[Rezension] „Alex Verus 1: Das Labyrinth von London“ von Benedict Jacka

20190211_085007.jpgReiheninfo:

  1. „Alex Verus 1: Das Labyrinth von London“
  2. „Alex Verus 2: Das Ritual von London“ (erscheint am 15.4.2019)
  3. engl. Titel: „Taken“
  4. engl. Titel: „Chosen“
  5. engl. Titel: „Hidden“
  6. engl. Titel: „Veiled“
  7. engl. Titel: „Burned“
  8. engl. Titel: „Bound“
  9. engl. Titel: „Marked“

Rezension

Alex Verus ist ein Magier und betreibt in London das „Arcana Emporium“: einen kleinen Laden für magisches Zubehör. Anders als viele andere Magier hält er sich von anderen seiner Zunft und insbesondere von dem Rat der Magier fern. Seine einzigen näheren Bekannten sind das gutmütige, aber auch etwas schlichte Windelementar Starbreeze, die Schneiderin Arachne und die junge, mit einem Fluch gesegnete Luna. In Alex Vergangenheit sind zahlreiche Gründe zu finden, sich von anderen Magiern – und insbesondere von Schwarzmagiern – fernzuhalten. Doch dann wird in London ein altes und mächtiges Artefakt gefunden und gleich mehrere Parteien wollen den Magier und seine Fähigkeit als Wahrsager für sich und ihre eigenen Belange nutzen.

„Das Labyrinth von London“ ist der erste Band der neuen Fantasyreihe um den Magier Alex Verus. Ich war zunächst ganz begeistert, dass der zweite Band schon im April erscheint und dann ganz überrascht, dass es im Englischen schon ganze neun Teile der Reihe gibt.

Der erste Band um den sympathischen Wahrsager Alex Verus ist zwar nicht der Pageturner schlechthin, konnte mich aber trotzdem in vielen Aspekten überzeugen. Das Thema des Wahrsagens finde ich oft etwas heikel. Wenn jemand die Zukunft vorhersehen kann, wie kann er sie dann noch ändern? Haben wir dann überhaupt noch Einfluss auf das, was geschehen wird? Alex beschreibt seine Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken, meiner Meinung nach sehr plausibel: Für ihn offenbaren sich unendliche viele Möglichkeiten, wie sich die Zukunft entwickeln kann – Strang für Strang. Und je nachdem, welchen Strang man wählt, zieht dies unterschiedliche Konsequenzen nach sich.

Ein weiterer Pluspunkt von „Das Labyrinth von London“ sind die Charaktere. Alex Verus selbst ist mir sehr sympathisch – auch wenn ein sehr dunkler Teil in seiner Vergangenheit immer mal wieder angedeutet wird. Seine Gehilfin Luna, gleichzeitig gesegnet und gestraft mit ihrem Fluch, bringt ganz viel Potenzial für Entwicklung mit sich. Wie magiebegabt auch sie vielleicht ist, steht noch in den Sternen. Und außerdem: ein bisschen knistert es auch zwischen Luna und Alex – aber auch wirklich nur ein ganz kleines bisschen – versprochen! 🙂

Erzählt wird die Geschichte von Alex selbst: Auf humorvolle Art beschreibt er, was passiert, klärt uns über wichtige Hintergründe und Grundlagen der Magie auf und warnt uns vor Einhörnern: Ja, sie sind wunderschön, aber alles andere als unschuldig. Aber das nur am Rande.

„Das Labyrinth von London“ hat mich wirklich gut unterhalten. Die tollen Charaktere, die ausgefeilte Handlung und die humorvolle Erzählweise hat mich vergessen lassen, dass manche Szenen für meinen Geschmack noch etwas fesselnder und spannender hätten sein können. Ich freue mich jetzt schon auf den zweiten Band und auf das nächste Abenteuer von Alex und Luna. 8 von 10 Sterne!

stern 8

Alex Verus 1: Das Labyrinth von London – Benedict Jacka – Klappbroschur – 416 Seiten – 9,99 € – ISBN: 978-3-7341-6165-0 – erschienen: Juli 2018 (Blanvalet) – Übersetzung: Michelle Gyo

 

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[Reihenrezension] „Das Lied der Krähen“ & „Das Gold der Krähen“ von Leigh Bardugo

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Reiheninfo:

  1. „Das Lied der Krähen“
  2. „Das Gold der Krähen“

Ja, ihr habt richtig gesehen: Diese Reihe ist tatsächlich „nur“ eine Duologie und damit bereits vollständig erschienen. Das ist ja mittlerweile eher unüblich. Insbesondere im phantastischen Bereich gibt es gefühlt fast nur noch Trilogien. Und bei vielen muss man sehnsüchtig auf die folgenden Bände warten.

Ich habe lange überlegt, ob ich diese Reihe tatsächlich rezensieren möchte, denn es ist wirklich schwer, etwas über den Inhalt zu sagen, ohne zu viel zu verraten. Da die beiden Bücher aber zu meinen absoluten Lesehighlights 2018 gehört haben, wage ich es jetzt doch mal.

Kaz ist schlau, skrupellos und brutal – und damit einer der führenden Ganoven in Ketterdam. Eines Tages erhält er ein verlockendes, aber auch lebensgefährliches Angebot. Ein Kaufmann hat ihn angeheuert, um einen begabten und gefährlichen Magier aus dem bestgesichertsten Gefängnis befreien. Um den Job meistern zu können, schart Kaz fünf Gefährten um sich, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

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Tolle FanArt der sechs Krähen (gefunden auf dem Tumblr-Blog: Organized Chaos“

Und genau diese sechs Krähen (Mitglieder des Krähenclubs, einer der Banden in Ketterdam) machten für mich die Lektüre so unvergleichlich und spannend. Den schlauen, aber auch brutalen und sehr abgebrühten Kaz habe ich genauso in mein Herz geschlossen, wie den lebensfrohen und zielsicheren Jesper oder den so heldenhaften, aber auch etwas steifen Fjerdan Matthias. Und den noch unsicheren und dennoch tapferen Wylan mochte ich wegen seines guten Herzens sowieso ganz besonders gern. Unter den sechs Krähen sind auch zwei tolle weibliche Figuren. Die „Spinne“ Inej war mein absoluter Liebling, aber auch die Grischa Nina ist toll und liebenswert gezeichnet.

Grischa ist übrigens ein passendes Stichwort. Die Geschichte der Krähen ist in der gleichen Welt angesiedelt wie Leigh Bardugos Grischa-Trilogie, die ich bisher noch nicht gelesen habe, und erhält dadurch auch ihren phantastischen Touch.

Beide Bände brauchen ein bisschen, bis die Handlung in Fahrt kommt, aber wegen der ansonsten grandiosen Handlung und der – wie bereits gesagt – besonders toll Charaktere kann ich darüber locker hinwegsehen und diese Duologie bedingungslos empfehlen. 8 von 10 Sternen!

stern 8

Das Lied der Krähen – Leigh Bardugo – Klappbroschur – 592 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-426-65443-9 – erschienen: Oktober 2017
Das Gold der Krähen – Leigh Bardugo – Klappbroschur – 592 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-426-65449-1 – erschienen: September 2018

 

[Rezension] „Good Night Stories for Rebel Girls 2. Mehr außergewöhnliche Frauen“ von Francesca Cavallo & Elena Favilli

Im März 2018 habe ich den ersten Band „Good Night Stories for Rebel Girls.100 außergewöhnliche Frauen“ gelesen und wirklich sehr gerne gemocht. Das Buch gehörte (trotz minikleiner Kritikpunkte) sogar zu meinen Jahreshighlights. Nun ist endlich der Folgeband erschienen und ich habe es auch dieses Mal sehr genossen, kurz in die einzelnen Lebensgeschichten von so verschiedenen Frauen einzutauchen.

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Bevor ich euch ein bisschen an den für mich spannendsten Geschichten teilhaben lasse und euch hoffentlich ein wenig neugierig mache, muss ich aber doch noch einen kleinen Kritikpunkt äußern, der mich schon beim Lesen des ersten Bandes beschäftigt hat. In beiden Bänden werden Frauen wie z.B. Anne Bonny beschrieben. Anne Bonny war eine Piratin, die plündernd, kapernd und mordend durch die Karibik segelte. Ja, mit Sicherheit ist sie eine außergewöhnliche Frau gewesen, aber ein Vorbild? In meinen Augen definitiv nicht.

Aber nun schnell wieder zu den wirklich spannenden und beeindruckenden Frauen, die in diesem Buch vorgestellt werden.

So hat mich zum Beispiel die Tennisspielerin Billie Jean King sehr beeindruckt, die für gleiche Preisgelder für Männer und Frauen im Tennis gekämpft hat.

„In Sicherheit zu leben sollte ein angeborenes Recht jedes Menschen sein.“ (S. 60)

Dies ist ein Zitat von Clemantine Wamariya, eine Geschichtenerzählerin und Aktivistin. Sie überlebte den Völkermord in Ruanda und versucht nun, mit ihrer Geschichte anderen Flüchtlingen zu helfen.

Ebenso eine Aktivistin ist die noch sehr junge Yeonmi Park, die mit ihrer Mutter aus Nordkorea floh. Ihr Buch „Meine Flucht aus Nordkorea“ habe ich direkt auf meine Wunschliste gesetzt.

Zu guter Letzt möchte ich euch noch ganz kurz Shamsia Hassani vorstellen, die eine Graffitikünstlerin aus Afghanistan ist. Shamsia sprayt dort vor allem Bilder von Frauen an Hauswände und Gassen, um etwas für die Frauenrechte in ihrem Land zu tun.

„Die Frauen, die ich male, sind keine Frauen, die zu Hause bleiben. Es sind neue Frauen, voller Energie.“ (S. 182)

Es ist immer wieder erstaunlich und erschreckend, in wie vielen Bereichen des Lebens es immer noch keine Gleichberechtigung gibt. Umso beeindruckender war es, die Geschichten der Frauen zu lesen, die sich von den vorherrschenden Umständen nicht haben unterkriegen lassen und das getan haben, was ihnen wichtig war. Immer wieder habe ich zwischendurch nach Zusatzinfos gesucht, mir z.B. Bilder von der Graffitikünstlerin oder Videos der Spinnenfrau Luo Dengping angesehen.

Auch der zweite Band hat mir sehr gut gefallen und ich habe nur einen kleinen Kritikpunkt. Schade, dass ich mit der Lektüre schon wieder durch bin, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ich in ein paar Jahren das Buch nochmal zur Hand nehme. 8 von 10 Sternen.

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Good Night Stories for Rebel Girls 2. Mehr außergewöhnliche Frauen – Cavallo & Favilli – Hardcover – 224 Seiten – 24,00 € – ISBN 978-3-446-26106-8 – erschienen: November 2018 (Hanser)

[Rezension] „Sophie Scholl: Die Comic-Biografie“ von Ingrid Sabisch und Heiner Lünstedt

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Den Namen „Sophie Scholl“ haben sicher die meisten schon ein Mal gehört. Vermutlich wissen auch die allermeisten, dass sie Mitglied der Widerstandsbewegung „Die weiße Rose“ war. Sophie kämpfte während des zweiten Weltkriegs unter anderem gemeinsam mit ihrem Bruder gegen den Nationalsozialismus. Im Februar 1943 wurde sie dabei entdeckt, wie sie Flugblätter in der Münchener Universität verteilte. Daraufhin wurde sie der Gestapo übergeben und kurz danach hingerichtet.

„Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue daher meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die daraus erwachsen, auf mich nehmen.“ (S. 48)

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Eine Comic-Biographie kann natürlich nicht so im Detail informieren, wie es eine ausführliche und schriftliche Biographie kann. Was aber das vorliegende Buch durchaus kann, ist neugierig machen und einen groben Überblick über das Leben und die Denkweise dieser mutigen, tapferen jungen Frau zu geben. Die nötige historische Grundlage für das Buch entsteht durch den tatsächlichen Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und ihrem Verlobten Fritz Hartnagel.

Gerade in der heutigen Zeit, während der aktuellen politischen Situation, in der es scheinbar mehr und mehr in Ordnung ist, auch als Politiker rechte Parolen zu äußern, zeigt die Lebensgeschichte von Sophie Scholl, wie wichtig es ist, laut zu sein, seine Meinung zu äußern und zu gewissen Werten und Idealen zu stehen!

Wer bisher noch nicht so viel von Sophie Scholl weiß, aber Interesse an dem Leben einer tapferen Widerstandskämpferin hat, für den ist diese Comic-Biographie sicherlich ein guter Einstieg. Mich hat das Buch neugierig gemacht. Außerdem bin ich dankbar, dass es Menschen wie Sophie Scholl gibt, die mutig für das einstehen, woran sie glauben.

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Sophie Scholl: Die Comic-Biographie – Ingrid Sabisch und Heiner Lünstedt – Hardcover – 59 Seiten – 19,95 € – ISBN 978-3-86873-807-0 – erschienen: September 2015 (Knesebeck)

[Rezension] „Tanz der Tiefseequalle“ von Stefanie Höfler

Niko ist intelligent. Er ist mutig und steht tapfer über den Spötteleien seiner Mitschüler. Niko liebt es, sich in Tagträumen zu verlieren und dabei geniale Dinge zu erfinden. Er ist selbstironisch und besitzt einen mitreißenden Wortwitz. Seine Mitschüler sehen allerdings nur eins: Niko ist unglaublich dick!

Sera findet es meistens gar nicht so lustig, wenn ihre Mitschüler Niko ärgern, doch sie setzt sich auch nicht für ihn ein. Sera klettert gerne auf Bäume, aber davon darf niemand etwas wissen. Ihre Mitschüler sehen nur eins: Sera ist unglaublich schön!

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Es gibt Bücher, die berühren einen beim Lesen, ohne dass man genau in Worte fassen kann, was der Grund dafür ist. „Der Tanz der Tiefseequalle“ ist so ein Buch!

Als Sera auf der Klassenfahrt von einem Mitschüler begrapscht wird, geht Niko mutig dazwischen. Quasi der erste echte Kontakt zwischen den beiden, denn ansonsten haben die scheinbar so gegensätzlichen Jugendlichen nichts miteinander zu tun. Abends dann fordert Sera Niko zum Tanz auf, wobei sie selbst nicht genau weiß, warum sie dies tut. Zwischen den beiden entwickelt sich eine verrückte Freundschaft, in der beide lernen müssen, dass der äußere Schein manchmal trügt …

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Niko und Sera erzählt, so dass man als Leser die Gedanken und Gefühle, Sorgen und Hoffnungen von beiden gut mitbekommt. Stefanie Höfler gibt den beiden ganz eigene und authentische Erzählstimmen. Ich hätte mit dem Lesen am liebsten gar nicht aufgehört.

„Tanz der Tiefseequalle“ ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und ich weiß jetzt schon, dass ich dem Titel ganz fest die Daumen drücken werden, denn es ist gleichzeitig eine schöne, witzige und tiefgründige Geschichte. Ich wünsche ganz vielen Lesern das Vergnügen, Niko und Sera kennenzulernen!

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Dieses Buch wurde 2018 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, mittlerweile ist es auch als Taschenbuch erschienen.

Tanz der Tiefseequalle – Stefanie Höfler – Hardcover – 190 Seiten – 12,95 € – ISBN: 978-3-407-82215-4 – erschienen: April 2018 (Beltz & Gelberg) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Rezension] „Total verrückte Wörter – Eine Sammlung unübersetzbarer Wörter aus der ganzen Welt“ von Nicola Edwards (Text) und Luisa Uribe (Illustration)

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Du möchtest wissen, wie die Isländer es nennen, wenn ein Wetter so ungemütlich ist, dass man es sich zwar gerne vom Fenster aus ansieht, aber nicht hinausgehen möchte? Du möchtest außerdem wissen, warum Island gerade für uns Buchliebhaber so ein attraktives Land ist? Es interessiert dich, warum ich Kawaakari mal so gerne mit meinem Freund erleben möchte und woher der Begriff Gobbledygook stammt? Du bist neugierig, was ein traditionelles Längenmaß der Finnen mit Rentieren zu tun hat?

Dann solltest du dir unbedingt „Total verrückte Wörter“ kaufen, denn dieses Buch ist ein wahrer Bücherschatz. Auf liebevoll gestalteteten und wundervoll illustrierten Doppelseiten wird jeweils ein Wort vorgestellt, das es in einer anderen Sprache gibt und das wir so nicht eins zu eins übersetzen können. Nebenbei gibt es noch ein paar kurze Informationen – mal zu dem Wort an sich, mal zu dem Land oder der Sprache, aus der es stammt.

In diesem Sinne: Für mehr Gökotta und Nakama und weniger Shlimazl auf der Welt!

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Total verrückte Wörter – Eine Sammlung unübersetzbarer Wörter aus aller Welt – Nicola Edwards (Text) und Luisa Uribe (Illustration) – Hardcover – 64 Seiten – 14,90 € – ISBN: 9783961850082 – erschienen: April 2018 (360 Grad) – Altersempfehlung: ab 8 Jahren – Übersetzung: Beatrix Rohrbacher

[Rezension] „Dieses Leben gehört: Alan Cole – bitte nicht knicken“ von Eric Bell

u1_978-3-7373-5488-2Klappentext:

Alan Cole ist zwölf Jahre alt, ein Kunstgenie, und er hat ein Geheimnis: Er ist in seinen Mitschüler Connor verliebt – aber das darf niemand erfahren! Doch dann bekommt ausgerechnet sein älterer Bruder Nathan davon Wind, und er erpresst Alan. Sieben hundsgemeine Aufgaben muss er erfüllen, sonst erzählt Nathan der ganzen Schule von Alans Schwärmerei. Zum Glück hat Alan genügend Mut, um sich seiner Herausforderung zu stellen – und er hat noch etwas: zwei verrückte Freunde, die fest zu ihm halten. (Quelle)

Meine Meinung:

Alan leidet unter seinem sehr gemeinen größeren Bruder, der keine Gelegenheit ungenutzt lässt, um seinen jüngeren Bruder zu terrorisieren und zu schikanieren. Nicht selten wird er dabei auch gewalttätig. Die Ursache wird dem Leser sehr schnell klar: Alan und sein Bruder Nathan haben einen cholerischen Vater, der sie ständig miteinander vergleicht, seine Söhne klein macht und nur wenig Liebe zeigt. Im Laufe der Geschichte bekommt aber auch Alans Vater etwas mehr Kontur und Tiefgang, was ich sehr gelungen fand.

An der Schule sind Alans einzige Freunde der Zack und Madison. Zack ist irgendwie anders und sehr speziell. Man könnte sagen, dass er ein sehr kindliches Gemüt hat. Man könnte ihn auch als sehr verwirrt und vielleicht sogar etwas dumm bezeichnen. Vor allem hat er aber genauso wie Madison ein gutes Herz. Madison ist unglaublich klug und unglaublich dick, was ihn in der Schule wenig beliebt macht. Aber auch für ihn gilt: Wenn Alan ihn braucht, ist er zur Stelle. Nur mit Hilfe seiner Freunde kann es Alan überhaupt gelingen, die Aufgaben seines Bruders in Angriff zu nehmen.

Dass Alan in einen anderen Jungen verliebt ist, ist auf erfrischende Weise sehr unaufdringlich in die Geschichte mit eingebaut. Unaufdringlich in dem Sinne, als dass es zwar thematisiert wird, aber nicht speziell als Oberthema im Vordergrund steht. Es ist einfach ein normaler Bestandteil der Handlung.

Die Geschichte von Alan ist vor allem eins: vielschichtig! Sie ist gleichzeitig rührend und unterhaltsam, lustig und tiefgründig. Und sie eines auf gar keinen Fall: schwarz-weiß. Und genau das hat mir so gut gefallen.

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Dieses Leben gehört: Alan Cole – bitte nicht knicken – Eric Bell – Hardcover – 304 Seiten – 14,00 € – ISBN: 978-3-7373-5488-2 – erschienen: April 2018 (Fischer) – Altersempfehlung: ab 11 Jahren – Übersetzung: André Mumot

[Rezension] „Hyde“ von Antje Wagner

bgHC_wagner_hyde_u1R.inddKatrina hatte eine wundervolle Kindheit: Gemeinsam mit ihrer Schwester Zoe und ihrem Vater lebte sie in Hyde: einer kleinen, abgelegenen Hütte mitten im Wald. Hier hat sie gelernt die Rufe der Vögel zu verstehen, hat gelernt mit welchen Pflanzen man heilen kann und wie Holz am besten bearbeitet wird. Hier war sie glücklich. Hier war sie lebendig.

Schaut euch das Feuer an, es flüstert.
Papas Stimme.
Wir lagen in unseren Bettennestern, Zoe und ich, die Kerze auf dem Boden flackerte. Alles war weich im Flammenlicht, alles floss und die Wände pulsierten wie etwas Lebendiges. (S. 45)

Jetzt ist Katrina gerade 18 Jahre alt geworden und alles andere als glücklich. Offiziell ist sie auf der Walz – den Wanderjahren nach ihrem Abschluss der Lehre als Tischlerin. Doch eigentlich sinnt sie auf Rache. Rache für den Tod an ihrer Schwester und ihrem Vater. Warum mussten Katrinas Vater und ihre Schwester sterben? Wie hat Katrina die Jahre dazwischen verbracht? Und warum kann sie sich an nicht mehr an alles erinnern?

Antje Wagner gehört zu meinen liebsten Jugendbuchautorinnen. Sie schreibt einfach unfassbar einnehmend und atmosphärisch dicht. Ihre Beschreibungen von Hyde, die Geborgenheit, die Katrina dort empfunden hat, sind beim Lesen zum Greifen nah. Ich konnte beim Lesen förmlich die Blätter rascheln hören, den See und den Wald riechen und den weichen Boden fühlen.

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Antjes Bücher sind aber oft auch anspruchsvoller und literarischer als viele andere Jugendbücher. Die verschiedenen Ebenen werden miteinander verwoben, Gegenwart und Vergangenheit begegnen sich, Erinnerung und Gefühle treffen aufeinander, Reales und Mystisches vermischen sich und sind kaum noch trennbar.

„Hyde“ hat mir in ganz vielen Aspekten gut gefallen. Ich mochte Katrina, die gleichzeitig so tough, aber auch so verletztlich ist. Ich mochte es, Stück für Stück mit Katrina ihre Vergangenheit zu erforschen, in den vielen Rückblenden zu erfahren, wie Katrina zu der liebenswerten Frau wurde, die sie jetzt ist. Die Geschichte hält einige spektakuläre Wendungen für den Leser parat, so dass es schwer fällt, das Buch auch nur für einen kurzen Moment beiseite zu legen.

Wie oben schon angedeutet gibt es in den Büchern von Antje Wagner oft noch eine zweite Ebene, eine mystische, nicht ganz reale Erzählperspektive. Zum Beispiel in „Unland“ oder „Vakuum“ hat mir diese zweite Sichtweise wirklich gut gefallen. In „Hyde“  konnte ich damit nicht so viel damit anfangen, sie hat mein Lesevergnügen allerdings auch nicht geschmälert.

„Hyde“ ist das neue, literarisch hochwertige Jugendbuch der sympathischen Autorin Antje Wagner. Die spannend und sehr einnehmend erzählte Geschichte konnte mich voll und ganz in ihren Bann ziehen, obwohl mir persönlich die leicht mystische Handlungsebene der Geschichte nicht komplett gefallen hat. Antje Wagner weiß mit Worten umzugehen und eine Atmosphäre zu schaffen, die ihre Leser nicht loslässt. Ich vergebe insgesamt 8 von 10 Sternen!

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Hyde – Antje Wagner – Hardcover – 408 Seiten – 17,95 € – ISBN: 978-3-407-75435-6 – erschienen: Juli 2018 (Beltz)

[Rezension] „Das Siegel von Rapgar“ von Alexey Pehov

csm_produkt-11961_e059dade5eTill er’Cartya treibt nur eines an: Er will den wahren Mörder finden. Den Mann, für den er damals unschuldig ins Gefängnis gewandert ist. Der Mann, der wirklich den Mord begangen hat, für den Till vor etwa sieben Jahren verurteilt wurde.

Eines Tages trifft er auf eine junge Frau namens Erin, die von mehreren Männern verfolgt wird. Till versucht, Erin zu verteidigen und gerät damit nicht nur wieder in den Fokus der Squagen Chause (der Polizei in Rapgar), sondern scheinbar auch in den Fokus von Erins Verfolgern. Wer ist diese geheimnisvolle und schöne Frau, die so schnell wieder verschwindet, dass Till nur der Gedanke an sie bleibt? Und warum wird sie wirklich verfolgt?

Till macht sich in seiner Heimatstadt Rapgar auf die Suche nach Erin, die er nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Doch Rapgar ist derzeit alles andere als ein sicheres Pflaster, wird es doch wieder und wieder von dem brutalen Dunkelschlächter heimgesucht …

Wer ein Buch von Alexey Pehov liest, muss sich auf einiges einlassen: Es wimmelt nur so von unbekannten Kreaturen. So leben in Rapgar, einer Stadt zwischen Magie und technischem Fortschritt, zum Beispiel Murzer (Katzenwesen), Kagas (die laut Pehov wie fette Maulwürfe aussehen), das kleine Volk, Amnes (magische Wesen, die in unbelebte Gegenstände wie einen Spazierstock gebannt wurden) oder Haplopelmas (riesige Wächterspinnen, igittt!). Ich mag es, dass Pehov sich nicht an die gängige Fantasy-Bevölkerung (Zwerge, Elfen, Trolle usw. hält), trotzdem fällt der Einstieg in eine neue Welt des russischen Autors immer etwas schwer.

„Das Siegel von Rapgar“ scheint ein Einzelband zu sein, was wirklich schade ist, denn gerade auf den letzten hundert Seiten hatte ich das Gefühl, so richtig in der Geschichte zu sein. Ich muss gestehen: Anfangs habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt, das Buch abzubrechen, aber HALLO? Es ist Pehov, einer meiner Lieblingsautoren.

Wie mir das Buch tatsächlich gefallen hat, kann ich schwer sagen: Am Anfang war es mir zu kompliziert und etwas träge, in der Mitte konnte es mich nicht immer ganz fesseln und die letzten hundert Seiten habe ich verschlungen. Ich bin mir aber sicher: Wenn ich die Chance hätte, ein weiteres Abenteuer mit Till er’Cartya und seinen beiden Amnes, dem sehr redseligen Spazierstock Stephan und der etwas blutrünstigen Klinge Angel, zu verbringen, würde ich sofort zugreifen! 7 von 10 Sternen!

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Das Siegel von Rapgar – Alexey Pehov – Klappbroschur – 592 Seiten – 17,00 € – ISBN 978-3-492-70273-7 – erschienen: April 2018 (Piper) – Übersetzung: Christiane Pöhlmann

[Rezension] „Vielleicht passiert ein Wunder“ von Sara Barnard

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„Wie viele Wörter hast du heute gesagt?“
Ich überlege: „Weniger als zwanzig, mehr als zehn.“ (S. 28)

Steffi ist stumm – zumindest meistens. Sie hat eine schwere soziale Angststörung, die sich in einer Form des selektiven Mutismus äußert. Steffi kann nur schwer mit fremden Personen oder in großen Gruppen reden. An ihrem ersten Tag in der Oberstufe wird ihr ein neuer Schüler vorgestellt: Rhys. Rhys ist gehörlos und kommuniziert in Gebärdensprache, die Steffi auch ein wenig beherrscht.

So anders und doch so gleich: Steffi und Rhys haben beide Probleme, sich mit anderen zu unterhalten. Doch tatsächlich verstehen sich die beiden gut: tagsüber in der Schule mithilfe der Gebärdensprache, abends dann über Nachrichten. Die beiden werden Freunde – und bald wird klar: Steffi mag Rhys. Und Rhys mag auch Steffi.

Die Geschichte, die hinter „Vielleicht passiert ein Wunder“ steckt, ist wunderschön. Und zum Glück völlig untypisch für eine Liebesgeschichte in einem Jugendbuch. Es gibt kein künstliches Hin und Her. Nicht nur dem Leser, sondern auch den beiden Hauptfiguren ist schnell klar, dass sie zusammengehören – zumindest für den Moment. Und so darf man teil haben an den ersten vorsichtigen Momenten der Annäherung, den ersten Begegnungen mit den Eltern, den ersten Unsicherheiten, den ersten Abenteuern, die die beiden gemeinsam erleben.

„Ich lehne mich an ihn, schmiege den Kopf an seine Brust, schließe die Augen. Für eine Umarmung muss niemand hören oder sprechen können.“ (S. 414)

Und obwohl die Liebesgeschichte sicherlich den größten Teil der Handlung ausmacht, gerät die Besonderheit der beiden Hauptfiguren nie in den Hintergrund. Insbesondere Steffis Entwicklung steht im Fokus: Sie gewinnt im Laufe der Geschichte immer mehr an Selbstsicherheit. Doch wer ist sie eigentlich, wenn sie sprechen kann?

Ich habe „Vielleicht passiert ein Wunder“ unglaublich gerne gelesen. Es birgt eine so liebevoll erzählte Geschichte um liebenswerte Hauptfiguren. Eine absolute Leseempfehlung! 9 von 10 Sternen!

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Vielleicht passiert ein Wunder – Sara Barnard – Hardcover – 416 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-7373-5560-5 – erschienen: Mai 2018 (Sauerländer) – Übersetzung: Ilse Layer