ist sechzehn Jahre alt – fast siebzehn, würde er sagen – und lebt alleine mit seinem schon sehr senilen Großvater in einem kleinen Dorf namens Wingroden, dessen Anagramm sehr passend „Nirgendwo“ ist.

Bens Vater ist schon vor vielen Jahren in Afrika gestorben, seine Mutter tourt als Jazzsängerin durch Europa. Und außer seinem Großvater hat Ben in dem kleinen, verlassen Dorf nur ein paar mehr oder weniger alte Männer als Gesellschaft; unter anderem Maslow.

Maslow hat die (wie er selber findet) grandiose Idee, Touristen und Reporter nach Wingroden zu locken, indem er den Dorfbewohnern vorgaukelt, Ufos zu sehen. Ben glaubt nicht an diesen Plan, aber dann kommt alles anders…

Meine Meinung:

Pampa, Dorf, Nirgendwo: Wingroden!

Ben lebt wirklich in der Pampa und ist zu recht sehr von seinem Leben genervt, denn als Sechzehnjähriger sollte man besseres zu tun haben, als sich um seinen alten Großvater zu kümmern und abends mit ein paar fast eben so alten Männern Bier zu trinken.

Eigentlich träumt er davon, nach Afrika zu reisen, dem Kontinent, den sein Vater so liebte:

„Meine Mutter hat mir von einer ihrer Tourneen eine CD mit Naturgeräuschen mitgebracht, zum Beispiel das Plätschern eines Bachs, Vogelzwitschern und die Rufe von Affen. Meine Lieblingsstellen sind natürlich die mit dem Löwengebrüll, dem Elefantentrompeten und dem Hyänengebell. Wenn ich mir das anhöre, passiert etwas ganz eigenartiges mit mir. Ich spüre großes Glück und noch größere Sehnsucht. Gleichzeitig wird mein Herz schwer, wie ein Schwamm, der sich vollsaugt, bis kein Tropfen mehr hineinpasst.“ (S. 71)

„Pampa Blues“ ist ein Jugendroman, der sehr wortgewaltig ist und viele Themen anschneidet, ohne dass man sich als Leser wie überfahren vorkommt: Es geht um die Einsamkeit, um Familie, Freundschaft, Träume, Wünsche und die erste Liebe.

Ich habe das Buch wirklich gern gelesen. Grundsätzlich passiert nicht viel, aber die Langsamkeit der Geschichte, die zumindest in der ersten Hälfte des Buches vorherrscht, spiegelt sehr schön die Langsamkeit des Dorfes wieder. Beeindruckt hat mich der Autor vor allem mit seiner Fähigkeit, mit Worten wahre Schätze zu formen. Ich vergebe 8 von 10 Sternen.

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„Pampa Blues“ war 2013 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Pampa Blues – Rolf Lappert – Klappbroschur –  256 Seiten – 14,90 € – ISBN-13: 978-3446238954 – erschienen: Februar 2012 (Hanser)
Altersempfehlung: 14-17 Jahre