[Rezension] „Auf der richtigen Seite“ von William Sutcliffe

Klappentext:

Joshua lebt mit seiner Mutter und seinem Stiefvater in Amarias, einer künstlich errichteten Siedlung, an deren Rand eine schwerbewachte Mauer verläuft. Joshua hat gelernt, dass hinter der Mauer der Feind lebt, der Tag für Tag darauf lauert, die Siedler zu töten. Und dass die Mauer ihn und sein Volk beschützt.
Doch eines Tages findet Joshua einen Tunnel, der unter der Mauer hindurchführt. Er weiß, dass er so schnell keine Gelegenheit mehr bekommen wird, einen Blick auf die andere Seite zu werfen. Die Versuchung ist zu groß. Und von dem Moment an, als Joshua seinen Kopf aus dem Tunnel streckt, ist sein Leben nicht mehr so, wie es vorher war. (Quelle)

Meine Meinung:

Joshua ist schon lange unglücklich in Amarias, der künstlichen Siedlung, in der er seit dem Tod seines Vaters gemeinsam mit seiner Mutter und seinem hasserfüllten Stiefvater leben muss: Mit den Jungen aus seiner Schule kommt er nicht gut zurecht, mit seinem Stiefvater gerät er ständig aneinander und die Stadt an sich wirkt so wenig lebendig. Auf seiner Seite der Mauer patroullieren ständig Soldaten und was auf der anderen Seite ist, weiß er gar nicht so genau.
Als er eines Tages durch Zufall einen Tunnel entdeckt, der unter der Mauer durchführt, zögert Joshua nur kurz – und klettert dann durch den Tunnel. Auf der anderen Seite wirkt alles, obwohl es viele zerstörte und plattgewalzte Gebäude gibt, irgendwie lebendiger. Als er vor einer Jungenbande fliehen muss, erhält Joshua unerwartet Hilfe von einem Mädchen der anderen Seite. Komisch, dabei ist sie doch eigentlich böse und der Feind – oder doch nicht?

„Wann hörst du endlich auf mit diesem Blödsinn? Du weißt ganz genau, wer unsere Leute sind. Du und ich und Menschen wie wir. Unsere Freunde.“
„Aber ich habe Freunde auf der anderen Seite der Mauer. Und es gibt Menschen auf dieser Seite der Mauer, die ich hasse. Es wohnt jemand in diesem Haus, den ich hasse. Also wer sind dann meine Leute? Sag es mir.“
(S. 275)

Amarias ist eine fiktiv, genauso wie die dortige Mauer und doch weist der Autor selbst in einem Nachwort auf den Vergleich mit der Westbank im Westjordanland hin, die die Israelis von den Palästinensern trennt. Die Art und Weise, wie Sutcliffe diese Thematik aufgreift, Joshuas Sicht auf die Welt und die beiden Seiten der Mauer finde ich sehr gelungen. Der erst 13jährige Junge hat einen offenen und unvoreingenommenen Blick auf die Menschen in seinem Umfeld und beurteilt sie nach dem, was sie tun, und nicht danach, auf welcher Seite der Mauer sie leben. Der deutsche Titel für dieses Jugendbuch „Auf der richtigen Seite“ (engl. „The Wall“) finde ich gelungen provozierend. Gibt es eine richtige Seite?

Neben dieser Fragestellung geht es in dem Buch vor allem auch um Joshuas Entwicklung und die Abgrenzung von Liev, seinem Stiefvater. Immer wieder muss Joshua mit seinen Aggressionen und seinem Hass gegenüber allem, was nicht in Lievs Weltbild passt, umgehen und lernt erst langsam, sich gegen den so dominanten Stiefvater durchzusetzen. Auch Joshuas Mutter spielt in all ihrer Passivität eine große Rolle in der Geschichte.

William Sutcliffe behandelt in „Auf der richtigen Seite“ zwei sehr spannende Themen und verknüpft diese gekonnt miteinander. Joshua ist ein toller, vielleicht für sein Alter etwas zu reifer, Ich-Erzähler, der eine unheimlich starke Entwicklung durchmacht und für das einsteht, an das er glaubt. Überzeugend und unaufgeregt beschreibt der Autor das Leben eines Jugendlichen, der nicht gewillt ist, die Welt nur schwarz-weiß wahrzunehmen. 8 von 10 Sternen!

stern 8

„Auf der richtigen Seite“ war 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Hier gibt es Unterrichtsmaterial zu dem Buch.

Auf der richtigen Seiten – William Sutcliffe – Hardcover mit SU – 352 Seiten – 16,99 € – ISBN:  978-3-499-21231-4 – erschienen: September 2014 (Rowohlt) – Übersetzung: Christiane Steen

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[Rezension] „Wer hat Angst vor Jasper Jones“ von Craig Silvey

Wer hat Angst vor Jasper JonesKlappentext:

Laura Wishart ist fort. Ein für alle Mal. Sie wurde auf einer seltsamen Lichtung getötet, die nur Jasper Jones bekannt ist. Und ich habe sie dort hängen sehen.

Australien 1965. Mitten in der Nacht wird der 13-jährige Charlie Bucktin vom Klopfen an seinem Fenster geweckt. Draußen steht Jasper Jones, der Außenseiter der kleinen Stadt Corrigan und zugleich ein unbestimmter Held für Charlie. Jasper bittet ihn um Hilfe, und so stiehlt sich Charlie mit ihm durch den nächtlichen australischen Busch – voller Angst, aber auch voller Abenteuerlust. Auf einer geheimen Lichtung wird Charlie Zeuge von Jaspers schrecklicher Entdeckung. Mit diesem beklemmenden Geheimnis in seinem Herzen durchlebt Charlie eine Zeit der Angst, der falschen Verdächtigungen – und des Erwachens.
In einem einzigen drückend heißen Sommer, in dem sich Charlies Leben für immer verändert, wird er lernen, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden und sich vor Gerüchten zu fürchten wie vor einem Fluch. (Quelle)

Meine Meinung:

„Wer hat Angst vor Jasper Jones“ versucht mit großen Büchern mitzuhalten , allen voran mit dem Klassiker „Wer die Nachtigall stört„. In Grundzügen gelingt das auch. Auch hier geht es um große Gefühle und große Themen wie Freundschaft, Familie, Rassismus und Vorurteile. Trotzdem konnte mich die Geschichte nicht ganz so begeistern wie das große Vorbild. Woran genau das liegt, kann ich gar nicht sagen, vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch. Denn erzählen kann Craig Silvey, auch die Atmosphäre hat mir gut gefallen.

Die wahren Highlights sind aber in meinen Augen die Dialoge zwischen Charlie und seinem besten Freund Jeffrey (meine heimliche Lieblingsfigur). Die beiden gehen genauso miteinander um, wie es Jugendliche in diesem Alter eben tun. Sie necken sich, sie versuchen sich mit Sprüchen gegenseitig zu übertrumpfen und doch sind sie immer füreinander da.

Vielleicht ist es genau das, was mich im Nachhinein etwas irritiert: Der Klappentext suggeriert, dass es um die Freundschaft zwischen Charlie und Jasper Jones geht und um das verbindende Geheimnis. Doch eigentlich kennen sich die beiden kaum. Ja, sie kommen sich im Verlauf der Geschichte näher, aber dies ist nichts im Vergleich zur engen Freundschaft zwischen Charlie und Jeffrey.

Abschließend: „Wer hat Angst vor Jasper Jones“ ist ein gutes Buch, das durch seine gelungenen Dialoge und den Facettenreichtum überzeugen kann. Es behandelt wichtige Themen und zeichnet ein realistisches Bild Australiens der 60er Jahre. Und doch hatte ich von dem Buch etwas anderes erwartet, weswegen ICH nur 7 von 10 Sternen vergebe.

stern 7

„Wer hat Angst vor Jasper Jones“ wurde 2013 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Wer hat Angst vor Jasper Jones – Craig Silvey – Hardcover mit SU – 416 Seiten – 16,95 € – ISBN 978-3-499-21613-8  – erschienen: September 2012 (Rowohlt) – Altersempfehlung: 14-17 Jahre

[Rezension] „Der Mann, der kein Mörder war“ von Hjorth & Rosenfeldt

Der Mann, der kein Mörder warReiheninfo:

  1. „Der Mann, der kein Mörder war“
  2. „Die Frauen, die er kannte“
  3. „Die Toten, die niemand vermisst“

Klappentext:

In einem Waldstück bei Västerås entdecken Kinder die Leiche eines Jungen –brutal ermordet, mit herausgerissenem Herzen. Der Tote ist schnell identifiziert: Roger war Schüler eines Elitegymnasiums und seit Tagen vermisst.

Die Polizei vor Ort ist überfordert, und so reist der Stockholmer Kommissar Höglund mit seinem Team in die Provinz. Dort trifft er überraschend einen alten Bekannten: Sebastian Bergman, ein brillanter Kriminalpsychologe und berüchtigter Kotzbrocken. Seit Bergman Frau und Tochter bei einem Unglück verlor, hat man kaum noch von ihm gehört. Nun bietet er Höglund seine Hilfe an. Das Team zeigt sich wenig begeistert. Doch schon bald ist der hochintelligente Bergman unverzichtbar. Denn in dem kleinen Städtchen Västerås gibt es mehr als eine zerstörte Seele … (Quelle)

Meine Meinung:

Eigentlich lese ich im Moment gar keine Krimis oder Thriller. Doch als ich neulich im Buchladen stand und dort eine Frau nach einem Krimi fragte, der so ähnlich sei wie die von Stieg Larsson, wurde ich doch hellhörig und kaufte schließlich das gleiche Buch: „Der Mann, der kein Mörder war“ – eine Entscheidung, die ich nicht bereut habe.

„Der Mann, der kein Mörder war“ ist eines dieser Bücher, das mich gepackt und bis zum Schluss nicht wieder losgelassen hat, ohne dass ich genau sagen könnte, warum.

Einmal angefangen konnte ich einfach nicht wieder aufhören.

Das Autorenduo Hjorth und Rosenfeldt hat also alles richtig gemacht: ein interessanter Fall, spannende Ermittler und ein toller Schreibstil tragen zum Lesevergnügen bei. Einzig und allein eine Kleinigkeit am Schluss war mir zu überzufällig, aber ich kann sehr gut damit leben und bin gespannt, wie in den nächsten Bänden damit umgegangen wird.

Kurz und knapp: Wo ist die Fortsetzung? 8 von 10 Sternen!

stern 8

Der Mann, der kein Mörder war – Hjorth & Rosenfeldt – Taschenbuch – 624 Seiten – 9,99 € – ISBN 978-3-499-25670-7 – erschienen: Januar 2013 (Rowohlt)

[Rezension] „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Wer die Nachtigall störtInhalt:

Die junge, aufgeweckte Scout und ihr vier Jahre älterer Bruder Jem wachsen gemeinsam mit ihrem Vater in dem beschaulichen Ort Maycomb in Alabama auf. Während Scout, Jem und Dill, der in den Ferien immer zu Besuch kommt, ihre Zeit damit verbringen, einen Blick auf den sagenumwobenen Nachbarn Boo Radley werfen zu können, um den sich viele Gerüchte ranken und der so gut wie nie das Haus verlässt, beginnt zeitgleich ein Prozess gegen den farbigen Dorfbewohner Tom Robinson, der von Scouts und Jems Vater vertreten wird. Im Alabama der 30er Jahre herrscht noch viel Hass auf Farbige und das bekommen auch bald Scout und Jem zu spüren.

Meine Meinung:

Harper Lee hat 1961 für dieses Buch den Pulitzer-Preis bekommen. Zu Recht kann ich nur sagen. Ich habe selten ein so atmosphärisch dichtes, bewegendes Buch gelesen.

Die Autorin wirft den Leser unmittelbar in die Geschichte. Erzählerin ist die kleine Scout, die zu Anfang des Buches sechs Jahre alt ist. Lee benutzt das junge Alter und die Naivität von Scout sehr gekonnt als Stilmittel, um den Leser auf Dinge hinzuweisen, die er sonst vielleicht als selbstverständlich hingenommen hätte.

Wobei „Naivität“ vielleicht auch der falsche Ausdruck ist. Scout ist im Gegensatz zu z.B. Bruno aus „Der Junge im gestreiften Pyjama“ für ihr Alter ziemlich clever, manchmal sogar etwas zu naseweis und altklug. Ihre Art hat mich oft zum Schmunzeln gebracht. Durch ihre Erzählung und die von ihr präsentierten kleinen Anekdoten wird die Geschichte ein ums andere Mal aufgelockert und bekommt die notwendige Leichtigkeit, die den Leser durch die Geschichte trägt.

Auch die anderen Charaktere des Buches sind unheimlich facettenreich und glaubwürdig geschildert. Für mich war besonders Atticus, der Vater von Scout und Jem, der Held der Geschichte: ein Mann, voller Moral, Werte, Liebe und Verständnis für seine Mitmenschen, der auch bereit ist, dies öffentlich zu vertreten.

Doch ist dieses Buch nicht nur fröhlich, leicht und zum Schmunzeln. Viele Ereignisse haben mich mehr als einmal schlucken lassen und mir die Tränen in die Augen getrieben. Die Autorin schafft es meiner Meinung nach sehr gut mit wenig Effekthascherei und Drama größtmögliche Gefühle zu erzeugen. Das ernste Thema „Rassismus“ wird gekonnt mit der Geschichte verflochten.

Mich hat „Wer die Nachtigall stört“ rundum überzeugt. Eine Geschichte, die gleichzeitig glücklich und nachdenklich macht, die mir einen Teil der amerikanischen Geschichte auf geschickte und unterhaltsame Weise vor Augen geführt hat. Ein Klassiker, der mit gutem Grund so genannt werden kann. Ein Buch, das die volle Anzahl an Sternen verdient hat.

stern 10

Wer die Nachtigall stört – Harper Lee – Taschenbuch – 416 Seiten – 9,95 € – ISBN-13: 978-3499142819 – erschienen: November 1978 (rororo) (andere Ausgabe als das abgebildete Cover)

[Rezension] „Der geheime Basar“ von Ron Leshem

Der geheime BasarInhalt:

Der junge Kami, aufgewachsen in einem Dorf im Iran, strebt danach in Teheran das wahre Leben kennenzulernen. Er und sein bester Freund wollen als bald möglich in die große Stadt ziehen und dort all das erleben, was es im Dorf nicht zu erleben gibt. Denn sie nennen sich selbst Erfahrungssammler.

Doch kurz vor der Abreise beschließt Amir, der Freund von Kami, doch nicht mitzureisen, so dass Kami allein bei seiner etwas exzentrischen Tante Zahra leben muss, die nach einem gesetzlichen Umbruch im Iran nicht mehr als der Star, der sie mal war, auftreten darf. Während seines Studiums lernt Kami die berühmte Rennfahrerin Nilufar kennen und mit ihr all die Laster, die das Leben bereit hält: Drogen, Liebe, Sex, revolutionäre Gedanken.

Meine Meinung:

Wenn ich Rezensionen zu einem Buch lese, interessieren mich in erster Linie die Fragen: Ist dieses Buch lesenswert? Sollte ich dieses Buch lesen? Ist das Buch ein gutes Buch?

Doch was macht ein gutes Buch aus und treffen die Kriterien auf „Der geheime Basar“ zu?

Wenn sich ein gutes Buch dadurch auszeichnet, dass es ein wahrer Pageturner ist und man als Leser nicht anders kann, als dieses Buch in wenigen Stunden zu verschlingen, dann muss ich sagen: „Nein, „Der geheime Basar“ ist kein gutes Buch.

Das Buch liest sich nicht leicht. Ist so voll von Informationen, Bildern und Worten, dass ich immer nur wenige Seiten pro Tag lesen konnte, außerdem passieren alle Dinge scheinbar nur beiläufig. Es gibt keinen wirklichen Sapnnungsbogen.

Wenn ein gutes Buch allerdings dadurch gekennzeichnet ist, dass es durch seine Charaktere lebt, dann, ja, dann ist dieses Buch schon eher lesenswert. So viele verschiedene Personen, die jeder für sich genommen, tolle Eigenschaften haben und den Leser auf seine Reise nach Teheran begleiten. In ihren Charakterzügen genauso unterschiedlich wie die Menschen in jedem Land nun mal sind. Und genau diese Variation an Meinungen, Erfahrungen und Geschichten können dem Leser die Mannigfaltigkeit des Landes, der Kultur und der Religion überzeugend vermitteln. Allen voran natürlich der Ich-Erzähler, der durch sein Bemühen über alles nachzudenken und alles verstehen zu wollen, einige Denkanstöße gibt. Allerdings sind mir die Personen zu deutlich verschiedenen Menschentypen und ihren Eigenschaften zuzuordnen.

Und wenn sich nun zu guter letzt ein gutes Buch dadurch auszeichnet, dass es den Leser beim Lesen stocken lässt, zum Nachdenken und Philosophieren anregt, dann ist „Der geheime Basar“ sicherlich ganz weit vorne zu nennen. Interessanterweise berichtet dieses Buch einerseits ganz einfach und simpel vom Leben. Vom Leben in Teheran. Vom Leben in einer muslimischen Stadt. Dann wiederum ist dieses Buch viel mehr als eine bloße Wiedergabe von Geschehnissen. Es wirft Fragen auf, zeigt unterschiedliche Standpunkte und beschäftigt sich in einer absoluten Aktualität mit der Frage nach islamischen Glaubensausprägungen. Was mir hierbei wirklich am allerbesten gefiel ist die Tatsache, dass Ron Leshem deutlich macht: Es gibt nicht DEN Islam. Genau wie in anderen Religionen variiert die Art und Intensität des Glaubens, die Nähe zu den religiösen Geboten und die Offenheit gegenüber anderen Menschen.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mich mit dem Lesen dieses Buches schwer getan habe. Ich hatte eine Geschichte und einen Schreibstil erwartet, der in die Richtung von „Das Gleichgewicht der Welt“ von Rohinton Mistry geht. Vorgefunden habe ich ein schwer lesbares Buch, das mich wenig unterhalten hat. Aber ich denke, dass es dem Autor beim Schreiben auch nicht um Unterhaltung an sich ging. Ich vermute, es ging Ron Leshem darum, eine gewisse Stimmung im Iran aufzufangen und darzustellen, die deutlich macht, wie unterschiedlich die Meinungen der Menschen zur Verwestlichung, zum Koran und zum islamischen Glauben an sich sind.

Ich persönlich kann dem Buch nur 4 von 10 Sternen geben, spreche aber dennoch eine Leseempfehlung für diejenigen aus, die ein Buch (vielleicht aus Zweitbuch) über mehrere Wochen hinweg lesen, dabei in eine andere Welt abtauchen und zum Philosophieren angeregt werden wollen.

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Der geheime Basar – Ron Leshem – Hardcover mit Schutzumschlag – 448 Seiten – 22, 95 € – ISBN-13: 978-3871346934 – erschienen: März 2011 (Rowohlt)

[Rezension] „Wasser für die Elefanten“ von Sara Gruen

Wasser für die ElefantenInhalt:

Jacob steht gerade kurz vor seiner Abschlussprüfung zum Tierarzt, als seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Voller Trauer muss er sein Studium abbrechen und landet durch Zufall bei einem Zirkus. Sofort als er sie das erste Mal sieht, ist Jakob fasziniert von der Kunstreiterin Marlena. Diese scheint seine Sympathie zu erwidern, aber sie ist mit dem unberechenbaren Dompteur verheiratet, Jacobs Vorgesetztem.

Als die Elefantendame Rosie zum Zirkus dazukommt, kann nur Jacob ihr Geheimnis entlocken und alles scheint sich zum Guten zu wenden – bis das Unglück naht!

Meine Meinung:

 „Wasser für die Elefanten“ ist wirklich hohe Schreibkunst. Schon auf der ersten Seite, nach dem ersten Abschnitt ist man mittendrin im Buch. Der Autorin gelingt es wirklich grandios, den Leser mitten in die Szene zu ziehen. Man meint selber das abgestandene Bratenfett der Hamburgerbude zu riechen, die Menschen mit Zuckerwatte an einem vorbeilaufen zu sehen und das Scharren von Pferdehufen zu hören.

Die Geschichte enthält die Handlung in der Gegenwart, die nur wenige Tage umfasst: der mittlerweile 90jährige Jacob (oder auch 93jährige, im Alter ist das nicht mehr wichtig) sitzt im Altersheim und erzählt von seiner Zeit beim Zirkus – die Handlung in der Vergangenheit. Meistens ist es bei Büchern, die zwei Handlungsstränge enthalten, bei mir so, dass ich einen Handlungsstrang (entweder die Gegenwart oder die Vergangenheit) lieber mag. Bei diesem Buch war es nicht so, ich habe mich immer auf den jungen und auf den alten Jacob gefreut, denn beide sind einfach liebenswert.

Insgesamt also ein wirklich tolles Buch für Jedermann. Da mir aber ein kleiner Teil des Endes, bzw. die Auflösung einer Unklarheit hat mir nicht gut gefallen, da sie mir zu schwarz-weiß gezeichnet ist. Deswegen gibt es einen Punkt Abzug und das Buch bekommt 9 von 10 möglichen Punkten.

stern 9

[Rezension] „Ostrich Boys“ von Keith Gray

OstrichBoysInhalt:

Ross, Blake, Kenny und Sim sind die besten Freunde. Doch nun ist Ross tot. Die Beerdigung, die seine Eltern für ihn ausgerichtet haben, war Ross nicht würdig, finden seine Freunde. Also beschließen sie, Ross seinen großen Traum zu erfüllen. In Schottland gibt es einen kleinen Ort namens Ross, den ihr Freund immer mal besuchen wollte, um sich selbst zu finden. Kurzerhand kidnappen die drei verbliebenen Freunde die Urne ihres Freundes und wollen Ross nach Ross bringen. Doch die Reise gestaltet sich natürlich schwieriger als erwartet. Während ihrer Tour sind die drei Freunde gezwungen, sich über Ross, seinen Tod, ihre Freundschaft und das eigene Dasein Gedanken zu machen.

Meine Meinung:

Auf die Empfehlung einer lieben Freundin und Buchhändlerin hin habe ich mir dieses Jugendbuch, das vor allem Jungen anspricht, gekauft. Im Oktober habe ich ja einige Jugendbücher gelesen, in der Hoffnung welche zu finden, die auch für ältere Jungen geeignet sind. „Ostrich Boys“, das eben die Reise der drei Freunde nach Ross, aber auch ein Stück weit die Reise zu sich selbst, behandelt, ist durchaus ein empfehlenswertes Buch: unterhaltsam, lustig geschrieben und durch die drei sehr verschiedenen Charaktere voll mit unterschiedlichen Identifikationsfiguren.

Vor allem an den Stellen, an denen dem Ich-Erzähler Blake bewusst wird, dass sein bester Freund Ross nicht mehr zurückkommt, hat der Autor mich sich berührt, denn er trifft genau die Empfinden, die mich manchmal erreichen, wenn ich zum Beispiel an meine verstorbene Oma denken muss.

„Ich spürte – von neuem – einen Stich, als mir bewusst wurde, dass wir von einem Toten redeten. Dieses Bewusstwerden schlich sich immer wieder in neuer Gestalt an. Und manche waren schmerzhafter als andere.

Die hier war für mich vielleicht die schmerzhafteste. Sie erinnerte mich daran, dass unsere Geschichten über Ross von jemandem handelten, der nicht mehr da war und auch keine Geschichten mehr machte, die wir erzählen konnten. Nie mehr.“ (S. 137)

Trotz dieser wirklich vielen positiven Aspekten fehlte mir in der Handlung der wahre Höhepunkt, die wahre Auflösung der Handlung. Die Geschichte ebbt meiner Meinung nach zum Schluss einfach so ab und verläuft sich still und heimlich zur letzten Seite. Dies mag vielen Lesern, die Freunde der stillen Töne sind, gefallen. Mir war es etwas zu wenig.

Deswegen gebe ich 7 von 10 Sternen.

stern 7