[Rezension] „Wie ein Fisch im Baum“ von Lynda Mullaly Hunt

Wie ein Fisch im Baum von Lynda Mullaly Hunt

„Wörter. Ich entkomme ihnen nie.“ (S. 32)

Ally hasst die Schule. Jeden Tag aufs Neue muss sie dorthin. Jeden Tag aufs Neue gibt sie ihr Bestes. Jeden Tag aufs Neue scheitert sie. Sie kann nicht lesen und schreiben. Die Buchstaben tanzen vor ihren Augen. Sie bekommt sie nicht gegriffen. Doch das ist ein Geheimnis. Niemand darf das erfahren. Und deswegen versucht Ally so gut es geht unsichtbar zu sein. Denn niemand darf mitbekommen, wie dumm sie eigentlich ist.

„Ich werde mich bessern. Ich werde mich noch mehr anstrengen. Das ist alles, was ich tun muss. Ich werde mich diesmal wirklich konzentrieren. Dabei weiß ich, dass ich das schon so oft probiert habe und dass es nicht klappt.“ (S. 46/47)

Allys Geschichte zu lesen, ihren Worten zu lauschen, tut weh. Es zerreißt einem fast das Herz. So ein warmherzigen und vor allem kluges Mädchen, das sich so schrecklich dumm und wertlos fühlt. Ihre Unfähigkeit zu lesen und zu schreiben hat Auswirkungen auf ihr ganzes Leben, auf ihr Selbstbild, auf ihre Identität.

„Ich möchte einfach … ich will nur ein einziges Mal dazupassen. Das wünsche ich mir wirklich. Einfach so zu sein wie alle anderen.“ (S. 159)

Doch Ally hat großes Glück: Sie bekommt einen neuen Lehrer, der sie endlich so sieht, wie sie wirklich ist: Klug und liebenswert – mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Doch kann er es schaffen, dass Ally sich selbst und ihren eigenen Fähigkeiten vertraut? Dass sie erkennt, dass gerade ihre Einzigartigkeit sie so besonders macht?

„Wie ein Fisch im Baum“ – so lautet der Titel, der auf einem kleinen Gleichnis beruht, bei dem mehrere Tiere, unter anderen auch ein Fisch, die Aufgabe bekommen, auf einen Baum zu gelangen. Alle haben die gleiche Aufgabe, also ist es doch fair, oder?

„Jeder ist auf seine Art klug. Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein Leben lang glauben, dass er dumm ist.“ (S. 180)

Ich bin selbst Lehrerin und finde, dass die Autorin Ally und alles, was sie ausmacht (ihre Stärken, Schwächen, Ängste und auch ihre Entwicklung), sehr überzeugend und sensibel dargestellt hat.

Ich liebe diese Geschichte und hoffe, dass sie ganz viele große und kleine Leser findet, die so lernen, einen Blick über den Tellerrand zu wagen und Menschen nicht an dem zu bewerten, was sie als normal ansehen. Denn wenn man von Ally eines lernen kann, ist es das hier: Eine einzige Fähigkeit oder Unfähigkeit, etwas zu tun, sagt nichts über den Rest eines Menschen aus. Nichts darüber, ob er klug oder dumm ist. Nichts darüber, wie sehr er sich bemüht und anstrengt. Und vor allem nichts darüber, ob er ein gutes Herz hat.

stern 10

Wie ein Fisch im Baum – Lynda Mullaly Hunt – Hardcover mit SU – 12,99 € – 304 Seiten – ISBN: 978-3-570-16420-4  – erschienen: Oktober 2016 (cbt) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren – Übersetzung: Renate Weitbrecht

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[Rezension] „Am Ende des Alphabets“ von Fleur Beale

Klappentext:

Ruby ist die gute Seele der Familie. Sie putzt, kocht und kümmert sich um ihre kleinen Geschwister, während ihr schlauer Bruder Max immer nur dann auftaucht, wenn es Essen gibt, und sonst keinen Finger rührt. „Fußabtreter spielen“ nennt das Rubys beste Freundin. Und sie stellt sie vor ein Ultimatum – entweder Ruby beweist endlich Rückgrat oder die Freundschaft ist vorbei. In Ruby beginnt es zu rumoren. So kann es nicht weitergehen. Als sie auch noch ihr eigenes Zimmer aufgeben soll, ist klar – Ruby streikt!

Meine Meinung:

„Und was, wenn ich … streikte?
Ich schnappte nach Luft. Konnte ich das? Damit würde ich Mum das Leben ganz schön schwer machen. Lange saß ich da und dachte darüber nach.
Dann fuhr ich nach Hause. Ich hatte einen Plan. Hoffentlich hatte ich auch den Mumm – das Rückgrat – ihn in die Tat umzusetzen! Wenn nicht, würde ich mir wohl noch jahrelang das kleine Zimmer mit den Jungs teilen müssen.“ (S. 24)

Dieses Buch hat mir eine Freundin, die Buchhändlerin ist, eindringlich empfohlen. „Das ist ein absolutes Tine-Buch“, meinte sie und hatte damit total recht.

Die Hauptperson Ruby ist ganz nach meinem Geschmack: Mit ihren 14 Jahren muss sie schon ziemlich viel Verantwortung übernehmen, wohingegen ihr fast gleichaltriger Bruder keinen Handschlag im Haushalt hilft. Er ist ja auch schließlich der schlaue Sohn, der bestimmt mal Karriere machen wird. Ruby mit ihrer Lese-Rechtschreibschwäche wird vermutlich Putzfrau werden – so denkt zumindest Rubys Mutter.

Zum Glück hat Ruby ihre beste Freundin Tia, die sie dazu drängt, mehr für sich selbst einzustehen. So dass Ruby nach reiflicher Überlegung anfängt zu streiken und das einzufordern, was ihr zusteht. Diesen Prozess, die Veränderung von Ruby und wie sich die anderen Familienmitglieder gezwungenermaßen an die neue Ruby anpassen müssen, hat die Autorin wunderbar beschrieben. Mir hat besonders gut gefallen, dass Ruby nicht von einem auf den anderen Tag selbstbewusst, erfolgreich und bei allen beliebt ist, sondern immer wieder kleine Kämpfe ausstehen muss: sei es mit ihrem Chef, der ihr im Nebenjob weniger Geld zahlen möchte, nur weil sie nicht lesen kann, oder sei es mit sich selbst und ihrem eigenen Selbstbild.

Im Laufe der Geschichte lernt Ruby Maria kennen, eine junge Mutter, die Ruby vermittelt, dass sie nicht weniger wert oder dümmer als ihre Mitschüler ist, nur weil sie Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat:

„Und jetzt gehst du vor die Tür, kommst wieder rein und sagst: Maria, es gibt da etwas, das Sie wissen sollten. Und dann erzählst du es mir. Ich möchte, dass dir bewusst wird, wie unwichtig das ist. Dass du trotzdem ein kluges, kompetentes Mädchen bist.“ (S. 103)

„Am Ende des Alphabets“ ist ein warmherziges und kluges Buch, dass den Leser auf eine Reise mitnimmt und zwar auf die Reise von Ruby: Wir begleiten sie auf ihrem Weg vom „Fußabtreter“ der Familie hin zu einem selbstbewussten Mädchen. Fleur Beale schreibt dabei sehr einfühlsam und glaubhaft. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Mit einer klitzekleinen Kleinigkeit am Schluss war ich nicht ganz einverstanden, weswegen ich einen Stern abziehe. Grundsätzlich gilt aber: Dieses Buch sollte man gelesen haben. 9 von 10 Sternen!

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Am Ende des Alphabets – Fleur Beale – Hardcover – 208 Seiten – 14,95 € – ISBN 978-3-86873-795-0 – erschienen: Februar 2015 (Knesebeck) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren