[Rezension] „Vielleicht passiert ein Wunder“ von Sara Barnard

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„Wie viele Wörter hast du heute gesagt?“
Ich überlege: „Weniger als zwanzig, mehr als zehn.“ (S. 28)

Steffi ist stumm – zumindest meistens. Sie hat eine schwere soziale Angststörung, die sich in einer Form des selektiven Mutismus äußert. Steffi kann nur schwer mit fremden Personen oder in großen Gruppen reden. An ihrem ersten Tag in der Oberstufe wird ihr ein neuer Schüler vorgestellt: Rhys. Rhys ist gehörlos und kommuniziert in Gebärdensprache, die Steffi auch ein wenig beherrscht.

So anders und doch so gleich: Steffi und Rhys haben beide Probleme, sich mit anderen zu unterhalten. Doch tatsächlich verstehen sich die beiden gut: tagsüber in der Schule mithilfe der Gebärdensprache, abends dann über Nachrichten. Die beiden werden Freunde – und bald wird klar: Steffi mag Rhys. Und Rhys mag auch Steffi.

Die Geschichte, die hinter „Vielleicht passiert ein Wunder“ steckt, ist wunderschön. Und zum Glück völlig untypisch für eine Liebesgeschichte in einem Jugendbuch. Es gibt kein künstliches Hin und Her. Nicht nur dem Leser, sondern auch den beiden Hauptfiguren ist schnell klar, dass sie zusammengehören – zumindest für den Moment. Und so darf man teil haben an den ersten vorsichtigen Momenten der Annäherung, den ersten Begegnungen mit den Eltern, den ersten Unsicherheiten, den ersten Abenteuern, die die beiden gemeinsam erleben.

„Ich lehne mich an ihn, schmiege den Kopf an seine Brust, schließe die Augen. Für eine Umarmung muss niemand hören oder sprechen können.“ (S. 414)

Und obwohl die Liebesgeschichte sicherlich den größten Teil der Handlung ausmacht, gerät die Besonderheit der beiden Hauptfiguren nie in den Hintergrund. Insbesondere Steffis Entwicklung steht im Fokus: Sie gewinnt im Laufe der Geschichte immer mehr an Selbstsicherheit. Doch wer ist sie eigentlich, wenn sie sprechen kann?

Ich habe „Vielleicht passiert ein Wunder“ unglaublich gerne gelesen. Es birgt eine so liebevoll erzählte Geschichte um liebenswerte Hauptfiguren. Eine absolute Leseempfehlung! 9 von 10 Sternen!

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Vielleicht passiert ein Wunder – Sara Barnard – Hardcover – 416 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-7373-5560-5 – erschienen: Mai 2018 (Sauerländer) – Übersetzung: Ilse Layer

 

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[Rezension] „Klar ist es Liebe“ von Sandy Hall

Klappentext:

Lea und Gabe wären das perfekte Paar. Das erkennen alle um sie herum: der beste Freund, die Mitbewohnerin, ja sogar der Busfahrer und die Starbucks-Bedienung. Sie haben denselben College-Kurs belegt, sie bestellen das gleiche Essen, die mögen dieselben Filme. Aber obwohl die Luft zwischen ihnen knistert und alle Vorzeichen stimmen, scheinen sie den richtigen Augenblick immer zu verpassen. Werden Lea und Gabe es schaffen, trotzdem zueinanderzufinden? (Quelle)

Meine Meinung:

„Mir fallen besonders die beiden Schnuckelchen auf, die sich die ganze Zeit schöne Augen machen, wenn sie glauben, dass niemand es mitbekommt. Aber sobald der andere den Blick bemerkt, sehen sie weg.
Das ist so goldig, dass ich immer wieder zu ihnen hinsehen muss.“ (S. 29)

Auch Maxine, die über siebzig Jahre alte Kellnerin in einem Diner nahe des Colleges, merkt, dass Lea und Gabe ineinander verliebt sind und perfekt zueinander passen. Das merken übrigens alle, nur eben die beiden selbst nicht.

„Klar ist es Liebe“ erzählt die Liebesgeschichte zwischen Lea und Gabe, aber eben aus dem Blickwinkel anderer Personen (und Dinge). So erlebt man die Handlung aus der Sichtweise von Gabes Bruder oder Leas Mitbewohnerin, der Dozentin des Literaturkurses oder der Parkbank. Als ich vor dem Lesen gehört habe, wie das Buch und eben die Erzählweise aufgebaut ist, war ich total fasziniert. Das klang spannend und anders. Letztendlich ist das aber weniger spektakulär umgesetzt, als ich es vorher erwartet hatte. Da Lea und Gabe beide recht mitteilsam sind, weiß man doch zu jeder Zeit, was sie voneinander halten, fühlen und denken.

Und trotzdem ist das Buch ein perfektes Sonntags-Wohlfühlbuch: Die Geschichte ist, auch wenn sie an sich nichts besonderes ist, wirklich nett und es hat schon seinen Charme, sie zum Beispiel von einem Eichhörnchen oder von einem grummeligen Mitstudenten erzählt zu bekommen, der von den ständigen verliebten Blicken und den unbeholfenen Flirtversuchen mehr als genervt ist.

„Klar ist es Liebe“ ist nicht ganz so besonders, wie ich es vor dem Lesen erwartet habe. Und trotzdem habe ich es, gemütlich eingekuschelt in eine Decke, an einem Sonntagmorgen in einem Rutsch durchgelesen. Die Geschichte wird mir zwar nicht noch Jahre lang im Kopf herumschwirren, aber sie hat mir einige schöne Lesestunden beschert. Knappe 8 von 10 Sternen!

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Klar ist es Liebe – Sandy Hall – Klappbroschur – 272 Seiten – 14,99 € – ISBN: 978-3-7373-5209-3 – erschienen: August 2015 (Sauerländer) – Übersetzung: Maren Illinger – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Flügel aus Papier“ von Marcin Szczygielski

Klappentext:

Warschau um 1942: Rafal flieht vor der grausamen Wirklichkeit des Ghettos in die Bibliothek, in die Welt der Bücher. In H. G. Wells ›Zeitmaschine‹ entdeckt er Parallelen zwischen der Realität und der im Roman beschriebenen Welt. Schließlich gelingt es seinem Großvater, Rafal aus dem Ghetto zu schmuggeln. Er versteckt sich im Warschauer Zoo. Aber die Nazis sind ihm auf der Spur … (Quelle)

Meine Meinung:

Der Holocaust – erzählt aus der Sicht eines kleinen Jungen: Das kommt sicherlich nicht nur mir bekannt vor. „Flügel aus Papier“ erinnert von der Erzählweise und eben vor allem wegen der Erzählperspektive ein wenig an „Der Junge im gestreiften Pyjama“. Doch während Bruno dort zunächst unbeteiligt die Menschen im gestreiften Pyjama hinter dem Zaun beobachtet, ist Rafal mittendrin:

„Es soll früher einmal gar nicht so wichtig gewesen sein, woran jemand glaubte oder welche Farbe seine Haut, seine Haare und seine Augen hatten. Es zählte nur, was er für ein Mensch war.“ (S. 27)

Seine Erzählung beginnt zunächst eher harmlos: Bruno lebt mit seinem Großvater im Ghetto, was ihm anfangs aber noch nicht bewusst ist, er liest gerne und ärgert sich, wenn ihm die Damen in der Bibliothek nur Kinderbücher verleihen. Ganz beeindruckt ist er dann von „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells. Dieses Buch wird im Laufe der Erzählung noch ein wichtigen Part einnehmen, gelingt es Rafal doch sich mit Hilfe der Zeitmaschine vor den Nazis zu retten. Der Autor verknüpft an dieser Stelle die Vergangenheit mit der Gegenwart. Dieses unrealistische Element hat mir erstaunlich gut gefallen, ich hätte es mir sogar noch intensiver gewünscht.

Intensiv ist für mich ein gutes Stichwort, denn mir fehlte während des Lesens allgemein die Tiefe. Natürlich bewegt dieses Buch schon allein aufgrund seiner Thematik, aber ich hätte mir gewünscht, noch öfter mitgerissen zu werden und emotional komplett dabei zu sein. Ich habe das Buch gerne gelesen, mochte einige Zitate wie das oben auch besonders gerne, aber war einfach recht unbeteiligt während des Lesens. Hier wäre definitiv noch mehr möglich gewesen.

„Flügel aus Papier“ erzählt die Flucht des Jungen Rafal vor den Nazis. Realistische Erzählungen werden hierbei mit einigen wenigen science-fictionhaften Elementen verknüpft, die Vergangenheit mit der Gegenwart. Dies gelingt dem Autor so gut, dass ich mir mehr davon gewünscht hätte. Insgesamt war mir die Erzählung der Geschichte allerdings nicht intensiv genug, ich war emotional kaum beteiligt. Ich vergebe knappe 7 von 10 Sterne und bin sehr auf andere Meinungen gespannt.

stern 7

Flügel aus Papier – Marcin Szczygielski – Hardcover – 288 Seiten – 13,99 € – ISBN: 978-3-7373-5212-3 – erschienen: Februar 2015 (Sauerländer) – Altersempfehlung: ab 10 Jahren

[Rezension] „Mein Herz und andere schwarze Löcher“ von Jasmine Warga

Klappentext:

Wenn dein Herz sich anfühlt wie ein gähnendes schwarzes Loch, das alles verschlingt, welchen Sinn macht es dann noch, jeden Morgen aufzustehen? Aysel will nicht mehr leben – sie wartet nur noch auf den richtigen Zeitpunkt, sich für immer zu verabschieden. Als sie im Internet Roman kennenlernt, scheint er der perfekte Komplize für ihr Vorhaben zu sein. Und während die beiden ihren gemeinsamen Tod planen, spürt Aysel, wie sehr sich auf die Treffen mit Roman freut, wie hell und leicht ihr Herz sein kann. Und plötzlich ist der Gedanke, das alles könnte ein Ende haben, vollkommen unerträglich … Aysel beginnt zu kämpfen. Um ihr Leben. Um sein Leben. Und um ihre gemeinsame Liebe. (Quelle)

Meine Meinung:

„Mein Herz und andere schwarze Löcher“ wurde mir von einer befreundeten Buchhändlerin nicht nur empfohlen, sondern sogar wärmstens ans Herz gelegt. Danke dafür!

Die Geschichte, die erzählt wird, ist genauso traurig wie schön: Aysel ist erst sechzehn, aber möchte nicht mehr leben. Ihr Vater ist ein verurteilter Mörder, alle sehen sie immer so komisch an und Aysel hat Angst, dass etwas von ihrem Vater auch in ihr steckt. Aus diesem Grund treibt sie sich während der Arbeitszeit oft in Selbstmordforen rum, sucht dort nach einem Selbstmordpartner – und wird fündig: Roman ist siebzehn Jahre alt und hat, wie er findet, auch einen triftigen Grund sich umzubringen.
Die beiden verbringen immer mehr Zeit miteinander und Aysel fängt langsam an, mehr für Roman zu empfinden: Gefühle, die nicht ein Mal die schwarze Qualle in ihrem Bauch (so nennt Aysel die Depression) auffressen kann. Wäre da nur nicht die Forderung von Roman: Aysel soll bei dem gemeinsamen Selbstmord nur nicht kneifen…

Die Geschichte liest sich, so ernst und traurig sie stellenweise auch ist, total leicht und schnell. Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen – und damit meine ich komplett in einem Rutsch!
Meiner Meinung nach trifft die Autorin durch ihren Erzählstil genau auf den Punkt. Ich finde das Bild der schwarzen Qualle, die sofort alle positiven Gefühle aufsaugt und nur ein schwarzes Loch hinterlässt, sehr ausdrucksvoll für die tiefe Traurigkeit, die manche Menschen empfinden. Die Geschichte wird von Aysel selbst erzählt und auch hier hat die Autorin das richtige Mittelmaß gefunden: Weder ist der Erzählstil unglaubwürdig erwachsen noch ist er aufgesetzt jugendlich. Ich habe Aysel durchgehend abgenommen, was sie mir erzählt hat.

Besonders lesenswert ist auch das einfühlsame und bewegende Nachwort der Autorin.

„Mein Herz und andere schwarze Löcher“ ist eines dieser Bücher, die etwas wirklich besonderes sind. Es greift die Themen „Depression“ und „Selbstmordgedanken“ sensibel auf und setzt sie gekonnt um. Auch die Kombination mit der sich langsam entwickelnden Liebesgeschichte wirkt absolut überzeugend. Ich würde mich sehr freuen, das Buch im nächsten Jahr auf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis wiederzufinden. 10 von 10 Sternen!

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Mein Herz und andere schwarze Löcher – Jasmine Warga – Hardcover mit SU – 384 Seiten – 16,99 € – ISBN: 978-3-7373-5141-6 – erschienen: April 2015 (Sauerländer) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Mein Leben und andere Katastrophen“ von Kathrin Schrocke

Klappentext:

Bernadette, genannt Barnie, ist eine ganz normale 13-Jährige mit einer beeindruckenden Radiergummisammlung, einer Vorliebe für SeaLife und ein bisschen Herzweh, wenn sie an Sergej aus ihrer Klasse denkt. Das einzig Ungewöhnliche an ihr (zumindest aus Sicht der anderen): Barnie hat zwei Väter – Dad und Papa.
Das »Babyprojekt« in der Schule bringt Aufregung in Barnies beschauliches Leben: Jeweils zwei Schüler müssen gemeinsam eine Babypuppe rund um die Uhr betreuen, wie ein richtiges Kind. Als Sergej sich anbietet, der Vater von Barnies Puppe zu werden, könnte eigentlich alles perfekt sein. Eigentlich. (Quelle)

Meine Meinung:

„Ich wollte ein iPad zum 13. Geburtstag. Und alles, was ich bekam, ist dieses doofe Notizbuch.“ (S. 7)

Mit diesen Worten beginnt die unterhaltsame, aber auch stellenweise bewegende Ich-Erzählung der 13-jährigen Barnie. In ihrem Leben gibt es vor allem ein Thema: Jungen! Und dieses Thema wird noch brisanter, als in ihrer Klasse das Babyprojekt anfängt. Alle Schüler sollen sich jeweils zu zweit zusammen tun und gemeinsam ein künstliches Baby betreuen, das so programmiert ist, dass es Hunger hat, Zuwendung braucht usw. Barnie kann nicht anders: Sie lässt ihre beste Freundin, mit der sie das Babyprojekt eigentlich durchführen wollte links liegen, und tut sich mit Sergej zusammen – eigentlich sehr praktisch, denn der wohnt direkt in ihrer Nähe und hat total süße Sommersprossen – goldene!

Was für Barnie gar kein besonderes Thema ist, ist die Tatsache, dass sie zwei Väter hat. Für sie ist das völlig normal.

„Du könntest doch zum Beispiel Tagebuch schreiben! Immerhin bist du ein Mädchen, das in einer besonderen Familie lebt. In hundert Jahren lesen Schüler vielleicht im Unterricht darüber, wie dein Alltag war. Dein Alltag mit zwei Vätern.“
„Echt spannend.“ Ich gähnte leise. (S. 15)

Ich muss sagen: Ich bewundere Kathrin Schrocke! Ich kenne jetzt drei Bücher von ihr und alle drei sind so grundverschieden. Mit „Mein Leben und andere Katastrophen“ hat sie ein Buch für eine etwas jüngere Zielgruppe geschrieben, das zwar wichtige Themen wie zum Beispiel die erste große Liebe oder Toleranz behandelt, dabei aber vor allem wunderbar unterhält. Ihr Schreibstil ist absolut angemessen. Das Buch liest sich locker flockig und ich musste beim Lesen einige Male kichern.

Für mich persönlich ist dieses Buch bisher das beste von Frau Schrocke, denn ich glaube, wichtige Themen so zu verpacken, dass sie einem eigentlich gar nicht ins Auge stechen, sondern nur im Hintergrund „mitwabbern“, und ein Jugendbuch schreiben, was vor allem unterhält und lustig ist, ist unheimlich schwierig, ohne dass es besonders auffällt.

„Mein Leben und andere Katastrophen“ ist wie sein Cover: Frisch, modern und lustig! Ich habe es unheimlich gerne gelesen und war wirklich traurig, als ich mit der letzten gelesenen Seite auch die sympathische, bodenständige Barnie verlassen musste. Ohne, dass es sich aufdrängt, behandelt dieses Buch auch wichtige Themen, die jeden Jugendlichen beschäftigen: die erste Liebe, der erste Kuss, Toleranz und Schule. Ich vergebe absolut begeisterte 9 von 10 Sternen!

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Mein Leben und andere Katastrophen – Kathrin Schrocke – Hardcover – 192 Seiten – 12,99 € – ISBN: 978-3-7373-5211-6 – erschienen: März 2015 (Sauerländer) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Rezension] „Zum Glück bemerkt mich niemand … dachte ich“ von Liv Marit Weberg

Klappentext:

Was macht man, wenn man zum ersten Mal alleine wohnt, aber viel zu schüchtern ist, um mit der neuen Freiheit etwas anzufangen? Anne Lise versteckt sich erfolgreich in ihrem Schneckenhaus und lässt nicht einmal ihren Freund Tore so richtig an sich heran. Bis Tore genug davon hat und sie völlig entnervt verlässt. Bis sie ihren Studienplatz verliert. Und bis ihre Eltern ihr den Unterhalt streichen. Aber so ohne weiteres gibt Anne Lise nicht auf! Kurzerhand nimmt sie ihr Leben selbst in die Hand und sucht sich einen Job. Und dabei wird Anne Lise bemerkt und gegen ihren Willen kennengelernt. Zum Glück! (Quelle)

Meine Meinung:

Merkwürdig! Dieses Buch ist definitiv merkwürdig! Ob das gut oder schlecht ist, kann ich gar nicht so genau sagen.

Anne Lise zieht zum Studieren nach Oslo; zwar nur in eine winzig kleine Wohnung, doch das ist ihr erstmal egal, denn sie hat große Pläne.

„Mein Plan für die nächsten drei Jahre steht. Wichtige Jahre sollen es werden. Jahre, in denen ich lache und weine, mir eine Existenz aufbaue, allein oder mit jemandem zusammen (das wird die Zeit zeigen, denke ich).“ (S. 8)

Doch gleich am ersten Unitag, an dem sie ihre Kommilitonen kennenlernen soll, kommt sie zu spät – und traut sich dann gar nicht mehr, zu den anderen zu gehen. Und so verbringt sie, abgesehen von einer kurzen Beziehung mit Tore, ihre Zeit alleine in ihrer Wohnung.

„Ich fühle mich in meiner Schuhschachtel mit der Zeit immer mehr zuhause. Sie ist zwar in keinerlei Hinsicht komfortabel, aber zweckmäßig. Ein Aufenthaltsraum, ein Schutzraum. Ähnlich einem Luftschutzbunker.“ (S. 73)

Irgendwann muss sie feststellen: Sie ist komplett alleine, sie hat noch nie eine Vorlesung besucht und das Geld geht ihr auch aus. Es muss sich etwas ändern.

Die Geschichte von Anne Lise wird genauso erzählt, wie ich mir das junge Mädchen auch vorgestellt habe: Die Kapitel sind ziemlich kurz und eher emotionslos. Es passiert nicht viel. Oft hatte ich das Bedürfnis, Anne Lise (wahlweise auch das Buch) zu schütteln, um mal ein bisschen Schwung in ihr Leben zu bringen, doch die Geschichte plätschert so dahin – antriebslos und fremdgesteuert.

„Zum Glück bemerkt mich niemand … dachte ich“ erzählt auf sehr realistische Art und Weise, wie es ist, ein Leben als kontaktscheuer und antriebsloser Mensch zu leben. Die Erzählstimme passt unheimlich gut zur Geschichte, reizt die Geduld des Lesers aber auch sehr aus. Und so ist dieses Buch gleichzeitig gut, aber auch sehr anstrengend. Und vor allem merkwürdig! Aber auf eine gute Art! Ich vergebe knappe 7 von 10 Sternen!

stern 7

Zum Glück bemerkt mich niemand … dachte ich – Liv Marit Weberg – Hardcover – 224 Seiten – 12,99 € – ISBN: 978-3-7373-5170-6 – erschienen: Februar 2015 (Sauerländer) – Altersempfehlung: 14-17 Jahre

[Rezension] „Verdammt gute Nächte“ von Kathrin Schrocke

Verdammt gute NächteKlappentext:

Jojo ist 15 und zählt zu den einsamsten Geschöpfen auf diesem Planeten. Sein Freund Michael steht auf schlechte Pornos, sein Freund Sushi ist ein adoptierter Japaner und Musterschüler, und seine erste große Liebe Lilli ist – seit einem Monat mit Michael zusammen. Dann taucht plötzlich Puma auf. Sie ist hübsch, cool, witzig und fährt einen roten Alfa Romeo Spider. Aber das Wichtigste ist: Sie nimmt ihn ernst. Die Sache hat nur einen Haken: Puma ist doppelt so alt wie er … (Quelle)

Meine Meinung:

„’Ist das nicht strafbar?‘, fragte Sushi verstört.“ (S. 138)

Es ist kurz vor den Sommerferien, als Jojo Puma kennenlernt. Puma ist eine Freundin seiner Mutter aus dem Yogakurs, aber irgendwie ganz anders: Sie ist viel lockerer, trägt coole Klamotten und vor allem löst sie in ihm ein bisher so noch nicht gekanntes Gefühl aus:

“Mein Atem ging schneller, die Schwerelosigkeit war schlagartig zurück. Ich fühlte mich auf einmal glühend und fiebrig.” (S. 124)

Wow, Kathrin Schrocke kann schreiben. Das durfte ich schon bei „Freak City“ genießen, aber in diesem Buch wird ihre Fähigkeit, den Leser mit auf eine ganz besondere Reise zu nehmen, noch deutlicher. Ich konnte so sehr mit Jojo mitfühlen, wie es ihm ging, wenn er aus seinem Fenster gesehen und dabei Puma erblickt hat, die im Garten unter dem großen Apfelbaum ihre Yogaübungen macht. Und auch in mir hat die Autorin eine beinahe atemlose Stimmung erzeugt.

Gleichzeitig tauchte immer wieder die leise Stimme auf, die das gleiche sagte wie Sushi oben: Ist das nicht strafbar? Darf sich ein Junge in eine viel ältere Frau verlieben? Und was ist mit der älteren Frau? Darf auch sie sich zu dem Jungen hingezogen fühlen?

Die Autorin hat ihrem Protagonisten ein spannendes Alter gegeben: Jojo ist fünfzehn, fast sechzehn. Dieses Alter macht es dem Leser umso schwerer, Stellung zu beziehen und sich zu entscheiden: Genießt man das Buch, das eine aufregende und kribbelnde beginnende Beziehung beschreibt, oder hofft man darauf, dass sich Jojo – wie durch ein Wunder – doch noch in ein gleichaltriges Mädchen verliebt?

„Verdammt gute Nächte“ ist kein einfaches Jugendbuch, denn es behandelt ein Tabuthema. Ich selber habe die Geschichte um Puma und Jojo unheimlich gerne gelesen und mich oft mitreißen lassen. Und trotzdem bin ich mir noch nicht im Klaren darüber, wie ich über die Geschichte an sich oder das Ende im Speziellen denken soll. Außerdem frage ich mich, mit welcher Intention die Autorin das Buch geschrieben hat. „Verdammt gute Nächte“ ist also nicht nur verdammt gut geschrieben, sondern setzt sich auch im Kopf fest und regt zum Nachdenken an und dafür gibt es sehr gute 7 von 10 Sternen.

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Verdammt gute Nächte – Kathrin Schrocke – Hardcover – 208 Seiten – 12,99 € – ISBN: 978-3-7373-6713-4 – erschienen: Februar 2014 – (Sauerländer) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Für niemand“ von Tobias Elsäßer

Für niemandKlappentext

Drei Jugendliche, drei Schicksale. Sie kennen sich nicht, aber sie alle haben ein gemeinsames Ziel: Selbstmord. In einem Internetforum verabreden sich Sammy, Nidal und Marie, um gemeinsam zu sterben – ohne allerdings zu ahnen, dass sie beobachtet werden.

Yoshua ist heimlicher Mitleser des Chats und versucht, das Ereignis zu verhindern. Tatsächlich gelingt es ihm, die Identität, die hinter den Nicknames steckt, herauszufinden. Doch was wird passieren, wenn er zum vereinbarten Treffpunkt kommt…? (Quelle)

Meine Meinung:

Wenn ich bisher in den Medien oder in Fachliteratur davon gelesen habe, dass sich Menschen online über das Thema Suizid austauschen, sich vielleicht noch gegenseitig dazu motivieren, dann habe ich immer irgendwie schlecht und erschüttert gefühlt und den Gedanken daran eher verdrängt.

Umso mutiger finde ich Tobias Elsäßer ein solches Tabuthema in einem Jugendbuch zu behandeln. Ohne groß um die Pläne der drei Jugendlichen drum herum zu schreiben, benennt der Autor ihren gemeinsamen großen Wunsch: die drei wollen nicht mehr leben, sie verabreden sich zum gemeinsamen Selbstmord.

Sehr gelungen finde ich es, wie unterschiedlich die drei Jugendlichen in dem Buch sind. Es zeigt meiner Meinung nach sehr gut, dass Suizid nicht nur in einer Gesellschaftsschicht passieren kann, unabhängig vom Geschlecht ist und dass nicht alle Jugendlichen, die einen Selbstmord planen, grausame und nicht liebende Eltern haben. Suizidgedanken kann jeder aus den unterschiedlichsten Gründen haben.

Und genau hier ist ein weiterer Pluspunkt der Geschichte zu finden: Als Leser erfährt man erst nach und nach, welche verschiedenen Gründe von Nidal, Sammy und Marie für den Suizid haben. Die unterschiedlichen Motive nach und nach zu erfahren, macht mit den Reiz des Buches aus.

So weit, so gut: Das Buch ist sicherlich eine gute Basis für Diskussionen zum Thema Selbstmord. Doch habe ich auch einige Kritikpunkte. Zum einen finde ich, dass mögliche Auswege aus dem Suizid oder Anlaufstellen für selbstmordgefährdete Personen nur unzureichend oder gar nicht thematisiert werden. Natürlich soll so ein Buch keine heile Welt vorspielen und realistisch bleiben, aber trotzdem sollten zumindest Wege aus der Lebensunlust gezeigt werden.

Zum anderen geschehen einige der Dinge in dem Buch für meinen Geschmack etwas zu überzufällig, zu viele Geschichten hängen dann doch zusammen, wo kein Zusammenhang hätte bestehen müssen. Das macht das Buch zumindest für mich unrealistisch.

Doch der größte und gleichzeitig erstaunlichste Punkt, den ich an diesem Buch zu kritisieren habe, ist, dass die Geschichte um Nidal, Sammy und Marie es nicht geschafft hat, mich zu berühren. Ich habe das Buch gelesen, habe es sogar ganz gerne gelesen, finde das Thema auch interessant, doch haben mich die Geschehnisse und die Figuren ziemlich kalt gelassen.

Ich möchte betonen, dass ich – soweit ich weiß – mit dieser Meinung eher alleine da stehe. Ich habe schon einige sehr begeisterte Rezensionen gelesen. Doch ich kann „Für niemand“ für eine gute Idee und eine solide Ausführung, aber aufgrund des Mangels an Emotionen nur 6 von 10 Sternen geben.

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Für niemand – Tobias Elsäßer – broschiert – 154 Seiten – 12,95 € – ISBN-13: 978-3794170906 – erschienen: März 2011 (Sauerländer Verlag)