[Rezension] „Wie ein Fisch im Baum“ von Lynda Mullaly Hunt

Wie ein Fisch im Baum von Lynda Mullaly Hunt

„Wörter. Ich entkomme ihnen nie.“ (S. 32)

Ally hasst die Schule. Jeden Tag aufs Neue muss sie dorthin. Jeden Tag aufs Neue gibt sie ihr Bestes. Jeden Tag aufs Neue scheitert sie. Sie kann nicht lesen und schreiben. Die Buchstaben tanzen vor ihren Augen. Sie bekommt sie nicht gegriffen. Doch das ist ein Geheimnis. Niemand darf das erfahren. Und deswegen versucht Ally so gut es geht unsichtbar zu sein. Denn niemand darf mitbekommen, wie dumm sie eigentlich ist.

„Ich werde mich bessern. Ich werde mich noch mehr anstrengen. Das ist alles, was ich tun muss. Ich werde mich diesmal wirklich konzentrieren. Dabei weiß ich, dass ich das schon so oft probiert habe und dass es nicht klappt.“ (S. 46/47)

Allys Geschichte zu lesen, ihren Worten zu lauschen, tut weh. Es zerreißt einem fast das Herz. So ein warmherzigen und vor allem kluges Mädchen, das sich so schrecklich dumm und wertlos fühlt. Ihre Unfähigkeit zu lesen und zu schreiben hat Auswirkungen auf ihr ganzes Leben, auf ihr Selbstbild, auf ihre Identität.

„Ich möchte einfach … ich will nur ein einziges Mal dazupassen. Das wünsche ich mir wirklich. Einfach so zu sein wie alle anderen.“ (S. 159)

Doch Ally hat großes Glück: Sie bekommt einen neuen Lehrer, der sie endlich so sieht, wie sie wirklich ist: Klug und liebenswert – mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Doch kann er es schaffen, dass Ally sich selbst und ihren eigenen Fähigkeiten vertraut? Dass sie erkennt, dass gerade ihre Einzigartigkeit sie so besonders macht?

„Wie ein Fisch im Baum“ – so lautet der Titel, der auf einem kleinen Gleichnis beruht, bei dem mehrere Tiere, unter anderen auch ein Fisch, die Aufgabe bekommen, auf einen Baum zu gelangen. Alle haben die gleiche Aufgabe, also ist es doch fair, oder?

„Jeder ist auf seine Art klug. Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein Leben lang glauben, dass er dumm ist.“ (S. 180)

Ich bin selbst Lehrerin und finde, dass die Autorin Ally und alles, was sie ausmacht (ihre Stärken, Schwächen, Ängste und auch ihre Entwicklung), sehr überzeugend und sensibel dargestellt hat.

Ich liebe diese Geschichte und hoffe, dass sie ganz viele große und kleine Leser findet, die so lernen, einen Blick über den Tellerrand zu wagen und Menschen nicht an dem zu bewerten, was sie als normal ansehen. Denn wenn man von Ally eines lernen kann, ist es das hier: Eine einzige Fähigkeit oder Unfähigkeit, etwas zu tun, sagt nichts über den Rest eines Menschen aus. Nichts darüber, ob er klug oder dumm ist. Nichts darüber, wie sehr er sich bemüht und anstrengt. Und vor allem nichts darüber, ob er ein gutes Herz hat.

stern 10

Wie ein Fisch im Baum – Lynda Mullaly Hunt – Hardcover mit SU – 12,99 € – 304 Seiten – ISBN: 978-3-570-16420-4  – erschienen: Oktober 2016 (cbt) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren – Übersetzung: Renate Weitbrecht

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[Rezension] „Schab nix gemacht – Geschichten aus der Hauptschule“ von Kai Lange

Schab nix gemachtKlappentext:

Obwohl die Schüler sein Nervenkostüm oft sehr strapazieren, gibt es für Kai Lange keinen schöneren Beruf, als Lehrer zu sein. Zwar gilt es, nicht zu verzweifeln, wenn man jede Pause erneut herausfinden soll, wer denn nun zuerst »Hurensohn« gesagt hat. Oder wenn Schüler Akin nach vier Jahren Englischunterricht immer noch glaubt, „I would“ heiße auf Deutsch „Ich bin wötend“. Aber Kai Lange nimmt seinen Job mit Humor. Seit Jahren notiert er sich die ebenso aberwitzigen wie lustigen Geschichten, die er tagtäglich erlebt. So schafft er es nicht nur, im Chaos des Alltags einen kühlen Kopf zu bewahren, sondern auch, seinen Schülern tatsächlich etwas beizubringen. (Quelle)

Meine Meinung:

Geschichten aus der Schule sind immer interessant und unterhaltend. Das ist spätestens seit dem erfolgreichen Blog von Frl. Krise und dem darauf folgenden gemeinsamen Buch mit Frau Freitag bekannt. Wenn man selber Lehrerin ist und vor allem mit ähnlichen Schülern arbeitet, wie Kai Lange es tut, dann kommt beim Lesen zur Unterhaltung und dem Amüsement noch eine gehörige Portion „Jaa, so ist es bei mir auch…“, garniert mit ein bisschen „Oh Gott, hoffentlich passiert mir das nie!“ dazu.

Bei solchen kleinen Anekdoten, Kurzgeschichten und Zitaten von Hauptschülern ist es mir immer wichtig, dass ich trotz der Tatsache, dass so mancher Fehler und so manche nicht allzu kluge Antwort auf die Schippe genommen wird, das Gefühl habe: Derjenige, der schreibt, mag seine Schüler, hat ein Verständnis für sie und ihre Lebenswelten und sieht vor allem nicht nur das Negative, sondern auch das Liebenswerte in so ziemlich jedem einzelnen.

Dieser Spagat – wobei: Ist es überhaupt ein Spagat – gelingt Kai Lange gut. An vielen Stellen musste ich schmunzeln, an einigen sogar laut lachen, so abstrus und witzig sind manche der Begebenheiten und Antworten der Schüler. Andere Geschichten haben bei mir wirklich eine Gänsehaut hervorgerufen, weil Kai Lange die Schicksale und Lebensumstände einzelner Schüler hervorragend beschreibt.

„Simon“, sag ich bei der Rückgabe der Klassenarbeit verzweifelt, „wie soll ich dir denn jemals richtig Englisch beibringen?“
Er nickt so verständnisvoll, als wenn er mich trösten wollte, und kommt zu der einzig richtigen Antwort: „Ich weiß es auch nicht.“ (S. 76)

Ja, Kai Lange hat nicht nur Witziges und Berührendes zu erzählen, er tut dies auch auf eine sehr gekonnte Weise, kann Situationen und Menschen so beschreiben, dass man als Leser das Gefühl hat, dabei gewesen zu sein und Amara, Akin und Basima wirklich zu kennen. Kurzweilig, absolut unterhaltsam und mitten aus dem Leben! 9 von 10 Sternen!

stern 9

Schab nix gemacht – Geschichten aus der Hauptschule – Kai Lange – Taschenbuch – 256 Seiten – 8,99 € – ISBN: 978-3-426-78621-5 – erschienen: August 2013 (Knaur)

[Rezension] „Die Perlmutterfarbe: Ein Kinderroman für fast alle“ von Anna Maria Jokl

Die PerlmutterfarbeKlappentext:

Aus dem Schulranzen von »Maulwurf«, einem der beliebtesten Schüler in der A-Klasse, verschwindet ein Töpfchen mit selbstgemischter Farbe, der Perlmutterfarbe. Die ersten Verdächtigungen werden geäußert, das Mißtrauen gegenüber der B-Klasse wächst, die Jagd nach einem Sündenbock beginnt. (Quelle)

Meine Meinung:

„Ich habe etwas Schreckliches getan. Zuerst war es nicht viel, aber aus einer Lüge sind tausend geworden.“ (S. 270)

Ich kann jetzt schon mal zu Beginn sagen: Jeder sollte dieses wirklich kluge, psychologisch feinsinnige und nebenher auch noch lustige Buch lesen.

Die Geschichte wird zunächst aus der Sicht von Alexander aus der A erzählt. Der nämlich möchte sich gerne vom B-Karli ein Buch leihen. Der B-Karli hat das Buch selber aber noch nicht gelesen und will es Alexander erst ein paar Tage später leihen. Aus einem Impuls heraus nimmt Alexander ihm das Buch weg. Zuhause schämt er sich für sein Verhalten und will das Buch am nächsten Tag zurückgeben. Doch dann passiert ein Missgeschick, das das Unglück erst so richtig ins Rollen bringt: Die Perlmutterfarbe von Maulwurf, die Alexander aus Versehen eingesteckt hat, kippt um und läuft über das Buch vom B-Karli. Alexander weiß nicht mehr, was er tun soll, und traut sich nicht die Wahrheit zu sagen. Und plötzlich steht ausgerechnet der B-Karli unter Verdacht, die Perlmutterfarbe gestohlen zu haben…

„Und jetzt verdächtigst du einfach den B-Karli? Wie soll der das denn gemacht haben? Ich hab ihn noch nie in der A gesehen. Nein, das sagst du nur, weil du dich vor dem langen Gruber groß machen willst, weil der immer von den Bs alles Schlechte sagt. Damit werden wir nicht herauskriegen, wer klaut. Denn jemand, der auf die B hetzt, wird nie die Wahrheit herauskriegen, weil er sie gar nicht wissen will.“ (S. 57)

Nur wenige sehen die Situation so wie Lotte, von der das obige Zitat stammt. Die meisten aus der A möchten gerne die Schüler aus der B als Schuldige sehen. Denn die Bs sind ja grundsätzlich weniger wert. Man merkt schon: Liest man dieses Buch etwas tiefgründiger, findet man viele Parallelen aus der Geschichte und der Gegenwart. Die Autorin beschreibt sehr gekonnt und mit viel Feingefühl die einzelnen Klassenmitglieder aus der A und der B und die Gruppenprozesse, die innerhalb der Klassen und einzelner Kleingrüppchen ablaufen. Als Leser lernt man die einzelnen Jugendlichen sehr schnell kennen und lieben.

„Die Perlmutterfarbe“ fasziniert mich, denn die Geschichte ist klug, witzig, psychologisch sehr überzeugend und voller intelligent gezeichneter Charaktere. Ich bin wirklich froh, dass eine Freundin mir dieses Buch geliehen hat und vergebe die volle Anzahl an Sternen!

stern 10
Die Perlmutterfarbe: Ein Kinderroman für fast alle – Anna Maria Jokl – Taschenbuch – 280 Seiten – 8,99 € – ISBN-13: 978-3518460399 – erschienen: Dezember 2008 (4. Auflage, Suhrkamp)

„Ismael: Bereit sein ist alles“ von Michael Gerard Bauer

Ismael 3Reiheninfo:

  1. “Nennt mich nicht Ismael!”
  2. “Ismael und der Auftritt der Seekühe”
  3. “Ismael: Bereit sein ist alles”

Achtung, die Rezension enthält ein paar wenige Spoiler!

Inhalt:

Die letzten zwei Schuljahre stehen bevor und damit nicht nur jede Menge mündliche Prüfungen und Klausuren, sondern auch viele Bälle und Abschlussfeste, Debattierrunden und Wettkämpfe. Das wäre an sich alles gar nicht so schlimm, wenn Ismael immer noch seine große Liebe Kelly an seiner Seite hätte. Aber Kellys Familie hat beschlossen, nach Neuseeland zu ziehen. Und so muss sich Ismael eben nicht nur mit den alltäglichen Sorgen eines Senior-Schülers rumschlagen, sondern auch noch mit den Verkupplungsversuchen seines besten Freundes…

Meine Meinung:

Bis ich dieses Buch gelesen habe, habe ich mich in enormen Selbstbeherrschung geübt: Denn das Hardcover ist schon vor über einem Jahr erschienen. Da ich aber die ersten beiden Bände in der Taschenbuchvariante im Regal stehen habe, war ich sehr tapfer und geduldig…

Nun hielt ich den dritten Teil der grandiosen, überragenden, brillanten (mir gehen hier die Adjektive aus) Trilogie endlich in den Händen und muss ganz ehrlich gestehen: Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich wieder zum altbekannten Ismael-Gefühl zurückgekommen bin.

„’Was?’, unterbrach Razz. ‚Echt? Der Pi-Mann hat tatsächlich ein echtes lebendiges Mädchen an Land gezogen, ohne Chloroform oder ein federunterstützendes Fangnetz?’ […]

‚Nun’, sagte Ignatius und wurde fast lebhaft, ‚es war während der Chemiestunde an besagtem Wochenende. Wir machten eine quantitative chemische Analyse mit einer zweiwertigen Säure, die wir zur Bestimmung der Äquivalenzpunkte mit einer starken Base titrierten.’

‚Red einfach weiter, P-Bud’, sagte Razz. Nach dem Gesetz des Durchschnitts wirst du irgendwann mal zufällig was sagen, was ich verstehe.“ (S. 157)

Es kann natürlich auch an meiner Lesestimmung liegen, aber die erste Hälfte las sich für mich wie viele kleine und nette Anekdoten aus Ismaels Leben. Mir fehlte hierbei der große Zusammenhang. Ich muss das vielleicht etwas näher erklären: Natürlich ist auch diese erste Hälfte unterhaltsam, witzig und toll geschrieben, aber bei mir hat es erst ab etwa der Hälfte „Klick!“ gemacht.

Hier beschließen die Jungen nämlich, dass sie in ihrem letzten Schuljahr ihrer Lieblingslehrerin Miss Tarango ein Geschenk machen möchten. Und zwar etwas, was es noch nie gab: Sie möchten den College Cup gewinnen.

„‚Der Kreuzzug für den College Cup steht auf Messers Schneide’, sagte er und erwischte uns alle kalt, ‚geht nur ein weniges fehl und er wird scheitern, was den Untergang für alle bedeutet. Und doch besteht Hoffnung, solange die Gemeinschaft treu ist.’

‚Ich nehme an, das war was aus Herr der Ringe, Bilbo?’

Bill nickte.

‚Fantastisch’, meine Razz. ‚Wir sind auf dem Weg zum Schicksalsberg. Das könnte tränenreich enden.’“ (S. 201/202)

Und ab dem Zeitpunkt war es bei mir wieder da: das Gemeinschafts-Gänsehaut-Gefühl; das Gefühl, das ich beim Lesen immer bekomme, wenn sich eine Gruppe hoffnungsloser Helden für etwas Großes und Wichtiges zusammentun und alles für dieses Ziel geben. Und wirklich jeder von ihnen bekommt seinen eigenen Helden-Moment, alle tragen etwas zur Geschichte des Buches und zu dem College-Cup bei. Jeder eben auf seine Art.

Ich glaube, das ist es auch, was ich an den Büchern von Michael Gerard Bauer so liebe: Er hat ein Gespür für die Besonderheit seiner Figuren, entdeckt das oftmals versteckte Potenzial in ihnen und lässt sie Dinge erreichen, die sie selbst von sich nie erwartet hätten. Er schreibt mit einer berührenden Mischung aus Humor und dem perfekten Gespür für die Sorgen, Nöte und Ängste von Jugendlichen. Das ist auch der Grund warum ich auf den letzten Seiten oft laut gelacht habe und mir gleichzeitig ein paar kleine Tränchen der Rührung über die Wange liefen.

Nach einigen Startschwierigkeiten läuft Michael Gerard Bauer in diesem Finale wieder zur Bestform auf. Ich habe mit den Fantastischen Fünf um Ismael mitgefiebert, habe mit ihnen gelacht und getrauert, habe mit ihnen die vielen letzten Male ihres letzten Schuljahres erlebt, habe insbesondere mit Scobie und Prindable bei den Sportwettkämpfen Blut und Wasser geschwitzt, war gemeinsam mit Billy unendlich mutig und tapfer, habe hinter die immer lustige Fassade von Razza geguckt und habe gemeinsam mit Ismael am ILS (Ismael-Leseur-Syndrom) und unter der Trennung von Kelly gelitten. Kurz und knapp: 9 von 10 Sternen!

stern 9

Ismael: Bereit sein ist alles – Michael Gerard Bauer – Taschenbuch – 384 Seiten – 7,95 € – ISBN-13: 978-3423625548 – erschienen: Mai 2013 (dtv) – Altersempfehlung: 12-15 Jahre

[Rezension] „Die überaus talentierte Miss Hempel“ von Sarah Shun-Lien Bynum

U1sen_netto_fj_2012_128x209.inddKlappentext:

Ihre Schüler lieben sie über alles. Nicht, weil sie Sexualkunde so plastisch unterrichtet. Sondern, weil Betarice Hempel die erste Lehrerin ist, die sie als eigenständige Menschen begreift. Miss Hempel weiß, wie es ist, jung zu sein, aber vor allem, was es bedeutet, es immer weniger zu sein. Deshalb rät sie ihren Schülern, die Sterne vom Himmel zu pflücken. Denn nur in der Jugend kann man alles sein: Astronom, Bühnenstar oder Athlet. Und danach? Miss Hempel wird auch geliebt, weil sie ihren Schülern ins Erwachsensein hilft, in dieses undefinierbare Dasein, das verführerisch von Ferne leuchtet. Sie macht ihnen Mut, das Jungsein in sich zu bewahren und auch dann noch die Butthole Surfers zu hören, wenn sie schon lange nicht mehr angesagt sind.

Meine Meinung:

Als ich den Klappentext zu diesem Buch gelesen habe, war ich mir sicher, dass dies ein Buch exakt für mich ist. Ich bin selber Lehrerin und hoffe, meinen Schülern ein bisschen davon mit auf den Weg zu geben, was auch Miss Hempel in ihren Schülern sieht.

Nachdem ich den etwas holprigen und abrupten Anfang in die Geschichte überwunden habe, kam ein Abschnitt des Buches, den ich wirklich sehr genossen habe. Ich mag den Umgang von Miss Hempel mit den Jugendlichen, ich mag, welche Gedanken sie sich macht und wie begeisterungsfähig sie ist.

Ihre Behandlung und Beschreibung des Romans „This Boy’s Life“ hat mich eben diesen auf meine Wunschliste setzen lassen.

Zitate wie diese hier habe ich geliebt:

„[Ms Hempel erklärt:] ‚Jeder tut als Kind interessante Dinge.‘

‚Und schlechte Dinge – wie Toby“‚

‚Und schlechte Dinge. Wie wir alle – auch wenn es nicht alle zugeben.‘

Die Kinder warteten kurz, als müssten sie der Höflichkeit halber so tun, als verdauten sie die Information erst.

‚Haben Sie schlechte Dinge getan, Ms Hempel?‘

Das hätte sie kommen sehen müssen.

‚Nun. Denkt logisch. <Alle> schließt mich mit ein, oder nicht?‘

Gierig beugten sich die Kinder vor: ‚Welche schlechten Dinge denn?‘ Die Hinterbeine ihrer Stühle hoben sich.“ (S. 50)

Doch Miss Hempel unterstützt nicht nur die Jugendlichen im Erwachsenwerden, sondern muss sich auch selber noch damit auseinander setzen. Und genauso wie Miss Hempel schwebt auch die Handlung – wenn man denn überhaupt von einer solchen sprechen kann – in der Luft: Es war mir oft unklar, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln sollte und würde. Die unterschiedlichsten Themen wurden angesprochen und dies zumindest für mein Dafürhalten zu zusammenhangslos. Einige Themen haben mich kaum bis gar nicht interessiert.

Vielleicht habe ich das Buch auch nicht in seiner vollen Komplexität verstanden, denn es ist doch mehr „höhere Literatur“ als ich sonst lese.

Im Großen und Ganzen stehe ich dem Buch nach dem Lesen sehr zwiegespalten gegenüber: In den Passagen, in denen es um die Lehrerin Miss Hempel und ihr Verhältnis zu ihren Schülern ging, habe ich das Buch förmlich in mich aufgesogen, musste schmunzeln und habe einmal fast meine Haltestelle in der Bahn verpasst. Der Rest des Buches konnte mich allerdings so gar nicht begeistern und hat mich streckenweise sogar gelangweilt. Und so vergebe ich 4 von 10 Sternen.

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Die überaus talentierte Miss Hempel – Sarah Shun-lien Bynum – Hardcover mit SU – 233 Seiten – 19,99 € – ISBN-13: 978-3100096395 – erschienen: März 2012 (Fischer)

„Ismael und der Auftritt der Seekühe“ von Michael Gerard Bauer

Ismael 2Reiheninfo:

  1. “Nennt mich nicht Ismael!”
  2. “Ismael und der Auftritt der Seekühe”
  3. “Ismael: Bereit sein ist alles”

Achtung: Diese Rezension kann Spoiler zum ersten Teil enthalten!

Klappentext:

SOS – Ismael ist total verknallt, aber viel zu schüchtern, um die bezaubernde Kelly anzusprechen. Razza, Ismaels tollkühner Freund aus dem Debattierclub, verfolgt deshalb nur ein Ziel: Er will die beiden verkuppeln. Schließlich hat Kelly Ismael zur Geburtstagsparty ihrer Freundin eingeladen. Das hat was zu bedeuten! Doch die Party endet in einem Desaster, und Ismaels Selbstwertgefühl sinkt auf einen Tiefstand. Nur Razza weiß Rat: Gedichte und Musik haben sich noch immer als Wundermittel zur Rettung der ersten Liebe erwiesen…

Meine Meinung:

Den ersten Teil der Ismael-Reihe – „Nennt mich nicht Ismael!“ – habe ich vor etwa 4 Monaten gelesen. Als ich dann erfahren habe, dass es noch zwei Folgebände gibt, bzw. geben wird, war ich hin und her gerissen. Einerseits wollte ich sofort das nächste Buch dieses wirklich grandiosen Autors lesen. Andererseits hatte ich ein bisschen Angst, dass der Charme des ersten Bandes durch eine Fortsetzung verloren geht.

Nach dem Lesen des zweiten Buches kann ich ganz klar sagen: Meine Sorge war absolut unbegründet. Schon nach den ersten Seiten gab es ein herzliches Wiedersehen mit all den liebevoll ausgearbeiteten Charakteren der Geschichte:

Zum einen ist da natürlich Ismael, der – wie wir ja wissen – vom Ismael-Leseur-Syndrom betroffen ist, was dafür sorgt, dass er zum Beispiel in Gegenwart hübscher Mädchen kein einziges sinnvolles Wort über die Lippen bekommt.

Razza, der sich zum Ende des ersten Teils in mein Herz geschlichen hat, ist einfach Razza oder der Razzman: fröhlich, (fast) immer gut gelaunt, der pure Optimist und natürlich der selbsternannte Frauenversteher.

Mein heimlicher Held der Bücher ist Ignatius Prindable, das Mathegenie und Fan von der Zahl Pi.

„’Jaaaa, klaaar’, meinte Razza nicht sehr überzeugend. ‚Aber…. Damit ich das richtig verstehe. Du bist in einem Club… der sich mit einer Zahl beschäftigt?’

‚Genau’, sagte Ignatius beiläufig.

Razzas Kopf begann hin und her zu wackeln, dann breitete er die Arme aus, und sein Gesicht wurde ganz faltig vor Verwirrung. ‚Aber… warum?’

‚Es handelt sich ja nicht um irgendeine Zahl’, erklärte Ignatius. ‚[…] Und weißt du was, ich habe erst kürzlich entdeckt, dass man im Internet ein Poster bestellen kann, auf dem die ersten Million Dezimalstellen abgedruckt ist. Meine Eltern kaufen es mir zu Weihnachten.’

Ich glaube nicht, dass Razza erstaunter ausgesehen hätte, wenn Ignatius gebeichtet hätte, dass er seine Großmutter verspeist hat.“ (S. 131)

Und neben anderen altbekannten Charakteren wie z.B. Ms. Tarango oder Scobie lernen wir noch einige neue Personen kennen, die genauso wunderbar gezeichnet sind wie alle anderen auch.

Natürlich spielt der Humor in Bauers Büchern eine große Rolle. Insbesondere in der Mitte des Buches habe ich so viel gelacht wie schon lange nicht mehr… wahrscheinlich so lange, wie es her ist, dass ich „Nennt mich nicht Ismael!“ gelesen habe.

Zu dem tollen Humor kommt aber immer auch ein kleines Fünkchen Ernsthaftigkeit und Wahrheit in den Büchern vor. Für den Leser mit einem Augenzwinkern präsentiert, so dass er sich darauf einlassen kann, wenn er möchte.

„Ismael und der Auftritt der Seekühe“ ist also wieder ein herzerwärmendes Buch! Was es mit den Seekühen auf sich hat, lest ihr am besten selber, denn mit 9 von 10 Sternen bekommt dieses Buch eine echte Leseempfehlung.

stern 9

Ismael und der Auftritt der Seekühe – Michael Gerard Bauer – Taschenbuch – 320 Seiten – 7,95 € – ISBN-13: 978-3423624695 – erschienen: März 20

„Schlachtfeld“ von Luca Bloom

BGTB_Bloom-Schlachtfeld 040411.inddInhalt:

Johannes ist 15 Jahre alt und in der Schule ein Außenseiter. Er hat zwar gute Freunde, doch die besuchen nicht wie er das Gymnasium. Das Hauptziel von Johannes ist es, nicht aufzufallen, damit er keinen Ärger bekommt: Nicht von Mick, der andere Schüler drangsaliert und dem niemand Einhalt gebietet. Aber auch nicht von Herrn Zinn, seinem Geschichts- und Lateinlehrer, der mit spitzen und beleidigenden Bemerkungen oft genug auf seinen Schülern rumhackt.

Mick und Herr Zinn führen seit einiger Zeit einen Kleinkrieg, der immer mehr auszuarten droht. Und ausgerechnet Johannes gerät irgendwann zwischen die Fronten.

Meine Meinung:

„Na, mein Hübscher, wo soll’s denn hingehen?“

„In d… d… den U… U… Unterricht“, stotterte der Junge.

„In den U… U… Unterricht! Was für `ne Überraschung. Ach ss… ss… so, na dann wollen w… w… wir dich mal nicht a… a… aufhalten, was“, äffte Mick ihn nach. (S. 15)

Aber es gab natürlich auch solche Lehrer wie Herrn Zinn. Der kam rein, holte Luft und sagte: „Sven, bist du das, der so stinkt?“ Svens Eltern hatten einen Bauernhof. Und Sven kein Selbstbewusstsein. Nach diesem Satz wurde es nicht besser. (S. 19)

Die beiden Zitate zeigen hoffentlich, was mir an diesem Buch wirklich gut gefallen hat: Sowohl Herr Zinn, als auch Mick sind wirklich unangenehme Zeitgenossen, so dass es dem Leser schwer fällt, sich bei ihrem Kleinkrieg auf einer Seite positionieren. Es gibt hierbei keinen Schuldigen und keinen Unschuldigen. Es gibt nur Schuldige.

Das war für mich eine ganz ungewohnte Lese-Erfahrung, denn meistens wird einem vom Autor ja schon größtenteils vorgegeben, wie man gegenüber den Charakteren fühlen muss und soll.

Das und auch der Schreibstil der Geschichte haben mir gut gefallen. Johannes tritt fast nur als Erzähler auf, hat wenig Eigenanteil an der Handlung. Aber das Erzählen übernimmt er sehr gut. Kurze, knackige Sätze schildern realistisch das Leben eines Schülers, der versucht unsichtbar zu werden. Und er zeigt auch, was es heißt, wenn die Schule zum Schlachtfeld wird.

Ein großer Kritikpunkt ist für mich, dass dieses Buch in jeglicher Hinsicht extrem ist. Die Charaktere sind extrem und teilweise etwas überspitzt gezeichnet. Der Autor hat tief in die Klischeekiste gegriffen und einige Vorurteile hervorgezogen. Und auch die Handlung ist sehr extrem. Zwar konnte ich mir beim Lesen schon vorstellen, dass so etwas an einer Schule tatsächlich passiert, doch gipfelt alles in einem Höhepunkt, der schon sehr besonders ist.

Es mag sein, dass dieses Buch, um als Schullektüre wirken zu können, seine Extreme braucht. Um deutlich auf das hinzuweisen, was erzählt werden soll. Mir als erwachsener Leserin war es allerdings ein bisschen zu viel.

Ich denke, dass das Buch dazu führen kann, sowohl Lehrer als auch Schüler noch mehr dafür zu sensibilisieren, was sich im Klassenzimmer und Schulflur so alles abspielt. Die Schreibe des Autors und die interessante Figurenkonstellation haben mir gut gefallen. Da mir die Charaktere und die Handlung selber stellenweise aber zu extrem sind, vergebe ich insgesamt 5 von 10 Sternen.

stern 5

Schlachfeld – Luca Bloom – Taschenbuch – 142 Seiten – 6,95€ – ISBN-13: 978-3407742520 – erschienen: Juli 2011 (Beltz)

[Rezension] „Der Tag, an dem ich starb“ von Anthony McGowan

Der Tag, an dem ich starbInhalt:

Paul, der Ich-Erzähler dieser Geschichte, befindet sich mitten in einem Kampf, denn jemand zielt mit einem Messer auf seine Kehle. Wie es zu dieser Situation gekommen ist, schildert Paul dem Leser auf seine ganz eigene Art und Weise im Rest des Buches.

Paul geht auf eine Schule, an der viel Gewalt, Unterdrückung und Mobbing herrscht. Paul ist Außenseiter, doch scheint er langsam zu einer Gruppe anderer Außenseiter – den Freaks – dazuzugehören. Wäre da nicht noch Roth, der unangefochtene Anführer und Schläger an der Schule. Paul muss sich entscheiden: Möchte er Ruhe vor Roth, was bedeuten würde, dass er sich diesem unterwirft und zu seiner Handpuppe wird? Oder möchte Paul zu der Gruppe der Freaks gehören, die eigentlich recht sympathisch sind? Dies würde bedeuten, dass er sich gegen Roth auflehnt und diesen gegen ihn aufbringt. Denn: „Man war entweder der Schläger oder der Geschlagene. Eine dritte Möglichkeit gab es nicht.“

Meine Meinung:

Um das Gesamtfazit schon vorweg zu nehmen: Endlich ein Buch ganz nach meinem Geschmack.

Mit einer Offenheit, Ehrlichkeit und auch Brutalität wird in diesem Buch ein Schulleben geschildert, von dem man nur hoffen kann, dass es in unseren Schulen möglichst selten vorkommt. Als Leser kann man den Konflikt, in dem sich Paul befindet, sehr gut nachempfinden. Mir wurde nochmals beim Lesen bewusst, wie schwer es in der heutigen Zeit für Jugendliche ist. Zu viele Einflüsse, Ängste und Wünsche zerren an Paul, so dass er nicht weiß, in welche Richtung sich sein Leben entwickeln kann und sollte. Auch wenn ihm deutlich bewusst ist, was richtig oder falsch ist, hat er oftmals keine andere Möglichkeit, als sich falsch zu verhalten. Und genau dies wird dem Leser deutlich. Allerdings versucht das Buch auch ein solches Verhalten nicht zu entschuldigen.

Ich denke, dieses Buch sollte unbedingt zur Schullektüre werden. Es schildert schülernah die oben genannten Probleme, ist dabei aber auch angemessen lustig. Insbesondere das Ende eignet sich sehr gut, um verschiedene Diskussionen zu entfachen.

Aber auch erwachsene Leser können aus diesem Buch eine Menge lernen und werden trotzdem gut unterhalten.

Ich bin wirklich begeistert, ein Buch, das sich ein wenig mit „Evil“ vergleichen lässt, aber mich noch mehr gefesselt hat: 9 von 10 Sternen.

stern 9

[Rezension] „Die Hassliste“ von Jennifer Brown

Die HasslisteInhalt:

Valerie und Nick sind an ihrer Schule eher Außenseiter, werden von vielen Schülern gemobbt. Doch als die beiden ein Paar werden, fühlen sie sich wie Seelenverwandte und alles ist leichter zu ertragen. Gemeinsam führen sie eine Hassliste, auf der all die Personen verzeichnet sind, die ihnen in der Schule besonders gemein mitspielen. Valerie nimmt diese Liste nicht ganz so ernst, für sie ist es mehr eine weitere Gemeinsamkeit mit Nick.

Doch Nick eröffnet eines Tages in der Cafeteria ihrer Schule das Feuer und schießt um sich. Ziel sind dabei insbesondere die Personen, die auf der Hassliste stehen.

Der Amoklauf wird nur dadurch beendet, dass sich Valerie vor eine Mitschülerin wirft und angeschossen wird. Daraufhin nimmt sich Nick das Leben. Nicht nur Valerie stellt sich danach die Frage, ob sie Heldin oder Mittäterin ist.

Meine Meinung:

Um es direkt vorweg zu sagen: Dieses Buch hat bei mir Gänsehaut und Tränen hervorgerufen. Ich habe bisher noch kein Buch über das sehr sensible Thema „Amoklauf an Schulen“ gelesen. Doch Jennifer Brown gelingt es meiner Meinung nach sehr gut, die einzelnen Fragen nach den Täter, den Opfern und den Hintergründen darzustellen. Mit Valerie hat sie eine Figur geschaffen, die ganz klar nicht eindeutig einer Gruppe (nämlich den Tätern oder den Opfern) zuzuordnen ist. Dies regt sehr zum Nachdenken an und bietet auch innerhalb des Buches Diskussionspotenzial. Sehr einfühlsam und mitfühlend beschreibt die Autorin die Situation von Valerie, die nicht mehr weiß, wer sie ist oder mal war. Ich konnte zu jeder Zeit Valeries Gedankengänge nachvollziehen und war von den Handlungen im Buch genauso mitgerissen und erschüttert wie die weibliche Hauptperson.

Die Geschichte verläuft eigentlich auf drei verschiedenen Zeitebenen: der Gegenwart (einige Monate nach dem Amoklauf), der Vergangenheit direkt am Tag des Amoklaufs und der noch früheren Vergangenheit, die vor dem Amoklauf liegt und die gemeinsame Geschichte von Valerie und Nick darstellt. Dadurch, dass diese drei Zeitebenen immer wieder abwechselnd dargestellt werden, ergibt sich nach und nach einer differenziertes Bild der Situation und eröffnet dem Leser immer wieder neue Blickwinkel.

Eigentlich möchte ich das Buch auch nicht weiter zerreden. Es ist eindeutig ein Buch, das man lesen sollte. Ich denke auch als Schullektüre ist es gut geeignet, aber auch als Freizeitlektüre kann ich „Die Hassliste nur empfehlen“! Ich gebe diesem absolut lesenswerten Buch die volle Punktzahl: 10 Sterne! 🙂

stern 10

[Rezension] „Tote Mädchen lügen nicht“ von Jay Asher

Tote Mädchen lügen nichtInhalt:

„There are thirteen reasons why your friend died. You are one of them.“

Clay erhält eines Tages ein Päckchen. Es enthält 7 Kasetten. Als Clay anfängt, die erste Kasette zu hören, traut er seinen Ohren nicht. Er hört die Stimme von Hannah Baker, einer Schulkameradin, die sich vor kurzem das Leben genommen hat. Auf den Kasetten erklärt Hannah, was die Gründe dafür waren und nennt vor allem auch Personen aus ihrem Umfeld, die eine Mitschuld an ihrem Selbstmord tragen.

Meine Meinung:

Puh, ein heftiges Buch mit einem interessanten, lesenswertem Thema. Anfangs störte es mich, dass der Leser in sehr kurzen Abständen zwischen Hannahs Kasetten und Clays Gedanken hin und her springen muss. Doch im Laufe des Buches gewöhnt man sich daran.
Ohne zu viel vom Inhalt verraten zu wollen, muss ich sagen, dass dieses Buch absolut lesens- und auch diskussionswürdig ist. Ich könnte mir auch sehr gut vorstellen, dass es in der Schule ab etwa der 9. Klasse behandelt werden könnte. Das Buch spricht das Thema Selbstmord und eventuelle Gründe dafür an. Hierbei präsentiert es meiner Meinung nach viele verschiedene Seiten und es zeigt auf, dass manchmal eine Handlung, die einem eher unwichtig erscheint, für jemand anderen der oft genannte Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt, sein kann.

Ich gebe diesem Buch 9 von 10 Sternen.

stern 9