[Rezension] „Die Perlmutterfarbe: Ein Kinderroman für fast alle“ von Anna Maria Jokl

Die PerlmutterfarbeKlappentext:

Aus dem Schulranzen von »Maulwurf«, einem der beliebtesten Schüler in der A-Klasse, verschwindet ein Töpfchen mit selbstgemischter Farbe, der Perlmutterfarbe. Die ersten Verdächtigungen werden geäußert, das Mißtrauen gegenüber der B-Klasse wächst, die Jagd nach einem Sündenbock beginnt. (Quelle)

Meine Meinung:

„Ich habe etwas Schreckliches getan. Zuerst war es nicht viel, aber aus einer Lüge sind tausend geworden.“ (S. 270)

Ich kann jetzt schon mal zu Beginn sagen: Jeder sollte dieses wirklich kluge, psychologisch feinsinnige und nebenher auch noch lustige Buch lesen.

Die Geschichte wird zunächst aus der Sicht von Alexander aus der A erzählt. Der nämlich möchte sich gerne vom B-Karli ein Buch leihen. Der B-Karli hat das Buch selber aber noch nicht gelesen und will es Alexander erst ein paar Tage später leihen. Aus einem Impuls heraus nimmt Alexander ihm das Buch weg. Zuhause schämt er sich für sein Verhalten und will das Buch am nächsten Tag zurückgeben. Doch dann passiert ein Missgeschick, das das Unglück erst so richtig ins Rollen bringt: Die Perlmutterfarbe von Maulwurf, die Alexander aus Versehen eingesteckt hat, kippt um und läuft über das Buch vom B-Karli. Alexander weiß nicht mehr, was er tun soll, und traut sich nicht die Wahrheit zu sagen. Und plötzlich steht ausgerechnet der B-Karli unter Verdacht, die Perlmutterfarbe gestohlen zu haben…

„Und jetzt verdächtigst du einfach den B-Karli? Wie soll der das denn gemacht haben? Ich hab ihn noch nie in der A gesehen. Nein, das sagst du nur, weil du dich vor dem langen Gruber groß machen willst, weil der immer von den Bs alles Schlechte sagt. Damit werden wir nicht herauskriegen, wer klaut. Denn jemand, der auf die B hetzt, wird nie die Wahrheit herauskriegen, weil er sie gar nicht wissen will.“ (S. 57)

Nur wenige sehen die Situation so wie Lotte, von der das obige Zitat stammt. Die meisten aus der A möchten gerne die Schüler aus der B als Schuldige sehen. Denn die Bs sind ja grundsätzlich weniger wert. Man merkt schon: Liest man dieses Buch etwas tiefgründiger, findet man viele Parallelen aus der Geschichte und der Gegenwart. Die Autorin beschreibt sehr gekonnt und mit viel Feingefühl die einzelnen Klassenmitglieder aus der A und der B und die Gruppenprozesse, die innerhalb der Klassen und einzelner Kleingrüppchen ablaufen. Als Leser lernt man die einzelnen Jugendlichen sehr schnell kennen und lieben.

„Die Perlmutterfarbe“ fasziniert mich, denn die Geschichte ist klug, witzig, psychologisch sehr überzeugend und voller intelligent gezeichneter Charaktere. Ich bin wirklich froh, dass eine Freundin mir dieses Buch geliehen hat und vergebe die volle Anzahl an Sternen!

stern 10
Die Perlmutterfarbe: Ein Kinderroman für fast alle – Anna Maria Jokl – Taschenbuch – 280 Seiten – 8,99 € – ISBN-13: 978-3518460399 – erschienen: Dezember 2008 (4. Auflage, Suhrkamp)

Advertisements

[Rezension] „Blutsbrüder“ von Michael Wildenhain

BlutsbrüderInhalt:

Darius und sein bester Freund Hakan sind eigentlich in einer Gruppe, die Aktionen gegen Neonazis planen und durchführen. Doch dann beschließt Hakan, selber türkischer Herkunft, dass er gegen die anderen Türken in seinem Viertel vorgehen will, weil diese seiner Meinung nach viel mehr Ärger machen, als die Deutschen.

Dieser Gedanke ist für die Antifa-Gruppe absolut neu und führt zu einigen Diskussionen. Die Freundschaft von Darius und Hakan steht vor einer Belastungsprobe.

Meine Meinung:

Als ich dieses Buch bei meinen Neuzugängen vorgestellt habe, habe ich folgendes dazu geschrieben:

„An dieses Buch habe ich sehr hohe Erwartung: Und zwar erwarte, bzw. erhoffe ich mir, dass es dem Autor gelingt, ein Buch zu schaffen, dass keinerlei Vorurteile hinsichtlich Deutschen und Ausländer bedient. In dem Buch geht es ja, wie der Klappentext sagt, um zwei Freunde, die eigentlich gegen Nazis kämpfen, dann aber erkennen, dass die Ausländer in ihrem Viertel mehr Ärger machen. Ich hoffe sehr, dass der Autor eine Verallgemeinerung in jegliche Richtung vermeidet.“

Ich muss gestehen, dass ich für das Thema Vorurteile, Stereotype, Rassismus und fremde Kulturen sehr sensibel bin. Deswegen bin ich sicherlich kein leicht zufrieden zu stellender Leser. So viel nur vorneweg.

Meiner Meinung ist es dem Autor nicht gelungen, dieses so sensible Thema richtig umzusetzen. Wie ich schon vorher schrieb, hatte ich mir gewünscht, dass nicht gängige Stereotype erfüllt werden, sondern im Gegenteil der Mensch an sich unabhängig seiner Kultur- und Nationalitätszugehörigkeit in den Blickpunkt genommen wird.

„Springerstiefel, Turnschuhe. Manche von ihnen mit Motorradmaske. Einzelne mit Schlagring, Messer, kurzem Schlagstock. Grinsen, fehlende Vorderzähne.“ (S. 15)

„Der dicke Türke, der sein Gesicht noch dichter an Darius’ Gesicht heranschiebt, riecht nach süßem, pinkfarbenem Kaugummi. ‚Isch weiß, wo dein Haus wohnt, fick disch.’“ (S. 61)

Beim Lesen entstand für mich der Eindruck, dass beinahe alle Nazis keine Vorderzähne haben, fast alle Türken zu dick sind, nicht richtig Deutsch sprechen können und grundsätzlich so ziemlich jeder Türke Frauen von oben herab behandelt.

Natürlich gibt es auch immer ein paar Ausnahmen, die vermutlich zeigen sollen, dass der Autor doch nicht in Stereotypen denkt, doch waren mir diese Ausnahmen viel zu selten und wurden auch als genau das hingestellt, als Ausnahmen von der Regel.

Aus diesem Thema hätte man sehr viel machen können. Es hätte eine Moral geben können, die darauf hinausläuft, dass man Menschen danach beurteilen sollte, was sie tun, und nicht danach, welcher Herkunft sie sind. Leider nicht gelungen. Da die Geschichte trotzdem nicht unspannend geschrieben ist, kann ich gerade noch 4 von 10 Sternen geben.

stern 4

Blutsbrüder – Michael Wildenhain – Hardcover mit Schutzumschlag – 256 Seiten – 14,95 € – ISBN-13: 978-3473352197 – erschienen: Januar 2011 (Ravensburger)