[Rezension] „Eine Handvoll Lila“ von Ashley Herring Blake

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„Über Mom zu sprechen, fühlt sich irgendwie an wie Verrat. Es klingt alles so tragisch, fast klischeehaft, wie aus einer Seifenoper. Und meine Mutter … na ja, sie ist eben meine Mutter. Und so schlimm ist nun auch wieder nicht. So schlimm nicht.“ (S. 109/110)

Grace geht es gut. Okay eben. Naja, eigentlich geht es ihr nicht gut. Tatsächlich geht es ihr sogar schlecht. Grace‘ Vater ist gestorben, als sie zwei Jahre alt war, aber das ist nicht der Grund dafür, dass es ihr nicht gut geht. Eigentlich kann sie sich nämlich gar nicht mehr richtig an ihn erinnern. Anders als ihre Mutter. Die trauert seitdem – und das auf ihre Art und Weise: mit viel Alkohol, ständig wechselnden Männern und Wohnungen. Mehr als ein Mal musste Grace ihre Mutter betrunken aus einer Bar nach Hause verfrachten – wo auch immer das auch gerade ist.

Aber ihre Mutter ist eben doch ihre Mutter. Was macht es da schon, dass sie in dem einen Jahr Grace‘ Geburtstag am falschen Tag feiern wollte? Immerhin wollte sie ihn doch feiern, oder? Und oft genug macht ihre Mutter ja auch nette Kleinigkeiten für ihre Tochter, da sollte Grace schon darüber hinwegsehen können, dass ihre Mutter ihr regelmäßig das Trinkgeld aus der Schatulle stiehlt. Und überhaupt: Wie sollte ihre Mutter überhaupt ohne sie zurecht kommen? Ihre Mutter braucht sie! Und so stellt Grace ihre eigenen Pläne und Wünsche hintenan. Immer und immer wieder.

Doch dann ist da plötzlich Eva. Eva, die ihre Mutter vor kurzem verloren hat. Eva, die so todtraurig und wunderschön zugleich ist. Eva, mit der sich Grace so wohl fühlt. So entspannt. Und wenn sie mit Eva zusammen ist, kann Grace für einen kurzen Moment sogar ihre Mutter vergessen. Doch reicht das?

„‚Ich mag Mädchen, Grace.‘
Es ist, als flattern ihre Worte im Wind, würden erst in die eine und dann in die andere Richtung geworfen, um dann zwischen uns zu landen.“ (S. 115)

Ich denke, die wenigsten Leser können sich in Grace‘ Lage versetzen. Die wenigsten wissen, wie es ist, von der eigenen Mutter viel zu sehr gebraucht zu werden, viel zu früh erwachsen werden zu müssen, sie ein Stück weit zu hassen und sie doch so sehr zu lieben. Es ist der Autorin sehr gut gelungen, diese widersprüchlichen Gefühle von Grace deutlich zu machen.

Anfangs habe ich mich nicht ganz in der Geschichte zurecht gefunden. Es ging mir alles etwas schnell: Sehr abrupt wurde ich in das Leben von Grace und ihrer Mutter hineingeworfen. Und auch die erste Begegnung von Grace und Eva kam ziemlich plötzlich. Zunächst passten die beiden Geschichten für mich nicht ganz zusammen. Doch irgendwann kam der Punkt, an dem ich nicht aufhören konnte zu lesen. An dem ich mir Tränen aus den Augen wischen musste, um im nächsten Augenblick leise in mich hinein zu lachen.

Vermutlich kann eine Rezension diesem Buch gar nicht gerecht werden. Und auch was es mit der Farbe Lila auf sich hat und wie toll Grace‘ bester Freund ist, müsst ihr selbst nachlesen. Ich kann nur sagen, dass dies ein Geschichte ist, die mich sehr berührt hat. 9 von 10 Sternen!

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Eine Handvoll Lila – Ashley Herring Blake – Hardcover – 18,00 € – 352 Seiten – ISBN: 978-3-7348-5030-1 – erschienen: Januar 2018 (Magellan Verlag) – Übersetzung: Birgit Salzmann – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

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[Rezension] „Glück ist eine Gleichung mit 7“ von Holly Goldberg Sloan

Klappentext:

Willow ist ein Energiebündel, denkt immer positiv und interessiert sich für alles: Sie studiert das Verhalten von Fledermäusen, züchtet Zitrusfrüchte im Garten und begeistert sich für die Schönheit der Zahl 7. Ihr größter Wunsch ist es, gleichaltrige Freunde zu finden. Dafür lernt sie sogar Vietnamesisch. Doch dann verunglücken ihre Adoptiveltern bei einem Autounfall. Es ist wie ein Wunder, wie Willow mit ihrer Art zu denken – ihrer Hochbegabung – und ihrem ungebrochenen Charme ihre Welt zusammenhält. Dabei verändert sie das Leben aller, die sie trifft, und jeder Einzelne entdeckt, welche Kräfte in ihm stecken. (Quelle)

Meine Meinung:

Hach! Wenn jemand auf der Suche nach einem absoluten Wohlfühlbuch ist, muss er jetzt nicht weiter suchen. Mit „Glück ist eine Gleichung mit 7“ hat man es gefunden!

Willow ist wirklich eine besondere Protagonistin und das liegt nicht nur an ihrer Hochbegabung, die sie teilweise etwas schräg wirken lässt, sondern vor allem an ihrer absolut liebenswerten Art. Willow weiß, dass sie hochbegabt ist. Sie weiß auch, wie sie auf gleichaltrige Mitschüler wirkt. Etwas verschroben und sonderbar – niemand, mit dem man sich gerne anfreunden möchte, obwohl Willow immer freundlich und offen auf ihre Mitmenschen zu geht. Und doch ist sie nicht bereit, sich für andere zu verstellen. Ein bewundernswerter Charakterzug.

Obwohl Willow noch keine gleichaltrigen Freunde hat (an der Freundschaft mit Mai arbeitet sie gerade), ist Willow glücklich, denn sie hat ja ihren Garten und ihre Adoptiveltern, die sie bedingungslos lieben. Doch dann: Ein Autounfall, bei dem ihre Eltern beide ums Leben kommen. Willow hat niemanden mehr. Steht ganz alleine da. Ihre Welt bricht zusammen. Nun muss sich zeigen, was ihre Freundschaft mit Mai wirklich wert ist und wie stark Willow tatsächlich ist.

Als Leser erfährt man ziemlich früh zu Beginn des Buches, dass Willows Eltern bei einem Autounfall sterben. Und obwohl ich noch gar nicht so viel Zeit hatte, das junge Mädchen kennenzulernen, hat mich dieser Unfall, Willows Verlust und ihre Trauer total umgehauen. Ich war mit ihr paralysiert, wollte sie trösten und sie in den Arm nehmen. Denn Willow ist eine der tollsten Charaktere, die ich seit langem kennenlernen durfte.

Willows Welt muss sich aber auch nach dem Tod ihrer Eltern weiter drehen, obwohl dies zunächst undenkbar erscheint. Und im Laufe der Geschichte bekommt man mit, wie die 12jährige das Leben ihrer Mitmenschen auf den Kopf stellt, ohne dass das überhaupt ihre Absicht ist.

Ja, kritische Stimmen könnten sagen, dass die Geschichte ein wenig kitschig ist und dass sich am Ende alles ein kleines bisschen zu perfekt fügt. Aber ich finde, die Welt ist oftmals traurig und hart genug. Warum gönnen wir uns nicht ein wenig Glück und wohlige Wärme beim Lesen?

„Glück ist eine Gleichung mit 7“ ist eines jener besonderen Bücher, das seine Leser packt und sie nicht mehr loslässt, bis sie am Ende glücklich das Buch zuklappen und sich die letzten Tränen aus den Augen wischen. 10 Sterne!

stern 10

Glück ist eine Gleichung mit 7 – Holly Goldberg Sloan – Hardcover mit SU – 304 Seiten – 16,90 € – ISBN 978-3-446-24553-2 – erschienen: Juli 2015 (Hanser) – Übersetzung: Wieland Freund – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Kurzer Leseeindruck] „Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ von Christoph Wortberg

Klappentext:

Lenny hat seinen älteren Bruder Jakob immer bewundert. Den Großen, den Alleskönner. Doch jetzt ist Jakob tot. Lenny beginnt, Fragen zu stellen. Wer war sein Bruder? Wer ist er selbst? Und was, zum Teufel, ist der Sinn des Lebens ohne Jakob? Da trifft Lenny auf Rosa. Sie kannte seinen Bruder. Besser als er ahnt … Und je mehr Lenny über Jakob erfährt, desto näher kommt er sich selbst. (Quelle)

Mein Eindruck:

„Mein Bruder Jakob sagte: Ich bin ich und die anderen sind die anderen. Er sagte: Ich habe nur dieses eine Leben. Dann ging er.
Mein Bruder war ein Held.“ (S. 7)

Was tut  man, wenn der ältere Bruder plötzlich stirbt? Der Bruder, der einen immer beschützt und die Familie zusammengehalten hat? Und was macht man, wenn die Eltern vollkommen vergessen, dass sie noch einen zweiten Sohn haben? Und warum hat Jakob bezüglich des Wanderausflugs, auf dem er gestorben ist, gelogen?

Dieses Buch beschäftigt sich auf leichte und teilweise humorvolle Art und Weise mit diesen Fragen. Man begleitet Lenny dabei, wie er versucht, mehr über seinen Bruder herauszufinden, und endlich aus seinem Schatten heraustritt. Die Kapitel des Buches sind sehr kurz, insgesamt liest sich die Geschichte ziemlich schnell. Meiner Meinung nach ist das ein eindeutiges Plus für ein Jugendbuch. Andererseits ist die Geschichte nicht ganz so gehaltvoll, wie ich sie mir stellenweise gewünscht hätte.

„Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ beschäftigt sich mit der Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen und mit der Frage nach dem Warum. Gleichzeitig geht es aber auch darum, wie man im Schatten eines von allen geliebten und geachteten Bruder zu sich selbst finden kann. Insgesamt ein gutes Jugendbuch, dass auf wenigen Seite interessante Denkanstöße bietet. 7 von 10 Sternen.

stern 7

„Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß“ war 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß – Christoph Wortmann – Klappbroschur – 191 Seiten – 12,95 € – ISBN: 978-3-407-81158-5 – erschienen: September 2015 (Beltz) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Schneeriese“ von Susan Kreller

Klappentext:

Seit er denken kann, lebt der 14-jährige Adrian neben Stella Maraun, die fast nicht lispelt und die beste Freundin ist, die er je hatte. Es kümmert sie nicht, dass Adrian wächst und wächst – 2,07 m soll er werden! – und sie nennt ihn liebevoll Einsneunzig, obwohl auch das schon nicht mehr stimmt.
Doch als Datos Familie in das leerstehende Dreitotenhaus nebenan einzieht, entspinnt sich zwischen Stella und Dato eine zarte Liebesgeschichte. Adrian muss den ersten furchtbaren Liebeskummer überleben – und vielleicht trotzdem schaffen, Stellas Freund zu bleiben. (Quelle)

Meine Meinung:

„Elefanten sieht man nicht“ von Susan Kreller habe ich im letzten Jahr gelesen und sehr gemocht. Nachdem nun auch „Schneeriese“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, war klar, dass ich es auch lesen würde.

Anders als in „Elefanten sieht man sich“, das sich mit dem Thema der häuslichen Gewalt beschäftigt, geht es in diesem Buch um ein eher „kleines“ Thema – zumindest erscheint es erstmal eher klein und unscheinbar: Adrian ist, seit er denken kann, mit seiner Nachbarin Stella befreundet. In der letzten Zeit aber empfindet er mehr für sie: Er möchte sie gerne zeichnen, nicht nur ihre Hände und Füße, sondern auch ihr Gesicht, denn das wäre die perfekte Ausrede, um sie möglichst lange ansehen zu können. Adrian ist in Stella verliebt. Doch die verliebt sich in den gerade erst hergezogenen Dato. Das kann Adrian kaum ertragen: Der Schmerz und die Trauer verändern ihn.

Und Adrian dachte, ja, tatsächlich, da gäbe es zwei oder zehn Kleinigkeiten, die dringend mal für mich zu tun wären. Du könntest mich fragen, ob ich dein Gesicht zeichnen will, ich selber frag ja nicht, du könntest mich anrufen jeden Tag, du könntest vor meiner Zimmertür stehen und Los, Beeilung! rufen, du könntest mit mir und der Misses auf der Schaukel sitzen und gar nichts tun, du könntest laut sagen, Dato, was für ein bescheuerter Name aber auch, wie kann einer bloß Dato heißen, du könntest mich einfach mal ansehen, du könntest mich Einsneunzig nennen, du könntest sagen, tut mir leid, dass ich dich aus Versehen vergessen hab, das kommt nie wieder vor in den nächsten fünf Wochen,“ (S. 53)

Freundschaft – Verliebtsein – unerwiderte Liebe: All das sind Themen, die Jugendliche sicherlich sehr beschäftigen. Ich bewundere die Autorin, wie sie sich ein kleines Stückchen dieser Themen nimmt und damit ein komplettes Buch füllt. Eigentlich passiert innerhalb der Geschichte recht wenig – und dann doch wieder so viel. Schwierig hingegen finde ich die Sprache: Wie auch schon in „Elefanten sieht man nicht“ ist die wörtliche Rede auch in diesem Buch nicht gekennzeichnet. Damit aber nicht genug: Wörtliche Rede, Erzählung und Gedanken gehen oft nahtlos ineinander über, was das Lesen wirklich schwer macht. Man muss sehr konzentriert sein, manchmal einen Satz ein zweites Mal lesen. All das ist nichts Schlimmes, aber doch frage ich mich: Für wen wurde dieses Buch geschrieben? Meiner Meinung nach für Erwachsene oder für Jugendliche, die es im Deutschunterricht in der Schule lesen, aber ich glaube kaum, dass junge Leser dieses Buch in ihrer Freizeit in die Hand nehmen.

„Schneeriese“ erzählt auf gelungene Weise von dem vierzehnjährigen Adrian, der in seine beste Freundin und Nachbarin verliebt ist und irgendwie damit zurecht kommen muss, dass diese nicht das Gleiche für ihn empfindet. Thematisch und auch von der Entwicklung der Figuren her hat das Buch eine Menge zu bieten. Sprachlich besticht es durch eine nicht einfache, teilweise schon fast lyrische Erzählweise, die das Lesen kompliziert macht. Ich vergebe insgesamt 7 von 10 Sternen!

stern 7

Schneeriese – Susan Kreller – Hardcover mit SU – 208 Seiten – 14,90 € – ISBN: 978-3-551-58318-5 – erschienen: September 2014 (Carlsen) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Kurzer Leseeindruck] „Mockingbird“ // „Schwarzweiß hat viele Farben“ von Kathryn Erskine

Klappentext:

Die zehnjährige Caitlin erlebt die Welt in einfachen Gegensätzen wie Schwarz und Weiß. Gefühle zu zeigen und Gesichtsausdrücke zu deuten, fällt ihr schwer, da sie an einer Krankheit, dem Asperger-Syndrom, leidet. Ihr Bruder Devon, der ihr geholfen hat, sich zurechtzufinden, ist bei einem Anschlag ums Leben gekommen. Caitlin beschließt, eine Lösung für ihre Trauer zu finden und das Geschehene zu verarbeiten. Das gelingt ihr besser als allen anderen Angehörigen,und sie lernt, wozu sie trotz ihres Andersseins fähig ist. Sie erlebt Mitgefühl und begreift, dass die Welt für uns alle die herrlichsten Farben bereithält. (Quelle)

Meine Meinung:

Kathryn Erskine hat in diesem Buch sehr gekonnt zwei recht spezielle Themen miteinander verwoben: das besondere Leben und Empfinden eines Mädchens mit dem Asperger-Syndrom (einer Art Autismus) und die Trauer nicht nur der Angehörigen, sondern einer ganzen Gemeinde nach einem Amoklauf an einer Schule. Sie selbst schreibt im Nachwort, dass es ihr wichtig war zu vermitteln, dass sich jeder bemühen sollte, sich mehr in andere Personen hineinzuversetzen – etwas, was Menschen mit dem Aspergersyndrom oft schwerfällt. Nur so könnten viele Ängste, Konflikte und Missverständnisse umgangen werden.

Ich habe die Hauptperson Caitlin mit jeder Seite mehr ins Herz geschlossen. Sie gibt wirklich alles dafür, für sich, aber vor allem für ihren Vater, einen Weg zu finden, mit dem Tod von Devon abzuschließen und wieder Frieden zu finden.

I am trying hard, Dad says.
I know. You get a sticker.
Thank you.
Okay. You get another sticker for being polite.
Thanks. His lips press together and it almost looks like a smile. I forgot that Dad used to smile. I wonder if Closure will make him smile.

„Schwarzweiß hat viele Farben“ ist ein Buch, das meiner Wahrnehmung nach bisher recht wenig Beachtung erhalten hat: absolut ungerechtfertig! Es ist großartig geschrieben und entführt den Leser in die ganz eigene Welt von Caitlin, die sich – so stellt sich am Ende heraus – manchmal gar nicht so sehr von der restlichen Welt unterscheidet. 10 von 10 Sternen!

stern 10

Ich habe dieses Buch übrigens unter dem englischen Titel „Mockingbird“ gelesen, deswegen ist das Zitat auf englisch und man findet in der Überschrift sowohl diesen als auch den deutschen Titel.

Schwarzweiß hat viele Farben – Kathryn Erskine – Hardcover – 224 Seiten – 14,95 € – ISBN 978-3-86873-665-6 – erschienen: Februar 2014 (Knesebeck Verlag) – Altersempfehlung: ab 10 Jahren

[Rezension] „Love Letters to the Dead“ von Ava Dellaira

Klappentext:

Es beginnt mit einem Brief. Laurel soll für ihren Englischunterricht an eine verstorbene Persönlichkeit schreiben. Sie wählt Kurt Cobain, den Lieblingssänger ihrer Schwester May, die ebenfalls viel zu früh starb. Aus dem ersten Brief wird eine lange Unterhaltung mit toten Berühmtheiten wie Janis Joplin, Amy Winehouse und Heath Ledger. Denn die Toten verstehen Laurel besser als die Lebenden. Laurel erzählt ihnen von der neuen Schule, ihren neuen Freunden und Sky, ihrer großen Liebe. Doch erst, als sie die Wahrheit über sich und ihre Schwester May offenbart, findet sie den Weg zurück ins Leben und kann einen letzten Brief an May schreiben … (Quelle)

Meine Meinung:

Seit dem Tod ihrer großen Schwester May ist Laurels Leben nicht mehr so, wie es mal war: Ihre Eltern haben sich getrennt und ihre Mutter ist weit weg auf eine Farm gezogen. Laurel lebt abwechselnd bei ihrem Vater und ihrer sehr christlichen Tante. Auf der neuen Schule kennt Laurel noch niemanden, sie ist nämlich mit Absicht nicht an die ehemalige Highschool ihrer Schwester gegangen. Zu groß ist ihre Angst, dass dort alle von May wissen. Erst langsam knüpft sie Kontakt zu Natalie und Hannah, die aber beide auch ihre eigenen Probleme haben.
Ihr größtes Problem bespricht Laurel aber nur mit den toten Persönlichkeiten, denen sie im Englischunterricht Briefe schreibt. Denn niemand soll wissen, dass eigentlich sie Schuld am Tod ihrer Schwester hat…

Die Rezension zu diesem Buch habe ich lange vor mir her geschoben. Das liegt daran, dass es mir sehr schwer fällt, dieses Buch zu rezensieren, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten. Ich weiß, dass die Geschichte nicht alle Leser begeistert hat. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, woran das liegt. „Love Letters to the Dead“ ist unheimlich vielschichtig und tiefgründig. Die Haupthandlung ist vielleicht ansatzweise – aber wirklich auch nur ansatzweise – eine schon bekannte Highschoolgeschichte (Neues Mädchen an der Highschool findet nur mühsam Freundinnen und verliebt sich in einen geheimnisvollen und scheinbar unerreichbaren Jungen.), aber nebenher passiert so viel: nicht nur bei Laurel, sondern auch bei den Nebenfiguren. Seite für Seite erfährt man als Leser mehr über Laurel und ihre Schwester May, über ihr Verhältnis zueinander und schließlich auch die Hintergründe für Mays Tod.

Ich war während des Lesens ganz eingenommen von der Geschichte und von Laurels Versuch mit dem Tod von May klarzukommen, sich selbst zu finden, ohne sich vollständig zu verlieren. Es gab Stellen, da wollte ich sie schütteln und sie vor dem, was sie vorhatte, warnen. Denn Laurels Weg zu sich selbst ist steinig und scheint mehr als ein Mal in den Abgrund zu führen. Und eben das finde ich realistisch.

„Love Letters to the Dead“ ist ein sehr authentisches Jugendbuch, das ebenso schonungslos ehrlich wie einfühlsam Laurels Suche nach sich selbst, ihren Umgang mit dem Tod ihrer großen Schwester und ihren Schuldgefühlen beschreibt. Mich haben vor allem der Tiefgang und die Vielschichtigkeit der Charaktere begeistert. 9 von 10 Sternen!

stern 9

Love Letters to the Dead – Ava Dellaira – Hardcover mit SU – 416 Seiten – 17,99 € – ISBN: 978-3-570-16314-6 – erschienen: Februar 2015 (cbt) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren

[Rezension] „Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte“ von Crystal Chan

Bird und ich und der SommerInhalt:

„Großvater hörte an dem Tag auf zu sprechen, an dem er meinen Bruder John tötete.“ (S. 5, erster Satz des Buches)

Natürlich tötete Jewels Großvater ihren Bruder nicht wirklich, aber alle glauben, dass es seine Schuld ist. Schließlich hatte er John immer Bird genannt und ihn – so glauben es zumindest Jewels Eltern – dazu gebracht, von einer Klippe hinunter zu springen, um zu fliegen.

Der Tag, an dem Bird stirbt, ist gleichzeitig der Tag von Jewels Geburt. Allerdings hat sie oft das Gefühl, gar kein richtiges Leben zu haben. Alle denken nur noch an Bird: Ihr Großvater spricht nicht mehr und beachtet Jewel auch sonst nicht, ihre Mutter redet immer nur dann mit ihr, wenn sie mit ihr schimpft, und Jewels Vater ist in seiner Freizeit damit beschäftigt, Rosmarinsträucher zu pflanzen, um die bösen Geister – Duppies – von der Familie fernzuhalten.

Erst als Jewel eines Sommer einen Jungen kennenlernt, der zufälligerweise auch John heißt, hat sie das Gefühl, dass ihr endlich mal jemand zuhört. Ihr Leben beginnt sich zu verändern…

„Er streckte mir die Hand hin, und ich ergriff und schüttelte sie wie die Erwachsene, die ich bald sein würde. Ich war erstaunt, wie fest er meine Hand drückte, so als planten wir, gemeinsam die Welt zu erobern.
Es war der beste Händedruck, den man sich vorstellen kann.“ (S. 14)

Meine Meinung:

Dieses Buch ist ein Schatz: äußerlich wie innerlich. Fangen wir mit der Gestaltung des Buches an. Die ist nämlich so schön, dass ich sie ganz entgegen meiner sonstigen Art unbedingt hervorheben muss. Das Cover ist bezaubernd designt und auch an den kleinen Zeichnungen zu Beginn und zum Ende der einzelnen Kapitel kann man die liebevolle Arbeit des Verlags erkennen.

Viel wichtiger ist aber das Innere an sich. Vielleicht bekommt ihr ein Gespür dafür, wie toll dieses Buch geschrieben ist, wenn ich euch erzähle, dass ich beinahe in jedem Kapitel einige Sätze gefunden habe, die mir durch und durch gingen. Ich hatte bisher selten beim Lesen ein so magisches Gefühl. Der Autorin ist wirklich eine Meisterleistung gelungen, das kann man nicht anders sagen. Wie sie mit Worten umgeht, Gefühle und Stimmungen kreiert: unglaublich!

„Ich hatte noch nie gemeinsam mit jemandem geschwiegen. In unserem Haus wurde Schweigen eingesetzt wie ein Schild und ein Schwert: Wir hielten damit andere auf Abstand oder verletzten sie.“ (S. 216)

Die Geschichte, die Crystal Chan erzählt, ist ebenso traurig wie schön. Die Einsamkeit von Jewel ist von den allerersten Seiten an greifbar, genauso wie die Freude und das überwältigende Gefühl, plötzlich jemanden kennenzulernen, der einem zuhört und einen versteht. Doch auch die Freundschaft zwischen Jewel und John ist nicht immer ganz einfach und erlebt ihre Höhen und Tiefen. Für meinen Geschmack gab es hier die ein oder andere Wendung zu viel, aber das ist auch nur ein klitzekleiner Kritikpunkt.

„Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte“ ist ein wundervolles Buch für ältere Kinder, aber auch für Erwachsene. Es ist sensibel und vor allem sprachgewaltig. So sprachgewaltig, dass ich trotz ganz kleiner Kritik am eigentlich bewegenden und sehr gelungenen Inhalt sehr gerne 9 von 10 Sternen vergebe.

stern 9

Bird und ich und der Sommer, in dem ich fliegen lernte – Crystal Chan – Hardcover – 304 Seiten – 14,95 € – ISBN 978-3-7348-4703-5  – erschienen: Juli 2014 (Magellan) – Altersempfehlung: ab 11 Jahren

[Rezension] „Adios, Nirvana“ von Conrad Wesselhoeft

Adios NirvanaKlappentext:

Seit dem Tod seines Zwillingsbruders Telly kriegt Jonathan sein Leben nicht mehr auf die Reihe. Jetzt droht er auch noch in der Schule sitzen zu bleiben. Kein Wunder, wenn man sich die Nächte mit Red Bull, Gitarre spielen und dem Schreiben von Gedichten um die Ohren schlägt. Doch den Abschluss ohne ihn zu machen, kommt für Jonathans Freunde natürlich nicht in Frage. Und auch seine Lehrer geben ihm noch eine letzte Chance – eine, die es in sich hat und Jonathan das Leben bald mit ganz anderen Augen sehen lässt. (Quelle)

Meine Meinung:

„Telly war Sonnenschein. Blond und blau.

Ich bin Dunkelheit. Grautöne und sepia.“ (S. 57)

Nach dem Tod seines Zwillingsbruders ist Jonathan nicht mehr der gleiche. Er schläft kaum noch, geht so gut wie gar nicht mehr zur Schule und der Gedanke, sich von einer Brücke zu stürzen, ist ihm nicht fremd. Nebenher spielt er sich auf der Gitarre in Trance und hält seine Gedanken in Gedichten fest.

Doch dann bekommt Jonathan von seiner Schulleiterin ein Ultimatum gestellt. Er soll ein Buch schreiben, sonst muss er eine Klasse wiederholen. Und es darf nicht irgendein Buch sein, sondern er soll die Lebensgeschichte eines alten Mannes verfassen, der im Hospiz lebt. Dort wird Jonathan nicht nur mit allen seinen Ängsten und Gedanken konfrontiert, sondern erlebt überraschenderweise auch skurril-schöne Momente.

„Schreiben auf diese Art – praktisch in Trance – ist so ungefähr das geilste Gefühl aller Zeiten. […] Schreiben ist die Luft, die ich atme.“ (S. 217)

Und so wie Jonathan von Zeit zu Zeit in einen Schreibrausch gerät, so bin ich in einen Leserausch geraten, fühlte mit ihm, wurde poetisch, melancholisch und ausgelassen – alles zur gleichen Zeit.

„Adios, Nirvana“ ist ein Jugendbuch voll von den unterschiedlichsten Emotionen. Es erzählt eine Geschichte, die, so simpel sie an sich auch sein mag, doch voller Hoffnung ist. Der Leser wird mitgerissen und erlebt mit Jonathan ein Auf und Ab der Gefühle. Es ist unheimlich einnehmend. Ich glaube, ich habe mich noch immer nicht ganz aus diesem Bann befreit und vergebe wirklich begeisterte 9 von 10 Sternen.

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„Adios, Nirvana“ war 2013 für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie „Jugendjury“ nominiert.

Adios, Nirvana – Conrad Wesselhoeft – Taschenbuch – Klappbroschur – 288 Seiten – 9,99 € – ISBN: 978-3-551-31122-1 – erschienen: Februar 2012 (Carlsen)

Altersempfehlung: ab 14 Jahren

„Sieben verdammt lange Tage“ von Jonathan Tropper

Sieben verdammt lange TageInhalt:

Familientreffen können anstrengend sein, das weiß jeder. Das ist auch bei Judd und seiner Familie nicht anders – im Gegenteil. Umso entsetzter sind Judd und seine drei Geschwister, als sie von ihrer Mutter den letzten Wunsch ihres Vaters erfahren: Die Familie soll nach seinem Tod für ihn sieben Tage Schiwa sitzen. Und eines ist allen gleich klar: Das werden sieben verdammt lange Tage!

Meine Meinung:

Seit ich von der Idee dieses Buches gehört habe, wollte ich es unbedingt lesen, denn welche Situation bietet mehr Potenzial für grandiose Szenen mitten aus dem Leben als eine eigentlich trauernde Familie, die sieben Tage lang mehr oder weniger rund um die Uhr in einem Raum sitzt und Trauergäste empfangen muss.

Natürlich bringt auch jedes Familienmitglied nicht nur die alten Konflikte von früher, sondern auch jeder sein eigenes, aktuelles Problem mit ins Elternhaus: Judd hat erst vor kurzem seine Ehefrau in flagranti beim Sex mit seinem Chef erwischt, Wendy ist genervt von ihren Kindern und ihrem ewig telefonierenden, ach so wichtigem (Geschäfts-)Mann. Die Frau von Judds Bruder Paul wünscht sich hingegen seit langem Kinder, bisher ohne Erfolg. Und zu guter letzt taucht dann auch noch der jüngste Sprössling der Familie, Phillip, mit seiner neuen, um einiges älteren Freundin und ehemaligen Lebensberaterin auf.

„Wir sitzen nun seit genau einer halben Stunde Schiwa. Zum Glück klingelt es in dem Moment an der Tür, denn wer weiß, in welche Abgründe passiv-aggressiver Attacken wir uns sonst hinabbegäben. Während sich der Raum mit ernst dreinblickenden Nachbarn zu füllen beginnt, die alle gekommen sind, um uns ihr Beileid auszusprechen, wird langsam klar, dass in einem Schiwa-Haus vor allem deswegen so viele Besucher erwünscht sind, damit die Trauernden möglichst wenig Gelegenheit haben, sich gegenseitig in Stücke zu reißen.“ (S. 88)

Herrlich! Dieses Buch ist einfach nur herrlich! Ich habe es in einem kleinen türkischen Restaurant angefangen und könnte es durchaus verstehen, wenn mich die Kellner dort etwas merkwürdig fänden. Schon auf den ersten Seiten musste ich mehr als ein Mal losprusten. Ich liebe die Schreibe von Tropper! „Schnoddrig und unverblümt wie das Leben selbst“ habe ich mir als Stichpunkt notiert und das finde ich immer noch sehr passend. Ob es nun dabei um die detaillierte Beschreibung davon geht, wie Judd seine Frau beim Sex mit seinem Chef erwischt, oder z.B. um die (natürlich vergeblichen) Versuche der sich plötzlich so einigen Geschwister, die Schiwa auf drei Tage runter zu handeln.

„Sieben verdammt lange Tage“ hat mir genau das geboten, was ich erwartet habe: eine hochexplosive Mischung an Emotionen (die ich als unbeteiligte Leserin mit einer gewissen Schadenfreude ganz besonders genießen konnte), eine grandiose Erzählweise und ein extrem trockener Humor. Ich vergebe sehr gerne 9 von 10 Sternen!

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Sieben verdammt lange Tage – Jonathan Tropper – Taschenbuch – 448 Seiten – 9,99 € – ISBN-13: 978-3426637432 – erschienen: Januar 2012 (Knaur)

„Vergiss den Sommer nicht“ von Morgan Matson

Vergiss den Sommer nichtKlappentext:

Immer wenn es brenzlig wird, hat Taylor genau eine Lösung: Sie rennt weg. Doch jetzt ist es die Zeit, die ihr davonläuft. Ihr Vater hat nur noch wenige Wochen zu leben und einen Wunsch: Diesen letzten gemeinsamen Sommer soll die Familie in Lake Phoenix verbringen – so wie früher. Taylor liebt den funkelnden See mit seinen duftenden Wäldern, den Abenden am Strand … doch vor 5 Jahren, hat sie dort nicht nur ihre beste Freundin, sondern auch ihre erste Liebe enttäuscht. Nun versucht Taylor, all das wiedergutzumachen – und diesen Sommer festzuhalten, die letzten Tage mit ihrem Dad, die unwiederbringlich schwinden … (Quelle)

Meine Meinung:

„’Hast du eigentlich Angst?’ Meine Stimme war leiser als ein Flüstern. Aber daran, wie er sein Gesicht ganz leicht verzog, erkannte ich, dass er mich gehört hatte.

Er sagte nichts, sondern nickte nur. Er hob und senkte den Kopf ein einziges Mal.“ (S. 115)

Es gibt Bücher, die verdienen es, dass man viele lobende und große Worte für sie findet. Und dann gibt es Bücher, die verdienen es, dass man sie mit so wenig Worten wie möglich beschreibt, um jedem zukünftigen Leser die Chance zu lassen, dieses Buch ganz alleine und für sich zu entdecken.

„Vergiss den Sommer nicht“ ist genau so ein Buch: traurig und anrührend, aber auch wunderschön und glücklich machend. Den Rest sollte jeder selber lesen! 

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Vergiss den Sommer nicht – Morgan Matson – Taschenbuch – 480 Seiten – 7,99 € – ISBN-13: 978-3570401811 – erschienen: Mai 2013 (cbj) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren