[Rezension] „Der große schwarze Vogel“ von Stefanie Höfler

CollageMaker_20190322_171157239.jpg

„Mas dreieckiges Gesicht erscheint zwischen den anderen kleinen Dreiecken aus blauem Himmel inmitten der Äste, ihre langen rostroten Haare mit den etwas helleren trockenen Blättern darin umrahmen ihr breites Lachen mit dem leuchtend rot gemalten Mund. Alles an ihr glitzert vor Freunde.“ (S. 9)

Dies ist die erste Erinnerung, die Ben an seine Mutter hat. Seine Mutter, wie sie mitten in einem Baum steht und die Kastanien pflückt wie Äpfel. Denn die beiden wollen Kastanientiere bauen und nicht bis zum nächsten Tag warten, wenn die Kastanien vielleicht von alleine runterfallen würden. Diese Erinnerung teilt Ben in einer Art Prolog mit uns. „Davor“ nennt er den Prolog.

Nur eine Seite weiter erlebt Ben, wie Sanitäter versuchen, seine Mutter wiederzubeleben. Erfolglos. Mitten aus dem Leben. Ich muss sagen, obwohl ich vorher schon wusste, wovon das Buch handeln würde, war ich genauso schockiert wie Ben selbst. Genauso fassungslos.

„Mas Todestag war ein strahlender Oktobertag.“ (S. 15)

Bens Geschichte – die ersten Tage nach dem Tod seiner Mutter, die einzelnen Rückblicke auf die Zeit davor, aber auch den Blick nach vorn auf Geschichten, die noch passieren werden – hat mich sehr berührt. Der Erzählstil ist leicht und schlicht. Und trotzdem (oder gerade deswegen?) gelingt es der Autorin, den Leser mitzunehmen und ihn mitfühlen zu lassen.

„Ich weiß nicht einmal, ob dies eine Geschichte wird. Aber falls es eine wird, dann soll sie erzählen, wie das ist, wenn jemand plötzlich stirbt. Wie die ersten Tage vergehen, wie man damit klarkommt. Oder wie man eben nicht damit klarkommt. (S. 15)

Ich würde gerne von so vielen liebevollen Details erzählen, von so vielen Lieblingsstellen. Aber gleichzeitig möchte ich auch jedem die Chance geben, die Geschichte selbst zu fühlen und zu erleben. Stefanie Höfler ist es gelungen, ein trauriges Thema greifbar zu machen, ohne es zu schmälern. Trotz all der Traurigkeit ist dieses Buch aber auch fröhlich, positiv und lebensbejahend. Es ist ein Buch, das mich am Ende mit tränennassen Wangen und einem glücklichen Lächeln zurückgelassen hat.

stern 10

Dieses Buch ist (meiner Meinung nach absolut zu Recht) für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 nominiert.

Der große schwarze Vogel – Stefanie Höfler – Hardcover – 13,95 € – 182 Seiten – ISBN: 978-3-407-75433-2 – erschienen: Juli 2018 (Beltz & Gelberg)

Werbeanzeigen

[Rund um’s Buch] Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendien 2019

Kurz bevor morgen die Leipziger Buchmesse ihre Tore öffnet und *Trommelwirbel* die Nominierten für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 bekanntgegeben werden, wurde schon veröffentlicht, welche beiden Autoren das Kranichsteiner-Jugendliteratur-Stipendium erhalten, das für ein halbes Jahr vergeben wird und 12.000 € umfasst.

9783407754332

Es freut mich ganz besonders, dass die eine Preisträgerin Stefanie Höfler ist. Im Sommer letzten Jahres habe ich von ihr „Tanz der Tiefseequalle“ gelesen und geliebt. Das Stipendium hat sie für ihren Jugendroman „Der große schwarze Vogel“ bekommen, bei dem es darum geht, dass der vierzehnjährige Ben gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Krümel und seinem Vater den unerwarteten Tod seiner Mutter verarbeiten muss. Das Buch ist direkt auf meine Wunschliste gewandert.

1784_l

Von der zweiten Preisträgerin, Bettina Wilpert, hatte ich bis gerade eben noch nie etwas gehört. Umso schöner, dass ich jetzt durch die Stipendiumsvergabe auf sie aufmerksam geworden bin. Sie erhielt den Preis für ihr Debüt „nichts, was uns passiert“, in dem es um die Frage geht, ob der Doktorand Jonas seine Studentin vergewaltigt hat oder es sich um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr handelt. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven und Blickwinkeln beleuchtet, die dann mosaikartig zu einem Ganzen werden. Das hört sich für mich sehr interessant und aktuell an.

[Rezension] „Tanz der Tiefseequalle“ von Stefanie Höfler

Niko ist intelligent. Er ist mutig und steht tapfer über den Spötteleien seiner Mitschüler. Niko liebt es, sich in Tagträumen zu verlieren und dabei geniale Dinge zu erfinden. Er ist selbstironisch und besitzt einen mitreißenden Wortwitz. Seine Mitschüler sehen allerdings nur eins: Niko ist unglaublich dick!

Sera findet es meistens gar nicht so lustig, wenn ihre Mitschüler Niko ärgern, doch sie setzt sich auch nicht für ihn ein. Sera klettert gerne auf Bäume, aber davon darf niemand etwas wissen. Ihre Mitschüler sehen nur eins: Sera ist unglaublich schön!

20180812_101125.jpg

Es gibt Bücher, die berühren einen beim Lesen, ohne dass man genau in Worte fassen kann, was der Grund dafür ist. „Der Tanz der Tiefseequalle“ ist so ein Buch!

Als Sera auf der Klassenfahrt von einem Mitschüler begrapscht wird, geht Niko mutig dazwischen. Quasi der erste echte Kontakt zwischen den beiden, denn ansonsten haben die scheinbar so gegensätzlichen Jugendlichen nichts miteinander zu tun. Abends dann fordert Sera Niko zum Tanz auf, wobei sie selbst nicht genau weiß, warum sie dies tut. Zwischen den beiden entwickelt sich eine verrückte Freundschaft, in der beide lernen müssen, dass der äußere Schein manchmal trügt …

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Niko und Sera erzählt, so dass man als Leser die Gedanken und Gefühle, Sorgen und Hoffnungen von beiden gut mitbekommt. Stefanie Höfler gibt den beiden ganz eigene und authentische Erzählstimmen. Ich hätte mit dem Lesen am liebsten gar nicht aufgehört.

„Tanz der Tiefseequalle“ ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und ich weiß jetzt schon, dass ich dem Titel ganz fest die Daumen drücken werden, denn es ist gleichzeitig eine schöne, witzige und tiefgründige Geschichte. Ich wünsche ganz vielen Lesern das Vergnügen, Niko und Sera kennenzulernen!

stern 10

Dieses Buch wurde 2018 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, mittlerweile ist es auch als Taschenbuch erschienen.

Tanz der Tiefseequalle – Stefanie Höfler – Hardcover – 190 Seiten – 12,95 € – ISBN: 978-3-407-82215-4 – erschienen: April 2018 (Beltz & Gelberg) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren