[Rezension] „Running Man“ von Michael Gerard Bauer

Running ManKlappentext:

Bis in seine Träume hinein wird Joseph vom Running Man verfolgt, der durch die Stadt läuft wie ein Getriebener. Der unheimliche Mann ist Josephs persönliche Albtraum-Figur. Noch nie hat er mit jemandem über ihn gesprochen. Doch die Bekanntschaft mit seinem menschenscheuen Nachbarn Tom verändert alles: Tom ist noch verschlossener als Joseph. Seit Jahren hat er sich von der Außenwelt zurückgezogen. Josephs Interesse begegnet er zunächst mit Abwehr. Erst als Joseph von seinen Ängsten und dem Running Man erzählt, scheint sich auch für Tom wieder eine Tür ins Leben zu öffnen. Zögerlich beginnt er, sein dunkles Geheimnis preiszugeben. Es ist nicht das Geheimnis, das Joseph erwartet hatte, aber das Gespräch darüber verändert sie beide. Auch Josephs Sicht auf den Running Man.  (Quelle)

Meine Meinung:

Ich kenne Michael Gerard Bauer vor allem durch seine Ismael-Bücher, die zwar auch ernste Hintergrundthemen thematisieren, dies aber vor allem auf eine lustige, humorvolle Art und Weise. „Running Man“ ist sein erstes Buch gewesen und hier zeigt er sich von einer ganz anderen Seite. Humor spielt in diesem Jugendbuch, das vielfach ausgezeichnet wurde, keine Rolle. Das macht aber gar nichts, denn es weiß durch ganz andere Dinge zu überzeugen.

Joseph lernt Tom kennen, weil seine Nachbarin – Toms Schwester – ihn bittet, ihren Bruder für ein Kunstprojekt zu zeichnen. Nachdem er aus einem Impuls heraus zugesagt hat, geht er voller Angst und mit einem beklemmenden Gefühl zu seinem ersten Termin, denn um Tom ranken sich die schrecklichsten Gerüchte. Am Ende des Nachmittags muss Joseph feststellen, dass seine Skizzen absolut leblos bleiben. Und so beschließt er, seinen Nachbarn besser kennenzulernen, um ihn danach auch bildlich besser fassen zu können.

„Joseph wusste, er hatte Tom Layton nicht gezeichnet. Er lag irgendwo verborgen, an einem Ort […] irgendwo hinter diesen dunkle Augen, irgendwo tief unten in seinem dichten Kokon aus Schweigen und Einsamkeit.“ (S. 87)

Nach und nach lernt Joseph, wirklich genau hinzusehen, geduldig zu sein und zuzuhören, anstatt seinen Blick durch erste Eindrücke, Gerüchte und Vorurteile trüben zu lassen.

Michael Gerard Bauer ist es gelungen, ein Buch zu schreiben, das schön, traurig, weise und vor allem WUNDERvoll zugleich ist. Mir gelingt es gerade gar nicht, die Besonderheit und Klugheit dieses Buches angemessen in Worte zu fassen, deswegen bleibt mir nur eins zu sagen: Lest es selbst!

stern 8

„Running Man“ war 2008 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Running Man – Michael Gerard Bauer – Taschenbuch – 304 Seiten – 8,95 € – ISBN 978-3-423-62407-7 – erschienen: Dezember 2013 (4. Aufl., dtv) – Altersempfehlung: ab 12 Jahren

[Rezension] „Das Orangenmädchen“ von Jostein Gaarder

IDas Orangenmädchennhalt:

„Ich riss den Umschlag auf und zog einen dicken Stapel Blätter heraus. Und fuhr heftig zusammen, denn auf dem obersten Blatt stand:

Sitzt du gut, Georg? Auf jeden Fall musst du fest sitzen, denn ich werde dir eine nervenaufreibende Geschichte erzählen…“ (S. 13)

Georg ist fünfzehn Jahre alt, als er von seinem seit elf Jahren verstorbenen Vater einen Brief bekommt, den dieser für ihn in seiner alten Babykarre versteckt hat. Um den neugierigen Blicken seiner Mutter, seinem Stiefvater und den Großeltern zu entgehen, schließt sich Georg in seinem Zimmer ein und beginnt, zu lesen. In dem Brief möchte sein Vater ihm eine wichtige Frage stellen, zunächst aber erzählt er seinem Sohn die Geschichte des Orangenmädchens…

Meine Meinung:

Während des Lesens von diesem Buch habe ich mir so viele Notizen gemacht, wie schon langte nicht mehr. Ich habe Zitate rausgeschrieben, Eindrücke notiert und Gedanken festgehalten und doch weiß ich jetzt nicht, wie und vor allem wo ich anfangen soll, denn dieses Buch ist einfach unglaublich vielschichtig.

Stellt euch zunächst die Situation von Georgs Vater vor: Er sitzt in noch gar nicht so hohem Alter zuhause vor dem Computer. Er weiß, dass er bald sterben wird und schreibt einen Brief an seinen jugendlichen Sohn, den er niemals kennenlernen wird, während sein Sohn – im tatsächlichen Alter von vier Jahren – neben ihm mit der Eisenbahn spielt.

„Ich kann mich hören, ich plappere hier ungefähr so herum, wie alte Tanten auf kleine Kinder einreden. Und das ist dumm, denn ich suche doch jetzt den großen Georg – den ich niemals gesehen habe, mit dem ich niemals richtig sprechen konnte.“ (S. 20)

Ich würde gerne all meine Gedanken zur Geschichte des Orangenmädchens aufschreiben und euch daran teilhaben lassen, aber dann würde ich euch die Möglichkeit nehmen, diese wundervolle und märchenhafte Geschichte selbst zu entdecken. Eine Geschichte, die so schön und so traurig ist, dass in ihrer ein wahrer Zauber inne wohnt:

„Als sie aufschaute und mir sozusagen zunickte, ohne auch nur die kleinste Kopfbewegung zu machen, lächelte sie frech und verschmitzt, fast als wären wir alte Bekannte oder – das sage ich jetzt ganz offen – als hätten wir vor langer, langer Zeit ein ganzes Leben zusammen gelebt, sie und ich.“ (S. 29)

„Das Orangenmädchen“ ist so vieles: eine Liebesgeschichte, von der man nur träumen kann; ein Buch über den Tod und das Wissen darum, die Liebsten bald verlassen zu müssen; die Geschichte zwischen einem Vater und seinem Sohn; ein philosophisches Buch voller Weisheit. In erster Linie aber ist „Das Orangenmädchen“ eine kleine Welt zwischen zwei Buchdeckeln, die jeder für sich entdecken sollte. Ich vergebe 10 von 10 Sternen.

stern 10

„Das Orangenmädchen“ wurde 2004 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Das Orangenmädchen – Jostein Gaarder – Taschenbuch – 192 Seiten – 8,90 € – ISBN-13: 978-3423133968 – erschienen: Oktober 2005 (dtv)

„Wunder“ von Raquel J. Palacio

WunderInhalt:

„Ich glaube, es ist so: Der einzige Grund dafür, dass ich nicht normal bin, ist der, dass mich niemand so sieht.“ (S.8)

Seit seiner Geburt ist August entstellt. So sehr, dass sich die Menschen nach ihm umdrehen, wenn sie ihn sehen. Sie reißen erschrocken ihre Augen auf und reagieren angewidert und abgestoßen.

Nun im Alter von zehn Jahren soll August das erste Mal eine Schule besuchen. Er hat zwar seine Eltern und seine große Schwester an seiner Seite, aber auch die können ihm nicht helfen, wenn sich im Unterricht niemand neben ihn setzen möchte und auf den Fluren alle vor ihm zurückweichen. Was August ganz dringend braucht, ist einfach ein Freund…

Meine Meinung:

Vor etwa einer Stunde habe ich dieses Buch zugeklappt, bin in Gedanken immer noch ganz erfüllt, aber stehe jetzt auch vor dem riesigen Problem, eine Rezension zu schreiben, die diesem grandiosen Buch annähernd gerecht wird.

Ich versuche es mal so zu sagen: Ich wusste eigentlich schon, bevor ich das Buch überhaupt aufgeschlagen hatte, dass ich mich verlieben würde. In dieses Buch. Und in August. Bei manchen Büchern weiß man dies einfach schon vorher. Und dann habe ich angefangen zu lesen und musste schon nach der ersten halben Seite ein Zitat herausschreiben. Und mit jeder weiteren Seite, die ich las, hat sich die Autorin mehr und mehr in mein Herz geschrieben.

Der Großteil der Geschichte wird von August selber erzählt. Ihn zu mögen ist ganz leicht, denn August ist witzig, klug und herrlich selbstironisch. Das mag ich an Charakteren.

Ich war ein bisschen überrascht, dass nach etwa hundert Seiten ein Teil der Geschichte plötzlich von Via erzählt wird; und auch andere (Neben-)Charaktere kommen zu Wort. Da Frau Palacio es aber schafft, auch allen Randfiguren Leben einzuhauchen und sie facettenreich zu gestalten, war es für mich immer schön, auch die Sichtweise der Leute aus Augusts Umfeld zu erfahren. (So hatte ich zum Beispiel mehr als ein Mal das Bedürfnis Augusts Schulleiter Mr. Pomann liebevoll zu drücken, weil er einfach so toll ist.)

Als eine Freundin sah, dass ich „Wunder“ las, schrieb sie mir, ich solle Taschentücher bereit halten. Und ab dem Zeitpunkt wurde das Buch tatsächlich noch mal etwas schöner, trauriger und berührender, so dass ich doch mehr als ein Mal ein paar Tränen zurückhalten musste. Dabei verliert die Geschichte aber nie ihre lustige und leichte Seite, so dass ich beim Lesen auch immer wieder kichern, schmunzeln oder laut lachen musste.

Eigentlich bin ich kein Fan von Wortspielen im Fazit, aber hier kann ich einfach nicht anders: Dieses Buch ist WUNDERbar, WUNDERvoll und WUNDERschön! Ich vergebe natürlich die volle Punktzahl und hoffe, dass „Wunder“ noch ganz viele Leser erfreuen, unterhalten und berühren wird.

stern 10

Wunder – Raquel J. Palacio – Hardcover mit SU – 384 Seiten – 16,99 € – ISBN-13: 978-3446241756 – erschienen: Januar 2013 (Hanser) – Altersempfehlung: ab 11 Jahren und für Erwachsene

„Der Froschflüsterer“ von Carla Gunn

Der FroschflüstererKlappentext:

Irgendwo in Kanada: Der neunjährige Phin hat es nicht leicht. Die Scheidung seiner Eltern läuft auf Hochtouren, der Vater reist pausenlos durchs ferne Europa, Klassenrowdy Lyle hat ihn schwer auf dem Kieker, und als ob das nicht schon genug wäre, nervt ihn auch noch Psychologe Dr. Barrett, zu dem ihn seine besorgte Mutter geschickt hat, da sie seine größte Leidenschaft, den Schutz von Tier und Natur, für zu extrem hält. Phins Traum ist ein Planet, auf dem Menschen und Tiere friedlich zusammenleben – und dafür tut Phin alles, was in seiner Macht steht, wirklich alles … (Quelle)

Meine Meinung:

Ich bin durch eine Freundin auf dieses Buch aufmerksam geworden. Während sie es gelesen hat, hat sie eine Vielzahl an Zitaten gepostet. Mir war sofort klar, dass ich dieses Buch auch lesen muss.

Die Geschichte wird von Phin selber erzählt und Carla Gunn gelingt es sehr überzeugend, die Erzählung auch wirklich so klingen zu lassen, als käme sie von einem neunjährigen Jungen. Phin ist allerdings auch kein normaler Junge. Er denkt viel über alles Mögliche nach, nimmt nichts als gegeben hin und würde alles dafür tun, die Welt und ihr Bewohner zu retten.

„Meine Mutter sagte, dass Leute eben manchmal Fehler machen, auch Lehrer, und dass es in dem Fall nicht klug sei, sie darauf aufmerksam zu machen. Manchmal sei es besser, einfach still zu sein und sich insgeheim zu denken, dass man recht hat, statt es laut kundzutun. Darüber muss ich noch nachdenken. Wollen es die Leute nicht wissen, wenn sie sich irren?“ (S. 15)

Dabei geht er manchmal in den Augen seiner Mutter etwas zu weit und macht sich so sehr Sorgen um die Natur, dass er nachts nicht einschlafen kann. Seine Mutter greift darauf hin zu drastischen Maßnahmen und schickt ihn letztendlich sogar zum Psychologen. Und so hat Phin nicht nur in der Schule Probleme – zum Glück hat er dort auch einen besten Freund – und vermisst seinen Vater, sondern hat auch noch Streit mit seiner Mutter.

Insgesamt passiert in diesem Buch nicht viel, weswegen es mir auch ziemlich schwer fällt, es anständig zu rezensieren. Denn obwohl ein Buch mit wenig Handlung nicht so verlockend klingt, hat „Der Froschflüsterer“ einfach seinen Charme. Es besticht durch liebenswerte Charaktere, einer tollen Sprache und ganz viel Weisheit! 7 von 10 Sternen.

stern 7

Hier geht es zu einer Leseprobe des Buches. Vielleicht begeistert euch der Schreibstil ja auch sofort.

Der Froschflüsterer – Carla Gunn – Taschenbuch – 288 Seiten – 8,99 € – ISBN: 978-3-442-74115-1 – erschienen: Februar 2012 (btb)

„Tschick“ von Wolfgang Herrndorf

TschickKlappentext:

Mutter in der Entzugsklinik, Vater mit Assistentin auf Geschäftsreise: Maik Klingenberg wird die großen Ferien allein am Pool der elterlichen Villa verbringen. Doch dann kreuzt Tschick auf. Tschick, eigentlich Andrej Tschichatschow, kommt aus einem der Asi-Hochhäuser in Hellersdorf, hat es von der Förderschule irgendwie bis aufs Gymnasium geschafft und wirkt doch nicht gerade wie das Musterbeispiel der Integration. Außerdem hat er einen geklauten Wagen zur Hand. Und damit beginnt eine Reise ohne Karte und Kompass durch die sommerglühende deutsche Provinz.

Meine Meinung:

Nachdem „Tschick“ 2011 den Deutschen Jugendliteraturpreis im Bereich Jugendbuch gewonnen hat, wollte ich es unbedingt selber lesen. Hat das Buch den Preis zu Recht gewonnen?

Die Geschichte um den Ich-Erzähler Maik und Tschick beginnt erstmal ganz normal, nämlich in der Schule. Tschick wird als neuer Schüler der Klasse vorgestellt. Und ab dann ist nichts mehr normal: Tschick lässt sich nicht von den Lehrern einschüchtern, erscheint ab und an betrunken in der Schule und schreibt in Mathe abwechselnd Zweien und Fünfen.

Maik hingegen fällt gar nicht besonders auf, er scheint der Typ Junge zu sein, durch den alle hindurch sehen. Als sich Maik die Chance auf einen Roadtrip bietet, stimmt er nach einigem Zögern zu und die Reise der beiden beginnt.

Maik und Tschick sind absolut gelungene Charaktere. Sie haben Ecken und Kanten, entsprechen nicht der geläufigen Vorstellung von Superhelden, sondern sind einfach ganz normale Jungen. Man kann mit ihnen lachen, mit ihnen zittern und bangen, aber auch mit ihnen weinen. (Ich habe übrigens vor allem gelacht. Der Humor des Autors ist großartig.)

Herrndorf lässt die beiden in einem rasanten Roadtrip so einiges erleben, vor allem aber begegnen sie den verschiedensten Menschen:

„Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. […] Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.“ (S. 209)

Neben einem grandiosen Humor und einer Sprache, die den Jugendlichen nahe ist, ohne sie bewusst zu kopieren, wartet „Tschick“ für mich nämlich vor allem mit einem auf – mit Weisheit.

„Tschick“ beschreibt einen Roadtrip, der viel bewegt – nicht nur bei Maik und Tschick, sondern auch beim Leser selber. Er vermittelt die ganze Bandbreite an Gefühlen, wie das reale Leben auch. Ich vergebe 8 von 10 Sternen und sage: Ja, dieses Buch hat den Deutschen Jugendliteraturpreis zu Recht gewonnen!

stern 8

Tschick – Wolfgang Herrndorf – Taschenbuch – 256 Seiten – 8,99 € – ISBN-13: 978-3499256356 – erschienen: März 2012 (Rowohlt)

„Ismael und der Auftritt der Seekühe“ von Michael Gerard Bauer

Ismael 2Reiheninfo:

  1. “Nennt mich nicht Ismael!”
  2. “Ismael und der Auftritt der Seekühe”
  3. “Ismael: Bereit sein ist alles”

Achtung: Diese Rezension kann Spoiler zum ersten Teil enthalten!

Klappentext:

SOS – Ismael ist total verknallt, aber viel zu schüchtern, um die bezaubernde Kelly anzusprechen. Razza, Ismaels tollkühner Freund aus dem Debattierclub, verfolgt deshalb nur ein Ziel: Er will die beiden verkuppeln. Schließlich hat Kelly Ismael zur Geburtstagsparty ihrer Freundin eingeladen. Das hat was zu bedeuten! Doch die Party endet in einem Desaster, und Ismaels Selbstwertgefühl sinkt auf einen Tiefstand. Nur Razza weiß Rat: Gedichte und Musik haben sich noch immer als Wundermittel zur Rettung der ersten Liebe erwiesen…

Meine Meinung:

Den ersten Teil der Ismael-Reihe – „Nennt mich nicht Ismael!“ – habe ich vor etwa 4 Monaten gelesen. Als ich dann erfahren habe, dass es noch zwei Folgebände gibt, bzw. geben wird, war ich hin und her gerissen. Einerseits wollte ich sofort das nächste Buch dieses wirklich grandiosen Autors lesen. Andererseits hatte ich ein bisschen Angst, dass der Charme des ersten Bandes durch eine Fortsetzung verloren geht.

Nach dem Lesen des zweiten Buches kann ich ganz klar sagen: Meine Sorge war absolut unbegründet. Schon nach den ersten Seiten gab es ein herzliches Wiedersehen mit all den liebevoll ausgearbeiteten Charakteren der Geschichte:

Zum einen ist da natürlich Ismael, der – wie wir ja wissen – vom Ismael-Leseur-Syndrom betroffen ist, was dafür sorgt, dass er zum Beispiel in Gegenwart hübscher Mädchen kein einziges sinnvolles Wort über die Lippen bekommt.

Razza, der sich zum Ende des ersten Teils in mein Herz geschlichen hat, ist einfach Razza oder der Razzman: fröhlich, (fast) immer gut gelaunt, der pure Optimist und natürlich der selbsternannte Frauenversteher.

Mein heimlicher Held der Bücher ist Ignatius Prindable, das Mathegenie und Fan von der Zahl Pi.

„’Jaaaa, klaaar’, meinte Razza nicht sehr überzeugend. ‚Aber…. Damit ich das richtig verstehe. Du bist in einem Club… der sich mit einer Zahl beschäftigt?’

‚Genau’, sagte Ignatius beiläufig.

Razzas Kopf begann hin und her zu wackeln, dann breitete er die Arme aus, und sein Gesicht wurde ganz faltig vor Verwirrung. ‚Aber… warum?’

‚Es handelt sich ja nicht um irgendeine Zahl’, erklärte Ignatius. ‚[…] Und weißt du was, ich habe erst kürzlich entdeckt, dass man im Internet ein Poster bestellen kann, auf dem die ersten Million Dezimalstellen abgedruckt ist. Meine Eltern kaufen es mir zu Weihnachten.’

Ich glaube nicht, dass Razza erstaunter ausgesehen hätte, wenn Ignatius gebeichtet hätte, dass er seine Großmutter verspeist hat.“ (S. 131)

Und neben anderen altbekannten Charakteren wie z.B. Ms. Tarango oder Scobie lernen wir noch einige neue Personen kennen, die genauso wunderbar gezeichnet sind wie alle anderen auch.

Natürlich spielt der Humor in Bauers Büchern eine große Rolle. Insbesondere in der Mitte des Buches habe ich so viel gelacht wie schon lange nicht mehr… wahrscheinlich so lange, wie es her ist, dass ich „Nennt mich nicht Ismael!“ gelesen habe.

Zu dem tollen Humor kommt aber immer auch ein kleines Fünkchen Ernsthaftigkeit und Wahrheit in den Büchern vor. Für den Leser mit einem Augenzwinkern präsentiert, so dass er sich darauf einlassen kann, wenn er möchte.

„Ismael und der Auftritt der Seekühe“ ist also wieder ein herzerwärmendes Buch! Was es mit den Seekühen auf sich hat, lest ihr am besten selber, denn mit 9 von 10 Sternen bekommt dieses Buch eine echte Leseempfehlung.

stern 9

Ismael und der Auftritt der Seekühe – Michael Gerard Bauer – Taschenbuch – 320 Seiten – 7,95 € – ISBN-13: 978-3423624695 – erschienen: März 20

[Rezension] „Der Schmetterlingssammler“ von Joel Haahtela

Der SchmetterlingssammlerInhalt:

Als dem Ich-Erzähler eröffnet wird, dass er von einem Mann namens Henri Ruzicka ein Haus geerbt hat, kann er mit diesem Namen nichts anfangen. Um eine mögliche Verbindung zwischen ihm und dem Verstorbenen zu finden, sucht er im Haus von Henri nach Hinweisen. Doch neben ein paar Briefen und einer Postkarte mit seinem eigenen Namen darauf, findet er vor allem eine überwältigende Schmetterlingssammlung.

Doch er gibt nicht auf und versucht, mehr aus dem Leben des unbekannten Henri Ruzicka zu erfahren. Auf der Suche nach der geheimnisvollen Verbindung befindet er sich gleichzeitig auf der Suche nach sich selbst.

Meine Meinung:

Lange Zeit liegt dieses Buch, das ich irgendwann einmal von einem Mängelexemplartisch gerettet habe, schon auf meinem SUB. Vor einiger Zeit habe ich schon mal begonnen es zu lesen und es dann doch wieder ins Regal gestellt.

Denn für dieses Buch muss man in der richtigen Stimmung sein. Das Buch ist sehr sanft, die Geschichte darin zart und besteht mehr aus Erinnerungen als auch tatsächlicher Handlung. Während seinen Bemühungen, Henri Ruzicka etwas näher zu kommen, trifft der Ich-Erzähler auf Anna, deren Namen er von Briefen aus Henris Haus kennt. Annas Geschichte gestaltet einen wunderschönen Teil des Buches, der vor Weisheit nur so strotzt. Ich habe deswegen insbesondere die Mitte des Buches unheimlich gern gelesen. Mehrere Male sogar habe ich meiner Mutter Zitate aus dem Buch vorgelesen, denn sie bergen so viel Wahres oder einfach auch nur kleine Anekdoten, die mich zum Schmunzeln gebracht haben.

Zum Schluss hin möchte man auch als Leser unbedingt wissen, ob es eine Verbindung zwischen den beiden Männern gibt und welcher Art diese sein kann.

Das tatsächliche Ende der Geschichte kam für mich zwar sehr überraschend, hat mich allerdings dennoch überzeugt.

Ich denke, dass dieses Buch nicht für jeden Lesegeschmack geeignet ist. Man darf keine zu großartige Handlung erwarten. Doch wer in der richtigen Stimmung für dieses Buch ist, bekommt eine zarte Atmosphäre, viel Weisheit und eine bemerkenswerte Lebensgeschichte geboten. Ich vergebe gute 6 von 10 Sternen.

stern 6

Der Schmetterlingssammler – Joel Haahtela – Taschenbuch – 176 Seiten – 7,95 € – ISBN-13: 978-3492253901 – erschienen: März 2009 (Piper)

[Rezension] „Das Labyrinth der Wörter“ von Marie-Sabine Roger

Das Labyrinth der WörterKlappentext:

Mit Mitte 40 und ohne festen Job haust Germain in einem alten Wohnwagen, schnitzt Holzfiguren, baut Gemüse an und trifft sich ab und zu mit Annette – ob es Liebe ist, kann er jedoch nicht sagen, denn die hat er im Leben noch nie erfahren. Bis er eines Tages im Park die zierliche Margueritte kennen lernt, die dort, genau wie er, die Tauben zählt. Obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten, sind die beiden bald ein Herz und eine Seele. Die lebenskluge alte Dame ist zudem eine passionierte Leserin, und als sie dem ungeschliffenen Hünen vorzulesen beginnt, eröffnet sich Germain eine völlig neue Welt. (Quelle)

Meine Meinung:

Was für eine wirklich wundervolle Geschichte. Dieses Buch ist so schön, dass ich es einfach jedem empfehlen möchte.

Schon direkt zu Anfang ist dem Leser klar, worauf die Geschichte hinausläuft: nämlich auf die außergewöhnliche Freundschaft zwischen dem eher ungehobelten Germain und der feinen alten Dame Margueritte.

„Ich habe beschlossen Margueritte zu adoptieren. Sie feiert bald ihren sechsundachtzigsten Geburtstag, da sollte man nicht zu lange warten. Alte Leute sterben gerne.

Und wenn ihr dann was passiert – was weiß ich, dass sie auf der Straße hinfällt oder dass man ihr die Handtasche klaut -, werde ich da sein. Ich werde sofort losrennen, die Leute zur Seite schieben und sagen: „Okay! Schon gut, ihr könnt euch verziehen! Ich kümmere mich darum: Das ist meine Großmutter.“ (erste Sätze, S. 5)

Aus diesem Grund liegt das Augenmerk beim Lesen weniger auf einen bestimmten Handlungshöhepunkt gerichtet. Und das ist auch gut so, denn so hat der Leser die Möglichkeit, sich auf die Schönheit der Sprache dieses Buches und der Poesie dahinter zu konzentrieren.

Die beiden Hauptpersonen sind so liebeswürdig gezeichnet und stecken so voller Leben, Gedanken und Weisheit, das ich sie von der ersten Seite an ins Herz geschlossen habe. Doch ist das Buch nicht nur absolut anrührend und bewegend, es steckt auf voller Humor, der mich oft zum Schmunzeln, einige Male auch zum lauten Lachen gebracht hat.

Insbesondere die Naivität Germains gepaart mit seinem liebenswürdigen Charakter bietet das Potential für einige nette Anekdoten, die aber niemals herabwürdigend wirken.

Ich kann nur jedem raten, dieses kleine, feine Büchlein zu lesen. Es beschert dem Leser wunderschöne, lockerleichte Lesestunden. Dass es sich in diesem Buch auch noch um die Faszination von Wörter und Geschichten handelt, war für mich das glorreiche Tüpfelchen auf dem I. Volle Punktzahl!

stern 10

Das Labyrinth der Wörter – Marie-Sabine Roger – Taschenbuch – 224 Seiten – 8,95 € – ISBN-13: 978-3423212847 – erschienen: April 2011 (DTV)

[Rezension] „Zwei alte Frauen“ von Velma Wallis

Zwei alte FrauenInhalt:

Es ist ein harter Winter als das Volk der Gwich’in – ein Nomadenstamm in Alaska – beschließt, die beiden ältesten Frauen in ihrer Gemeinschaft zurückzulassen, um Nahrung und Energie zu sparen. Schon lange hatte man nicht mehr zu dieser Maßnahme greifen müssen, doch nun war es wieder soweit: die 75jährige Sa‘ und die 80jährige Ch’idzigyaak bleiben allein zurück.

Nach anfänglicher Verzweiflung besinnen sich die beiden Frauen auf ihre Kräfte und ihr Können und stellen fest, dass sie doch noch jünger sind als sie es lange Zeit dachten. Die beiden schaffen das unmögliche: Sie gewinnen neuen Mut und versuchen zu überleben. Ihr Plan:

„Ich glaube, wir haben es schon einmal gesagt, und wir werden es sicher noch viele Male sagen, und dennoch, ja, laß uns handelnd sterben“ (S. 41)

Meine Meinung:

Schon viel hatte ich von dieser Geschichte der zwei tapferen alten Frauen gehört, dementsprechend groß war meine Freude, als ich das Buch zwischen vielen anderen Büchern, die einfach so zum Mitnehmen bei meiner Arbeit angeboten wurden, entdeckte. Ich war etwas überrascht, wie dünn das Buch doch ist: nur ca. 140 Seiten, mit einigen Bildern.

Das Vorwort steigerte meine Vorfreude auf die Geschichte nur noch mehr, denn ich wusste bis dato nicht, dass die Autorin selber eine Nachkommin eines Nomadenstammes ist und die Legende um die zwei alten Frauen aus vielen Erzählungen ihrer Mutter kennt.

Beim Lesen musste ich dann leider feststellen, dass die Art der Autorin zu schreiben, mich absolut nicht mitreißen kann. Ich hatte erwartet, eine emotional packende Geschichte, voller Gefühle und Weisheiten zu lesen. Stattdessen wirkt das Buch auf mich wie ein sehr distanzierter Bericht. Einzig und allein das letzte Kapitel konnte mich ein wenig fesseln und bewirken, dass ich mit den Charakteren mitgefühlt habe. Was im Klappentext als „sparsame epische Mittel“ beschrieben wird, hat mich einfach nicht in den Bann gezogen.

Schade, denn die Geschichte an sich birgt schon einiges an Weisheit, die mit der schönen Phrase „Man wächst an seinen Aufgaben!“ umschrieben werden können. Aber auch das Thema Vergebung spielt in dem Buch eine große Rolle.

Insgesamt kann ich dieser Geschichte leider nur 5 von 10 Sternen geben, da ich mich einfach nicht genügend angesprochen und berührt gefühlt habe.

stern 5