[Rezension] „Die Spiegelreisende 1: Die Verlobten des Winters“ von Christelle Dabos

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Vermutlich habt ihr schon von DER neuen Fantasyreihe gehört, die teilweise sogar mit dem Harry Potter – Universum verglichen wird: Die Spiegelreisende!

Die Reihe besteht aus vier Bänden: Der erste Band ist bereits erschienen, die übrigen drei Teile werden alle vermutlich innerhalb eines Jahres erscheinen, was ich sehr angenehm finde. Es gibt ja kaum etwas Schlimmeres, als einen tollen Reihenauftakt zu lesen und dann mehrere Jahre auf die Fortsetzung warten zu müssen.

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Den erste Band, „Die Verlobten des Winters“, habe ich gestern beendet und muss sagen, dass ich die Begeisterung gut nachvollziehen kann. Vom Plot her hat die Geschichte meiner Meinung nach gar nichts mit Harry Potter gemein – das sollte man auf keinen Fall erwarten -, aber sie besticht ebenso durch erfrischend neue Ideen und eine ganz besondere Hauptfigur.

Schon vor Jahren ist die Welt in verschiedene Teile zersplittert,  in sogenannte Archen. Auf einer dieser Archen lebt Ophelia, die es genießt möglichst unscheinbar zu sein. Doch hinter ihrem etwas langweiligen Äußeren und ihrer tollpatschigen und schüchternen Art verstecken sich enorme Fähigkeiten: Ophelia kann nicht nur durch Spiegel reisen, sie ist auch eine hervorragende Leserin: Durch das Berühreren von Gegenständen kann sie ihre Geschichte lesen.

Doch dann muss Ophelia eines Tages ihr geliebtes, ruhiges Zuhause verlassen, um auf die weit entfernte Arche Pol zu ziehen, wo sie an den wortkargen und überall unbeliebten Thorn verheiratet werden soll. Dort ist nichts so, wie es scheint, und überall lauern Intrigen, Illusionen und Gefahr!

Meiner Meinung nach ist dieses Buch ein typischer Reihenauftakt: Es braucht etwas, bis das Setting und Hauptfiguren eingeführt sind. Erst dann nimmt die Handlung langsam Fahrt auf. Und dennoch mochte ich das Buch von Anfang an nur ungern zur Seite legen. Die letzten einhundert Seiten habe ich dann in einem Rutsch gelesen und bin sehr gespannt, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Noch kann ich viele Charaktere nur schwer durchschauen und bin freu mich darauf, welche Überraschungen die kommenden drei Bände noch für mich bereithalten.

Mein Fazit: Die neue Saga um die Spiegelreisende Ophelia ist zu Recht in aller Munde! Die Autorin, Christelle Dabos, hat eine faszinierende fantastische Welt erschaffen, die mich absolut begeistern konnte, vor allem weil ich viele der Ideen aus dem Buch so bisher noch nicht kenne. 8 von 10 Sternen für einen absolut gelungenen Reihenauftakt!

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Auf dieser Seite findet man übrigens in Form von wirklich beeindruckenden Zeichnungen die schönsten Fanbeiträge zur Reihe.

Die Spiegelreisende 1: Die Verlobten des Winters – Christelle Dabos – Hardcover – 535 Seiten – 18,00 € – ISBN: 978-3-458-17792-0  – erschienen: März 2019 (Insel Verlag) – Übersetzung: Amelie Thoma

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[Rezension] „Bäume reisen nachts“ von Aude Le Corff

Bäume reisen nachtsInhalt:

„Manon geht zum Zimmer der Eltern. Sie öffnet die Tür, die über den weißen Teppich schabt, jeden Tag mit der Hoffnung, ihre Mutter zu sehen.“ (S. 8)

Vor einigen Monaten hat Manons Mutter die Familie verlassen. Und nicht nur Manon, sondern auch ihr Vater Pierre leidet unglaublich unter dem Verlust. So sehr, dass er auch keine Kraft mehr hat, sich um seine achtjährige Tochter zu kümmern. Und so sitzt Manon jeden Tag allein unter der Birke im Garten, liest und spricht mit den Ameisen und Katzen.

Dieses Bild rührt den etwas kauzigen, ehemaligen Lehrer Anatole, so dass er sich irgendwann zu ihr setzt und beginnt, ihr aus „Der kleine Prinz“ vorzulesen. Die gemeinsame Lesezeit wird zur Routine und Manon und Anatole zu Freunden.

Und so ist es für Manon selbstverständlich, dass Anatole sie, ihren Vater und ihre Tante schließlich auf der Suche nach ihrer Mutter begleitet…

Meine Meinung:

„Er ist wie aus der Welt gefallen.“ (S. 13)

Ich glaube, was mich an diesem Buch am meisten begeistert hat, ist seine Sprache. Mit wenigen Worten beschreibt die Autorin sehr eindrücklich die Traurigkeit von Pierre und die Einsamkeit und Unsicherheit von Manon.

Es ist rührend mit anzusehen, wie sich zwischen Manon und Anatole erste vorsichtige Bande spannen, denn Anatole ist im Umgang mit anderen Menschen eher unbeholfen, weiß anfangs gar nicht, wie er mit der Nähe und Zuneigung von Manon umgehen soll.

Wie ein roter Faden ziehen sich Vergleiche zu „Der kleine Prinz“ durch das Buch und obwohl ich die Geschichte nicht komplett kenne, hat mich das nie gestört. Ich finde, Aude Le Corff gibt immer genau so viel an Hintergrundinformationen, wie man braucht, um eben auch die kleinen Analogien zu verstehen.

Ein möglicher Kritikpunkt ist sicherlich, dass sich die Autorin im Verlauf der Geschichte nicht nur auf Manon und Anatole oder auf die gemeinsame Suche nach ihrer Mutter konzentriert, sondern auch noch Themen mit einbezieht, die das Buch eigentlich etwas sprengen. Mich hat das vor allem irritiert, aber ich kann gut verstehen, wenn es andere Leser wirklich stört.

Und doch ist es einfach eine sympathische, buntgemischte Truppe, die sich schließlich gemeinsam in ein Auto quetscht und die lange Reise von Frankreich nach Marokko antritt, um Manons Mutter zu finden. Mir hat es unheimlich Spaß gemacht, die vier auf dieser Reise zu begleiten, die für manche gleichzeitig eine Reise ein Stückchen mehr zu sich selbst ist. Einzig und allein der Schluss hat mir nicht wirklich gut gefallen, so dass ich doch nur sehr gute 7 von 10 Sternen vergeben mag.

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Bäume reisen nachts – Aude Le Corff – Klappbroschur – 201 Seiten – 12,99 € – ISBN: 978-3-458-36019-3 – erschienen: März 2014 (Suhrkamp)

[Rezension] „Die Perlmutterfarbe: Ein Kinderroman für fast alle“ von Anna Maria Jokl

Die PerlmutterfarbeKlappentext:

Aus dem Schulranzen von »Maulwurf«, einem der beliebtesten Schüler in der A-Klasse, verschwindet ein Töpfchen mit selbstgemischter Farbe, der Perlmutterfarbe. Die ersten Verdächtigungen werden geäußert, das Mißtrauen gegenüber der B-Klasse wächst, die Jagd nach einem Sündenbock beginnt. (Quelle)

Meine Meinung:

„Ich habe etwas Schreckliches getan. Zuerst war es nicht viel, aber aus einer Lüge sind tausend geworden.“ (S. 270)

Ich kann jetzt schon mal zu Beginn sagen: Jeder sollte dieses wirklich kluge, psychologisch feinsinnige und nebenher auch noch lustige Buch lesen.

Die Geschichte wird zunächst aus der Sicht von Alexander aus der A erzählt. Der nämlich möchte sich gerne vom B-Karli ein Buch leihen. Der B-Karli hat das Buch selber aber noch nicht gelesen und will es Alexander erst ein paar Tage später leihen. Aus einem Impuls heraus nimmt Alexander ihm das Buch weg. Zuhause schämt er sich für sein Verhalten und will das Buch am nächsten Tag zurückgeben. Doch dann passiert ein Missgeschick, das das Unglück erst so richtig ins Rollen bringt: Die Perlmutterfarbe von Maulwurf, die Alexander aus Versehen eingesteckt hat, kippt um und läuft über das Buch vom B-Karli. Alexander weiß nicht mehr, was er tun soll, und traut sich nicht die Wahrheit zu sagen. Und plötzlich steht ausgerechnet der B-Karli unter Verdacht, die Perlmutterfarbe gestohlen zu haben…

„Und jetzt verdächtigst du einfach den B-Karli? Wie soll der das denn gemacht haben? Ich hab ihn noch nie in der A gesehen. Nein, das sagst du nur, weil du dich vor dem langen Gruber groß machen willst, weil der immer von den Bs alles Schlechte sagt. Damit werden wir nicht herauskriegen, wer klaut. Denn jemand, der auf die B hetzt, wird nie die Wahrheit herauskriegen, weil er sie gar nicht wissen will.“ (S. 57)

Nur wenige sehen die Situation so wie Lotte, von der das obige Zitat stammt. Die meisten aus der A möchten gerne die Schüler aus der B als Schuldige sehen. Denn die Bs sind ja grundsätzlich weniger wert. Man merkt schon: Liest man dieses Buch etwas tiefgründiger, findet man viele Parallelen aus der Geschichte und der Gegenwart. Die Autorin beschreibt sehr gekonnt und mit viel Feingefühl die einzelnen Klassenmitglieder aus der A und der B und die Gruppenprozesse, die innerhalb der Klassen und einzelner Kleingrüppchen ablaufen. Als Leser lernt man die einzelnen Jugendlichen sehr schnell kennen und lieben.

„Die Perlmutterfarbe“ fasziniert mich, denn die Geschichte ist klug, witzig, psychologisch sehr überzeugend und voller intelligent gezeichneter Charaktere. Ich bin wirklich froh, dass eine Freundin mir dieses Buch geliehen hat und vergebe die volle Anzahl an Sternen!

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Die Perlmutterfarbe: Ein Kinderroman für fast alle – Anna Maria Jokl – Taschenbuch – 280 Seiten – 8,99 € – ISBN-13: 978-3518460399 – erschienen: Dezember 2008 (4. Auflage, Suhrkamp)

[Rezension] „Andorra“ von Max Frisch

AndorraInhalt:

Das Drama von Max Frisch handelt von Andri, der angeblich von seinem Ziehvater als Jude gerettet wurde und jetzt mit seinem Ziehvater, seiner Ziehmutter und Ziehschwester Barblin zusammenlebt. Mit Barblin ist Andri heimlich verlobt.

In Andorra wird Andri von den restlichen Andorranern gehänselt, gemieden und schikaniert, weil er ein Jude ist. Andri hinterfragt anfangs seine Identität und seine von den anderen zugeschriebenen Eigenschaften wie Geiz oder Gefühlsarmut, doch nimmt er im Laufe der Handlung mehr und mehr an, ein Jude zu sein.

Doch dann erscheint eine ausländische Senora, die alles Bisherige in ein neues Licht rückt.

Unterbrochen wird die eigentliche Handlung durch „Zeugenaussagen“ der Andorraner, die ihre Meinung und ihren Blick auf das Vergangene (die Haupthandlung) darstellen.

Meine Meinung:

Ich habe dieses Drama gelesen, weil mein Bruder es in der Schule gelesen und für gut befunden hat. Parallel zu diesem Buch habe ich noch in einer Interpretationshilfe quergelesen. Gerade bei Klassikern finde ich das immer hilfreich, denn ich hätte alleine ohne Hilfe manche Ansätze überlesen, bzw. nicht verstanden.

Insgesamt lässt sich die Geschichte schnell und gut lesen. Sie vermittelt dem Leser einen guten Blick auf die Identitätsbildung und thematisiert vor allem die Schuld der mehr oder weniger passiven Gesellschaft (den Andorranern) an dramatischen Vorgängen (die hier nicht näher genannt werden sollen, um nicht zu viel zu verraten). Die dramentheoretische Nähe zu Bertold Brecht gefiel mir als großen Brechtfan natürlich besonders gut.

Insgesamt gibt es 7 von 10 Sternen.

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