[Rezension] „Was so in mir steckt“ von Barry Jonsberg

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Wann habt ihr das letzte Mal beim Lesen so richtig herzhaft gelacht? Nicht nur ein Mal kurz, sondern über mehrere Seiten lang? Bei mir war es das letzte Mal auf den ersten Seiten von „Was so in mir steckt“.

Ich hatte das Buch schon beim Durchblättern der Verlagsvorschauen gesehen und erstmal unter „Ja, klingt interessant, aber gerade lese ich ja gar nicht mehr so viel Jugendliteratur“ abgespeichert. Dann bin ich im Buchladen nochmal über das Cover gestolpert und habe mir den Klappentext durchgelesen, den ich schon wirklich sehr sympathisch fand. Der ausschlaggebende Kaufgrund war dann das Zitat von einem meiner Lieblingsautoren, Michael Gerard Bauer: „Komisch, einzigartig, inspirierend. Höchste Zeit, dass wir einer Figur wie Rob Fitzgerald begegnen.“

Und natürlich hat Michael Gerard Bauer recht: Rob ist durch und durch liebenswert. Das liegt vor allem daran, dass er so herrlich selbstkritisch und selbstironisch und gleichzeitig bereit ist, hart an sich zu arbeiten.

Rob ist dreizehn und verliebt. In seinen Augen ist Destry Camberwick das tollste Mädchen auf der Schule. Er würde quasi alles tun, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Dass er unter Panikattacken leidet und Fremden gegenüber eigentlich kaum ein Wort herausbekommt, erschwert die Situation erheblich. Zum Glück hat Rob aber nicht nur seinen besten Freund, sondern vor allem auch noch seinen schrulligen Großvater an seiner Seite.

Barry Jonsberg ist einer der bekanntesten australischen Autoren. Er hat Psychologie und Englisch studiert und als Lehrer gearbeitet, bevor er Schriftsteller wurde. Die Nähe zu jungen Menschen und die psychologische Feinfühligkeit kann man deutlich in seinen Büchern erkennen. Schon mit „Das Blubbern von Glück“ konnte er mich total begeistern.

„Was so in mir steckt“ ist mindestens genauso toll: Lustig, traurig, herzerwärmend und überraschend. Sehr raffiniert aufgebaut und konzipiert. Ein tolles und kluges Buch! 10 von 10 Sternen!

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Was so in mir steckt – Barry Jonsberg – Hardcover mit Schutzumschlag – 352 Seiten – 18,00 € – ISBN: 978-3-570-16553-9 – erschienen: September 2019 (cbj) – Übersetzung: Ursula Höfker – Altersempfehlung: ab 13 Jahren

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[Rezension] „Schau mir in die Augen, Audrey“ von Sophie Kinsella

Klappentext:

Audrey ist Mitglied einer ziemlich durchgeknallten Familie: Ihr Bruder ist ein Computernerd, ihre Mutter eine hysterische Gesundheitsfanatikerin und ihr Vater ein charmanter, ein bisschen schluffiger Teddybär. Doch damit nicht genug – Audrey schleppt noch ein weiteres Päckchen mit sich herum: Nämlich ihre Sonnenbrille, hinter der sie sich wegen einer Angststörung versteckt. Bloß niemandem in die Augen schauen! Als sie eines Tages auf Anraten ihrer Therapeutin beginnt, einen Dokumentarfilm über ihre verrückte Familie zu drehen, gerät ihr immer häufiger der gar nicht so unansehnliche Freund ihres großen Bruders vor die Linse – Linus. Und langsam bahnt sich etwas an, was viel mehr ist, als der Beginn einer wunderbaren Freundschaft … (Quelle)

Meine Meinung:

Sophie Kinsella ist den meisten vermutlich durch ihre Schnäppchenjägerin-Romane ein Begriff. Mit „Schau mir in die Augen, Audrey“ hat sie ihr erstes Jugendbuch veröffentlicht.

Kinsella selbst ist Mutter von vier Söhnen und einer Tochter und genau das merkt man beim Lesen auch, finde ich. Das Familienleben von Audrey wird einfach absolut treffend und humorvoll geschildert und macht für mich den Charme dieser Geschichte aus. Besonders begeistert war ich von Audreys Mutter, die ihre Kinder über alles liebt und immer versucht, eine möglichst gute Mutter zu sein. Dass sie den Bogen dabei ab und an etwas überspannt, sieht man zum Beispiel in der Szene, in der sie – angeregt durch einen Ratgeber, wie man am besten mit seinen Kindern kommunizieren sollen – versucht mit Audreys älterem Bruder über seine Unordnung zu sprechen:

„Also, Frank, mir ist aufgefallen, dass du gestern in deinem Zimmer zwei nasse Handtücher auf dem Boden liegen gelassen hast“, beginnt sie betont sachlich. „Das hat ein Gefühl der Überraschung in mir ausgelöst. Was für ein Gefühl hat es bei dir ausgelöst?“
„Hä?“, macht Frank und starrt sie verwirrt an.
„Ich glaube, dass wir für dein Handtuch-Problem gemeinsam eine Lösung finden können“, fährt Mum fort. „Ich glaube, das wäre eine Herausforderung, die uns beiden total Spaß machen könnte.“ (S. 186)

Für mich waren die Entwicklung von Audrey und die vorsichtige Liebesbeziehung zwischen ihr und Linus eher zweitrangig, obwohl ich es positiv finde, dass ein so wichtiges Thema wie die Angststörung, an der Audrey leidet, in den Vordergrund gerückt wird. Die kleinen und großen Erfolge, die Audrey im Laufe der Geschichte, für sich verbuchen kann, sind zwar in meinen Augen etwas unrealistisch und die Entwicklung an sich zu positiv, aber dafür ist der Jugendroman einfach flockig leicht und sehr angenehm lesbar. Außerdem kann ich mir gut vorstellen, dass vor allem jugendliche Leserinnen ebenso wie Audrey ganz verliebt in Linus sind. Ich wäre es vor 15 Jahren bestimmt gewesen.

„Schau mir in die Augen, Audrey“ ist ein Buch, das bei mir einfach dadurch gepunktet hat, dass es mich wunderbar unterhalten hat. Es mag zwar aus psychologischer Sicht stellenweise etwas unrealistisch sein, aber die Schilderung von Audrey und ihrer herrlich durchgeknallten (und dabei ganz normalen) Familie hat mich Seite für Seite lesen und immer mal wieder leise kichern lassen. Und dafür gibt es von mir 8 von 10 Sternen!

stern 8

Schau mir in Augen, Audrey – Sophie Kinsella – Klappbroschur – 384 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-570-17148-6 – erschienen: Julie 2015 (cbj) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Kurzer Leseeindruck] „Chicken Dance“ von Jacques Couvillon

Chicken DanceKlappentext:

Don Schmied wächst in den 1970er Jahren auf einer Hühnerfarm in Horse Island, Lousina auf. Beliebt ist er nicht gerade, weder zu Hause noch in der Schule. In Ermangelung von Alternativen freundet sich Don mit den Hühnern an, und so kommt es, dass er eines Tages beim Hühner-Wissens-Wettbewerb den ersten Preis gewinnt und als jüngster Gewinner aller Zeiten in die Geschichte des Festivals eingeht.

Plötzlich ist Don der berühmteste und beliebteste Junge im Ort. Und er stößt auf ein Familiengeheimnis …

Mein Eindruck:

„Die Hühner sprachen natürlich nicht wirklich mit mir. Ich stellte mir bloß vor, dass sie genau das sagten. Es machte sowieso viel mehr Spaß, mir bloß auszudenken, was sie sagten, denn so sagten sie nie etwas, was mir nicht gefiel, und wurden meine besten Freunde.“ (S. 11)

„Chicken Dance“ ist ein ruhiges, humorvolles und gleichzeitig trauriges Buch. Diese Mischung gelingt dem Autor deshalb so gut, weil er seine Hauptperson, den 10-jährigen Don selber erzählen lässt. Er ist zwar sehr klug, gut in der Schule und weiß alles über Hühner, aber in allen alltäglichen Dingen ist er erschreckend naiv, was bei mir eben manchmal zu einem Schmunzeln, manchmal zu viel Mitleid mit dem kleinen Jungen geführt hat.

Der Buchmarkt hat die tolle Alliteration „Warmherzig, wundersam und wunderbar!“ zur Beschreibung dieses Buches gefunden, der ich mich nur anschließen kann. Ich vergebe gute 7 von 10 Sternen!

imageDas Buch wird als Jugendbuch geführt, ich wüsste aber nicht, warum es nicht auch ein Roman sein sollte.

Chicken Dance – Jacques Couvillon – Taschenbuch – 334 Seiten – 8,95 € – ISBN: 978-3-8333-5092-4 – erschienen: 2011 (bloomsbury) – Altersempfehlung: 14-16 Jahre

[Rezension] „Manneskraft per Postversand“ von Karin B. Holmqvist

Manneskraft per PostversandKlappentext:

Die liebenswerten Schwestern Tilda und Elida Svensson führen seit Jahren ein ruhiges Leben im Haus ihrer verstorbenen Eltern. Doch dann zieht der attraktive Alvar ins Nachbarhaus, und das Leben der beiden Damen ändert sich über Nacht. Sie leisten sich den Luxus neuer Sommerkleider und lernen bei Alvar den Komfort eines Badezimmers kennen. Für die Modernisierung des eigenen Hauses fehlt leider das Geld. Als Tilda und Elida eines Tages beobachten, wie der Nachbarkater nach dem Genuss von Blumenerde aus Alvars Petunientopf ungeahnte Potenz entwickelt, kommt ihnen eine glänzende, wenn auch gewagte Geschäftsidee … (Quelle)

Meine Meinung:

„Manneskraft per Postversand“ habe ich durch Birthe kennengelernt, die das Buch ganz begeistert auf ihrem Blog vorgestellt hat. Den Titel fand ich mehr als doof, aber Birthe konnte mich überzeugen, dass es sich trotzdem lohnt, das Buch zu lesen. Und sie hatte Recht.

Karin B. Holmqvist hat ein ruhiges und warmherziges Buch über die beiden Svensson-Schwestern geschrieben, die mit ihren zweiundsiebzig und neunundsiebzig Jahren ziemlich in ihrem Alltagstrott gefangen sind. Das ändert sich aber schnell, als im Nachbarhaus der etwa sechzigjährige Alvar einzieht.

„Genau genommen benahmen sich die beiden wie verrückte Hühner, seit Alvar eingezogen war. Plötzlich legten sie Wert auf ihr Aussehen beziehungsweise auf das wenige, was davon übrig war.“ (S. 44)

Und als sie dann noch erkennen, dass der Blumendünger von Alvar eine potenzsteigernde Wirkung auf alle Tiere hat, die davon fressen, haben sie eine ganz besondere Geschäftsidee…

„Manneskraft per Postversand“ überzeugt den Leser nicht unbedingt durch spannende Handlung oder eine ganz neuartige Geschichte. Aber es ist einfach sehr schön und rührend geschrieben und die beiden Schwestern sind mir sehr schnell ans Herz gewachsen. Ein reizendes, kleines Büchlein: 8 von 10 Sternen.

stern 8

Manneskraft per Postversand – Karin B. Holmqvist – Taschenbuch – 224 Seiten – 8,99 € – ISBN: 978-3-492-24358-2 – erschienen: Juli 2005 (Piper)

[Rezension] „Ich und die Menschen“ von Matt Haig

Ich und die MenschenKlappentext:

In einer regnerischen Freitagnacht wird Andrew Martin, Professor für Mathematik in Cambridge, aufgegriffen, als er nackt eine Autobahn entlangwandert. Professor Martin ist nicht mehr er selbst. Ein Wesen mit überlegener Intelligenz und von einem weit entfernten Stern hat von ihm Besitz ergriffen. Dieser neue Andrew ist nicht begeistert von seiner neuen Existenz. Er hat eine denkbar negative Meinung von den Menschen. Jeder weiß schließlich, dass sie zu Egoismus, übermäßigem Ehrgeiz und Gewalttätigkeit neigen. Doch andererseits: Kann eine Lebensform, die Dinge wie Weißwein und Erdnussbutter erfunden hat, wirklich grundschlecht und böse sein? Und was sind das für seltsame Gefühle, die ihn überkommen, wenn er Debussy hört oder Isobel, der Frau des Professors, in die Augen blickt? (Quelle)

Meine Meinung:

Das Cover zu diesem Buch hatte ich schon vor einiger Zeit entdeckt, aber aus irgendeinem Grund hätte ich nicht gedacht, dass es ein Buch für mich ist. Dann las ich eine Rezension, die dieses Buch als humorvoll und witzig beschrieb, und was soll ich sagen: Kurze Zeit später stand ich an der Kasse der Buchhandlung mit diesem Buch in der Hand.

Die Idee, die Menschheit an sich und die großen und kleinen Gefühle und Gedanken eines Jeden durch die Augen eines Außerirdischen zu sehen, ist grandios und in diesem Buch wirklich gut umgesetzt. Durch den außerirdischen Ich-Erzähler hat der Autor die Möglichkeit, auf Dinge hinzuweisen, die einem als Menschen einfach nicht bewusst sind und die beim Lesen umso merkwürdiger wirken.

„Zeitschriften sind sehr beliebt, obwohl sich kein Mensch nach dem Lesen besser fühlt. Im Gegenteil, ihr Hauptzweck ist, den Lesern Gefühle von Minderwertigkeit einzuflößen, die sie dazu bewegen, etwas zu kaufen. Haben sie das getan, fühlen sie sich trotzdem nicht weniger minderwertig und kaufen sich noch eine Zeitschrift, um zu erfahren, was sie als nächstes kaufen sollen.“ (S. 28)

Doch ist die Geschichte natürlich nicht nur lustig, sondern stellenweise auch schön, fast sogar tiefsinnig. Besonders interessant wird die Geschichte, als klar wird, dass der Außerirdische (namenslos übrigens, da das Individuum zu unwichtig ist) den Auftrag hat „seine“ Frau Isobel sowie „seinen“ Sohn umzubringen. Was tut man, wenn man aber nach und nach merkwürdige Empfindungen an sich entdeckt? Etwas, das die Menschen „Gefühle“ nennen?

„Ich und die Menschen“ ist eine nette, kurzweilige und vor allem amüsante Lektüre für zwischendurch, die uns Menschen einen Blick auf uns selbst ermöglicht, den wir so vermutlich noch nicht hatten. Unterhaltsame 8 von 10 Sternen.

stern 8

Ich und die Menschen – Matt Haig – Klappbroschur – 352 Seiten – 14,90 € – ISBN 978-3-423-26014-5 – erschienen: April 2014 (dtv)

[Rezension] „Little Miss Undercover“ von Lisa Lutz

Little Miss UndercoverKlappentext:

Eine Sippe wie die Spellmans hat die Welt noch nicht gesehen. In diesem liebenswerten wie abgebrühten Detektivclan lernt man schon früh das präzise Rund-um-die-Uhr-Beschatten und hinterlistige Erpressen der eigenen Familie. Auch Isabel Spellman kann ein Lied davon singen. Als aber ihre kleine Schwester Rae sie und ihren aktuellen Lover beschatten soll, fasst sie den folgenreichen Beschluss, aus dem Business auszusteigen. (Quelle)

Meine Meinung:

Die Idee zu diesem Buch ist wirklich gut, die Charaktere sind toll und humorvoll gezeichnet und wissen lange zu unterhalten. Lange, aber auch nicht das komplette Buch über, denn das wird irgendwann etwas langweilig.

Zunächst musste ich mich an den Erzählstil der Autorin bzw. der Ich-Erzählerin Isabel gewöhnen. Es ist die meiste Zeit über nicht klar, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt und auf welches Ziel sie zusteuert, da die Handlung in Form von mal etwas kürzeren, dann wieder längeren Notizen erzählt wird.
Die kleinen Anekdoten aus dem Familienleben, das gegenseitige Verfolgen, Rumschnüffeln und Kramen in Geheimnissen haben ihren Reiz, können aber nicht ein ganzes Buch füllen. Dafür hätte es eine Story geben müssen, die mehr im Fokus steht. Kurz vor Schluss war mir dann endlich klar, worauf alles hinauslaufen würde. Allerdings wusste ich dann gleich auch zu viel und habe einen Teil des Schlusses schon erahnt.

„Nett, mehr aber auch nicht“ ist mein endgültiges Fazit. Die Idee des Familien-Detektiv-Clans ist gut und kann auch eine ganze Weile unterhalten, aber plötzlich wirkt genau das, was man eben noch lustig fand, mit einem Mal unglaubwürdig, übertrieben und ermüdend. Ich vergebe gute 5 von 10 Sternen!

stern 5

Obwohl dieses Buch in sich abgeschlossen ist, gibt es noch weitere Bände der Spellman-Familie.

Little Miss Undercover – Lisa Lutz – Taschenbuch – 378 Seiten – Preis für das E-Book (scheinbar nur noch in der Ausgabe erhältlich): 4,99 € – ISBN-13: 978-3746624860 – erschienen: August 2009 (Aufbau Verlag)

[Rezension] „Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey! – Aus dem Leben einer Familienpsychologin“ von Sophie Seeberg

Die Schakkeline ist voll hochbegabtKlappentext:

Sophie Seeberg kriegt es hautnah mit, das Leben, denn die Psychologin begutachtet Familien fürs Gericht. Sie erlebt dabei schockierende und traurige, aber auch komische und skurrile Geschichten. Wenn zum Beispiel der Vater nicht zum Termin erscheint, weil er betrunken auf der Straße eingeschlafen ist – neben dem Bollerwagen voller Diebesgut. Oder wenn die Mutter ihren erwachsenen Sohn behandelt, als wäre er ein Kleinkind. Seeberg zeigt uns den ganz normalen Familienwahnsinn und behält dabei immer einen unnachahmlichen Sinn für Humor. (Quelle)

Meine Meinung:

Der Titel des Buches ist definitiv ein Hingucker, etwas reißerisch allerdings auch. Und vor allem wird der Titel dem Buch nicht gerecht. Denn es ist nicht nur reißerisch, sein Humor gründet nicht nur darauf, etwas schlichtere Menschen auf die Schippe zu nehmen.

Doch erstmal der Reihe nach: Ich bin auf das Buch aufmerksam geworden, weil eine liebe Freundin von mir es gelesen und danach eine wirklich tolle Rezension dazu geschrieben hat. Diese hat mich dann dazu gebracht, die Leseprobe des Buches zu lesen – etwas, was ich wirklich eher selten tue.

Die Leseprobe beginnt mit dem Vorwort der Autorin, aus dem man sofort erkennen kann, dass Frau Seeberg eine Familienpsychologin ist, die ihren Job gerne macht und stets das Beste für die Kinder möchte. Man versteht auch, dass Humor an manchen Stellen die einzige Möglichkeit ist, nicht an der Realität zu verzweifeln.

Das Spannende an den einzelnen kleinen Anekdoten ist, dass sie den Leser ein wahres Auf und Ab der Gefühle durchleben lassen. Habe ich auf der einen Seite noch geschmunzelt, musste ich drei Zeilen weiter laut lachen, hatte auf der nächsten Seite Tränen der Rührung in den Augen, um am Ende eines Kapitels erleichtert aufzuatmen. Ja, nicht alle Geschichten sind lustig, viele sind traurig oder machen wütend. Manchmal möchte man die beschriebenen Eltern schütteln, manchmal auch nur fest in den Arm nehmen.

Und damit ist Frau Seeberg etwas wirklich Erstaunliches gelungen: Sie hat es geschafft, dem Leser ihre Arbeit auf unterhaltsame, aber auch bewegende Weise nahe zu bringen – und zwar jede einzelne Facette! Ich habe die einzelnen Geschichten wirklich gerne gelesen, denn sie haben in meinen Augen das, was eine gute Familienpsychologien auch haben sollte: Herz und einen liebevollen Blick auf die Kinder! 8 von 10 Sternen!

stern 8

Die Schakkeline ist voll hochbegabt, ey! – Sophie Seeberg – Taschenbuch – 256 Seiten – 8,99 € – ISBN: 978-3-426-78603-1 – erschienen: Dezember 2013 (Knaur)

[Rezension] „Schab nix gemacht – Geschichten aus der Hauptschule“ von Kai Lange

Schab nix gemachtKlappentext:

Obwohl die Schüler sein Nervenkostüm oft sehr strapazieren, gibt es für Kai Lange keinen schöneren Beruf, als Lehrer zu sein. Zwar gilt es, nicht zu verzweifeln, wenn man jede Pause erneut herausfinden soll, wer denn nun zuerst »Hurensohn« gesagt hat. Oder wenn Schüler Akin nach vier Jahren Englischunterricht immer noch glaubt, „I would“ heiße auf Deutsch „Ich bin wötend“. Aber Kai Lange nimmt seinen Job mit Humor. Seit Jahren notiert er sich die ebenso aberwitzigen wie lustigen Geschichten, die er tagtäglich erlebt. So schafft er es nicht nur, im Chaos des Alltags einen kühlen Kopf zu bewahren, sondern auch, seinen Schülern tatsächlich etwas beizubringen. (Quelle)

Meine Meinung:

Geschichten aus der Schule sind immer interessant und unterhaltend. Das ist spätestens seit dem erfolgreichen Blog von Frl. Krise und dem darauf folgenden gemeinsamen Buch mit Frau Freitag bekannt. Wenn man selber Lehrerin ist und vor allem mit ähnlichen Schülern arbeitet, wie Kai Lange es tut, dann kommt beim Lesen zur Unterhaltung und dem Amüsement noch eine gehörige Portion „Jaa, so ist es bei mir auch…“, garniert mit ein bisschen „Oh Gott, hoffentlich passiert mir das nie!“ dazu.

Bei solchen kleinen Anekdoten, Kurzgeschichten und Zitaten von Hauptschülern ist es mir immer wichtig, dass ich trotz der Tatsache, dass so mancher Fehler und so manche nicht allzu kluge Antwort auf die Schippe genommen wird, das Gefühl habe: Derjenige, der schreibt, mag seine Schüler, hat ein Verständnis für sie und ihre Lebenswelten und sieht vor allem nicht nur das Negative, sondern auch das Liebenswerte in so ziemlich jedem einzelnen.

Dieser Spagat – wobei: Ist es überhaupt ein Spagat – gelingt Kai Lange gut. An vielen Stellen musste ich schmunzeln, an einigen sogar laut lachen, so abstrus und witzig sind manche der Begebenheiten und Antworten der Schüler. Andere Geschichten haben bei mir wirklich eine Gänsehaut hervorgerufen, weil Kai Lange die Schicksale und Lebensumstände einzelner Schüler hervorragend beschreibt.

„Simon“, sag ich bei der Rückgabe der Klassenarbeit verzweifelt, „wie soll ich dir denn jemals richtig Englisch beibringen?“
Er nickt so verständnisvoll, als wenn er mich trösten wollte, und kommt zu der einzig richtigen Antwort: „Ich weiß es auch nicht.“ (S. 76)

Ja, Kai Lange hat nicht nur Witziges und Berührendes zu erzählen, er tut dies auch auf eine sehr gekonnte Weise, kann Situationen und Menschen so beschreiben, dass man als Leser das Gefühl hat, dabei gewesen zu sein und Amara, Akin und Basima wirklich zu kennen. Kurzweilig, absolut unterhaltsam und mitten aus dem Leben! 9 von 10 Sternen!

stern 9

Schab nix gemacht – Geschichten aus der Hauptschule – Kai Lange – Taschenbuch – 256 Seiten – 8,99 € – ISBN: 978-3-426-78621-5 – erschienen: August 2013 (Knaur)

[Rezension] „Lockwood & Co: Die seufzende Wendeltreppe“ von Jonathan Stroud

Lockwood & CoReiheninfo:

Lockwood & Co:

  1. „Die seufzende Wendeltreppe“

Klappentext:

LONDON, ENGLAND: In den Straßen geht des Nachts das Grauen um. Unerklärliche Todesfälle ereignen sich, Menschen verschwinden und um die Ecken wabern Schatten, die sich nur zu oft in tödliche von Geisterwesen ausgesandte Plasmanebel verwandeln. Denn seit Jahrzehnten wird Großbritannien von einer wahren Epidemie an Geistererscheinungen heimgesucht. Überall im Land haben sich Agenturen gebildet, die in den heimgesuchten Häusern Austreibungen vornehmen. Hochgefährliche Unternehmungen bei denen sie, obwohl mit Bannkreisketten, Degen und Leuchtbomben ausgerüstet, nicht selten ihr Leben riskieren.

So auch die drei Agenten von LOCKWOOD & CO. Dem jungen Team um den charismatischen Anthony Lockwood ist allerdings bei einem Einsatz ein fatales Missgeschick passiert. Um die Klage abwenden und den Schadenersatz dafür aufbringen zu können, müssen die drei Agenten von LOCKWOOD & CO. einen hochgefährlichen und zutiefst dubiosen Auftrag annehmen. Dieser führt sie in eines der verrufensten Herrenhäuser des Landes und stellt sie auf eine Probe, bei der es um nichts weniger als Leben oder Tod geht … (Quelle)

Meine Meinung:

Sind Geistergeschichten nicht etwas für kleine Kinder? Nach der Lektüre von „Lockwood & Co“ kann ich ganz klar sagen: Nein, nicht unbedingt! Auch junge Erwachsene können sich von diesem Buch herrlich unterhalten lassen.

Jonathan Stroud, der durch seine Bartimäus-Reihe bekannt wurde, ist mir schon seit Jahren ein Begriff, aber bisher habe ich – warum auch immer – noch nichts von ihm gelesen. Und ich habe ganz klar was verpasst, denn der Mann schreibt wirklich gut.

Es gibt Bücher, die mag man, weil sie eine besonders spannende Geschichte erzählen, weil sie den Leser so berühren oder weil die Charaktere so besonders sind. Bei „Lockwood & Co“ ist das etwas anders:

Die Story von Lockwood, Lucy und George ist gut zu lesen, eine sehr gelungene Abwechslung zu anderen Büchern in der aktuellen Jugendliteratur. Die drei Charaktere aus dem Buch sind Stroud gut gelungen: Lucy, als toughe, aber eben doch auch unsichere Erzählerin; Lockwood, der Draufgänger, aber auch verantwortungsvolle Leiter der Agentur; und der immer etwas grummelige, lieber genauestens recherchierende und erst dann handelnde George bieten dem Leser sehr viel Potenzial für nette Zwischenfälle, Wortwechsel und komische Situationen.

Und doch habe ich habe Buch vor allem deswegen so unheimlich gerne gelesen, weil es sich enorm gut lesen ließ. Ich habe angefangen zu lesen und war schwuppdiwupp schon auf Seite 100. Gerade in Zeiten, in denen ich gestresst bin und in komplexe Geschichten und Bücher an sich schwer hinein finde, sind solche Bücher Gold wert.

„Lockwood & Co: Die seufzende Wendeltreppe“ punktet mit einer neuartigen Story, netten Charakteren, einer gelungenen Prise Humor und vor allem mit einem tollen Schreibstil und weht wie ein frischer Wind durch die aktuelle Kinder- und Jugendliteratur. 8 von 10 Sternen.

stern 8

Lockwood & Co: Die seufzende Wendeltreppe – Jonathan Stroud – Hardcover mit SU – 432 Seiten – 18,99 € – ISBN: 978-3-570-15617-9 – erschienen: September 2013
Altersempfehlung: ab 12 Jahren

„Sieben verdammt lange Tage“ von Jonathan Tropper

Sieben verdammt lange TageInhalt:

Familientreffen können anstrengend sein, das weiß jeder. Das ist auch bei Judd und seiner Familie nicht anders – im Gegenteil. Umso entsetzter sind Judd und seine drei Geschwister, als sie von ihrer Mutter den letzten Wunsch ihres Vaters erfahren: Die Familie soll nach seinem Tod für ihn sieben Tage Schiwa sitzen. Und eines ist allen gleich klar: Das werden sieben verdammt lange Tage!

Meine Meinung:

Seit ich von der Idee dieses Buches gehört habe, wollte ich es unbedingt lesen, denn welche Situation bietet mehr Potenzial für grandiose Szenen mitten aus dem Leben als eine eigentlich trauernde Familie, die sieben Tage lang mehr oder weniger rund um die Uhr in einem Raum sitzt und Trauergäste empfangen muss.

Natürlich bringt auch jedes Familienmitglied nicht nur die alten Konflikte von früher, sondern auch jeder sein eigenes, aktuelles Problem mit ins Elternhaus: Judd hat erst vor kurzem seine Ehefrau in flagranti beim Sex mit seinem Chef erwischt, Wendy ist genervt von ihren Kindern und ihrem ewig telefonierenden, ach so wichtigem (Geschäfts-)Mann. Die Frau von Judds Bruder Paul wünscht sich hingegen seit langem Kinder, bisher ohne Erfolg. Und zu guter letzt taucht dann auch noch der jüngste Sprössling der Familie, Phillip, mit seiner neuen, um einiges älteren Freundin und ehemaligen Lebensberaterin auf.

„Wir sitzen nun seit genau einer halben Stunde Schiwa. Zum Glück klingelt es in dem Moment an der Tür, denn wer weiß, in welche Abgründe passiv-aggressiver Attacken wir uns sonst hinabbegäben. Während sich der Raum mit ernst dreinblickenden Nachbarn zu füllen beginnt, die alle gekommen sind, um uns ihr Beileid auszusprechen, wird langsam klar, dass in einem Schiwa-Haus vor allem deswegen so viele Besucher erwünscht sind, damit die Trauernden möglichst wenig Gelegenheit haben, sich gegenseitig in Stücke zu reißen.“ (S. 88)

Herrlich! Dieses Buch ist einfach nur herrlich! Ich habe es in einem kleinen türkischen Restaurant angefangen und könnte es durchaus verstehen, wenn mich die Kellner dort etwas merkwürdig fänden. Schon auf den ersten Seiten musste ich mehr als ein Mal losprusten. Ich liebe die Schreibe von Tropper! „Schnoddrig und unverblümt wie das Leben selbst“ habe ich mir als Stichpunkt notiert und das finde ich immer noch sehr passend. Ob es nun dabei um die detaillierte Beschreibung davon geht, wie Judd seine Frau beim Sex mit seinem Chef erwischt, oder z.B. um die (natürlich vergeblichen) Versuche der sich plötzlich so einigen Geschwister, die Schiwa auf drei Tage runter zu handeln.

„Sieben verdammt lange Tage“ hat mir genau das geboten, was ich erwartet habe: eine hochexplosive Mischung an Emotionen (die ich als unbeteiligte Leserin mit einer gewissen Schadenfreude ganz besonders genießen konnte), eine grandiose Erzählweise und ein extrem trockener Humor. Ich vergebe sehr gerne 9 von 10 Sternen!

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Sieben verdammt lange Tage – Jonathan Tropper – Taschenbuch – 448 Seiten – 9,99 € – ISBN-13: 978-3426637432 – erschienen: Januar 2012 (Knaur)