[Rezension] „Sophie Scholl: Die Comic-Biografie“ von Ingrid Sabisch und Heiner Lünstedt

Collage 2

Den Namen „Sophie Scholl“ haben sicher die meisten schon ein Mal gehört. Vermutlich wissen auch die allermeisten, dass sie Mitglied der Widerstandsbewegung „Die weiße Rose“ war. Sophie kämpfte während des zweiten Weltkriegs unter anderem gemeinsam mit ihrem Bruder gegen den Nationalsozialismus. Im Februar 1943 wurde sie dabei entdeckt, wie sie Flugblätter in der Münchener Universität verteilte. Daraufhin wurde sie der Gestapo übergeben und kurz danach hingerichtet.

„Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue daher meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die daraus erwachsen, auf mich nehmen.“ (S. 48)

Collage 1

Eine Comic-Biographie kann natürlich nicht so im Detail informieren, wie es eine ausführliche und schriftliche Biographie kann. Was aber das vorliegende Buch durchaus kann, ist neugierig machen und einen groben Überblick über das Leben und die Denkweise dieser mutigen, tapferen jungen Frau zu geben. Die nötige historische Grundlage für das Buch entsteht durch den tatsächlichen Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und ihrem Verlobten Fritz Hartnagel.

Gerade in der heutigen Zeit, während der aktuellen politischen Situation, in der es scheinbar mehr und mehr in Ordnung ist, auch als Politiker rechte Parolen zu äußern, zeigt die Lebensgeschichte von Sophie Scholl, wie wichtig es ist, laut zu sein, seine Meinung zu äußern und zu gewissen Werten und Idealen zu stehen!

Wer bisher noch nicht so viel von Sophie Scholl weiß, aber Interesse an dem Leben einer tapferen Widerstandskämpferin hat, für den ist diese Comic-Biographie sicherlich ein guter Einstieg. Mich hat das Buch neugierig gemacht. Außerdem bin ich dankbar, dass es Menschen wie Sophie Scholl gibt, die mutig für das einstehen, woran sie glauben.

stern 8

Sophie Scholl: Die Comic-Biographie – Ingrid Sabisch und Heiner Lünstedt – Hardcover – 59 Seiten – 19,95 € – ISBN 978-3-86873-807-0 – erschienen: September 2015 (Knesebeck)

Advertisements

[Rezension] „Tanz der Tiefseequalle“ von Stefanie Höfler

Niko ist intelligent. Er ist mutig und steht tapfer über den Spötteleien seiner Mitschüler. Niko liebt es, sich in Tagträumen zu verlieren und dabei geniale Dinge zu erfinden. Er ist selbstironisch und besitzt einen mitreißenden Wortwitz. Seine Mitschüler sehen allerdings nur eins: Niko ist unglaublich dick!

Sera findet es meistens gar nicht so lustig, wenn ihre Mitschüler Niko ärgern, doch sie setzt sich auch nicht für ihn ein. Sera klettert gerne auf Bäume, aber davon darf niemand etwas wissen. Ihre Mitschüler sehen nur eins: Sera ist unglaublich schön!

20180812_101125.jpg

Es gibt Bücher, die berühren einen beim Lesen, ohne dass man genau in Worte fassen kann, was der Grund dafür ist. „Der Tanz der Tiefseequalle“ ist so ein Buch!

Als Sera auf der Klassenfahrt von einem Mitschüler begrapscht wird, geht Niko mutig dazwischen. Quasi der erste echte Kontakt zwischen den beiden, denn ansonsten haben die scheinbar so gegensätzlichen Jugendlichen nichts miteinander zu tun. Abends dann fordert Sera Niko zum Tanz auf, wobei sie selbst nicht genau weiß, warum sie dies tut. Zwischen den beiden entwickelt sich eine verrückte Freundschaft, in der beide lernen müssen, dass der äußere Schein manchmal trügt …

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Niko und Sera erzählt, so dass man als Leser die Gedanken und Gefühle, Sorgen und Hoffnungen von beiden gut mitbekommt. Stefanie Höfler gibt den beiden ganz eigene und authentische Erzählstimmen. Ich hätte mit dem Lesen am liebsten gar nicht aufgehört.

„Tanz der Tiefseequalle“ ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und ich weiß jetzt schon, dass ich dem Titel ganz fest die Daumen drücken werden, denn es ist gleichzeitig eine schöne, witzige und tiefgründige Geschichte. Ich wünsche ganz vielen Lesern das Vergnügen, Niko und Sera kennenzulernen!

stern 10

Dieses Buch wurde 2018 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, mittlerweile ist es auch als Taschenbuch erschienen.

Tanz der Tiefseequalle – Stefanie Höfler – Hardcover – 190 Seiten – 12,95 € – ISBN: 978-3-407-82215-4 – erschienen: April 2018 (Beltz & Gelberg) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Rezension] „Total verrückte Wörter – Eine Sammlung unübersetzbarer Wörter aus der ganzen Welt“ von Nicola Edwards (Text) und Luisa Uribe (Illustration)

6818651400001z

Du möchtest wissen, wie die Isländer es nennen, wenn ein Wetter so ungemütlich ist, dass man es sich zwar gerne vom Fenster aus ansieht, aber nicht hinausgehen möchte? Du möchtest außerdem wissen, warum Island gerade für uns Buchliebhaber so ein attraktives Land ist? Es interessiert dich, warum ich Kawaakari mal so gerne mit meinem Freund erleben möchte und woher der Begriff Gobbledygook stammt? Du bist neugierig, was ein traditionelles Längenmaß der Finnen mit Rentieren zu tun hat?

Dann solltest du dir unbedingt „Total verrückte Wörter“ kaufen, denn dieses Buch ist ein wahrer Bücherschatz. Auf liebevoll gestalteteten und wundervoll illustrierten Doppelseiten wird jeweils ein Wort vorgestellt, das es in einer anderen Sprache gibt und das wir so nicht eins zu eins übersetzen können. Nebenbei gibt es noch ein paar kurze Informationen – mal zu dem Wort an sich, mal zu dem Land oder der Sprache, aus der es stammt.

In diesem Sinne: Für mehr Gökotta und Nakama und weniger Shlimazl auf der Welt!

stern 9

Total verrückte Wörter – Eine Sammlung unübersetzbarer Wörter aus aller Welt – Nicola Edwards (Text) und Luisa Uribe (Illustration) – Hardcover – 64 Seiten – 14,90 € – ISBN: 9783961850082 – erschienen: April 2018 (360 Grad) – Altersempfehlung: ab 8 Jahren – Übersetzung: Beatrix Rohrbacher

[Rezension] „Dieses Leben gehört: Alan Cole – bitte nicht knicken“ von Eric Bell

u1_978-3-7373-5488-2Klappentext:

Alan Cole ist zwölf Jahre alt, ein Kunstgenie, und er hat ein Geheimnis: Er ist in seinen Mitschüler Connor verliebt – aber das darf niemand erfahren! Doch dann bekommt ausgerechnet sein älterer Bruder Nathan davon Wind, und er erpresst Alan. Sieben hundsgemeine Aufgaben muss er erfüllen, sonst erzählt Nathan der ganzen Schule von Alans Schwärmerei. Zum Glück hat Alan genügend Mut, um sich seiner Herausforderung zu stellen – und er hat noch etwas: zwei verrückte Freunde, die fest zu ihm halten. (Quelle)

Meine Meinung:

Alan leidet unter seinem sehr gemeinen größeren Bruder, der keine Gelegenheit ungenutzt lässt, um seinen jüngeren Bruder zu terrorisieren und zu schikanieren. Nicht selten wird er dabei auch gewalttätig. Die Ursache wird dem Leser sehr schnell klar: Alan und sein Bruder Nathan haben einen cholerischen Vater, der sie ständig miteinander vergleicht, seine Söhne klein macht und nur wenig Liebe zeigt. Im Laufe der Geschichte bekommt aber auch Alans Vater etwas mehr Kontur und Tiefgang, was ich sehr gelungen fand.

An der Schule sind Alans einzige Freunde der Zack und Madison. Zack ist irgendwie anders und sehr speziell. Man könnte sagen, dass er ein sehr kindliches Gemüt hat. Man könnte ihn auch als sehr verwirrt und vielleicht sogar etwas dumm bezeichnen. Vor allem hat er aber genauso wie Madison ein gutes Herz. Madison ist unglaublich klug und unglaublich dick, was ihn in der Schule wenig beliebt macht. Aber auch für ihn gilt: Wenn Alan ihn braucht, ist er zur Stelle. Nur mit Hilfe seiner Freunde kann es Alan überhaupt gelingen, die Aufgaben seines Bruders in Angriff zu nehmen.

Dass Alan in einen anderen Jungen verliebt ist, ist auf erfrischende Weise sehr unaufdringlich in die Geschichte mit eingebaut. Unaufdringlich in dem Sinne, als dass es zwar thematisiert wird, aber nicht speziell als Oberthema im Vordergrund steht. Es ist einfach ein normaler Bestandteil der Handlung.

Die Geschichte von Alan ist vor allem eins: vielschichtig! Sie ist gleichzeitig rührend und unterhaltsam, lustig und tiefgründig. Und sie eines auf gar keinen Fall: schwarz-weiß. Und genau das hat mir so gut gefallen.

stern 9

Dieses Leben gehört: Alan Cole – bitte nicht knicken – Eric Bell – Hardcover – 304 Seiten – 14,00 € – ISBN: 978-3-7373-5488-2 – erschienen: April 2018 (Fischer) – Altersempfehlung: ab 11 Jahren – Übersetzung: André Mumot

[Rezension] „Hyde“ von Antje Wagner

bgHC_wagner_hyde_u1R.inddKatrina hatte eine wundervolle Kindheit: Gemeinsam mit ihrer Schwester Zoe und ihrem Vater lebte sie in Hyde: einer kleinen, abgelegenen Hütte mitten im Wald. Hier hat sie gelernt die Rufe der Vögel zu verstehen, hat gelernt mit welchen Pflanzen man heilen kann und wie Holz am besten bearbeitet wird. Hier war sie glücklich. Hier war sie lebendig.

Schaut euch das Feuer an, es flüstert.
Papas Stimme.
Wir lagen in unseren Bettennestern, Zoe und ich, die Kerze auf dem Boden flackerte. Alles war weich im Flammenlicht, alles floss und die Wände pulsierten wie etwas Lebendiges. (S. 45)

Jetzt ist Katrina gerade 18 Jahre alt geworden und alles andere als glücklich. Offiziell ist sie auf der Walz – den Wanderjahren nach ihrem Abschluss der Lehre als Tischlerin. Doch eigentlich sinnt sie auf Rache. Rache für den Tod an ihrer Schwester und ihrem Vater. Warum mussten Katrinas Vater und ihre Schwester sterben? Wie hat Katrina die Jahre dazwischen verbracht? Und warum kann sie sich an nicht mehr an alles erinnern?

Antje Wagner gehört zu meinen liebsten Jugendbuchautorinnen. Sie schreibt einfach unfassbar einnehmend und atmosphärisch dicht. Ihre Beschreibungen von Hyde, die Geborgenheit, die Katrina dort empfunden hat, sind beim Lesen zum Greifen nah. Ich konnte beim Lesen förmlich die Blätter rascheln hören, den See und den Wald riechen und den weichen Boden fühlen.

DSC_0012

Antjes Bücher sind aber oft auch anspruchsvoller und literarischer als viele andere Jugendbücher. Die verschiedenen Ebenen werden miteinander verwoben, Gegenwart und Vergangenheit begegnen sich, Erinnerung und Gefühle treffen aufeinander, Reales und Mystisches vermischen sich und sind kaum noch trennbar.

„Hyde“ hat mir in ganz vielen Aspekten gut gefallen. Ich mochte Katrina, die gleichzeitig so tough, aber auch so verletztlich ist. Ich mochte es, Stück für Stück mit Katrina ihre Vergangenheit zu erforschen, in den vielen Rückblenden zu erfahren, wie Katrina zu der liebenswerten Frau wurde, die sie jetzt ist. Die Geschichte hält einige spektakuläre Wendungen für den Leser parat, so dass es schwer fällt, das Buch auch nur für einen kurzen Moment beiseite zu legen.

Wie oben schon angedeutet gibt es in den Büchern von Antje Wagner oft noch eine zweite Ebene, eine mystische, nicht ganz reale Erzählperspektive. Zum Beispiel in „Unland“ oder „Vakuum“ hat mir diese zweite Sichtweise wirklich gut gefallen. In „Hyde“  konnte ich damit nicht so viel damit anfangen, sie hat mein Lesevergnügen allerdings auch nicht geschmälert.

„Hyde“ ist das neue, literarisch hochwertige Jugendbuch der sympathischen Autorin Antje Wagner. Die spannend und sehr einnehmend erzählte Geschichte konnte mich voll und ganz in ihren Bann ziehen, obwohl mir persönlich die leicht mystische Handlungsebene der Geschichte nicht komplett gefallen hat. Antje Wagner weiß mit Worten umzugehen und eine Atmosphäre zu schaffen, die ihre Leser nicht loslässt. Ich vergebe insgesamt 8 von 10 Sternen!

stern 8

Hyde – Antje Wagner – Hardcover – 408 Seiten – 17,95 € – ISBN: 978-3-407-75435-6 – erschienen: Juli 2018 (Beltz)

[Rezension] „Das Siegel von Rapgar“ von Alexey Pehov

csm_produkt-11961_e059dade5eTill er’Cartya treibt nur eines an: Er will den wahren Mörder finden. Den Mann, für den er damals unschuldig ins Gefängnis gewandert ist. Der Mann, der wirklich den Mord begangen hat, für den Till vor etwa sieben Jahren verurteilt wurde.

Eines Tages trifft er auf eine junge Frau namens Erin, die von mehreren Männern verfolgt wird. Till versucht, Erin zu verteidigen und gerät damit nicht nur wieder in den Fokus der Squagen Chause (der Polizei in Rapgar), sondern scheinbar auch in den Fokus von Erins Verfolgern. Wer ist diese geheimnisvolle und schöne Frau, die so schnell wieder verschwindet, dass Till nur der Gedanke an sie bleibt? Und warum wird sie wirklich verfolgt?

Till macht sich in seiner Heimatstadt Rapgar auf die Suche nach Erin, die er nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Doch Rapgar ist derzeit alles andere als ein sicheres Pflaster, wird es doch wieder und wieder von dem brutalen Dunkelschlächter heimgesucht …

Wer ein Buch von Alexey Pehov liest, muss sich auf einiges einlassen: Es wimmelt nur so von unbekannten Kreaturen. So leben in Rapgar, einer Stadt zwischen Magie und technischem Fortschritt, zum Beispiel Murzer (Katzenwesen), Kagas (die laut Pehov wie fette Maulwürfe aussehen), das kleine Volk, Amnes (magische Wesen, die in unbelebte Gegenstände wie einen Spazierstock gebannt wurden) oder Haplopelmas (riesige Wächterspinnen, igittt!). Ich mag es, dass Pehov sich nicht an die gängige Fantasy-Bevölkerung (Zwerge, Elfen, Trolle usw. hält), trotzdem fällt der Einstieg in eine neue Welt des russischen Autors immer etwas schwer.

„Das Siegel von Rapgar“ scheint ein Einzelband zu sein, was wirklich schade ist, denn gerade auf den letzten hundert Seiten hatte ich das Gefühl, so richtig in der Geschichte zu sein. Ich muss gestehen: Anfangs habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt, das Buch abzubrechen, aber HALLO? Es ist Pehov, einer meiner Lieblingsautoren.

Wie mir das Buch tatsächlich gefallen hat, kann ich schwer sagen: Am Anfang war es mir zu kompliziert und etwas träge, in der Mitte konnte es mich nicht immer ganz fesseln und die letzten hundert Seiten habe ich verschlungen. Ich bin mir aber sicher: Wenn ich die Chance hätte, ein weiteres Abenteuer mit Till er’Cartya und seinen beiden Amnes, dem sehr redseligen Spazierstock Stephan und der etwas blutrünstigen Klinge Angel, zu verbringen, würde ich sofort zugreifen! 7 von 10 Sternen!

stern 7

Das Siegel von Rapgar – Alexey Pehov – Klappbroschur – 592 Seiten – 17,00 € – ISBN 978-3-492-70273-7 – erschienen: April 2018 (Piper) – Übersetzung: Christiane Pöhlmann

[Rezension] „Vielleicht passiert ein Wunder“ von Sara Barnard

u1_978-3-7373-5560-52

„Wie viele Wörter hast du heute gesagt?“
Ich überlege: „Weniger als zwanzig, mehr als zehn.“ (S. 28)

Steffi ist stumm – zumindest meistens. Sie hat eine schwere soziale Angststörung, die sich in einer Form des selektiven Mutismus äußert. Steffi kann nur schwer mit fremden Personen oder in großen Gruppen reden. An ihrem ersten Tag in der Oberstufe wird ihr ein neuer Schüler vorgestellt: Rhys. Rhys ist gehörlos und kommuniziert in Gebärdensprache, die Steffi auch ein wenig beherrscht.

So anders und doch so gleich: Steffi und Rhys haben beide Probleme, sich mit anderen zu unterhalten. Doch tatsächlich verstehen sich die beiden gut: tagsüber in der Schule mithilfe der Gebärdensprache, abends dann über Nachrichten. Die beiden werden Freunde – und bald wird klar: Steffi mag Rhys. Und Rhys mag auch Steffi.

Die Geschichte, die hinter „Vielleicht passiert ein Wunder“ steckt, ist wunderschön. Und zum Glück völlig untypisch für eine Liebesgeschichte in einem Jugendbuch. Es gibt kein künstliches Hin und Her. Nicht nur dem Leser, sondern auch den beiden Hauptfiguren ist schnell klar, dass sie zusammengehören – zumindest für den Moment. Und so darf man teil haben an den ersten vorsichtigen Momenten der Annäherung, den ersten Begegnungen mit den Eltern, den ersten Unsicherheiten, den ersten Abenteuern, die die beiden gemeinsam erleben.

„Ich lehne mich an ihn, schmiege den Kopf an seine Brust, schließe die Augen. Für eine Umarmung muss niemand hören oder sprechen können.“ (S. 414)

Und obwohl die Liebesgeschichte sicherlich den größten Teil der Handlung ausmacht, gerät die Besonderheit der beiden Hauptfiguren nie in den Hintergrund. Insbesondere Steffis Entwicklung steht im Fokus: Sie gewinnt im Laufe der Geschichte immer mehr an Selbstsicherheit. Doch wer ist sie eigentlich, wenn sie sprechen kann?

Ich habe „Vielleicht passiert ein Wunder“ unglaublich gerne gelesen. Es birgt eine so liebevoll erzählte Geschichte um liebenswerte Hauptfiguren. Eine absolute Leseempfehlung! 9 von 10 Sternen!

stern 9

Vielleicht passiert ein Wunder – Sara Barnard – Hardcover – 416 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-7373-5560-5 – erschienen: Mai 2018 (Sauerländer) – Übersetzung: Ilse Layer

 

[Rezension] „Irgendwas von dir“ von Gayle Forman

u1_978-3-8414-2238-5Cody und Meg sind unzertrennlich, die besten Freundinnen, beinahe schon Schwestern. Doch dann bekommt Cody eine E-Mail:

„Ich bedaure, Euch mitteilen zu müssen, dass ich meinem Leben ein Ende setzen musste. Dieser Entschluss hat mich schon eine lange Zeit begleitet, und ich habe ihn allein getroffen. Ich weiß, dass ich Euch damit Schmerzen zufüge, und das tut mir leid, aber Ihr müsst wissen, dass ich meinen eigenen Schmerz nicht länger ertragen konnte.“ (S. 7)

Was tust du, wenn sich deine beste Freundin umbringt? Wie gehst du damit um, dass du sie nicht retten konntest? Und wie überstehst du die Schuldgefühle, dass du noch nicht mal geahnt hast, wie schlecht es ihr ging?

Nach Megs Selbstmordversuch ist in Codys Leben nichts mehr so, wie es vorher war. Die beiden waren ja schließlich fast eine Person. Wer ist Cody noch ohne Meg?

Als Megs Eltern Cody bitten, die Sachen ihrer Tochter aus ihrer Studentenwohnung zu holen, stößt Cody in Megs Email-Postfach auf einige Unstimmigkeiten. Warum hat Meg so viele der gesendeten und empfangenen Mails gelöscht? Hat sie die Entscheidung, ihrem Leben ein Ende zu setzen, doch nicht allein getroffen? Und was hat der Bassist Ben mit der ganzen Geschichte zu tun? Ist er der Grund für Megs Suizid?

Codys Suche nach Antworten ist eigentlich auch eine Suche nach sich selbst. Und obwohl sie auf ihrer verzweifelten Suche nach einem anderen Schuldigen in einen gefährlichen Sog gerät, erfährt sie auch einiges über sich selbst, lernt neue Leute und findet sogar mehr, als sie erwartet hat.

Dies ist mittlerweile das fünfte Buch, das ich von Gayle Forman gelesen haben. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie die Autorin es schafft, wirklich schwierige Themen mit einer Leichtigkeit zu erzählen, ohne sie dabei zu trivialisieren. Codys Schuldgefühle und Einsamkeit sind beim Lesen zum Greifen nah. Genauso wie die Wut, die sie kaum zulassen kann. Schließlich hatte Meg doch all das, was sich Cody schon immer gewünscht hat: eine Familie, Eltern, die sie lieben, und ein richtiges Zuhause.

Ob man in eine solche Geschichte noch eine beginnende Liebesbeziehung mit einbauen muss, kann man sicherlich hinterfragen. Trotzdem stand für mich beim Lesen immer die Beziehung zwischen Meg und Cody im Vordergrund, genauso wie Codys eigene Geschichte mit all ihren Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten.

stern 8

Irgendwas von dir – Gayle Forman – Klappbroschur – 352 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-8414-2238-5 – erschienen: April 2018 (FJB) – Übersetzung: Stefanie Schäfer

 

[Rezension] „DUMPLIN‘ – Go big or go home“ von Julie Murphy

u1_978-3-8414-2242-2

„Aber so bin ich nun mal. Ich bin dick. Das ist kein Schimpfwort. Keine Beleidigung. Jedenfalls nicht, wenn ich es sage.“ (S. 11)

Dumplin‘ heißt eigentlich Willowdean. Die meisten ihrer Freunde nennen sie Will, doch von ihrer Mutter wird sie immer Dumplin‘ genannt: Knödel. Ja, Willowdean ist dick, aber sie hat eine beste Freundin und viel Selbstbewusstsein. Dass sie dick ist, stört sie nicht. Eigentlich nicht. Doch dann verliebt sich sie in Bo. Bo ist unglaublich sportlich und unglaublich gutaussehend. Auf einer Skala von 1-10 ist er eindeutig eine 10. Und einen Pfirsichpo hat er auch noch. Und das Verrückteste: Bo scheint sich auch in Willowdean zu verlieben. Aber kann das überhaupt sein? Und würden nicht alle anderen über die beiden lachen, wenn sie gemeinsam irgendwo auftauchen würden?

Bodyshaming oder self-accpetance? Kann man schön sein, auch wenn man dick ist? Und noch viel wichtiger: Kann man glücklich sein, auch wenn man dick ist? Oder wäre man vielleicht noch glücklicher, wenn man schlank wäre? Ich finde, dass sich die Autorin an ein wirklich schwieriges Thema herangewagt, denn hier gibt es keine schwarz-weiß Antworten. Es gibt kein klares Ja oder Nein.

„Ich habe schon mein ganzes Leben lang einen Körper, der zu allen möglichen Kommentaren einlädt, und wenn ich irgendwas davon gelernt habe, dann ist es das hier: Wenn es nicht dein eigener Körper ist, dann hast du ihn auch nicht zu kommentieren. Dick. Dünn. Klein. Groß. Völlig egal.“ (S. 43)

Der Sommer, in dem sich Willowdean in Bo verliebt, ist für sie in vielerlei Hinsicht nicht ganz einfach. Wenn Bo sie an ihrem Bauch oder ihrer Hüfte berührt, fühlt sie sich plötzlich doch nicht mehr so selbstbewusst und normal. Im Gegenteil: Jedes Gramm, das sie mehr als andere Mädchen auf den Hüften hat, ist ihr bewusst. Dazu kommt noch, dass sie und ihre beste Freundin sich immer mehr auseinander leben. Und das gerade jetzt, wo Willowdean Ellen doch so sehr brauchen würde. Und wäre das alles nicht genug, findet wieder der alljährliche Schönheitswettbewerb in der Stadt fand, der von Willdowdeans Mutter geleitet wird. Dafür hat sie nun eigentlich so gar nichts übrig … oder doch?

Ich mochte „DUMPLIN'“ insbesondere deswegen so gerne, weil es zum Nachdenken anregt. Nicht alle Handlungen von Willowdean sind nachvollziehbar. Sie macht auch mal Fehler, ist auch mal unfair. Und genau das macht sie so authentisch und menschlich.

Während des Lesens habe ich mich gefragt, was die Autorin wohl als Quintessenz darstellen wird: Muss Willowdean abnehmen, um glücklich zu sein? Oder endet die Geschichte mit einem klaren „Nur das Innere zählt“? Um nicht zu viel vorweg zu nehmen, kann ich nur sagen: Ich bin zufrieden. Mit Willowdean, mit der Geschichte und der Art, wie mit dem Thema umgegangen wurde.

stern 8

DUMPLIN‘ – Julie Murphy – Hardcover – 400 Seiten – 18,99 € – ISBN 978-3-8414-2242-2 – erschienen: März 2018 (Fischer Verlage) – Übersetzung: Kattrin Stier

[Rezension] „Good Night Stories for Rebel Girls: 100 außergewöhnliche Frauen“ von Elena Favilli und Francesca Cavallo

artk_ct0_9783446256903_00012

„Niemand soll sich anmaßen, mir zu sagen, was ich kann und was nicht.“ (Amna al Haddad, S. 26)

Dieses Buch ist in der Buchwelt schon lange sehr bekannt. Viele haben es gelesen, alle haben es geliebt – so war zumindest mein Eindruck. Ich habe mich lange Zeit gescheut, es zu lesen. Zum Glück wanderte es zu Beginn der Woche dann doch in meine Einkaufstasche und dann zu mir nach Hause.

In „Good Night Stories for Rebel Girls“ geht es, wie auch der Untertitel schon sagt um die Geschichten von 100 außergewöhnlichen Frauen. Auf einer Doppelseite werden sie jeweils in Text und Bild porträtiert. Die Illustrationen stammen von über 60 Künstlerinnen. Da das Buch für junge Leser geschrieben wurde, sind die Texte leichtlesig und nicht überladen mit Fakten. Seite für Seite habe ich gelesen. Irgendwie konnte ich gar nicht aufhören. Und das, obwohl das Buch ein Sachbuch ist.

Die beschriebenen Frauen sind aus den unterschiedlichsten Gründen so außergewöhnlich: Manche aufgrund einer Sportlerkarriere, manche weil sie etwas erreicht haben, was noch nie eine Frau vor ihnen erreicht hat oder erreichen durfte. Es geht zum Beispiel um Naturwissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Politikerinnen oder Aktivistinnen.

„Wenn die ganze Welt schweigt, kann auch einzige Stimme mächtig sein.“ (Malala Yousafzai, S. 114)

Immer wieder habe ich während des Lesens meinem Freund von der ein oder anderen Frau erzählt. Besonders beeindruckt hat mich die Kenianerin Wangari Maathai, die durch ihre Initiative dafür sorgte, dass in Kenia über 40 Millionen neue Bäume gepflanzt wurden, um der Dürre entgegen zu wirken. Sie erhielt für ihre Arbeit den Friedensnobelpreis.

Die Geschichte jeder einzelnen Frau ist auch gleichzeitig die Geschichte einer bestimmten Zeit, eines bestimmten Landes und einer bestimmten Kultur. Spannend, in diese so zumindest für einen kurzen Moment eintauchen zu können. Beim Lesen wird mir bewusst: Was habe ich für ein Glück im Leben. Glück genau das sein zu dürfen, was ich sein möchte. Ohne dabei aufgrund meines Geschlechts benachteiligt zu werden.

„Hab keine Angst, die einzige Mohnblume in einem Feld voller Nazissen zu sein.“ (Michaela Deprince, S. 150)

Und trotzdem – vermutlich lehne ich mich jetzt weit aus dem Fenster: Ich hätte mich auch über ein Buch gefreut, in dem es einfach um außergewöhnliche Personen geht, egal ob sie nun Männer oder Frauen waren. Denn verdient es nicht jeder, der etwas Herausragende bewirkt hat und der auf seine Art außergewöhnlich ist, in diesem Buch erwähnt zu werden?

„Schreib auf, was nicht in Vergessenheit geraten darf.“ (Isabel Allende, S. 82)

„Good Night Stories for Rebel Girls“ war beim Lesen ein Herzensbuch und wird es  sicherlich auch danach noch für lange Zeit bleiben. Es regt zum Nachdenken und zum Austausch an. Deswegen möchte ich auch unbedingt wissen: Habt ihr das Buch schon gelesen? Welche der vorgestellten Frauen hat euch besonders nachhaltig beeindruckt?

stern 9

Good Night Stories for Rebel Girls: 100 außergewöhnliche Frauen – Elena Favilli & Francesca Cavallo – Hardcover – 224 Seiten – 24,00 € – ISBN 978-3-446-25690-3 – erschienen: September 2017 (Hanser Verlag) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren – Übersetzung: Birgitt Kollmann