[Buchgeflüster hoch zwei] Deutscher Jugendliteraturpreis 2014

Buchgeflüster hoch zwei Banner EndversionZum ersten Mal findet heute das Buchgeflüster2 statt, das von mir und Nanni gemeinsam ins Leben gerufen wurde. Die Buchmesse steht kurz vor der Tür, am Freitag wird dort der Deutsche Jugendliteraturpreis vergeben, mit dem wir uns in diesem Buchgeflüster näher beschäftigen wollen. Der Deutsche Jugendliteraturpreis wird insgesamt in fünf Sparten vergeben, dazu gibt es noch einen Sonderpreis. Wir haben uns in diesem Jahr mit den Büchern auseinander gesetzt, die in der Sparte „Jugendbuch“ und „Jugendjury“ im nominiert wurden. Der Preis der letzteren Sparte wird im Unterschied zu den anderen Sparten nicht von Erwachsenen, sondern von jugendlichen Lesern vergeben. Ausführliche Infos zum Preis und zur Jury findet man auf der Seite des DJLP.

Tine: Ich würde sagen, wir beginnen mal mit den nominierten Büchern aus der Sparte „Jugendbuch“. Welche davon hast du denn gelesen und wie war dein Eindruck dazu?

Nominierungen in der Sparte "Jugendbuch"

Nominierungen in der Sparte „Jugendbuch“

Nanni: Ich habe „Die Sprache des Wassers“, „12 Things To Do Before You Crash and Burn“ und „Wie ein unsichtbares Band“ gelesen.
Ich finde, dass alle drei Bücher zu Recht auf der Liste stehen. Inhaltlich wie sprachlich unterschieden sie sich sehr stark voneinander. Eine Gemeinsamkeit aller drei Bücher ist die erste Liebe. Herc, der Held aus „12 Things To Do Before You Crash and Burn“, verliebt sich – wie es für ihn typisch ist – relativ kurz entschlossen und plötzlich. Marito und Alma, die Protagonisten aus „Wie ein unsichtbares Band“ kennen sich schon von Kind an. Ihre Liebe ist ein Entwicklungsprozess, der jedoch von Eifersucht belastet ist, denn eigentlich waren sie als Kinder immer zu dritt. Kasienka aus „Die Sprache des Wassers“ ist ein sympathisches junges Mädchen, das in der Schule zum ersten Mal einen Jungen toll findet. Sicher eine Liebe, mit der sich viele Gleichaltrige identifizieren können.

Nanni: Welche hast du gelesen und wie haben sie dir gefallen?

Tine: In der Kategorie habe ich nur zwei Bücher gelesen: „Über ein Mädchen“ von Joanne Horniman und „Tigermilch“ von Stefanie de Valesco. Sprachlich gesehen sind beide sehr einnehmend, aber auch grundverschieden. „Tigermilch“ ist sehr viel anspruchsvoller und meiner Meinung nach nicht nur aus diesem Grund eher für ältere Jugendliche gedacht. Es ist ein hartes, schonungsloses Buch, das mir zwar auch gut gefallen hat, stellenweise aber zu extrem war. Die Probleme der beiden Freundinnen Nini und Jameelah häufen sich für mein Dafürhalten etwas zu sehr, so dass die Handlung an ihrer Glaubwürdigkeit verliert.
Über ein Mädchen“ hat mich sehr berührt, denn es beschreibt unheimlich direkt und ehrlich die Liebe von Anna zu ihrer Freundin Flynn mit all ihren Facetten: vom ersten Kennenlernen über das erste richtige Date bis hin zum Liebeskummer.

Tine: Kannst du beschreiben, was für dich jeweils das Besondere an den drei Büchern war? Wenn eines der drei den Preis gewinnen würde, was wäre dann deine Begründung?

Nanni: Das „Besondere“, das „gewisse Etwas“ ist bei jedem Buch unterschiedlich. „12 Things To Do Before You Crash and Burn“ hat mich total gut unterhalten. Es ist ziemlich dünn und ich habe es in einem Rutsch durchgelesen. Immer wieder hat mich Herc zum Schmunzeln gebracht mit seinen – teils verrückten – Ideen, seine Ferienaufgaben abzuarbeiten. Er erlebt den Sommer seines Lebens, macht einen großen Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden, was der Autor in kurzen Kapiteln knackig auf den Punkt bringt. Herc ist das, was den Roman ausmacht.
„Wie ein unsichtbares Band“ ist ein sehr bewegendes Buch. Es spielt während des Militärputsches in Argentinien und hat daher einen politischen Hintergrund. Bei diesem Buch habe ich am Ende echt geweint, weil es mich so berührt hat, wofür nicht nur die Geschichte, sondern auch die wundervolle Schreibe der Autorin verantwortlich ist. „Poetisch und kraftvoll“, so beschreibe ich es in meiner Rezi, erzählt sie von Jugendlichen, die der Willkür der Diktatur ausgesetzt sind, die keine festgelegten Rechte haben, die sie schützen. Trotzdem bieten ihnen ihre Familien die Möglichkeit eine tolle Kindheit zu erleben. Dieser Roman ist wirklich beeindruckend und mein persönlicher Favorit.
Allerdings spricht er – ganz realistisch gesehen – sicher weniger Leser an als „Die Sprache des Wassers“. Ebenfalls ein sehr rührender Roman, der ans Herz geht, traurig, aber auch glücklich macht. Protagonistin Kasienka zieht mit ihrer Mutter von Polen nach England, weil der Vater die Familie verlassen hat und dorthin abgehauen ist. Nun hat Kasienka zuhause eine traurige Mama und in der Schule ist sie eine Außenseiterin. Thema Trennung, Migration und Mobbing werden hier hervorragend verflochten. Autorin Sarah Crossan benutzt dazu eine wunderschöne Sprache, die der Verlag ganz toll in Form gebracht hat. Ich habe mir dort etliche Zitate markiert, die ich mir unbedingt aufbewahren möchte. Ihr würde ich den Sieg auch sehr gönnen, denn es ist ein Roman, der sich mit alltäglichen Problemen beschäftigt und vielleicht sogar einige Mädchen ermutigen kann.

Nanni: Was sollte ein Buch, das auf der Liste des DJLP landet unbedingt ausmachen? Was wäre für dich ein Kritikpunkt ein Buch zu nominieren?

Tine: Meiner Meinung nach sollte ein Buch, das auf dieser Liste landet vor allem eines: Spaß am Lesen erwecken. Wir Erwachsenen neigen oft dazu, Jugendbücher gut zu finden, die eine besondere Lehre aufweisen, auch wenn sie vielleicht nicht explizit so genannt wird. Viel wichtiger ist es doch eigentlich, dass Jugendliche durch Bücher erfahren, wie schön es ist, in fremde Welten abzutauchen, mit geliebten Protagonisten mitzuleiden und am Ende erleichtert aufzuatmen. Ich glaube, dass dann die Idee, sich auch literarisch mit schwierigen Themen, wie sie beispielsweise in „Tigermilch“ behandelt werden, auseinander zu setzen, ganz von alleine kommt. Ein gelungenes Beispiel für so ein Buch ist meiner Meinung nach „Erebos“, das 2011 den DJLP in der Sparte „Jugendjury“ gewonnen hat.
Grundsätzlich kann man sich ja über Geschmack streiten, so dass ich wenig Einschränkungen machen möchte, welche Bücher es verdienen auf die Liste zu kommen und welche nicht. Es gibt sicherlich viele ganz unterschiedliche Gründe, die für das eine oder das andere Buch sprechen. Ich persönlich würde aber sehr aufmerksam und vorsichtig sein, wenn es um gewaltverherrlichende oder diskriminierende Bücher geht. Selbstverständlich kann man als aufmerksamer Leser, der Dinge und Situationen hinterfragt, auch aus solcher Literatur etwas mitnehmen, aber nicht jeder jugendliche Leser ist emotional schon soweit und nicht jeder junge Leser hat zuhause jemanden, mit dem er über gelesene Themen sprechen und sie dadurch verarbeiten kann.

Tine: Bei welchem der von dir gelesenen Bücher hattest du den größten Redebedarf?

Nanni: Den hatte ich bei „Wie ein unsichtbares Band“. Ich habe mich sowohl mit der Pressemitarbeiterin, als auch mit der Bloggerin Damaris von Damaris liest ausgiebig darüber ausgetauscht. Ich denke der Roman soll zum Reden anregen. Tot geschwiegen wird zu diesem Thema schon genug.

Nanni: Kommen wir zu den Nominierungen der Jugendjury. Du hast dich mit all den nominierten Büchern auseinandergesetzt. Kannst du uns einen kurzen Einblick verschaffen?

Nominierungen in der Sparte "Jugendjury"

Nominierungen in der Sparte „Jugendjury“

Von den nominierten Büchern habe ich fünf ganz gelesen. Bei „Alles – Was zählt“ von Janne Teller habe ich nur in die Leseprobe rein geblättert, da mir „Nichts – Was im Leben wichtig ist“ von ihr damals nicht so gut gefiel.
Die unglaublichen Abenteuer des Barnaby Brocket“ ist ein unterhaltsames Buch über das Anderssein. Mir hat hier die Art und Weise, wie das thematisiert wurde, besonders gut gefallen: Barnaby hat nämlich nicht eine andere Hautfarbe, Religion oder sexuelle Gesinnung, sondern unterscheidet sich von anderen dadurch, dass er dauerhaft schwebt. Allerdings würde ich das Buch eher als Kinder- und nicht als Jugendbuch sehen.
Wunder“ habe ich schon im letzten Jahr gelesen und als Herzensbuch von mir bereits einmal verschenkt. Auch hier geht es um das Thema anders sein, allerdings hat es mich sehr viel mehr berührt. Wie gesagt: ein Herzensbuch von mir.
2084 – Noras Welt“ hat mich enttäuscht. Es hat zwar eine wichtige inhaltliche Grundaussage, aber mehr auch nicht. Nur mit der – definitiv wichtigen – Warnung, dass man Verantwortung für unseren Planeten trägt, kann man eben kein Buch füllen.
„Die Nacht gehört dem Drachen“ hat mich etwas zwiespältig zurückgelassen. Mir hat richtig gut gefallen, wie sensibel hier mit dem Thema Missbrauch umgegangen wurde. Andere Szenen konnten mich dann aber gar nicht berühren, so dass ich dazu geneigt war, sie zu überblättern.
Den Abschluss der Nominiertenliste bildet die erste Graphic Novel, die ich jemals gelesen habe: „Wie ein leeres Blatt“. Die Geschichte zu lesen und von den Zeichnungen noch ein Mal ganz andere Eindrücke zu bekommen, war ein besonderes Erlebnis, ich weiß aber nicht, ob ich dafür nicht eher einen separaten Preis verleihen würde.

Tine: Wenn du meine Eindrücke jetzt liest: Welches der Bücher könnte ein Favorit der Jugendjury sein und warum?

Nanni: Mmmh, schwer zu sagen. Ich bin ja ein großer Fan von John Boyne, habe das Buch ebenfalls (bisher noch ungelesen) im Regal und weiß, dass er tolle, berührende Geschichten schreiben kann. „Wunder“ hast du mir auch schon so oft empfohlen, dass ich es in meinem Kopf bereits als tolles Buch gespeichert. Aber auch der Inhalt klingt sehr ansprechend. Dass ein Buch zum Thema Missbrauch nominiert ist, finde ich auch sehr spannend. An meiner Arbeit habe ich leider vermehrt mit dem Thema zu tun und finde es wichtig, dass Kinder und Jugendliche aufgeklärt werden, wissen, dass sie keine Schuld tragen und damit nicht allein sind. Für mich ist aber nicht nur das Thema des Buches, das den Preis bekommen sollte, wichtig, sondern auch die Sprache, die Art des Autors zu schreiben. Dafür müsste ich dann wohl doch selbst rein lesen.

Nanni: Wenn du die Bücher nun so betrachtest und dich ein bisschen zurückerinnerst, hättest du als Jugendliche eine ähnliche Meinung?

Tine: Puh, das kann ich ganz schwer sagen. Ich habe als Kind eigentlich gar keine typischen Jugendbücher gelesen. Anfangs viele Kinderbücher oder eben Bücher für sehr junge Jugendliche (vieles von Enid Blyton, „Die drei ???“ usw. – das typische eben) und dann ging es fast nahtlos über zu Erwachsenenbüchern. Gab es zu unserer Zeit überhaupt schon so explizit die Sparte des Jugendbuches? Ich vermute, ich hätte damals „12 Things To Do Before You Crash and Burn“ am besten gefunden, eben weil es so unterhaltsam und witzig ist, und, wenn ich es richtig verstanden habe, kaum schwierige Themen behandelt.

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[Kurzer Leseeindruck] „Wie ein leeres Blatt“ von Boulet & Pénélope Bagieu

Wie ein leeres BlattKlappentext:

Die junge Pariserin Eloise kommt eines Abends auf einer Bank zu sich und weiß nicht mehr, wer sie ist. Langsam erforscht sie ihr eigenes, leider viel zu banales Leben, in dem sie sich weder als Geheimagentin noch als Klon ihrer Selbst oder als Verbrecherin entpuppt. Ohne je herauszufinden, was ihr zugestoßen ist, ergreift sie die Chance und betrachtet ihr Leben noch einmal neu – wie ein leeres Blatt. (Quelle)

Mein Eindruck:

Dieses Buch habe ich mir bestellt, weil es für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2014 nominiert ist. Als ich es im Buchladen abgeholt habe, habe ich erstaunt festgestellt, dass es sich um eine Graphic Novel handelt, also um einen Roman, der im Comicstil illustriert ist. Ich war ganz gespannt, denn dies war meine erste Graphic Novel.

Die Geschichte an sich auf der einen Seite kurz erzählt: Eloise findet sich eines Abends auf einer Bank wieder und weiß nichts mehr über ihre Identität. Im Laufe der Geschichte, versucht sie also mehr über sich selbst und ihre Vergangenheit herauszufinden. Auf der anderen Seite untermalen die Illustrationen von Pénélope Bagieu die Geschichte so wunderbar und vermitteln ganz viel Atmosphärische und Gefühle. Da hat mir ziemlich gut gefallen, auch wenn ich mir mehr Handlung gewünscht hätte.

„Wie ein leeres Blatt“ hat mich überrascht: nicht nur damit, dass es eine Graphic Novel ist, sondern vor allem auch durch das besondere Ende, das mich erst irritiert, dann aber begeistert hat. Der Comicstil birgt in meinen Augen sowohl Vor- als auch Nachteile: Durch die wunderschönen Zeichnungen wird die Stimmung der Geschichte auf eine tolle Weise transportiert, allerdings ist die Geschichte rein inhaltlich dadurch nicht so umfassend, wie ich es mir gewünscht hätte.

stern 7

„Wie ein leeres Blatt“ war 2014 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Wie ein leeres Blatt – Boulet & Pénélope Bagieu – Flexocover mit Gummiband – 208 Seiten – 17,90 € – ISBN: 978-3-551-75109-6 – erschienen: März 2013 (Carlsen) – Altersempfehlung: ab 14 Jahren