[Rezension] „Winger“ von Andrew Smith

9783551560278Ryan Dean West ist klug. So klug, dass er zwei Schuljahre überspringen konnte und nun jünger ist als alle seine Klassenkameraden. Das ist nicht gerade hilfreich, wenn man unsterblich verliebt ist, denn Annie, seine beste Freundin, sieht in Ryan Dean scheinbar nur für einen kleinen, süßen Jungen. Außerdem macht die Tatsache, dass er jünger und kleiner ist als alle aus seinem Jahrgang, es Winger – wie er aufgrund seiner Position im Rugby-Team genannt wird – auch nicht leichter, sich gegen seine Mitschüler durchzusetzen. Und einige von ihnen scheinen es ganz schön auf Winger abzugesehen zu haben.

Freundschaft, Liebe, Sex – Darum dreht es sich nicht nur in Ryan Deans Leben, sondern auch in diesem Buch. Sein Leben ist mal alltäglich, mal spektakulär. Mal läuft alles ganz wunderbar und dann steckt er wieder mittendrin in der Patsche.

Diese Höhen und Tiefen gibt es vermutlich in dem Leben eines jeden Jugendlichen. Man muss lernen, sich zu behaupten. Man verliebt sich und wird enttäuscht. Man muss herausfinden, wer seine wahren Freunde sind.

„Winger“ kommt mitten aus dem Leben. Und genauso ist es geschrieben. Die Sprache ist unmittelbar, eindringlich und manchmal ungewohnt derb. Voller Schimpfwörter, obwohl Ryan Dean im wahren Leben eigentlich nicht flucht. Das tut er nur, wenn er seine Geschichte aufschreibt. Und ich liebe es. 10 von 10 Sternen – mal wieder ein echtes Highlight!

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Winger – Andrew Smith – Hardcover – 464 Seiten – 19,99 € –  978-3-551-56027-8 – erschienen: September 2016 (Königskinder) – Übersetzung: Hans-Ullrich Möhring

 

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[Rezension] „Das Lied der Träumerin“ von Tanya Stewner

Das Lied der TräumerinInhalt:

Als ihr Vater an Krebs verstirbt, fühlt Angelina nur noch eine große Leere in sich. Zu ihrer Mutter hatte sie nie ein so gutes Verhältnis, außerdem hält diese Pläne für Angelina bereit, die absolut nicht dem entsprechen, was Angelia will. Anstatt Jura zu studieren, würde sie lieber ihren Traum verwirklichen und Sängerin werden. Denn die Liebe zur Musik ist das Vermächtnis ihres Vaters. Und so zieht Angelina kurzerhand nach London, um dort ihre Musikkarriere zu verwirklichen. In ihrer WG leben noch die beiden so ungleichen Brüder Josh und Jeremy, die wie Tag und Nacht sind. Während sie zu Josh direkt eine intuitive Verbindung spürt (er ist ein genauso fröhlicher Träumer wie sie) begegnet ihr Jeremy stets mit einer herablassenden Überheblichkeit und übt trotzdem eine unerklärliche Anziehungskraft auf Angelina aus.

Meine Meinung:

Anders als das beinahe sanft anmutende Cover vermuten lässt, ist dieses Buch kein Mädchenroman, sondern ein All-Age-Buch, das sich vor allem an junge Erwachsene wendet. Es geht in diesem Buch um wirklich brisante Themen: Das Leben, die Liebe, Sex, Drogen, Identitätsprobleme und Lebensmüdigkeit. Dies sei der Rezension direkt vorweg gestellt, um die Zielgruppe zu verdeutlichen.

Tanya Stewner hat es geschafft, ein Buch zu schreiben, dass mich – trotz der Tatsache, dass mich viele Dinge stören – in den größten Teil komplett in seinen Bann gezogen hat.

In der Geschichte erhält die Musik als Angelinas Lebenselixier einen absolut hohen Stellenwert. Und ich, die sonst nie so viel mit Musik am Hut hat, habe während der ersten zwei Drittel der Geschichte ständig ein Lied auf den Lippen gehabt. Habe ständig nach Songtexten gesucht und bin fröhlich durch die Gegend getanzt. Und dass obwohl mir die streckenweise doch sehr überfröhliche und etwas zu lebenslustige Art von Angelina auf die Nerven gegangen ist. Absolut faszinierend, wie sich ihre Liebe zur Musik zumindest für eine Zeit auf mich übertragen hat.

„Für mich ist ein Träumer jemand, der ein festes Ziel vor Augen hat. Jemand, der sich mit Haut und Haaren ins Leben stürzt, um seinen Traum zu verwirklichen. Jemand, der es wagt für seinen Traum zu leben.“ (S. 19)

Auch Angelinas Definition einer Träumerin und der Gedanke, dass es wichtig ist, den eigenen Traum zu leben, hat mich beschäftigt und mich dazu gebracht, über meine eigenen Träume und Wünsche nachzudenken und zu reflektieren, ob und wie ich diese realisiere.

Ich schätze es immer sehr, wenn eine Geschichte etwas in mir bewegen kann und mich dazu bringt, mich selbst genauer zu betrachten. Dies ist der Autorin wirklich ausnahmslos gut gelungen.

Und trotzdem kann ich leider nicht vollkommen euphorisch zum Kauf dieses Buches raten, denn gerade der Schlussteil gefiel mir weniger gut. Das lag nicht am Schluss an sich, sondern mehr daran, dass mir das letzte Drittel zu voll an extremen, teilweise schwer nachzuvollziehbaren Ereignissenist.

Insgesamt sollte dieses Buch von Jugendlichen nicht einfach nur gelesen werden, sondern ich halte es für notwenig, dass man sich mit jüngeren Lesern danach über die Geschichte unterhält, denn sie wirft mich Sicherheit einige Fragen auf.

Frau Stewner hat ein mutiges Buch geschrieben und einige Themen angesprochen, die oft genug in der Jugendliteratur tabuisiert werden. Doch hätte es meiner Meinung nach gereicht, eines dieser Themen zu behandeln, denn sie sind schon komplex genug. Die Ballung von Besonderheiten, Zufällen und Tabuthemen macht die Geschichte für mich etwas unglaubwürdig und überzogen.

Trotz allem gelingt es der Autorin den Leser unmittelbar anzusprechen und mitzureißen. Es ist schon länger her, dass mich ein Buch so sehr in meinem Handeln und Denken beeinflusst hat. Im Großen und Ganzen gebe ich gute 7 von 10 Sternen.

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Das Lied der Träumerin – Tanya Stewner – Hardcover mit Schutzumschlag – 388 Seiten – 16,95€ – ISBN-13: 978-3841421166 – erschienen: März 2011 (Fischer)

[Rezension] „Ich dich auch nicht“ von Sacha Sperling

Ich dich auch nichtInhalt:

Sacha ist vierzehn Jahre alt, ein mittelmäßiger Schüler. Er wird von seiner Mutter mehr verwöhnt als erzogen, ist Teil der coolsten Clique an der Schule.

Dann trifft er Augustin und alles in seinem Leben wird sich ändern. Sacha beginnt Drogen zu nehmen, nicht mehr regelmäßig zur Schule zu gehen und Mädchen flachzulegen. Und er verliebt sich in Augustin.

Meine Meinung:

Gerade habe ich das Buch zugeklappt und bin immer noch ganz von dem Buch eingenommen. Sachas Geschichte liest sich größtenteils wie ein Film. Ein Film, der einem in schnellen und harten Szenenwechseln unbarmherzig Bilder aufdrängt. Ein Film, der sich nicht mit Nichtigkeiten aufhält, sondern alle Gefühle, alle noch so armseligen Bilder und Personen ungefragt vor die Nase setzt. Als Leser muss man selber sehen, wie man diese verarbeitet.

Sacha Sperling, der dieses Buch als Vierzehnjähriger begonnen und dann als Siebzehnjähriger überarbeitet hat, präsentiert dem Leser ungeschönt das Leben von seinem Ich-Erzähler Sacha. Die Sprache, die er dafür verwendet, ist hart, oftmals vulgär. Die Sätze sind kurz und werden einem stakkatoartig zugeworfen. Das Lesen ist dementsprechend auch nicht immer ganz einfach, manchmal sogar anstrengend. Und genau dadurch wird die Atmosphäre des Buches so gut vermittelt.

Es geht in dem Buch um die Pubertät, um das Erwachsenwerden, die Identitätsfindung. Urplötzlich und ohne Vorwarnung rutscht der erst vierzehnjährige Sacha in ein Milieu und in ein Leben ab, was man sich für niemanden wünscht. Was zunächst mit Joints beginnt, endet bald darauf in Koks und Wodka. Diese Entwicklung wird von dem Autor kaum eingeführt, kaum konkret thematisiert. Sie passiert einfach. Wie im wahren Leben auch.

„Erwachsenwerden heißt einsehen, dass Fliehen unmöglich ist, dass die Geschichten kurz und bedeutungslos sind, aber aus Gründen, die wir nicht nachvollziehen können, Spuren hinterlassen.“ (S. 211)

Aber es geht in diesem Buch auch um die erste große Liebe und die Gefahren, Ängste und den Kummer, die diese mit sich bringt.

„Seine Hände legen sich auf meinen Schenkel. Meine Hüften. Mein Bauch. Ich erschauere, starr und schläfrig. Ich schwitze, glühe. Fast lache ich, obwohl mir nach Weinen zumute ist. Der Schlagzeuger spielt im Rhythmus meines Herzens. Im Rhythmus unseres Atems. Synchron. Alles ist synchron.“ (S. 81)

Sacha Sperling ist ein Buch gelungen, das nicht unterhält, das einen nicht in wunderbare Welten versetzt. Er hat ein Buch geschrieben, das dem Leser einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt. Und das ist gut so! 7 von 10 Sternen.

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Ich dich auch nicht – Sacha Sperling – Hardcover – 212 Seiten – 17,95 € – ISBN-13: 978-3492053853 – erschienen: 7. März 2011 (Piper)

[Rezension] „Die Memoiren der Fanny Hill“ John Cleland

Die Memoiren der Fanny HillInhalt:

Der Roman „Die Memoiren der Fanny Hill“ besteht aus zwei Briefen, in denen Fanny Hill einer anfangs nicht näher bekannten Leserin beschreibt, wie sie zu einem Freudenmädchen wurde. Insgesamt beschreibt das Buch etwa 3 Lebensjahre von Fanny.

Hintergrund:

Cleland schrieb dieses Buch 1749, angeblich während er im Schuldnergefängnis saß. Nach der Veröffentlichung löste dieses Buch heiße Diskussionen und Aufruhr aus, Cleland musste sich sogar in einem Sittlichkeitsprozess verantworten.

Meine Meinung:

Ich stehe diesem Buch etwas zwiegespalten gegenüber: Die Geschichte von Fanny Hill hat mich gut unterhalten und beschreibt viele Dinge, die im 18. Jahrhundert und auch heute noch tabuisiert wurden. So schreckt der Autor auch beispielsweise nicht davor zurück, die Gefahr von Geschlechtskrankheiten und ungewollten Schwangerschaften am Rande zu erwähnen. Auch das Ende, was durchaus moralisch ist und die vorher beschriebenen Inhalte ins rechte Licht rückt, gefiel mir sehr gut.

Auf der anderen Seite merkt man beim Lesen deutlich, dass dieser Roman von einem Mann geschrieben wurde. Die Macht des Mannes und vor allem seiner „Männlichkeit“ wird stets und ständig in den Vordergrund gerückt. Das Leben des Freudenmädchens Fanny Hill wird fast durchweg positiv und lusterfüllt beschrieben. Sicherlich keine realistische Darstellung dieses Berufsfelds.

Sprachlich gesehen ist das Buch durchaus amüsant. Sex wird mit allen möglichen und unmöglichen Worten beschrieben, wobei sich die Wahl der Worte teilweise am Berufsfeld der jeweiligen Männer orientiert (Der Bauer pflügt und der Seemann fischt im Hafen ;)).

Insgesamt ein unterhaltsames Buch, was mit einem gewissen Anstand und Sinn für Humor doch durchaus meinen Geschmack getroffen hat… wobei ich sicherlich weitere 400 Seiten nicht überstanden hätte! :) Ingesamt 6 von 10 Sternen.

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